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Raus aus dem nationalen Panik-Fokus!

27. März 2020. Die Theater sind seit dem 15. März 2020 geschlossen, um die Ausbreitung des Corona-Virus einzudämmen. nachtkritik.de wollte wissen, wie es den verschiedenen Theatertypen, den Häusern und Gruppen in der deutschsprachigen Theaterlandschaft aktuell geht.

 

Inhalt: Das Performance-Kollektiv: She She Pop, Berlin | Das Privattheater: Komödie am Kurfürstendamm, Berlin | Das Stadttheater: Deutsches Theater Berlin | Das Landestheater: Vorarlberger Landestheater, Bregenz | Theater in der Fläche: Die INTHEGA | Das internationale Produktionshaus: Kampnagel Hamburg | Das Mehrspartenhaus in der Fläche: Vogtlandtheater Plauen-Zwickau | Die freie Gruppe: Boat People Projekt, Göttingen |Das Off-Theater: Theater Bronski & Grünberg, Wien.

 


Das Performance-Kollektiv: She She Pop, Berlin

"Erwischt hat uns der Lockdown mitten in der Probenphase", sagt Fanni Halmburger vom Performance-Kollektiv She She Pop. "Finanziell leiden wir nun darunter, dass uns viele Gastspiele weggebrochen sind. Einige Koproduzenten können schnell und transparent handeln: Das Honorar für die Gastspiele am HAU im März haben wir bekommen.  Andere Koproduzenten und Spielstätten sind aber auch verunsichert. Wenn sie zum Beispiel Finanzzusagen vom Nationalen Performance Netzwerk haben, wissen sie noch nicht, ob sie die Gelder auch wirklich bekommen und weitergeben können. Für uns sind das allerdings laufende Einnahmen, die den She She Pop-Apparat mit einer festen Mitarbeiterin und den Freien am Laufen halten. Zwei Monate kommen wir zurecht. Dann muss man sehen, wie lange das alles anhält.

Als Gruppe diskutieren wir gerade, wie She She Pop die Ausfälle abfedern kann, was interessante Fragen aufwirft: Wie kann man gerecht sein, wie kann man solidarisch handeln? Konkret fragen wir uns, für wen wir alles verantwortlich sind. Wie kompensieren wir die Ausfälle für Gastperformer*innen und Musiker*innen? Rücklagen können wir als freie Gruppe nicht wirklich bilden. Immerhin haben wir die Preisgelder, die wir über die Jahre erhalten haben, in einer Art Sozialfonds gesammelt. Da könnten wir jetzt ran, aber eigentlich soll uns der Fonds eine Fortzahlung von Einkommen im Krankheitsfall sichern oder zwei Monate Probenzeit, falls wir mal keine Projektförderung haben.

Oratorium3 560 Benjamin Krieg xDie She-She-Pop-Produktion "Oratorium" von 2018  © Benjamin Krieg

Unser größte Problem ist derzeit, dass so viele Veranstalter die Gastspiele verschieben wollen – voraussichtlich eines Ende 2020, eines Anfang 2021, oder sogar 2022.. Man denkt erst: prima! Aber wir haben auch anderes vor, für Oktober ist unsere nächste Premiere geplant. Wenn wir ein Gastspiel nachholen, können wir nirgendwo anders hinfahren, um Geld zu verdienen. Die Abwägung ist kompliziert: Wird auch unsere Premiere verschoben, haben wir doch wieder Zeit fürs Gastieren.

Eigentlich würden wir jetzt auch wieder anfangen, um mehr Geld im nächsten Berliner Doppelhaushalt zu kämpfen. Aber alles, bei dem man den Eindruck hatte, es bewegt sich etwas, kommt jetzt zum Stillstand. Nach Jahren hat die Freie Szene in Berlin Mindesthonorare in den Förderungen erreicht. Zu erstreiten wäre jetzt mehr Autonomie für jahrelang tätige Freie Gruppen und Künstler*innen. Wir bei She She Pop sind alle um die 50 und arbeiten seit 25 Jahren, haben die freie Theaterlandschaft und Netzwerke mit aufgebaut – und haben noch immer keinen eigenen Zugang zu Räumen und Geldern. Die Krise zeigt einem wieder, wie sehr die Künstler*innen von der Hand in den Mund leben und wie fragil das System ist. Im schlechtesten Fall bricht das Erreichte mit dem zu erwartenden Minus im Haushalt wieder weg."

(aufgezeichnet von eph)

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Das Privattheater: Komödie am Kurfürstendamm, Berlin

"Wenn die angekündigten Hilfen nicht kommen, schafft ein Kulturbetrieb wie der unsere maximal noch ein paar Wochen, danach ist Schluss", sagt Martin Woelffer, Direktor der Berliner Komödie am Kurfürstendamm. Am 23. März, eine Woche nachdem die Einstellung des Spielbetriebs aller Theater angeordnet worden war, wäre die nächste Premiere herauskommen: Katharina Thalbachs Inszenierung "Mord im Orientexpress", u.a. mit den Geschwistern Pfister und ausgestattet von Modedesigner Guido Mario Kretschmer. KatharinaThalbach selbst sollte Agatha Christies berühmten Privatdetektiv Hercule Poirot spielen.

HaseHase3 560 FranziskaStrauss uKatharina Thalbach in "Hase Hase" von Coline Sereau im Theater am Kurfürstendamm © Franziska Strauss

Bereits im Vorverkauf wurden 50 Prozent der Karten verkauft und um die 650.000 Euro eingespielt. "Das ist eine große Summe. Wenn man aber bedenkt, dass diese Produktion ca. 1 Million Euro kostet, relativiert sich das schnell." Dies Geld müsste nun nach Absage der Premiere zurückgezahlt werden, wenn die Kartenbesitzer*innen darauf bestehen. "Die Leistung gilt ja als nicht erbracht",  so Woelffer. "Aber das Geld ist bereits in die Produktion geflossen, in Gagen, Honorare, Material. Und im selben Moment brechen mit der Einstellung des Spielbetriebs alle Einnahmen weg. So entsteht jetzt ohne unser Verschulden in kürzester Zeit ein Minus von mehr als 1 Million Euro. Glücklicher Weise unterstützen uns das Publikum und bucht die Karten auf spätere Termine um."

Kostenlose Streaming-Angebote zur Überbrückung der Krise, wie sie zur Zeit viele Stadt- und Staatstheater anbieten, kommen für sein Haus nicht in Frage. Man habe das kurz geprüft, dann aber aus kostentechnischen Gründen verworfen. "In unserer jetzigen Lage noch weitere Kosten zu verursachen, wäre absurd. Das ist nur in den hochsubventionierten Betrieben möglich. Wir müssen 85 Prozent unseres Etats an der Kasse erwirtschaften." Weil das bei den Privattheatern die Regel ist, prophezeit Woelffer bei Theatern dieses Typs in zwei bis drei Monaten eine große Insolvenzwelle.


(aufgezeichnet von sle)

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Das Stadttheater: Deutsches Theater, Berlin

"Finanziell kann man die Folgen ganz einfach überschlagen: öffentlich getragene Theater bringen 11 bis 22 Prozent ihres Etats selber auf, und diese Summe fällt aus, je nachdem wie lang die Schließungen dauern", sagt Ulrich Khuon, Intendant des Deutschen Theaters und Präsident des Bühnenvereins. Staatliche Theater hätten also als "ureigene Aufgabe der Kommune" eine Zuwendungsgarantie. In diesem Kontext sei es "wichtig, dass die öffentlich finanzierten Theater sowohl an ihre festen wie auch ihre freien Mitarbeiter*innen das Signal aussenden und auch die Zusage geben, dass sie zu ihren Verträgen stehen. Eigentlich ist das eine Selbstverständlichkeit, aber es ist wichtig, das Vertrauen zu festigen und dort, wo juristische Lücken sind, kulant zu sein." Kulanz habe Signalwirkung, so Khuon.

Insgesamt haben die Schließungen aus seiner Sicht mehrere Folgen: praktische, finanzielle, emotionale. "Die emotionalen Folgen ergeben sich daraus, dass wir das, wofür wir viel Energie haben – ein sozial-ästhetisches Zentrum der Städte zu sein –, momentan nicht mehr sein dürfen aufgrund des Corona-Virus. Wir arbeiten entgegen unseren Impulsen an unserem eigenen Verschwinden – vorübergehend natürlich. Das fällt wahnsinnig schwer, weil wir alle viel Lust haben, für das Publikum zu spielen. Theater ist eine sehr soziale Kunstform. Diese Kunstform müssen wir nun einbremsen, und da uns das so schwerfällt, muss das sehr gut kommuniziert werden, Schritt für Schritt.

Aber ich glaube, wir haben eine sehr gute Geschwindigkeit, in Abstimmung mit Wissenschaft und Politik, das in die Häuser hinein zu kommunizieren. Und die soziale Energie, die man im Theaterbetrieb hat, ist enorm stark – sowohl etwas zusammen zu machen als auch es anzuschauen, ich glaube, wir kommen da schnell und explosiv wieder in Gang, Phönix-aus-der-Asche-mäßig." 

(aufgezeichnet von eph – Das ganze Interview hier)

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Das Landestheater: Vorarlberger Landestheater, Bregenz

"Der Shutdown startete in Österreich ja früher als in Deutschland und soll bis 13. April dauern, aber ob es so kommt?", fragt sich Intendantin Stefanie Gräve. Klarheit und flächendeckende Entscheidungen helfen jetzt aus ihrer Sicht am meisten. "Die beiden weiteren Produktionen für die große Bühne haben wir so oder so abgesagt. Für die Künstler*innen ist das schmerzhaft, aber es ist die richtige Entscheidung. Die Unsicherheit, ob die Proben beginnen dürfen oder nicht, wäre eine Quälerei. Wir haben genügend Stücke im Repertoire, und im schlimmsten Fall dauert der Shutdown viel länger als derzeit angekündigt.

Hollenstein1 560 Anja Koehler u"Hollenstein" von Thomas Arzt, am Vorarlberger Landestheater, inszeniert von Tobias Wellemeyer © Anja Koehler

Unser Kassenpersonal hat sich mittlerweile durch die Mails gearbeitet, die meisten möchten Gutscheine, einige wenige wollen ihr Geld zurück, vereinzelt wird uns der Kartenverkaufspreis geschenkt. Das ganze finanzielle Ausmaß ist in vielerlei Hinsicht noch nicht richtig absehbar. Wir haben mittlerweile, wie andere Theater in Österreich auch, einen Antrag auf Kurzarbeit eingereicht. Mit den Gastkünstler*innen, deren Produktionen und Vorstellungen abgesagt werden mussten, bin ich in Verhandlung. Für den März werden alle voll bezahlt, ab April suchen wir gemeinsam faire Lösungen. Ab heute 17 Uhr können freie Kulturschaffende in Österreich Gelder aus dem mit 1 Milliarde Euro ausgestatteten Nothilfefonds für Solo-Selbständige, Ein-Personen-Unternehmen, Kleinstunternehmen etc. beantragen.

Was neue digitale Formate und Kooperationen betrifft, haben wir nur von ganz wenigen Arbeiten Aufzeichnungen gemacht. Ich glaube auch nicht, dass es auf Dauer eine Lösung für die Häuser ist, komplette Vorstellungen zu streamen. Bei uns gibt es nun täglich ein kurzes Video vom Ensemble, eher schräg und witzig. Wir haben auch einen guten Kontakt zum ORF Vorarlberg, für den wir Auszüge aus Stücken vorbereiten, Monologe, die man zuhause aufnehmen kann. Ab nächster Woche zeigen wir unser Familienstück 'Vevi' im Netz und lesen den Roman als Podcast ein. Ich erwarte nicht, dass wir vom Land zusätzliche Mittel bekommen. Aus dem Kulturbudget müssen kleinere, unmittelbar bedrohte Akteure gerettet werden. Wir müssen uns selber retten."

(aufgezeichnet von sik)

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Theater in der Fläche: Die Interessengemeinschaft der Städte mit Theatergastspielen

"Besonders die Veranstalter der kleineren und mittleren Kommunen, deren Budgets zu einem Großteil aus Ticketeinnahmen gespeist werden, kommen aufgrund der derzeitigen Lage in große Bedrängnis", sagt Dorothee Starke, Präsidentin der Interessengemeinschaft der Städte mit Theatergastspielen (INTHEGA). Der Verband hat rund 400 Mitgliedsstädte im gesamten deutschsprachigen Raum und erreicht mit rund 600 Spielstätten zwischen 12 und 15 Millionen Menschen mit seinem Kulturangebot. Die Institutionen und Häuser, die die INTHEGA vertritt, liegen in der Regel in Klein- und Mittelstädten, im ländlichen Raum und haben keine eigenen Ensembles. Daher werden sie von freischaffenden Künstler*innen, Tourneetheatern, Landesbühnen und freien Gruppen bespielt.

Inthega Theatermarkt2018 560 INTHEGADer Inthega Theatermarkt in der Stadthalle Bielefeld © INTHEGA 

Aus Sicht von Dorothee Starke gibt es bereits jetzt Anzeichen, dass Kommunen, die ohnehin unter finanziellem Druck stehen, es nicht schaffen werden, die Kulturvereine und Veranstalter, die das Kulturprogramm in ihren Gemeinden organisieren, in dieser Krise aufzufangen. Sollten die zahlreichen kleineren Aufführungsstätten wegbrechen, fallen auch für die freischaffenden Künstler*innen, Privat- und Tourneetheater wichtige Auftritts- und Einnahmemöglichkeiten fort. Der Kultur in der Fläche droht damit ein enormer Verlust an künstlerischer Vielfalt.

Denn im Gegensatz zu kommunal getragenen Gastspielhäusern gibt es bei Häusern, die von Kulturvereinen getragen werden, keine Zuschusspflicht im Fall von Unterfinanzierung. Also droht ihnen jetzt die Insolvenz. Da im ländlichen Raum ein großer Teil des Kulturangebots von Vereinen getragen wird, besteht die Gefahr, dass mit dieser Krise ein wichtiger Teil der kulturellen Grundversorgung dauerhaft wegbricht. "Auch die Soforthilfen des Bundes und der Länder greifen für viele unserer Mitglieder nur, wenn es sich um eigene kleine Unternehmungen handelt, aber nicht, wenn es sich um Einrichtungen mit städtischen Zuschüssen handelt. Die kulturelle Infrastruktur im ländlichen Raum ist ein fragiles Gesamtkonstrukt."



(aufgezeichnet von sle - Das ganze Interview hier.)

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Das internationale Produktionshaus: Kampnagel Hamburg

"
Wir sind seit der vergangenen Woche intensiv mit der Abwicklung und Neuplanung des Spielbetriebs beschäftigt", sagt Intendantin Amelie Deuflhard. "Momentan ist unser Spielbetrieb bis zum 30. April ausgesetzt, aber ob und wie es ab Mai weitergehen kann, steht noch völlig in Frage. Auf Kampnagel arbeiten wir ja sehr international. Schon mehrere Wochen vor dem shut down war unklar, ob internationale Künstlergruppen überhaupt einreisen können, und wir hatten deshalb bereits vor der Entscheidung über die Schließung der Theater einzelne für den Mai und Juni geplante Koproduktionen und Gastspiele auf die nächste Spielzeit verschoben.

Grundsätzlich ist unsere Situation folgende: Kampnagel erhält als Institution dauerhafte Zuwendungen von 6,7 Millionen Euro, die gut 60 Prozent der Ausgaben absichern. Knapp 40 Prozent finanzieren wir über Vermietungen, Ticketeinnahmen und Drittmittel, die wir permanent beantragen. Derzeit wird mit den unterschiedlichen Geldgebern darüber verhandelt, was mit diesen Produktionsgeldern passiert, wenn Projekte aufgrund des ausgesetzten Spiel- und Probenbetriebs abgebrochen werden mussten. Produktionen zu verschieben, ist für die meisten Künstlergruppen die bevorzugte Option, aber das letzte Wort ist da noch nicht gesprochen. Für unsere 130 Mitarbeiter*innen haben wir Kurzarbeit beantragt. 

Amelie Deuflhard 560 c Marcelo HernandezAmelie Deuflhard auf Kampnagel in Hamburg  © Marcelo Hernandez

Auch wenn die einzelnen Abteilungen ohne Spielbetrieb in unterschiedlichem Umfang weiterarbeiten, stocken wir dann mit eigenen Mitteln auf, sodass  alle Mitarbeiter*innen mindestens neunzig Prozent ihres Nettogehalts bekommen. Jedenfalls ist das der Plan. Die Anzeige auf Kurzarbeit wurde letzte Woche bei der Bundesagentur für Arbeit gestellt. Die Arbeitszeiten haben wir unter der Prämisse gerechnet, dass wir im Mai wieder spielen. Koproduktionsbeiträge werden in vollem Umfang erfüllt. Für Gastspielverträge, die jetzt nicht eingehalten, sondern verschoben werden, die Honorare voll zu bezahlen und sie dann in der nächsten Spielzeit zu wiederholen, geht für uns nicht, weil es uns in finanzielle Schieflage brächte.

Momentan fallen alle Einnahmen aus dem Kartenverkauf flach ebenso die Vermietungseinnahmen. Für Künstlerinnen und Künstler streben wir an, dass es Ausfallhonorare geben wird. Das muss allerdings vom Hamburger Senat unterstützt werden. Wir versuchen auch, alle Programme und Notfallfonds, die jetzt aufgesetzt werden zu bedenken. Dafür bin ich auch mit der Hamburger Kulturbehörde im Gespräch. Die Fonds vom Land und vom Bund sind noch nicht abgestimmt, aber das wir bald kommen. 


Was wir für die internationalen Künstlergruppen tun können, überlegen wir natürlich auch, sind da aber erst am Anfang. Ausfallhonorare wären auch hier ganz wichtig. Es gibt zwar noch keine internationalen Appelle von Künstlergruppen, aber es kann dazu kommen, dass Compagnien in ihrer Existenz bedroht sind, weil kein Geld mehr reinkommt. Das halte ich sogar für sehr wahrscheinlich. In vielen Ländern gibt es so gut wie keine Kulturförderung. Ein großer Teil der Szene aus anderen Kontinenten lebt vom europäischen Markt und von Koproduktionen in Europa. Bereits für Mai wurde so viel abgesagt und es wird vermutlich mehr werden.

Finanzielle Unterstützung  für internationale Künstler*innen wäre vor allem  wichtig, um die grundsätzlichen Strukturen und die Substanz der internationalen künstlerischen Zusammenarbeit zu erhalten. Da ist auch ein ganz großes Feld, mit dem ich mich beschäftige. Ich habe allein heute noch vier Skype-Termine mit internationalen Künstler*innen und wir versuchen herauszufinden, welche Lösungen wir schaffen können.

Wir müssen raus aus dem nationalen Panik-Fokus, müssen internationale medizinische Hilfsprogramme entwickeln, Randgruppen in unserer Gesellschaft bedenken und auch im Bereich von Kunst und Kultur auf globaler Ebene solidarisch handeln! Die nationale Abschottung, die gerade um sich greift, müssen wir so schnell wie möglich überwinden. Denn die stellt nicht nur Freiheit und Solidarität in Frage, sondern würde auch unsere Arbeit verunmöglichen."

(aufgezeichnet von sik)

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Das Mehrspartenhaus in der Fläche: Das Vogtlandtheater, Plauen-Zwickau

"Die Festangestellten leben jetzt in einer privilegierten Situation“, sagt der regieführende Intendant Roland May. Das Gros der rund 300 Mitarbeiter*innen seines Hauses sitzt inzwischen in Home-Office, seine Ballett-Chefin Annett Göhre choreographiert "Die Vier Jahreszeiten" per Video-Tutorials von zuhause und aus dem leeren Probenraum. Derweil wickelt ein Krisenstab die Monatsgehälter ab und entwickelt Ideen für etwaige Spielplanpositionen, falls es nach Ostern mit dem Spielbetrieb weitergeht. Große Produktionen sind in die nächste Spielzeit verschoben. Was "sowohl thematisch geht als auch den geforderten Abstandsregeln entspricht, ist Beckett", sagt May, da seien "Figuren ja sehr vereinzelt auf der Bühne" und mit Regisseur, Souffleuse und Assistenz müssten nicht viele Leute im Raum sein.

Problematisch nimmt sich die Lage für die freischaffenden Gäste aus. "Vorstellungen, die nicht stattfinden werden, lösen wir mit dem Argument der höheren Gewalt, wollen hier aber Hilfe aktuell mit einem Fonds der Fördervereine finden“, sagt May. Mit den Rechtsträgern sei man im Gespräch, "ob am Ende auch für ausgefallene Vorstellungen eine Kulanz neben einem Nothilfe-Fond gefunden werden kann". Ausgefallene Vorstellungen sollen "nachgeholt werden", so May. Um der akuten Geldnot zu begegnen würde auf Wusch mit Vorverträgen und Abschlagzahlungen vereinbart.

Bedenken, wie sie etwa Dorothee Starke von der INTHEGA äußert, dass die Zeit auch in der nächsten Spielzeit begrenzt sei und kaum alles nachgeholt werden könne, was jetzt wegfällt, sieht May auch, begegnet ihnen aber mit Blick auf den im letzten Jahr in Sachsen durchgesetzten Tarifausgleich optimistischer: "Wir wollen die Frequenz erhöhen", sagt er, das Produktionspensum solle wachsen. Auch erwartet er sich Schub in der Personalpolitik: "Ich kann mir auch vorstellen, dass das, was wir heute erleben, solch einen Schock auslöst, dass es uns als Theatern in Zukunft leichter fallen wird, Personal zu akquirieren. Auch hier in der Provinz. Dass man Zusammenarbeiten, die über Jahre schon bestehen, in Festarbeiten verstetigen kann und damit der Ensemblegedanke einen neuen Stellenwert erlangt."

(aufgezeichnet von chr – Das ganze Interview hier.) 

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Die freie Gruppe: Boat People Projekt, Göttingen 

"Alle versuchen wir gemeinsam, gelassen mit der Situation umzugehen, keiner traut sich aber über die Zeit nach dem Sommer zu sprechen", schreibt Nina de la Chevallerie vom Boat People Projekt Göttingen. Das BPP ist eine freie Gruppe mit eigenem Spielort, an dem nicht nur Vorstellungen stattfinden, sondern auch Workshops und soziokulturelle Arbeit. Im April fielen Vorstellungen und Gastspiele aus, zudem eine für den 8. Mai geplante Premiere. Zwei weitere für den Frühsommer geplante Produktionen seien auf den Herbst verschoben worden.

BoatPeopleProjekt Goettingen 560 BoatPeoplePrjoekt uWerkraum, Spielstätte des Boat People Projekt in Göttingen © Boat People Projekt

"Wochen auszuhalten, Monate, also bis Ende des Jahres, ist wirklich schwierig. Wir bekommen als Institution ja eine kleine Förderung – 20.000 Euro im Jahr, mit der wir zumindest die Miete der Spielstätte zahlen können. Andere Nebenkosten wie Strom, Vereinsbeiträge etc. könnten wir notfalls über die Konzeptionsförderung bezahlen. Nur die Gagen der Künstler*innen – woher die dann kommen sollen, ist ein Rätsel." "Zugleich ist uns bewusst, dass die Situation einzigartig ist. Wir versuchen daher gleichzeitig über andere Formate nachzudenken, mit dem Fokus auf die interne Kommunikation: Wie können wir proben, wie mit den Spieler*innen in Kontakt bleiben?"

(aufgezeichnet von sd)

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Das Off-Theater: Theater Bronki & Grünberg, Wien

Kleine Theater hätten in der Situation auch Vorteile, schreiben Julia Edtmeier + Alex Pschilll aus der Kollektiv-Leitung des Bronski & Grünberg im Email-Interview. "Anders als größere, subventionierte Häuser funktionieren wir auch kurzfristig und müssen uns nicht um aufwändige Umbuchungen der Karten bzw. Abonnements kümmern." Als zum Großteil eigenfinanziertes Privattheater, "das bis zum jetzigen Zeitpunkt einzelne, punktuelle Teilförderungen (Projekt oder Baukostenzuschuss etc.) der Stadt Wien erhalten hat", hänge die Zukunft fürs Bronski & Grünberg natürlich von der noch unklaren Fördergeldsituation "nach Corona" ab.

Für die Mitarbeiter*innen gilt: Die vereinbarten Honorare werden ausbezahlt. "Wir haben, so wie andere Arbeitgeber, Mitarbeiter in Kurzarbeit angestellt und begleichen alle offenen Rechnungen."  Die Möglichkeit der Kurzarbeit erleichtere die Situation sehr, so Edtmeier und Pschill: "Ansonsten hoffen wir auf eine möglichst kurzfristige und unbürokratische Lösung, die diesjährigen Förderungen betreffend."

(aufgezeichnet von sd)

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