Bei Anruf Theater

von Willibald Spatz

Augsburg, 24. April 2020. Die Idee für ein virtuelles Theater war in Augsburg tatsächlich schon da, bevor man wegen der Corona-Krise alle Aufführungen absagen musste. André Bücker wollte in seiner für Mai geplanten Inszenierung der Gluck-Oper "Orfeo ed Euridice", dass das – körperlich anwesende – Publikum VR-Brillen aufsetzt, wenn Orpheus in die Unterwelt hinabsteigt, und diese Unterwelt dann als virtuelle Darstellung zu sehen bekommt.

Konsequente Fortführung

Diese erweiterten Sinneseindrücke gab es schon in anderen Augsburger Staatstheater-Produktionen wie Gas und Europe Central. Dort wurden den Zuschauer*innen jeweils Kopfhörer am Eingang ausgehändigt, die man unter der Vorstellung tragen konnte / musste, um zum Beispiel Dialoge zu hören von Personen, die aktuell nicht auf der Bühne sind.

Die VR-Brillen wären die konsequente Fortführung dieses Prinzips. Dazu sollten dann nach und nach als "fünfte Sparte", wie sie in der Presserklärung genannt wird, andere Aufführungen kommen. Diese sollten mit 360-Grad-Kameras abgefilmt werden und dann als Aufzeichnung mittels VR-Brillen nach Hause geliefert werden. Das ist nun krisenbedingt schneller umgesetzt worden. Die technischen Voraussetzungen waren ja bereits vorhanden. Aktuell sind zwei Produktionen verfügbar: Das Schauspiel "Judas" und der Ballettabend "shifting_perspective". 

judas vr roman pertl c heimspielJudas in der Augsburger Goldschmiede-Kirche in St. Anna: Roman Pertl © Heimspiel

"Judas" hatte bereits 2019 Premiere und eignet sich als Monolog gut für die virtuelle Umsetzung, "shifting_perspective" dagegen ist die erste Produktion, die speziell für dieses Format entstanden ist und mit den technischen Möglichkeiten und Schwierigkeiten von 3D-Aufzeichnungen künstlerisch umgeht.

Erst Schwindel dann Sog

Auf der Homepage des Theaters befindet sich ein Kontaktformular, auf dem man Stück, einen Terminwunsch und Anzahl der verfügbaren Brillen angibt. Exakt zur vereinbarten Uhrzeit steht dann eine Mitarbeiterin des Theaters vor der Tür. Man merkt, dass die Einhaltung aller Hygieneregeln ein großes Anliegen ist: Die Botin trägt Mundschutz und Einweg-Handschuhe, die vor der Lieferung desinfizierte Brille ist in einen Karton, eine Plastik- und eine Papiertüte verpackt. Eine Kunststoff-Maske für die Augen liegt auch dabei. Die Aufführung startet, sobald man die Brille aufgesetzt hat und pausiert auch, wenn man sie absetzt. Man kann also während der Vorführung ans Telefon gehen, ohne etwas zu verpassen. Den eigentlichen Beginn bestimmt man selbst, man sollte nur nicht zu lange warten, denn schon nach zwei Stunden wird die Brille wieder abgeholt.

Logistisch funktioniert das prächtig. Und technisch an sich auch. Kaum hat man die Brille auf dem Kopf, sieht man einen Vorspann, während dessen man die Brille noch ein wenig hin und her bewegen kann, um das Bild scharf zu stellen. Wer sich nicht regelmäßig in virtuellen Realitäten aufhält, sollte vielleicht darauf vorbereitet sein, dass sich dort unter Umständen zunächst eine leichte Überkeit einstellen kann, die als VR-Krankheit bezeichnet wird. In meinem Fall verschwand sie nach wenigen Minuten. Wenn das nicht passiert, sollte man eine Pause machen und an die frische Luft gehen.

Umkreisen, verdoppeln, fließen

Auch zu empfehlen ist der Konsum des VR-Stücks auf einem Drehstuhl. Im "Judas"-Monolog spielt der Schauspieler Roman Pertl immer wieder um einen rum. Wenn man ihm dabei folgt, bekommt einen schönen Eindruck von der Kapelle, in der aufgezeichnet wurde. Bei "shifting_perspective" tauchen die Tänzer*innen ständig aus verschiedenen Richtungen auf, umkreisen einen, verdoppeln sich und fließen dann wieder zusammen – man hat demnach ein deutlich gemindertes Sehvergnügen, wenn man ihnen nicht schnell folgen kann – mit Hilfe eines Drehstuhls eben.

shifting perspective vr giovanni napoli gabriela finardi c heimspielshifting_perspective: Es tanzen Giovanni Napoli und Gabriela Finardi © Heimspiel

Magz Barrawasser hat den "Judas"-Monolog von Lot Vekemans im vergangenen Jahr zum 1000-jährigen Gründungsjubiläum der Augsburger Moritzkirche inszeniert. Die Premiere kam dort auf der "Westchorbühne" heraus. Die VR-Version nun wurde ebenfalls in einem Kirchenraum gefilmt, in der Goldschmiedekapelle von St. Anna. Die Kamera stand dabei wenige Meter vom Altar entfernt, vor dem Roman Pertl den Judas spielt.

Momente großer Nähe

Sie wirft einen zunächst etwas irritierenden Schatten auf den Schauspieler. Schnell aber erzeugt dessen Spiel einen ungeheuren Sog, der einen die virtuelle Situation vergessen lässt. Judas erklärt sich und sein Handeln; Roman Pertl macht aus ihm einen unkomplizierten, sympathischen jungen Mann, der einen rasch für sich einnimmt, von dem man aber umgekehrt keine große Taten erwartet. Zu verschwätzt und zu ungeschickt ist dieser Judas. Die Bühne – der Altarraum – ist fast leer. Judas baut während einer guten Stunde Spielzeit einen einfachen IKEA-Tisch zusammen und verletzt sich dabei an der Hand, wenigstens auf ein Wundmal bringt er es.

In ihrer wirkungsvollen Schlichtheit und mit Roman Pertls raffiniert unverbindlichem Spiel funktioniert die reale Aufführung hervorragend. Im virtuellen Raum sind nun Momente großer Nähe möglich, die in der Wirklichkeit übergriffig wirken würden. Ein Zuschauer habe keinen Eintritt bezahlt, behauptet er, er werde nun jedem in die Augen schauen, der Entsprechende könne kurz blinzeln und am Ende seine Schuld begleichen. Roman Pertl steht so nah an der Kamera, dass es scheint, er sitze einem auf dem Schoß.

shifting perspective vr franco ciculi c heimspielshifting_perspective: Es tanzt Franco Ciculi © Heimspiel
In "shifting_perspective", der Ballett-Produktion kann es sogar sein, dass eine Tänzerin direkt unter einem auftaucht oder plötzlich doppelt vor einem steht. In dieser Produktion wird noch viel stärker mit den technischen Möglichkeiten einer 360-Grad-Aufnahme gespielt. Die Kamera steht in der Mitte der Bühne im Martini-Park. Mehrere Aufnahmen aus derselben Position heraus und im Film übereinander gelegt, ermöglichen es, dass eine Person mit sich selbst tanzt, ermöglicht es aber auch, dass zwei oder drei Tänzer*innen zusammen in einem Stück hautnah auftreten, ohne gleichzeitig in einem Raum zu sein.

Erweiterte Theater-Möglichkeiten

Die Vorlage sind Stücke des Musikers Robin Rimbaud, zu dem die Tänzer*innen unabhängig kleine Tanz-Solos entwickelt haben. Diese Miniaturen und deren Kombination in dem VR-Video lassen erahnen, welche künstlerische Möglichkeiten diese Theaterform noch birgt. In den kommenden Wochen sollen nun drei weitere virtuelle Produktionen starten. Zur Zeit können die Brillen nur im Stadtgebiet Augsburg ausgeliefert werden.

Längerfristig ist aber geplant, eine Plattform anzubieten, von der aus die Dateien auch anderswo verfügbar sind. Der Eindruck, der dabei auch von normalen, für die Bühne eingerichteten Inszenierungen rüberkommt, ist auf jeden Fall plastischer, als der im Live-Stream. Tatsächlich ist die fünfte Sparte ein brauchbares Angebot – etwa für Menschen, die aufgrund ihres Alters nicht mehr ins Theater gehen können. Mit zunehmendem Alter soll übrigens die VR-Krankheit seltener auftreten.

 

Judas
Monolog von Lot Vekemans
Deutsche Übersetzung: Eva M. Pieper & Christine Bais
Inszenierung & Ausstattung: Magz Barrawasser, Dramaturgie: Kathrin Mergel
Mit: Roman Pertl
Dauer: ca. 75 Minuten

shifting_perspective
Idee: André Bücker, Konzept und Musikauswahl: Ricardo Fernando & Carla Silva, Choreographie: Tänzer*innen des Ballett Augsburg, Musik : Robin Rimbaud alias Scanner
Dauer: 45 Minuten

staatstheater-augsburg.de

 

 Kritikenrundschau

"Dem Theater gelingt mit diesem VR-Brillen-Lieferservice ein großer Coup," schreiben Rita Argauer und Klaus Kalchschmidt in der Süddeutschen Zeitung (1.5.2020) "Denn immerhin erschaffen die Künstler hier als erstes seit nun schon sieben Wochen wieder ein unbedingtes und physisch zwingendes Theatererlebnis. Dass z.B. das Ballettstück "so blendend funktioniert" hat aus Sicht der Kritiker*innen u.a. den Grund, dass er mit "einem normalen Theaterabend, so wie man ihn kennt und so wie man ihn vermisst", nicht mehr viel zu tun hat. "Denn die Perspektive ist eine völlig andere. Der Zuschauer sitzt virtuell in der Mitte der Bühne, das Bühnengeschehen findet um ihn herum statt." Ebenso beeindruckend finden die Kritiker*innen den Vekemans-Monolog, "weil der Schauspieler dem Zuseher, der am Ende gar eine Träne aus seinem rechten Auge fließen sieht, in jeder Hinsicht physisch wie psychisch äußerst nahekommt."

Erste Schneisen zur möglichen sechsten Theatersparte (neben Schauspiel, Oper, Ballett, Kinder- und Puppentheater) sieht Tom Mustroph in der taz (15.5.2020) geschlagen. Seine Anmerkungen zu den Augsburger VR-Formaten: Der Reiz bei "Judas", sich als Zuschauer*in nach eigenem Gusto im virtuellen Kapellen-Setting bewegen zu können und dabei Roman Pertl "bei der Verfertigung seines Verräter-Monologs zuzuschauen", lasse rasch nach, "weil 'Judas' kaum mehr ist als eine virtuelle Kopie des Bühnenmonologs". Mehr Zutrauen in die Möglichkeiten von VR offenbart für Mustroph "shifting_perspective": "Hier schweben Tänzerkörper am Betrachter vorbei, ihre Datenwolken vermischen sich. Der Raum allerdings bleibt statisch – eine gewöhnliche Bühne, auf der nur ab und an das Licht wechselt."

 

 
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