Ich will da nicht mitmachen!

von Şeyda Kurt

31. März  2020. Spätestens nach dem rechtsextremen Terroranschlag in Hanau wünschte ich mir wie viele andere Menschen, die Rassismus erfahren und sich mit ihm beschäftigen, eine Zäsur. Eine Eruption, einen gesellschaftlichen Resonanzraum für den absoluten inneren Ausnahmezustand, den ich fühlte. Ich wollte mich darauf verlassen, dass meine, unsere Geschichte sich in eine soziale Realität übersetzt. Das alles blieb aus.

Nun ist der Ausnahmezustand eingetreten. Doch der Grund ist ein völlig anderer: SARS-CoV-2 hat unsere Wirklichkeit vereinnahmt, unser Leben aus den Angeln gehoben. Betroffen sind wir alle von Corona. Das stimmt, wenn auch Risikogruppen stärker gefährdet sind. Nun wird eine Geschichte des Virus geschrieben, die kollektiv und universell sein soll.

Doch wieder habe ich das Gefühl: Ich gehöre nicht dazu. Oder vielmehr: Die Geschichte gehört nicht zu mir. Ich muss in diesen Tagen oft an eine Wendung von Carolin Emcke denken: "anwesend, aber ohne Gegenwart". So empfinde ich.

Wir erleben derzeit eine Geschichte der Superlative, ein Drama der hilflosen wie auch gefährlichen Worte und Gesten, ein Theater, das auf zahlreichen politischen und medialen Bühnen ausgetragen wird. Auch ich bin hilflos und möchte dennoch versuchen, diese Gegenwart, die mich noch hilfloser macht, in eine verständliche Ordnung zu bringen, Bühne für Bühne (dazu war ich viel auf Twitter unterwegs, wie Sie merken werden).

Um dieses Theater geht es heute in dieser Kolumne, denn die Theater, in die ich lieber gehe, mussten leider dicht machen.

NAC Kolumne Seyda Kurt V1Bühne Eins: Wortgefechte

Die Gesellschaft befinde sich gegen Corona in einem "Krieg", beschwören Politiker*innen und Medien. "Wir werden das Virus besiegen", versichert der deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier.

Es sind gnadenlose, rhetorische Geschütze, die ausgefahren werden – Sätze, die ausbleiben, wenn Rechtsextreme sich europaweit systematisch in Schützenvereinen, Polizei und Armeeeinheiten und Terrororganisationen zusammenschließen, um zu drohen und zu morden. Auch derzeit an den europäischen Außengrenzen.

"Seit der Deutschen Einheit, nein, seit dem Zweiten Weltkrieg, gab es keine Herausforderung an unser Land mehr, bei der es so sehr auf unser gemeinsames solidarisches Handeln ankommt", sagt Bundeskanzlerin Angela Merkel. Ganz so, als würden die Zehntausenden Menschen in diesem Land, die vor echten Kriegen geflüchtet sind und in den letzten Jahren die Solidarität der deutschen Dominanzgesellschaft mehr denn je gebraucht hätten, gar nicht existieren.

Bühne Zwei: das Tugendtheater

"Solidarität" ist der Begriff der Stunde. Er prangt unübersehbar von der Fahne eines "Wir", das in jeder politischen Ansprache beschworen wird. Wer ist dieses Wir? Es ist ein Wir, das aus der Angst vor einer unsichtbaren Gefahr erwächst. Es ist Wir, das sich angeblich in einem gemeinsamen Krieg befindet.

Daher ist es fragil und gefährlich. Es ist ein Wir, zu dem auch jene gehören, die ihren Rassismus nun mehr denn je offen legitimiert sehen, denn alles dient nun der Selbstverteidigung. Zu Beginn der Ausbreitung des Virus berichteten viele als "ostasiatisch" gelesene Menschen von rassistischen Übergriffen im öffentlichen Raum. Diese Vorfälle mehren sich nun. "Wenn eine ältere Frau, fünf Meter entfernt auf dem breiten Charlottenburger Bürgersteig "Abstand! Abstand!" zu mir keift, die Stimme zwischen Grimm und Hass, und dabei mit den Händen fuchtelt, als könnte sie mich wegschieben", berichtet der Journalist René Aguigah, "bin ich nicht sicher, ob das Virus der Grund ist."

Die Journalistin Ferda Ataman äußerte auf Twitter eine andere Sorge: "Ich habe irgendwie eine Ahnung, welche Bevölkerungsgruppe in Krankenhäusern zuerst behandelt werden, wenn die Beatmungsgeräte knapp werden". Es ist kein Geheimnis, dass in unserer Gesellschaft Menschen aus manchen sozialen Schichten einen erschwerten Zugang zum Gesundheitssystem haben: Soziale Herkunft spielt eine Rolle, Geschlecht, Körpernormen und Hautfarbe. Alles belegt, alles erforscht. Doch es kam, wie es kommen muss: Spalterei warfen Ataman viele vor. Als wäre dieses Land je vereinigt gewesen. Und als würden es diejenigen spalten, die auf eine strukturelle Spaltung aufmerksam machen, die im schlimmsten Fall Menschenleben kostet.

An dem neu beschworenen Wir darf offenbar keinesfalls gerüttelt werden. Floskeln müssen es stabilisieren.
Plötzlich ist alles eine Frage der Solidarität, jeder Akt der selbstverständlichsten Rücksichtnahme. Plötzlich gilt es bereits als solidarisch, von Balkonen für das Pflegepersonal Beifall erklingen zu lassen. Das ist eine nette Geste, ja. Aber keine Solidarität. Letzteres würde verlangen, auch jenseits von Krisenzeiten ein offenes Ohr für strukturelle Ausbeutung von Pflegepersonal in unserer Gesellschaft zu haben, für die Weiße deutsche Krankenpflegerin wie für die polnische Altenpflegerin. Solidarität würde bedeuten, den zermürbenden Arbeitskampf zu unterstützen, den manche dieser erschöpften Menschen seit Jahren für einen unzumutbaren Stundenlohn führen.

Stattdessen greift auch hier ein Tugendtheater. Dankbarkeit ist eine Tugend, die gerade sehr gefragt ist. Und die Mehrheitsgesellschaft sieht es eben gar nicht gern, wenn gerade rassifizierte Journalist*innen wie Ferda Ataman den Anschein erwecken, dem Pflegepersonal nicht dankbar zu sein.

Die Journalistin Nicole Schöndorfer spricht in ihrem Podcast "Darf sie das?" von "Dankbarkeit als Währung". Dankbarkeit sei nicht gleich Solidarität, betont sie treffend. Die Verteidigung dieses Dankbarkeitskults tritt in kapitalistischen Gesellschaften an die Stelle eines Ringens um die faire Entlohnung von systemrelevanten Berufen. Die permanente Aufforderung zur Solidarität spricht eigentlich schon Bände über ihre tatsächliche Abwesenheit, wie der Soziologe Cihan Sinanoḡlu beobachtet hat. Wir leben in einem wirtschaftlichen System, das die meisten Menschen dazu verdammt, den Großteil ihres Lebens mit Lohnarbeit zu verbringen und die sozialen Kontakte aus Gründen des Zeitmanagements auf ein Minimum zu reduzieren. Da gibt es kaum Raum für solidarische Fragen wie: Was brauchen die anderen wirklich? Wie könnte unsere Gesellschaft tatsächlich anders aussehen?

Worum es bei diesem Solidaritätstheater also eigentlich geht: um Selbstentlastung. Kollektives Schulterklopfen.
Ich will da nicht mitmachen. Denn ich will nicht mit einer Mehrheitsgesellschaft zusammenhalten, geschweige denn solidarisch sein, die rechtsextreme Morde zulässt und vergisst; die Menschen an den europäischen Außengrenzen sterben lässt; die (sexualisierte) Gewalt im öffentlichen und privaten Raum systematisch bagatellisiert; die ausbeutet und ausnutzt. Eine Gesellschaft, die bei Diskussionen um ein bedingungsloses Grundeinkommen Schnappatmung bekommen. Eine Gesellschaft, deren Solidarität nicht auch für Geflüchtete und andere rassifizierte Menschen gilt.

Bühne Drei: das Heldentheater. Und die Erlösung.

Da, wo Solidarität ein Phantasma bleibt, das nun auf Biegen und Brechen real und adressierbar werden soll, liegt der Rückgriff auf auserkorene Heilsbringer nicht fern. An dieser Stelle benutze ich absichtlich die männliche Form. Selbst Liberale bis Linke, die – solange es bequem war – gegen den rechtskonservativen bayrischen Ministerpräsidenten wetterten, der lieber Kruzifixe an Wände hämmert, als Geflüchtete aus Griechenland zu retten, feiern diesen auf Twitter nun als den starken Mann in Krisenzeiten.

Geschlossene Grenzen sind okay.

Verdachtsunabhängige Polizeikontrollen waren sowieso schon okay, solange sie nur nicht-Weiße Menschen erwischen.

Die Vorstellung des Virus als eine archaische Macht, die unserer kollektiven Schutzmechanismen gleichsam den Krieg erklärt hat, sitzt zu tief. Der Wunsch der Mehrheitsgesellschaft, sich in eine Hierarchie zu fügen und erlöst zu werden, sitzt noch tiefer. Dafür drückt sie gerne beide Augen zu.

Zu einem Erlösungstheater gehört das Happy-End und an dieser Erzählung mangelt es in diesen Tagen nicht. Wir sollen uns vorstellen, wie unsere Gesellschaft nach der Krise aussehen kann, heißt es. Gemeinsam könnten wir nach der finsteren Corona-Nacht ins Licht, ins Heil schreiten – als hätten Menschen in den letzten Monaten nicht ihr Leben und Angehörige verloren. Oder ihre Existenzgrundlage.

Ich plädiere auch dafür, dass wir uns in einem Neuentwurf unserer Gesellschaft üben, denn bis die Schulen, Veranstaltungshallen und Theater wieder eröffnen, liegt das Drehbuch nun allein in unserer Hand: ohne romantische Ausflüchte, ohne Floskeln und abgenutzte Zuschreibungen. In was für einer Gesellschaft wollen wir leben? Und wie wollen wir die Krise erzählen? Als eine verkappte Heldengeschichte? Als ein Tugendtheater ohne politische Konsequenzen? Oder wollen wir eine Gesellschaft, in der wir den hilflosen Beifall und das Wort solidarisch nicht mehr brauchen?

 

Şeyda Kurt ist Autorin und Moderatorin. Sie studierte Philosophie, Romanistik und Kulturjournalismus in Köln, Bordeaux und Berlin. In ihrer Kolumne ❤️topia begibt sie sich auf die Suche nach Utopien der Liebe auf der Bühne: Was erzählt uns das Theater über Zärtlichkeit? Und wo bleiben neue Visionen von Romantik, Freund*innenschaft und Solidarität?

 

Zuletzt erlebte Şeyda Kurts Herz mit der Theaterfigur Maria eine erhabene Zugewandtheit zur Welt

 

 
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