Lob des Kollektivs

von Falk Schreiber

2. April 2020. Gob Squad, Schnauzen-Schwadron. So heißt keine Theatergruppe, so heißt vielleicht eine Band (tatsächlich existiert eine uninteressante dänische Hardrock-Gruppe dieses Namens). Aenne Quiñones beginnt entsprechend ihr Buch "What are you looking at?" über das britisch-deutsche Performancekollektiv mit einer Anekdote: 1992 seien Lou Bottomley, Sarah Thom, Adam King und Sean Patten aus Nottingham zum Glastonbury Festival gefahren, als Theaterstudent*innen hätten sie die Performance Stage mitbespielt und dafür freien Eintritt aufs Gelände gehabt, und noch auf der Autobahn sei ihnen klargeworden, dass man als Festivalact einen griffigen Gruppennamen bräuchte. Die Geburtsstunde Gob Squads, eine Schnapsidee. Schön.

Held*innen der Postdramatik

"Postdramatisches Theater in Porträts" heißt die Reihe, in der dieser Gob-Squad-Band erscheint. Und Gob Squad gehören fraglos zu den Protagonist*innen der Postdramatik hierzulande. Das 25-jährige Gruppenjubiläum wurde letztes Jahr begangen, man blickt zurück auf die Konstitution des heutigen Kernkollektivs aus Thom, Patten, Sharon Smith, Berit Stumpf, Johanna Freiburg, Bastian Trost und Simon Will (und damit die Vereinigung mit Absolvent*innen des Gießener Instituts für Angewandte Theaterwissenschaften), den Umzug nach Berlin und die endgültige Anerkennung durch den Kunst-Mainstream durch die Einladung von Before your very Eyes 2013 zum Theatertreffen. Aenne Quiñones selbst hat diesen Weg als Dramaturgin an der Berliner Volksbühne und jetzt am HAU entscheidend mit geebnet. Der Charme ihres schmalen Bändchens liegt darin, dass es nicht zur Jubiläumsfeier bläst, sondern die unspektakuläre Schönheit im Alltäglichen sucht.

Cover Gob Squad280Inhaltlich besteht der Band aus zwei Teilen: einmal "Be Part of Something bigger", einem umfangreichen Porträt der Gruppe. Quiñones beschreibt hier vor allem den Kollektivgedanken, der Gob Squads Arbeiten ausmacht; Kollektiv in dem Sinne, dass hier auf Überwindung des Individuums gesetzt und so ein Kontrapunkt zum Ideal des Künstlergenies formuliert wird. Der Erfolg von Gob Squad ab Mitte der Neunziger lässt sich nicht zuletzt als ein Zurückdrängen des virtuosen Schauspielers, der talentierten Regisseurin, des raffinierten Autors (und der umsichtigen Managerin) lesen: Im Kollektiv beherrschen alle alles ein bisschen und verantworten folglich auch alle anfallenden Aufgaben – was den Blick auf die Schwierigkeiten lenkt, die die Ausflüge Gob Squads in den Stadttheaterbetrieb mit sich brachten, bei My Square Lady 2015 an der Komischen Oper Berlin oder bei War and Peace 2016 an den Münchner Kammerspielen.

Interessant ist, welche Strategien die Gruppe entwickelt, damit sich nicht heimlich doch Rollenspezialisierungen einschleichen: als raumgreifende Performerin etwa oder als Spiritus Rector im Hintergrund. Besonders wichtig dürfte die Entscheidung von 2002 bei "Super Night Shot" gewesen sein, dass Stücke von unterschiedlichen Performer*innen gespielt werden: Die Stückverabredung ist von diesem Punkt an nur noch ein Spielrahmen, der jeden Abend von anderen Kollektivmitgliedern mit Inhalt gefüllt wird.

Arbeit mit dem Publikum

Quiñones hat hier ziemlich scharf einen strukturellen Aspekt des Gob-Squad-Theaters herausgearbeitet, vernachlässigt dabei aber ein wenig ästhetische Fragen: Die Bedeutung der Popkultur für diese Kunst etwa bleibt unbeachtet, auch der besondere akademische Hintergrund von Gob Squad interessiert nicht. Dabei wäre das eine spannende Frage: Woran liegt es, dass Mitte der Neunziger mehr oder weniger gleichzeitig mit Showcase Beat Le Mot, She She Pop und Gob Squad drei bis heute aktive Gruppen aus dem Gießener Hochschul-Umfeld die Theaterwelt als Kollektive umzukrempeln begannen? Und ist es ein Zufall, dass ebenfalls praktisch zeitgleich Rimini Protokoll aus demselben Institut auf ganz eigene Weise (und noch ein gutes Stück erfolgreicher) an einer Renaissance des gerade eben für obsolet erklärten Spezialistentums arbeiteten?

Der zweite Teil des Buches besteht aus einem umfangreichen Interview des britischen Medienkünstlers Phil Collins (der 2014 am Jubiläumsstück "Be Part of Something bigger" im Berliner HAU beteiligt war) mit den heutigen Gob-Squad-Mitgliedern. Das Gespräch ist locker, informativ, nicht ohne Humor bringt es einem die Künstler*innen als Menschen nahe, um ein paar Sätze später das Biografische, Nahegehende, Distanzlose als künstlerisches Material kenntlich zu machen.

creation pictures for dorian1 560 gob squad uDie hohe Schule der Medientheaterkunst: Gob Squads "Creation - Pictures for Dorian" 2018 am Berliner HAU © David Baltzer

Nicht zuletzt nähert sich Collins hier einem wichtigen Aspekt dieses Theaters, der das Verhältnis der Künstler*innen zum Publikum umfasst: Praktisch alle Gob-Squad-Stücke integrieren das Publikum (und immer wieder auch unbeteiligte Passant*innen im Stadtraum) ins künstlerische Kollektiv, am explizitesten wahrscheinlich die interaktiven Arbeiten "Prater-Saga 3: In diesem Kiez ist der Teufel eine Goldmine" (2004) und "King Kong Club" (2005), in denen die Zuschauer*innen die Performance selbst übernahmen.

Dabei allerdings ohne im engeren Sinne Mitmachtheater zu sein – die Stücke sind Angebote an das Publikum, das sich nicht gedrängt fühlen soll, die Künstler*innen schaffen in erster Linie Räume der Gastfreundschaft und des Aufnehmens (was so auch oft zu Performancebeginn gesagt wird). Hier zeigt sich, welche Welten zwischen Gob Squad und anderen immersiven Konzepten von zum Beispiel Signa oder Vinge/Müller liegen. Allerdings: Dass Gob Squad eine im Grunde harmlose Ästhetik vertreten, mag ein Missverständnis sein, aber man ahnt bei diesen Passagen, woher dieses Missverständnis kommt.

Darüber hinaus bietet "What are you looking at?" noch ein umfangreiches Werksverzeichnis sowie ein unübersehbares Sammelsurium von Szenenfotos, das in seiner Buntheit und Unordnung mehr an ein Fanzine denken lässt als an ein Buch aus der Publikationsreihe "Postdramatisches Theater in Portraits". Und diese Fotos machen den Band schließlich zu etwas, das aus der Gob-Squad-Kunst nicht wegzudenken ist: zum reinen Vergnügen.

 

Gob Squad – What are you looking at?
von Aenne Quiñones (Hg.)
Alexander Verlag
144 S., 12,90 Euro

 

 
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