Das Minutenspiel

von Wolfgang Behrens

14. April 2020. Nein, ich möchte nicht darüber schreiben. Weil alle darüber schreiben und ich nicht wüsste, was ich noch dazu beizutragen hätte. Andererseits wirkt es auch seltsam, nicht darüber zu schreiben. Da es momentan anscheinend gar nichts Anderes gibt, wirkt es geradezu eskapistisch, wenn man sich äußert, aber nicht dazu. Anstatt mich in Theateranekdoten zu flüchten, möchte ich daher einen bislang unveröffentlichten Text von mir zugänglich machen, den ich geschrieben habe, als ich noch ein Kritiker (oder vielleicht sogar noch ein Zuschauer) war. Da es damals noch nicht möglich war, darüber zu schreiben, ist er insofern unverdächtig, ein Kommentar dazu zu sein. Trotzdem fiel er mir dieser Tage ein, weil er auch eine Art Anleitung enthält, wie man damit zurechtkommen könnte. Der Text stammt übrigens aus einer Zeit, als noch die alte Rechtschreibung galt.

Volker

Zu den wenigen Menschen, die ich während meiner Schulzeit bewundert habe, gehört Volker, obwohl Volker nur ein Jahr lang mein Klassenkamerad war. Volker kam in unsere Klasse, weil er die Neunte wiederholte – als er sie zum zweiten Mal nicht packte, mußte er die Schule verlassen.

Natürlich waren es nicht Volkers schulische Leistungen, die mir seine Bekanntschaft so wertvoll machten. Was mir Hochachtung einflößte, war vielmehr die Tatsache, daß ich in Volker einen unumschränkten Herrscher über die Zeit erkannte. Denn Volker pflegte in jeder Unterrichtseinheit – ob sie nun 45 oder 90 Minuten dauerte – ein faszinierendes Spiel zu spielen, das er selbst Volkers lustiges Minutenspiel nannte.

Die Zurüstungen zu diesem Spiel waren denkbar einfach: Noch ehe die Stunde begann, schlug Volker ein Heft mit kariertem Papier auf und umgrenzte mit einem blauen Kugelschreiber eine Fläche von 5 mal 9 oder 10 mal 9 Kästchen, je nach Dauer der sich anschließenden Lektion. Neben das Heft legte Volker seine Armbanduhr. Dann nahm das Spiel seinen Lauf: Volker starrte unverwandt auf die Uhr, und nach Ablauf jeder Minute der sich nur zäh abwickelnden Unterrichtsstunde strich er jeweils ein Karo durch, den Kugelschreiber dabei konzentriert von der linken unteren in die rechte obere Ecke führend. Das war alles: War die Stunde beendet, waren alle 45 oder 90 Kästchen durchgestrichen, und Volker hatte die Zeit besiegt.

Sicherlich stand das Spiel Volkers mündlicher Beteiligung am Unterricht eher entgegen – er meldete sich nie, auch wenn er gefragt wurde, schwieg er beharrlich –, und ich möchte nicht einmal ausschließen, daß das Spiel an der zweimaligen Nichtversetzung Volkers einen gewissen Anteil hatte. Mich jedoch zog Volkers lustiges Minutenspiel in seinen Bann. Es war mir unbegreiflich, wie ein Mensch die Ruhe aufbringen konnte, Volkers Spiel auch nur eine Stunde lang zu spielen.

17 Kolumne behrens k 3PIch versuchte, Volker nachzueifern: Ich schlug eine jungfräuliche Seite in meinem Matheheft auf, umriß ein Feld von 5 mal 9 Kästchen und begann. Die Minuten verrannen quälend langsam, selbst die Sekunden tröpfelten nur schwerfällig, und schon nach kurzer Zeit wurde meine Aufmerksamkeit von irgendeinem anderen Gegenstand hingerissen, und wenn es nur ein unfreiwillig witziger Satz des Lehrers war.

Wie schnell aber passierte es dann: Ich schaute wieder auf die Armbanduhr, aber der Ablauf der letzten Minute war schon um 10 Sekunden verstrichen. Mit Verspätung und einsetzendem schlechten Gewissen strich ich das überfällige Kästchen durch, um einige Minuten später festzustellen, daß ich den richtigen Augenblick nun schon um 40 Sekunden verpaßt hatte. Nach spätestens einer Viertelstunde mußte ich meine Niederlage eingestehen. Volker strich derweil stoisch ein Karo nach dem anderen durch, und ich gewann mehr und mehr die Überzeugung, daß Volker einen privilegierten Zugang zur Ewigkeit haben müsse. Ob er Zeit anders wahrnahm?

Ich kam zu der Vermutung, daß sich Volkers Bewußtsein in so weiten Dimensionen bewegte, daß sich ihm der Minutentakt gleichsam als Metrum darbot. So wie sich andere Menschen bei Rockkonzerten durch rhythmisches Klatschen der Zeit entheben, so gelangte Volker vielleicht durch minütliches Kästchenfüllen in eine Art außerzeitlicher Ekstase. Auch wenn sich die Produkte des Minutenspiels immer glichen – regelmäßig mit kurzen diagonalen Strichen gefüllte Rechtecke –, hielt ich die Tätigkeit Volkers für eine hohe Kunst, die ihre Erfüllung im der Zeit abgerungenen Augenblick fand. Eine höchst vergängliche Kunst, zumindest aus der Perspektive des Betrachters.

Für wie vergänglich Volker selbst seine Kunst nahm, das kann ich nicht wissen: Ich habe nie mit ihm darüber gesprochen, da ich mich ihm in meiner kleinlichen Zeitbefangenheit nicht aufdrängen wollte. Erst später, als ich mich mit Musik und Literatur beschäftigte, begann ich zu begreifen, daß es nur ganz wenige Künstler gibt, die Volker an Atem gleichkommen. Heute lasse ich nur drei gelten: Richard Wagner, Marcel Proust und Volker. Und Volker ist zweifellos der größte unter ihnen.

 

Wolfgang Behrens, Jahrgang 1970, ist seit der Spielzeit 2017/18 Dramaturg am Staatstheater Wiesbaden. Zuvor war er Redakteur bei nachtkritik.de. Er studierte Musikwissenschaft, Philosophie und Mathematik in Berlin. Für seine Kolumne "Als ich noch ein Kritiker war" wühlt er unter anderem in seinem reichen Theateranekdotenschatz.

 

Zuletzt räsonnierte Wolfgang Behrens über den Zwang zum allwissenden Erzählen.

 
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