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Beichte im Gesundheitsamt

von Cornelia Fiedler

Gütersloh/Online, 9. April 2020. Dieser Wecker ist eine Höllenmaschine. Ein gigantisches Monstrum, zwei Meter breit, einen Meter hoch, nervenzerfetzend laut. Er kommt von dort, wo Mordgeräte wie die Panzerhaubitze oder die V2-Rakete zu Hause sind: aus Beständen der Wehrmacht. Im Jahr 2020 steht der Wehrmachtswecker nun natürlich ausgerechnet in der Nachbarwohnung, unmittelbar hinter einer Wand, die diesen Namen nicht verdient. Und er klingelt, nein tobt, zu einer Uhrzeit, die ebenso wenig einen Namen verdient, um 5 Uhr morgens. Klar dass der frisch eingezogene, verdammt gut aussehende Mieter nach wenigen Tagen akustischer Folter wütend vor der Tür seiner Nachbarin steht: Ziel erreicht, der Erstkontakt ist geglückt!

Sex, Lügen und Video

Dieser wahnsinnige Wecker, der den Beginn einer schrägen Lovestory in Zeiten der Pandemie einläutet, ist nie zu sehen. Er ist eine Frage der Imagination, wie Vieles in dem kurzen Stück mit dem Titel "Corona zu zweit", das Autor Joachim Zelter spontan geschrieben und Intendant Christian Schäfer in Hochgeschwindigkeit via Webcam inszeniert hat. Damit hat sich das Theater Gütersloh, als Programmbühne ohne eigenes Ensemble, die erste Uraufführung nach dem Lockdown gesichert. Nicht live via "Zoom" gespielt, wie Philipp Preuss‘ Kafka-Projekt "k.", sondern aufgezeichnet als Youtube-Film. Dabei bleibt der Wecker der einzige Ausflug ins komisch Absurde. Der Rest ist solides, wenig überraschendes Well-made-play: Mann, Frau, ein paar Lügen, eine spontan aufflammende Liebe und ein Virus als Brandbeschleuniger.

Christine Diensberg spielt die latent manipulative Nachbarin. Sie spricht ihren Text sehr lebendig direkt in die Kamera, als führe sie ein – grammatikalisch etwas überkorrektes – Videotagebuch. Fabian Baumgarten ist ihr leichtgläubiger, leicht verführbarer Nachbar. Seine Lageberichte, die ihrer Perspektive gegengeschnitten sind, gibt er meist ab, während er Kaffee kocht, Möhren scheidet, sich rasiert oder, mutmaßlich bereits etwas isolationsdebil, ein Lego-Haus baut. Der erste Treppenhaus-Streit über den Wecker führt wie geplant zu weiteren Konfrontationen und schwuppdiwupp zu wildem Sex. Schön perfide ist Zelters Idee vom Gesundheitsamt als Beichtstuhl. Wie es das Virus will, kommt nämlich der Tag, an dem beide Husten und Fieber bekommen und die berüchtigten Infektionsketten ermittelt werden. Wer hat sich diesen Moment nicht schon ausgemalt, wenn sämtliche Kontakt-Sünden und -Nachlässigkeiten zu Protokoll gegeben werden müssten?

Dialektische Verschärfung

Die Handlung wird größtenteils nacherzählt, denn Baumgarten und Diensberg halten sich, im Gegensatz zu ihren liebesverwirrten Figuren, streng an die Kontaktsperre. Die ist Fluch und Segen für jede Form von Theater, die dem erzwungenen Stillstand etwas entgegensetzen will. Einerseits erhält hier das Erzählen selbst neue Aufmerksamkeit: Jedes dezente irre Flackern in Diensberg Blick spricht Bände, etwa wenn sie von ihrem Ehemann berichtet. Der ist angeblich Schriftsteller, tritt aber nie in Erscheinung. Für sie und ihren Lover next door sei solch ein Mann perfekt, flötet sie. So hätten sie immer ein Thema, einen "Unruheherd, eine dialektische Verschärfung, wenn es zu langweilig wird".

Andererseits sitzen Publikum und Kritikerin nun schon wieder in Jogginghosen auf dem Sofa und tun, was sie seit Tagen und Wochen eh tun: Leuten, Kolleg*innen, Freund*innen, Verwandten zuhören, wenn diese auf ihrem Monitor aufplöppen und Semispannendes aus ihrem Leben erzählen: von Einsamkeit und Budenkoller, von leeren S-Bahnen, selbstgenähten Masken oder Klopapier, das im Traum vom Himmel fällt. All das zieht in "Corona zu zweit" in schnellen stylischen Schwarz-Weiß-Videos vorbei, mit denen Marwin Gansauge und Kai Uwe Oesterhelweg die Corona-Liebesroutine der beiden illustrieren.

Kampf ums Überleben

Der Lovesong der Stunde und des kurzen Abends ist "While the World burns". Der isländische Singer-Songwriter Svavar Knútur performt ihn zum Finale mit einem 25-köpfigen Promi-Chor – ab Minute 32 kann man raten, wer wer ist, die Auflösung folgt im Abspann. Wie all die wilden Streamingoffensiven, mit denen sich die Bühnen derzeit überbieten, ist dieser Abend Unterhaltung und Hilferuf zugleich. Es geht konkret um die Akquise von Spenden. Und es geht überdeutlich darum, die eigene Relevanz zu beweisen. Es geht darum, als Kultureinrichtung, als Künstler*in, als Gruppe oder als Medium wie nachtkritik.de zu überleben, wenn die Soforthilfen aufgebraucht sind und die Sparpakete geschnürt werden.

 

Corona zu Zweit
von Joachim Zelter
Regie: Christian Schäfer, Musik: Miriam Berger, Videoproduktion: Marwin Gansauge, Kai Uwe Oesterhelweg
Mit: Christine Diensberg, Fabian Baumgarten
Dauer: 37 Minuten
Videoproduktion: ab 9. April 19.30 Uhr online

www.theater-gt.de

 

Kritikenrundschau

"Nicht live, aber mit der ihm eigenen Souveränität hausgemacht, reagiert Christian Schäfer auf die theaterlose Corona-Zeit: Der Gütersloher Theaterchef", schreibt Doris Piper in der Gütersloher Tageszeitung Die Glocke: "Zwei Menschen, die auf sich selbst zurückgeworfen sind, die in ihrer eigenen Gedankenwelt gefangen sind und nun versuchen, ad hoc ihre Einsam- in Zweisamkeit zu verwandeln." Es gelingt der Online-Inszenierung aus Sicht der Kritikerin, "auf unterhaltsame, nicht vorhersehbare Art und Weise, vom Scheitern zu erzählen. "Wobei die Nabelschau seiner Alltagshelden in den eigenen vier Wänden als Film ganz andere philosophische Qualitäten als auf der Bühne entwickelt, um die Unwirklichkeit der Wirklichkeit zu präsentieren."


"Christian Schäfer hat diese Petitesse in seiner auf den ersten Blick simplen, aber geschickt mit Kontrasten spielenden Filminszenierung in ein doppelbödiges Spiel um Liebe und Krankheit verwandelt", schreibt Sascha Westphal beim Portal Kulturkenner.de (9.4.2020). "Es ist nicht nur eine schnelle Antwort auf die Verwerfungen der gegenwärtigen Zeit. Es stellt noch eine ganz andere Frage. Die Liebe, die seine Figuren zusammenbringt, hat selbst etwas von einer Infektion."

 

"Mit 'Corona zu zweit' sendet das Haus, das über kein eigenes Ensemble verfügt, sich aber auch nicht als Bespieltheater alten Stils, sondern wegen etlicher Eigenproduktionen als Programmtheater versteht, im Corona-Stillstand jetzt ein starkes Lebenszeichen", findet Rolf Birkholz in der Neuen Westfälischen Zeitung (15.4.2020). "Szene für Szene bringen Fabian Baumgarten und Christine Diensberg, die schon mehrere Schäfer-Inszenierungen trugen, die beiden erst einzeln, dann gemeinsam isolierten Charaktere des leicht tragikomischen 40-Minuten-Stücks näher", bevor Paul Celans "tiefschönes, nicht nur des Titels wegen in diesen Zeiten in der Luft liegende(s) Gedicht 'Corona'" den Abschluss bilde.

Stefan Keim hat für die Sendung "Scala" auf WDR 5 (20.4.2020) eine sympathische "Liebesgeschichte", die "zwischen komischen und tragischen Momenten wechselt", gesehen. Sie sei "nicht besonders tiefgängig, aber kurzweilig". In der Rekapitulation der Ereignisse der letzten Wochen wirke der Text "etwas aufgesetzt", doch "die skurrile Beziehung" spielen die Akteure "mit vielen Zwischentönen glaubwürdig und abgründig".