Schalt dich mal stumm!

von Sophie Diesselhorst

Berlin / Online, 28. April 2020. "Ich glaube, ich habe eine wichtige Wendung verpasst, kann jemand mir erklären, worum es geht?", fragt eine*r im Live-Chat, und ein*e andere*r antwortet kurz angebunden: "Es ist Kunst, Doug." Diesen Austausch kann man sich auch im Foyer irgendeines Theaters nach einer "normalen" Inszenierung von Forced Entertainment vorstellen. Aber die Theater und die Foyers sind bis auf weiteres geschlossen, die Gruppe musste die Proben zu ihrem neuen Stück im nordenglischen Sheffield im März abbrechen – und hat nach anfänglicher kreativer Lähmung die Konferenz-App Zoom als Bühne entdeckt, wie der künstlerische Leiter Tim Etchells in einer Programm-Heft-Notiz zu "End Meeting For All" erklärt. Dessen erste Folge hatte nun als Koproduktion des HAU Berlin, des Mousonturm Frankfurt und des PACT Zollverein Essen auf Youtube Premiere.

Befreiend albern

"End Meeting For All" hat drei Folgen, die ohne Unterbrechungen und Nachbearbeitung aufgenommen, aber nicht live gezeigt werden. Folge 2 kommt am 5., Folge 3 am 12. Mai. Die echte Live-Anmutung zur Zoom-Konferenz mit den Forced Entertainment-Performer*innen Robin Arthur, Tim Etchells, Richard Lowdon, Claire Marshall, Cathy Naden und Terry O'Connor besorgt also der Live-Chat auf Youtube, in dem die Zuschauer*innen sich um kurz vor neun zunächst gewaltig auf das bevorstehende Großereignis freuen und das Durcheinander der sechs über weite Strecken mehr gegen- als miteinander antretenden Performer*innen dann während des Streams noch verstärken, indem sie spitzfindige Fragen zu den Geschehnissen in den einzelnen Fenstern stellen, die im unmoderierten Chat meistens unbeantwortet verhallen. Sowohl auf der Zoom-Bühne als auch nebenan im Publikum ist die Stimmung unkonzentriert, unterspannt – und mitunter befreiend albern.

Bildschirmfoto 2020 04 28 um 21.03.09 1 560 c sophie diesselhorst"Turn off your phones": Screenshot © Sophie Diesselhorst
Forced Entertainment gehören zu den Pionieren des Theater-Streamings und haben sich schon lange vor Corona mit der Erweiterung des Theaterraums ins Netz beschäftigt, meisterhaft in der 2015 von den Berliner Festspielen und Nachtkritik live gestreamten Nacherzählung des Shakespeareschen Gesamtwerks "Complete Works". Die Erwartungen sind also hoch und werden  nun in "End Meeting For All" zunächst systematisch enttäuscht, wenn diese Zoom-Konferenz sich erst einmal vor allem Mühe zu geben scheint, sämtliche Zoom-Konferenz-Klischees der letzten anderthalb Corona-Monate zu versammeln: "Hat es schon angefangen?", fragt Tim Etchells, Richard Lowdon kommt zu spät, es klingelt der Lieferservice, es bellt ein Hund, und es wird parallel telefoniert und dabei vergessen, das Mikro auf stumm zu stellen.

Aus dem Fundus der Vergangenheit

Aus dieser naturalistischen Abbildung der Zoom-Realität versucht Claire Marshall sich nun offensiv zu befreien – mithilfe einer riesigen grauen Zottelperücke, die markieren soll, wie lange sie schon in Quarantäne lebt. Auch pocht sie darauf, "den Text" vorzutragen, "den Pocken-Text" – der mithin aus einer Prä-Corona-Zeit zu stammen scheint, wie auch das Skelett-Kostüm, das Richard Lowdon später anlegt, aussieht, als hätte es schonmal für Forced Entertainment auf der Bühne gestanden. Man schöpft aus dem Fundus der Vergangenheit und arbeitet mit dem, was im Home-Office herumliegt.

EndMeeting1 1 560 ForcedEntertainment uAction in allen Fenstern und dann klingelt auch noch der Lieferservice © Forced Entertainment
Claire Marshall scheitert indes mit ihren Kunstanstrengungen an der Technik. Das Publikum kann sie gut verstehen, wenn sie immer wieder neu zum Quarantäne-Lamento anhebt, aber in die Gesichter ihrer Mitperformer*innen schreiben sich Fragezeichen. "Schauspielerst Du? Oder hast du einfach einen komischen Tag?", fragt Cathy Naden besorgt. Die Verwirrung ist sowohl akustischer als auch ästhetischer Natur. Wie verzweifelt muss eine Heldin der Postdramatik sein, um zu schauspielern?

"Schauspiel muss von innen kommen"

"Ich bin sehr traurig", sagt aber plötzlich auch Cathy Naden, wie um diese Frage zu beantworten. Und fängt an, sich Wasser ins Gesicht zu werfen, um den Tränenfluss zu markieren. Schauspiel-Expertin Claire Marshall rät ihr, sich eine Zwiebel zu organisieren: "Schauspiel muss von innen kommen". Und Terry O'Connor, die sich bis dahin nur einen Gin nach dem anderen hinter die Binde gekippt hatte, flüstert als Schauspieltipp für Erwachsene ins Computermikro: "Gin macht dich sehr traurig." Da ist sie, die Verbindung! Immerhin kurz, immerhin zwischen den drei Frauen, während die drei Männer weiterhin vor allem damit beschäftigt sind, Mätzchen zu machen und sich auf dieser Zoom-Bühne noch nicht wirklich nach außen kehren können oder wollen.

"End Meeting For All" – "Dieses Meeting für alle beenden", der Zoom-Befehl aus dem Titel wird nach einer knappen halben Stunde ausgeführt. Es bleibt nach Folge 1 die Hoffnung, dass die Fortsetzungen sich nicht weiter an der technisch und metaphorisch schlechten Verbindung der neuen Zoom-Bühne aufhängen und mit der ein oder anderen guten Pointe zufrieden geben werden, sondern sich etwas energetischer aufmachen eine gute Verbindung zu suchen.


End Meeting For All
Konzipiert & entwickelt von Forced Entertainment
Regie: Tim Etchells.
Mit: Robin Arthur, Tim Etchells, Richard Lowdon, Claire Marshall, Cathy Naden, Terry O’Connor. Online-Premiere Episode 1 am 28. April 2020 (Episode 2 am 5. Mai, Episode 3 am 12. Mai).
Koproduktion: HAU Hebbel am Ufer (Berlin), Künstlerhaus Mousonturm (Frankfurt a.M.), PACT Zollverein (Essen)
Dauer: 25 Minuten, keine Pause 

www.forcedentertainment.com

 

Kritikenrundschau

"Die ebenfalls am Küchentisch sitzende Kritikerin hat den Verdacht, dass 'End Meeting For All' kein guter Einstieg ins FE-Universum ist. Im andern Fall aber folgt man dem Treiben der FEler wie dem lieber alter Bekannter", schreibt Sylvia Staude in der Frankfurter Rundschau (30.4.2020).

"Das läuft nicht so rund wie die bahn­bre­chen­den Büh­nen­ar­bei­ten der Bri­ten, auch wenn spür­bar ist, was sie mit dem Split-Screen-For­mat ver­su­chen. Da wird fal­sche Thea­tra­lik samt ge­roll­tem 'r' mit lei­ser Tra­gö­die ge­kreuzt, wenn mensch­li­che Be­rüh­rung fehlt und das einst so nor­ma­le Le­ben nur noch als fer­ne Er­in­ne­rung er­scheint", schreibt Eva-Maria Magel in der FAZ (30.4.2020). "Es sind sol­che Sät­ze, die Forced En­ter­tain­ment hin­le­gen wie kaum je­mand sonst." Der schlechte Ton allerdings trübe den Ge­nuss ent­schie­den. "Über die Form ei­nes di­gi­ta­len Thea­ter­pro­jekts zur La­ge müs­sen die sechs of­fen­bar doch noch et­was nach­den­ken. Es sind al­len­falls sehr lo­se Fä­den, die Tim Et­chells, Kopf der Grup­pe, mit we­ni­gen Wor­ten di­ri­giert."

Im Vergleich mit dem wenig später gestarteten "Zeitfüreinander" sei das traurig disparate "End meeting for All" das weitaus interessantere Projekt, so Doris Meierhenrich in der Berliner Zeitung (2.5.2020). Schon die erste Folge lege die vielen Spiel- und Antispiel-Stränge aus, "deren weiterer Verlauf völlig unvorhersehbar bleibt: das Trashige, Poetische, Alberne, Tragische."  Allerdings bleibe die die vermeintliche Vielfalt hinter den Screens "doch bedeutungslos, ja verschlossen".

Begeistert von den drei Teilen der Serie zeigt sich Kate Wyver im Guardian (14.5.2020). "End Meeting For All" erschöpfe sich nicht im Humor, welchen Forced Entertainment der Lockdown-Melancholie und den wirren Zoom-Konferenzen abgewönne. Vielmehr vermesse das Kollektiv das verlangsamte Chaos, das unser neues Normal kennzeichne: "But this is more than a neat parody. In a state of wired exhaustion, the participants map out the slow chaos of our new normal", so Wyver.

 
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