Ein politischer Mensch

Berlin, 14. Mai 2020. Der Schriftsteller Rolf Hochhuth ist am gestrigen Mittwoch in Berlin verstorben. Das melden diverse Medien unter Berufung auf seinen Herausgeber. Hochhuth wurde 89 Jahre alt. In der Nachkriegszeit war er einer der erfolgreichsten und umstrittensten deutschen Dramatiker. Er gilt als ein Wegbereiter des Dokumentarischen Theaters.

Rolf Hochhuth David Baltzer uRolf Hochhuth 2010
© David Baltzer/bildbuehne.de
Hochhuth wurde 1931 im hessischen Eschwege als Sohn eines Schuhfabrikanten geboren. Er absolvierte eine Lehre zum Buchhändler und trat 1955 als Lektor in den Bertelsmann-Verlag ein. Sechs Jahre später erschien mit "Der Stellvertreter" sein erstes Stück. Hochhuth thematisiert darin die Rolle des Papstes während der Nazi-Zeit und somit den Umgang der Deutschen mit ihrer Vergangenheit. Das Werk löste einen Skandal aus und machte Hochhuth auch international bekannt. Ab 1963 arbeitete er als freier Autor. Sein Werk umfasst neben Theaterstücken auch Erzählungen, Essays und Gedichte. Immer wieder schaltete sich Hochhuth in politische Debatten ein. Mit seiner Erzählung "Eine Liebe in Deutschland" (1978) löste Hochhuth eine Diskussion um den Baden-Württembergischen Ministerpräsidenten Hans Filbinger und dessen Vergangenheit als NS-Richter aus, in deren Folge Filbinger zurücktreten musste. Hochhuth verarbeite den Stoff auch in dem Theaterstück "Die Juristen".

Über die nach seiner Mutter benannten Ilse-Holzapfel-Stiftung war Hochhuth seit den 1990er Jahren Eigentümer des Berliner Theaters am Schiffbauerdamm, das er an die Berliner Kulturverwaltung vermietet hat, deren Untermieter das Berliner Ensemble ist. Wegen verschiedener Vertragsklauseln kam es immer wieder zu Konflikten zwischen Hochhuth, der Stadt Berlin und den Intendanten des Berliner Ensembles, allen voran Claus Peymann in den Jahren 1999 bis 2017.

(DLF / miwo)

 


Nachtkritiken zu Stücken von Rolf Hochhuth:

Sommer 14 in der Berliner Urania (8/2009)

Inselkomödie im Theater am Schiffbauerdamm (7/2010)

Gasherd und Klistiere am Jüdischen Theater Bimah (3/2011)

Der Stellvertreter am Münchner Volkstheater (1/2012)

Neun Nonnen fliehen im Goethe-Theater Bad Lauchstädt (9/2013)

Sommer 14 am Theater am Schiffbauerdamm (8/2014)


Presseschau

Als "Lautsprecher" und "Gewissenserforscher", der im Geiste Schillers, "das Theater als moralische und Belehranstalt" behandelte, stellt Willi Winkler den Dramatiker Rolf Hochhuth im Nachruf für die Süddeutsche Zeitung (14.5.2020) dar. "Verlässlich versorgte er sein Publikum mit offenen Briefen, prangerte vergangenes, verdrängtes und gegenwärtiges Unrecht an und betonte immer wieder, dass es ihm um den 'Menschen inmitten der Geschichte' gehe." Und: "Der laute Hochhuth machte das, was Politiker, Dichter, Historiker, Journalisten versäumt hatten: Er brachte das Unsägliche zur Sprache und zum Ausdruck."

Für Björn Hayer von der Zeit (14.5.2020) war Hochhuth "vielleicht neben Heinrich Böll und Günter Grass einer der letzten große politischen Autoren der Nachkriegsliteratur". Um "Sympathien" sei der "Grantler" Hochhuth "nie bemüht" gewesen. Aber er hatte ein "Gespür für Dunkelzonen und Verschlusssachen".

Den "leidenschaftlichen Moralisten, den unermüdlichen Aufklärer, den Zwischenrufer und Provokateur, der gegen Behördenignoranz und politische Willkür anging, gegen Geschichtsvergessenheit und die Arroganz der Mächtigen" schildert Ulrich Bumann im Nachruf für den Bonner General-Anzeiger (14.5.2020). 

Mit Hochhuth "verliert die Bühne einen Moralisten, wie es ihn heute nicht mehr gibt", schreibt Daniele Muscionico in der Neuen Zürcher Zeitung (14.5.2020). "Er wühlte in der ungeliebten Abraumhalde der (deutschen) Geschichte, sprach von der Würde des Einzelnen in den dunklen Momenten des 20. Jahrhunderts und verhandelte seine Thesen polemisch. Die Kritiker meinten sogar: mit erzählerischem Schwulst."

Jan Küveler lässt in der Welt (14.5.2020) den Dramatikerkollegen Heiner Müller über Hochhuth sprechen: "Ich möchte die Stücke von Hochhuth überhaupt nicht werten. Aber die Qualität seiner Stücke liegt doch in den Stoffen. Das ist eine journalistische Qualität." Und Küveler ergänzt: "Man könnte auch sagen: Hochhuths Kugelschreiber hatte ein Zielfernrohr."

In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung schreibt Simon Strauss (15.5.2020): "Im Grunde muss man Hochhuth in die französische Tradition der Intellektuellen einordnen, um seinem streitsüchtigen, bisweilen auch impertinenten Auftreten gerecht zu werden. Jener Typus frei von jeglicher Loyalität, kritisch gegenüber etablierten Autoritäten, spöttisch und jederzeit kampagnenbereit. Vom Stil her nicht abwägend akademisch, sondern entschieden schneidend, nur der Vernunft als oberster Richterin verantwortlich und von einer rücksichtslosen Respektlosigkeit gegenüber allen Repräsentanten des Obskurantismus (des 'Dunkelmännertums') durchdrungen."

"Rolf Hochhuth war die Moral im Alleingang. Ein Einzelgänger, der mächtige Institutionen das Fürchten lehrte", schreibt Rüdiger Schaper im Tagesspiegel (15.5.2020). Er sieht in dem Dramatiker einen Vorläufer des modernen Recherchetheaters von Rimini Protokoll bis Milo Rau, wobei Hochhuth nicht selbst inszenierte, sondern eher mit Regisseuren wie Einar Schleef bei der Uraufführung des Treuhandstücks "Wessis in Weimar" aneckte. "Es hat eine Tragik, dass der radikale Moralist Hochhuth radikalästhetischen Regieauffassungen misstraute", so Schaper.

"Rolf Hochhuth war ein Mann mit einer Mission. Das machte ihn vielleicht so resistent gegen Kritik", schreibt Petra Kohse von der Berliner Zeitung (online in der Frankfurter Rundschau 15.5.2020). "Er war ein gründlicher, geradezu manischer Rechercheur und seine Technik, dokumentarisches Material teilweise unbearbeitet in seine Texte zu übernehmen, hatte Anfang der 60er Jahre eine immense Wirkung." Kohse beschreibt Hochhuth als "Mann, der nach einer Gesichtslähmung in ganz jungen Jahren nie frei lächeln konnte, aber persönlich durchaus heiter und mit sich im Reinen war. Einer der sich sicher war, dass das Publikum auf seiner Seite stand und die Kritik irgendwo anders, wo es nicht interessiert. Ein Macher, ein Königsmacher seiner selbst."

In der taz (15.5.2020) schreibt Katrin Bettina Müller: "Allein sein Gespür für die kritischen Stoffe bedeutete nicht immer gut geschriebene Stücke. Dass größere Theater ihn nicht mehr spielen wollten, kränkte ihn. Er selbst ging unkalkulierbare Allianzen ein, als er etwa in Interviews den britischen Publizisten und Holocaust-Leugner David Irving zu verteidigen begann. Seinem politischen Instinkt war nicht mehr zu trauen."

Von Hochhuths "Ruf als stets wieseliger Störenfried und Ein-Mann-Guerilla" berichtet Wolfgang Höbel auf Spiegel online (14.5.2020). "Er war ein herzlich unbeholfener Gedichteschreiber, ein unermüdlicher politischer Streithammel – und ein international anerkannter, herausragender Schriftsteller der deutschen Nachkriegszeit."

"Hochhuth war nicht nur ein Chronist der Nazi-Zeit, der Bundesrepublik und des wiedervereinigten Deutschlands – er unterschied sich vom Historiker dadurch, dass er (wie Heinar Kipphardt es einmal formulierte) 'dem historischen Vorgang die Bedeutung für die eigene Zeit entreißen' wollte", schreibt Evelyn Finger in der Zeit (20.5.2020). "Seine Kritiker fanden Zeitstücke wie 'Wessis in Weimar' oder 'McKinsey kommt natürlich viel zu interventionistisch. Doch das Bleibende, also Literarische an all seinen Texten ist die Feier des Menschen, der seine Freiheit unter widrigsten Umständen bewahrt."

 

 
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