Sie spielen für Österreich

von Teresa Präauer

Wien, 19. April 2020. Letzten Freitag mittags in Wien, gezeigt wird ein Staatsritual in Corona-Zeiten, diesmal ist es die Kultur-Pressekonferenz für ausgewählte Journalisten im Bundesministerium und für die breite Öffentlichkeit via Live-Stream: Als der österreichische Vizekanzler Werner Kogler und die grüne Staatssekretärin für Kunst und Kultur, Ulrike Lunacek, gemeinsam vor die Kameras treten, um sich nach fünf Wochen der "Gesundheitskrise" hierzulande auch einmal an die Kulturschaffenden zu wenden, unternehmen sie dies in einem Zwischenbereich: Dieser knapp bemessene Raum ist im Hintergrund begrenzt durch die österreichische Nationalflagge und die Flagge der Europäischen Union, im Vordergrund ist er begrenzt durch eine schützende Plexiglaswand. Sowohl die Flagge als auch die Plexisglaswand bewahren Österreich offenbar ab nun und für unbestimmte Dauer in der Zukunft vor dem Corona-Virus.

Plexiglas vorm Kopf

Das Verständnis und der Begriff davon, was Kunst und Kultur sind, und wie die Menschen in diesem Bereich arbeiten, ist dabei so eng und begrenzt wie dieser Raum zwischen Flagge und Plexiglaswand. Die Nationalflagge weht mittlerweile jedes Mal im Hintergrund, wenn Politikerinnen und Politiker neue Maßnahmen oder neue Lockerungen verkünden. Die Bundesregierung gestaltet ihre Werbeeinschaltungen für mehr Schutz und Sicherheit in den Farben Rot-Weiß-Rot. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen plant eine Konzertreihe zur Aufmunterung unter dem Titel "Wir spielen für Österreich". Aus den Boxen der vorbeifahrenden Polizeiwagen schallt es "I am from Austria", einen Song von Reinhard Fendrich, den man hier gerne als die inoffizielle österreichische Bundeshymne bezeichnet. Die Staatssekretärin für Kunst und Kultur spricht in der aktuellen Pressekonferenz, wenn es um gesundheitspolitische und veranstaltungstechnische Maßnahmen im Kulturbereich geht, zuerst einmal von der "Kulturnation" Österreich.

Kogler Lunacek Plexiglas 560 ScreenshotWerner Kogler und Ulrike Lunacek bei der Pressekonferenz am Freitag © Screenshot

Die Plexiglaswand, die wohl immer schon das Denken begrenzt hat, steht nun, endlich für alle sichtbar, zwischen den Kulturschaffenden und den Kulturpolitikern. Die Staatssekretärin stellt ihren Ausführungen gleich einmal vollmundig ein Zitat voran, das Kunst als "Konstante" ausweist, die "uns alle verbindet". Schließlich, fügt sie an, sei Kultur auch ein "Wirtschaftsfaktor". Die Definition von Kunst und Kultur als ach-so-verbindende Konstante ist ihrerseits offenbar dringend nötig, um das Virus zu bekämpfen. Das Zitat hat sie sich zu diesem Zwecke ausgerechnet vom Künstler Jeff Koons geliehen, dessen wirtschaftliche und künstlerische Kompetenz im Aufblasen eines rotgoldenen Pudels besteht, der für kolportierte dreiundvierzig Millionen Euro beim Auktionshaus Christie's versteigert worden ist.

Täglich werden derart die Parolen vom Abstandhalten wiederholt, von der Begrenzung des Raumes, inklusive Angaben von Metern und Quadratmetern: Nicht sachlich formuliert, sondern aufgeblasen zu naiv-infantilisierenden Beschwichtigungen oder zu jovial-autoritären Drohgebärden. Sie schwadronieren von Zusammenhalt, von Nation, von Heimat gar. Sie maßen sich an, die Bedeutung von Kunst und Kultur definieren zu wollen und danken schließlich uns, die wir ihnen dabei zuhören, für die schönen "Balkonkonzerte".

Schlägereien und Liebesszenen müssen weichen

Anstatt sich selbst den verordneten Mundschutz überzuziehen, erzählen sie uns etwas darüber, wie es am Theater angeblich "zugeht", nämlich "oft einmal heftig" mit "Schlägereien" und "Liebesszenen". Schlägereien und Liebesszenen! Gewalt und nackte Leiber, und auch ein bissl schmusen, so beschreibt uns die Staatssekretärin für Kunst und Kultur das zeitgenössische Theater, und sie fährt bedauernd fort: "Das wird nicht gehen wahrscheinlich." Soll sie es in Zeiten von Corona überhaupt wagen, das Wort "Liebesszenen" noch einmal in den Mund zu nehmen? Denn auch was Filmdrehs anbelangt, bereiten ihr diese Kummer: "Mit Mundschutz Liebesszenen?!", fragt sie in die kleine Runde der anwesenden Journalisten und Journalistinnen, die alle bereits Mundschutz tragen und also nur den Kopf zu schütteln brauchen. Über das Fernsehen sagt sie dann noch: "Es fehlt an Content." Denn woraus, fragen wir uns händeringend, würde Kunst und Kultur denn bestehen, wenn nicht aus "Content"? Im Weiteren wird erklärt, eine einzelne "Kabarettistin" auf der Bühne, ja, das sei möglich. Bei einem "Blasmusiker" werde es, na ja, schon wieder schwieriger. In dieser Art und Weise, nämlich verbal distanzlos und übergriffig, wird die einstündige Pressekonferenz zum Thema Kunst und Kultur abgehalten.

Täglich werden die Bürgerinnen und Bürger für ihr Verhalten neuerdings von der Politik gelobt oder getadelt. Der Zweck, die Pandemie hierzulande einzudämmen, heiligt ganz machtbewusst die Mittel. Verfassungsrechtler mahnen die Einhaltung von Grund- und Freiheitsrechten ein, der Kanzler aber wiegelt ab mit diesem einen Argument, das alles schlägt: die Entscheidung über Leben und Tod. Angesichts dessen werden diejenigen, die Einwände vorbringen und eine Reflexion der jüngsten Vorgänge einfordern, degradiert zu Mündeln oder Spielgefährten. Mit dem Ende von Corona, vertröstet sie der Kanzler, würden auch die neuen Maßnahmen, die Einschränkungen und die Gesetzesänderungen allesamt wieder zurückgenommen. Nur, wann endet Corona, und wer definiert das Ende?

Ohrwürmer und Geschichtsvergessenheit

Die Künstlerinnen und Künstler dürfen gern auch ein bisschen mitspielen. Die oben erwähnte Konzertreihe Wir spielen für Österreich wird auf ORF III übertragen, dessen Geschäftsführer den Spartensender für Kultur und Information rühmt, "Partner" der "heimischen Kunst- und Kulturszene" zu sein. Soweit ein erster Blick auf das angekündigte Programm zeigt, gibt es jedoch kaum bis keinerlei zeitgenössische heimische Kompositionen bei "Wir spielen für Österreich", stattdessen jede Menge altbekannter Ohrwürmer aus Oper, Operette und Musical.

Tenorsänger Jonas Kaufmann wird "In einem kleinen Café in Hernals" vortragen, ein bekanntes Wienerlied, in dessen Text die Sozialromantik der Zwischenkriegszeit noch nachklingt. Gesungen hat es damals der Komponist Hermann Leopoldi, der Österreich 1938 als Jude verlassen musste, in Dachau und Buchenwald inhaftiert war (wo er die Musik zum "Buchenwaldlied" schrieb), bevor er sich ins Exil nach New York retten konnte. Hier sang er ebendieses Lied noch einmal als "A little Café Down the Street". Ausgerechnet Lieder wie "In einem kleinen Café in Hernals" ins Programm einer patriotisch grundierten Erbauungs- und Trostveranstaltung zu setzen, ohne dabei die Geschichte der Vertreibung seines Komponisten und damit die barbarische Geschichte dieser "Kulturnation" präsent zu halten, zeugt davon, wie begrenzt der Begriff von Kunst und Kultur, und ganz besonders in Zeiten von Corona, ist, das Nationalpathos im Hintergrund und die Plexiglaswand vor dem Kopf. Kleinmütig angesichts der Zukunft, blind für die Gegenwart und dumpf der eigenen Geschichte gegenüber.

Praeauer Teresa Thomas Langdon u.jgpTeresa Präauer ist Schriftstellerin und lebt in Wien. Ihre Romane sind im Wallstein Verlag erschienen, zuletzt der Großessay "Tier werden". Einzelne Arbeiten am Theater sind das Monodrama Ein Hund namens Dollar für das Schauspiel Frankfurt und die Dramatisierung von "Oh Schimmi" durch das Kosmos Theater Bregenz in Zusammenarbeit mit dem Schauspielhaus Wien. Teresa Präauer schrieb von 2015-2017 die literarische Kolumne "Zeug & Stücke" für nachtkritik.de. (Foto: Thomas Langdon)

 

 
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