Bau auf, bau auf ...

von Matthias Schmidt

Halle, 26. September 2008. Ob der Trompeter klein war, konnte man nicht sehen. Was er zur Einstimmung auf Alfred Matusches "Kap der Unruhe" spielte, hatte Signalcharakter: "Auferstanden aus Ruinen" – die Älteren werden sich erinnern.

Das Thalia lädt zum Hoftheater: bei unter zehn Grad werden Decken verteilt, der Grill ist angeschmissen, der Glühwein erhitzt. Auf die kleine Blas- folgt Ost-Musik: Neumis Rock Circus, Berluc, Rockhaus. Sachen, die man gerade vergessen hatte. Ein Zuschauer erklärt seinen Nachbarn die Nummernschilder der ehemaligen DDR. So fangen Ostalgie-Partys an – falls es sie noch gibt.

KA P DE und Ha-Neu

Seltsam auch der Programmzettel, auf dem das Schrift-Layout des Theaters neue Gipfel erreicht – KA P DE R U NRU HE steht da, man kann den Anfang "K-P-D" lesen, was zusammen mit der Nationalhymne des Trompeters (sicher war er klein) irgendwie beunruhigend wirkt. Das Stück, wie die meisten des Außenseiters Matusche selten gespielt, ist auf den ersten Blick ein Produktionsstück.

Kap ist Kranfahrer, ein Verwandter von Volker Brauns "Kipper" Paul Bauch, und mit seinen Jungs vom Bau ständig auf Achse in der jungen DDR, um Neubaustädte zu errichten. Für die, die's nicht mehr wissen, zeigt eine Videoprojektion, was gemeint ist: Halle-Neustadt zum Beispiel, im Volksmund schlicht "Ha-Neu". Ein Pionierchor trällert vom Aufbau des Sozialismus, wodurch der Abend erneut an die Kostüm-DDR der 90er Jahre erinnert.

Kap jedenfalls, der Wanderarbeiter, soll plötzlich sesshaft werden, soll nunmehr reparieren statt aufbauen. Der ruhlose Gesell, ein sozialistischer Cowboy, der in jeder Stadt eine Geliebte hatte, soll zum fernbeheizten Mieter werden. Wie er sich dagegen wehrt, wütend und wild, aber auch einsam und verzweifelt – das hätte das Thema des Abends werden können, ja müssen. Denn Alfred Matusche, der bis zu seinem Tod gewissermaßen neben der DDR lebte und arbeitete, der 1973 besitzlos und wohl auch verbittert starb, legt mit dieser Figur nahezu orakelhaft an, was zehn Jahre später alle bemerkten: nach dem unvollendeten Aufbau kommen Stagnation und Flickschustereien.

... hau drauf, hau drauf!

Kurzzeitig stellt Regisseurin Katka Schroth diesen Konflikt tatsächlich in den Mittelpunkt, lässt den Außenseiter Kap an den DDR-Kleinbürgern und ihren "Fickzellen mit Fernheizung" (Heiner Müller) leiden. Kurzzeitig, wie gesagt, denn meist geht es im kalten Theaterhof zu wie in einem mittelmäßigen Kabarett. Das eigentlich großartig aufgelegte Ensemble verspielt sich in Klamauk: es wird gesächselt, was das Zeug hält, ein dümmlicher Volkspolizist tritt auf und diverse Requisiten entpuppen sich als bloßes Material für albernen Slapstick.

War es Karl Dall, der mal gesagt hat, wenn nichts mehr geht, setze ich mir einen albernen Hut auf, dann lachen die Leute wieder? Oh ja, man kann darüber lachen, wie Axel Gärtner den berlinernden Brigadier mit lustiger Kappe gibt und Jan Kersjes als verklemmter Schorsch mit Schnurrbart den Weiberheld Kap um Tipps bittet. Viel mehr aber bleibt von dieser Wiederentdeckung des Alfred Matusche nicht hängen. Schon gar nicht für die Zuschauer, die glauben, dass es mal ein Land namens "Ehemalige DDR" gab.

Dadaistische Versalien

Die zweite Premiere des Abends war nach wenigen Minuten auf Betriebstemperatur: "... nur ein toter Dichter ist ein guter Produktionsarbeiter". Der Titel des Programms ist ein wenig irreführend, denn die Texte des Matthias BAADER Holst sind weit gewaltiger als ausgerechnet diese Zeile mit dem Produktionsbezug.

BAADER Holst, Jahrgang 1962, in Halle groß geworden und nach dem Berliner Dadaisten Johannes Baader benannt, könnte ein Enkel von Matusche sein. Wie Matusche war er, unter anderen Vorzeichen, kein DDR-Dichter in der DDR, sondern eine Kategorie für sich: gelernter Bauarbeiter, unaufhaltsamer Sonderling. Er hat das Land durchwandert, sich und die Leute gefilmt und lyrische Text-Ungetüme hinterlassen. "Traurig wie Hans Moser im Sperma Weinholds" hieß sein erster Gedichtband, seine zweite Rockband "Frigitte Hodenhorst Mundschenk".

"Ceaucescu meiner Seele"

Was der erst 21jährige Musiker Timm Völker mit den Texten des 1990 auf ungewöhnliche Weise verstorbenen Dichters (er wurde von einer Straßenbahn angefahren und erlag seinen Verletzungen) macht, muss als die eigentliche (Wieder-)Entdeckung des Abends gefeiert werden. Völker singt, flüstert und schreit die verstörenden Verse, macht aus einzelnen Zeilen musikalische Loops, die durch ihre permanente Wiederholung nahezu schmerzhaft eindringlich werden: "Es ist alles wie immer, nur schlechter", "wo die Urmutter mich zerquetscht, bin ich glücklich" und, ganz zum Schluss, "Ceaucescu meiner Seele".

Aus dem avantgardistischen, teilweise schwer zugänglichen Wortstakkato BAADER Holsts formt Völker ein beeindruckendes Bild des Dichters. Anfangs gerierte er sich als kinskihafter Somnambuler, am Ende spielte er tatsächlich wie im Rausch. Über ihm, auf einer Leinwand, liefen BAADER Holsts Filme und Texte, und vor ihm saß ein vor Schreck und Bewunderung erstarrtes Publikum.

 

Kap der Unruhe
von Alfred Matusche
Regie: Katka Schroth, Ausstattung: Christina Beck. Mit: Enrico Petters, Jan Kersjes, Harald Höbinger, Axel Gärtner, Gerald Thiede, Sebastian Pfützner, Melina von Gagern, Christina Papst.

... nur ein toter Dichter ist ein guter Produktionsarbeiter!

Ein musikalisches Biopic des Matthias BAADER Holst
von und mit Timm Völker

www.thaliatheaterhalle.de

 

Kritikenrundschau

Auf der Website der Mitteldeutschen Zeitung, dem mz-web.de (28.9.2008) schreibt Andreas Montag: Der Regisseurin Katka Schroth sei "ein Balanceakt gelungen, wie er riskanter nicht sein kann." Matusche, "ein sozialistischer Utopist", habe "dieses 1970 entstandene Stück dem Traum von der Revolution gewidmet – und der Hoffnung, die sich nicht im Ankommen, sondern nur im Weitergehen erfüllen kann". Schroth hole "dieses melancholische Stück … behutsam, gelegentlich aber mit derbem Slapstick in die Nähe der Gegenwart". Das funktioniere "weitgehend gut". "Strenger, tief berührend und nachhaltig in seiner Klarheit" gerate indes die Arbeit des jungen halleschen Musikers Timm Völker, der sich die Texte des 1990 in Berlin gestorbenen Hallensers Matthias Baader Holst "im wahrsten Wortsinne angeeignet" habe. "Eine Stunde voller Wut, Traurigkeit, galligem Humor und bitterer Verzweiflung". Ein Konzert, das die Genregrenzen sprenge: "Punk trifft Dada, elektrisch verstärkte Geräusche und bis über die Schmerzgrenze hinweg penetrierte Textzeilen elektrisieren den Hörer."

 

 
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