Eingreifen oder zuschauen?

von Jürgen Reuß

Freiburg im Breisgau, 28. September 2008. Manchmal sind Texte eine sichere Bank. Texte, die kraft ihres Gehalts einfach wirken müssen. Zu dieser Textsorte gehört "Bagdad brennt", das am Sonntag in Freiburg uraufgeführt wurde. Textgrundlage ist das weltbekannte Weblog der Bloggerin Riverbend, die von 2003 bis 2007 ihre Erlebnisse aus dem besetzten Irak berichtete. Peter und John von Düffel haben die Tagebucheinträge aus dem Englischen übersetzt und zu einem Theatermonolog zusammengestellt.

Wir kennen den Irakkrieg nur aus westlich geprägten, amerikafreundlichen Medien. Riverbend schildert den Kriegsalltag aus irakischer und vor allem persönlicher Sicht. Sobald Kriegsgeschehen auf die persönliche Ebene heruntergebrochen wird, tritt zwangsläufig eine so simple wie unentrinnbare Wahrheit zu Tage: Kriege schaffen so unendlich viel Leid, dass sie durch nichts zu rechtfertigen sind.

Elfjähriger Terrorist ?

Wenn CNN meldet, dass wieder einmal Terroristen erfolgreich bekämpft wurden, erzählt Riverbend, dass sie einen davon kennt: Mohammed. Als er auf den Balkon lief, um zu sehen, was draußen vor sich ging, wurde er erschossen. Er war elf. Riverbend kennt auch noch einen anderen Terroristen. Er war zehn.

Der erste Reflex des westlichen Zuhörers ist, zu behaupten, dass Riverbend nicht als reale Person existiert, sondern eine fiktive Netzfigur ist, die pro-arabische Propaganda verbreitet. Mit diesem Vorwurf beginnt auch der Theatermonolog der Bühnen-Riverbend: Wie könnte ein Irakerin bloggen? Und dann noch in fehlerfreiem Englisch?

Die Besetzung der Rolle verstärkt diesen Verdacht noch. Blonder und europäischer als die Schauspielerin Anna Böger kann man kaum noch sein. Andererseits, wie sieht denn eine glaubwürdige Irakerin aus? Eine tief verschleierte Wüstenbeduinin, die nicht mal weiß, was eine Steckdose ist? Auch diese Frage stellt der Monolog und hat sie dadurch schon entschieden. Dass es auch in Bagdad in den USA ausgebildete Programmiererinnen gab, leuchtet selbst dem größten Ignoranten ein.

Diesen Aspekt der Realitätskonstruktion in der Textkomposition der Düffel-Brüder rückt auch Regisseur Enrico Stolzenburg in den Mittelpunkt. Riverbend stellt ihre Realität des Krieges durch Erzählungen des Alltagshorrors in einem besetzten, kaputten Land her. Sie ist keine Scheherezade, trägt Jeans, Sweatshirt und Turnschuhe. Irakerin wird sie durch ihre Erlebnisse.

Wenn sie schildert, dass man dazu überging, die Toten direkt neben ihren Wagen zu begraben, unter Erdhügeln mit Pappschild – Autokennzeichen, ein männlicher Erwachsener, ein weiblicher Erwachsener, zwei männliche Kinder – damit die Angehörigen sie anhand des Nummernschilds identifizieren konnten, und dazu die mehrwöchige Suche nach Angehörigen längs dieser Straßen, braucht es keiner weiteren Requisiten, um den Krieg in die Hirne der Zuschauer zu tragen.

Heiße Wut, kühle Videowelt

Dagegen setzt Stolzenburg die andere Realitätskonstruktion, die auch durch einen Irakkrieg, den vorigen, Berühmtheit erlangte. Die virtuellen Welten der intelligenten Bomben und Videospiele. Der amerikanische Videokünstler Victor Morales hat dazu das passende Setting programmiert und führt das Publikum in die Grundzüge der Kunst des Computerweltgestaltens ein. Er spielt den Zuschauern sogar wörtlich den Ball zu, mit dem digitale Kulissen errichtet oder zerstört werden.

So wird man als Zuschauer an diesem Abend hin und her gerissen zwischen Anna Bögers eindringlichem Monolog und ihrer sich steigernden Wut gegen die Besatzer und Morales' abkühlenden Videospielchen. Diese sind übrigens harmlos und fügen weder dem Verständnis des Iraks noch des Krieges irgendetwas hinzu. Aber vielleicht ist das ja die eigentliche Botschaft dieses Theaterabends: Die Erzählung einer Augenzeugin schafft eine Realität, der man sich nicht entziehen kann und die letztlich nach eigenem Eingreifen schreit. Virtuelle Simulationen lassen einen so kalt, dass man, je nachdem wie die mediale Tagesparole lautet, ob Kampf gegen den Terror oder Krieg um Rohstoffe, mal Geld, mal Bomben über den Irak abwerfen kann.

Nach zwei eher bescheidenen theatralischen Versuchen zur innenpolitischen Mobilisierung – der unterkomplexe Horror des gläsernen Menschen in Juli Zehs "Corpus delicti" und das nichtssagende Beschwören sozialen Abstiegs in Thomas Krupas Version von "Berlin Alexanderplatz" – hat der dritte, außenpolitische Anlauf des Theaters Freiburg an diesem Wochenende durchaus Mobilisierungsqualitäten.

 

Bagdad brennt (UA)
Von Peter und John von Düffel nach Riverbend
Regie: Enrico Stolzenburg, Programmierung & Design Videogame: Victor Eduardo Morales Ruadez, Dramaturgie: Carolin Hochleichter.
Mit: Anna Böger.

www.theater.freiburg.de


Mehr zu Freiburger Inszenierungen mit politischer Absicht finden Sie hier.

 

Kritikenrundschau

In der Badischen Zeitung (30.9.2008) formuliert Martin Halter Zweifel an der Identität von Riverbend: "Wer ist 'Riverbend' "? Gibt es in Bagdad solche Frauen? Oder ist die Programmiererin nur ein Avatar, die Maske eines Agitators?" Anna Böger zeige in ihrer ersten Freiburger Rolle Riverbend als "junge Frau in Jeans und Turnschuhen", die nur manchmal die Fassung verliere. "Dann allerdings wird sie zur Furie." Aber gleich zu Beginn erinnere sie selber an die Fragwürdigkeit aller Identitätsbehauptungen im Internet. Regisseur Stolzenburg schüre weitere Zweifel. "An einem Mischpult sitzt der amerikanische Videokünstler Victor Morales und sägt mit seinem Computer und gutgelaunten Gebrabbel … an dem Ast, auf dem wir sitzen." - "Der Programmierer ist ein zaubernder Clown, der aus dem Nichts eine Welt erschafft, aus gepixelten Ruinen, Leichen und dem Sound von MG-Geknatters ein privates lrakkriegsspiel bastelt". Man sei Morales dankbar für "seine Einführung in die Geheimnisse des Kriegsspieldesigns", eindringlicher indes wirke die analoge Schauspielkunst: "Man will, man muss Riverbends lrak-Report so lange glauben, wie Anna Böger mit ihrer körperlichen Präsenz dafür bürgt."

 

 
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