Erinnerung an den Sumpf

von Katrin Ullmann

Hamburg, 1. Oktober 2008. Eigentlich hat jeder eine. Und liebt sie wie keine andere, besucht sie oft, verbringt zeitvergessene Nächte, diskutiert sich heiser, philosophiert, trinkt, singt, tanzt. Es mag nach nassem Hund riechen, nach Klostein, zu viel Mensch und kaltem Rauch: Die Lieblingskneipe ist Rückzugsort und Ersatzzuhause, ist (über)lebenswichtig, unersetzbar und manchmal sogar Kult.

Zum Kult wird sie vor allem dann, wenn sie geschlossen wird. So erging es – und ergeht es leider noch immer – zahlreichen Hamburger Kneipen, denen nun ein nostalgisches "Weißt Du noch?" nachweht. So erging es auch der "Palette", einer Bar kaum hundert Schritte vom Gänsemarkt entfernt. In den fünfziger und sechziger Jahren war sie Zufluchtsort und Treffpunkt für alle jungen Wilden und solche, die es werden oder sein wollten. 1964 wurde sie – nach einer Razzia – geschlossen. Vier Jahre später schrieb ihr der Hamburger Autor Hubert Fichte (1935–1986) einen Roman und machte die Kellerkneipe spätestens damit zur Legende: "Komm mit mir in die Palette. Die kennst Du nicht? Das ist das tollste Lokal der Welt."

Wegtauchen unter Nierentischen

Jäcki, des Autors dünn getarntes Alter Ego, kommt fast jeden Tag hierher. In der "Palette" trifft er Gammler und Gauner, die Liebessüchtigen und Kokskranken, die Homosexuellen und Halunken, die Renaissancefürstchen, Dichter, Musiker und Schauspieler. Alle wollen sie etwas Großes werden, wollen wegtauchen unter den Gummibäumen und Nierentischen der fünfziger Jahre. Für Hubert Fichte, den Schauspielschüler, Landwirtschaftspraktikanten, Welt- reisenden und verkannten Schriftsteller, ist die "Palette" Schutzraum und Inspirationsquelle zugleich: Drei Jahre lange sammelt er hier Erlebnisse und Schreibmaterial.

Schorsch Kamerun, Popmusiker und Inhaber des "Golden Pudel Club", zeigte 2000 am Hamburger Schauspielhaus eine eher egozentrische "Palette"- Inszenierung. Nun hat Hartmut Wickert – gemeinsam mit dem Dramaturgen Benjamin von Blomberg – eine Bühnenfassung erarbeitet und sie am Thalia in der Gaußstraße aufgeführt. Genauer gesagt: in einer der Garagen des Theaterhinterhofes. Der Aufführungsort ist gut gewählt und ausgestattet. Anne Ehrlich hat den abgerockten Raum so zurückhaltend wie genau in drei Spielorte unterteilt. Eine Jukebox, ein paar Stehlampen mit Tütenschirm und Flicken- teppiche erinnern genauso an die fünfziger Jahre wie Wiebke Schwegmanns sorgfältige Kostüme.

Tripper-Lausi und die andren ...

Der Abschlussjahrgang des Schauspielstudiengangs der Theaterakademie gibt das skurrile, versoffene, polemisch-politische Inventar dieser Kneipe. Michael von Bennigsen-Mackiewicz, Andreas Bichler, Saskia Boden, Christiane Boehlke, Jule Dörries, Gunter Eckes, Karin Enzler, Hendrik Heutmann und Alisa Levin spielen den schwulen Jäcki, Jürgen mit der dreckigen Lache, die suizidale Anne, den Künstler Igor, den selbstherrlichen Reimar, den Tango tanzenden Karlo im Lamettakleid, die moralfreie Tripper-Lausi, die schwangere Heidi und noch viele mehr.

Mit Hochmut, Humor und großer Tragik geben sie die Verlorenen und Vergessenen der Gesellschaft. Mimen mit sanfter Geste und genauem Ton die verkannten Genies und hektischen Kokser und spiegeln dabei doch nur einen gut geschützten Mikrokosmos. Alle Figuren wollen sich mal umbringen, vermittels eines offenen Gashahns, einer hohen Brücke oder während einer Orgie, und wollen zugleich das Leben feiern, am allerliebsten eigentlich "aus Glück sterben".

... suchen Sinn und Selbst

Zwischen professionellen – etwas zu häufigen – Songeinlagen entwickelt Wickert mit dem jungen, absolut hochkarätigen Ensemble ein wildes Mosaik des Nachtlebens. In kurzen, auch mal chorischen Szenen erlebt man dabei keine pathetische Milieustudie, sondern eine lebenshungrige, wenn auch schwer versoffene und drogide Jugend auf der Suche nach dem Sinn und sich selbst.

Allein die schwangere Heidi überlegt vielleicht ein wenig zu lang, ob und mit welchen Stricknadeln sie abtreiben sollte, und auch ohne "Velvet Underground" hätte man ihr die Einsamkeit gut und gern geglaubt. Schließlich heiratet sie, genauso wie alle anderen. Die "Palette" ist geschlossen, das eigene Wohnzimmer eröffnet. Was bleibt ist die Erinnerung an den Sumpf, den gemeinsamen Absturz, die nicht enden wollende Nächte. Und die Erinnerung an einen spielfreudigen, sanft trashigen Abend mit neun bemerkenswerten (Jung)Schauspielern.

Die Palette
nach dem Roman von Hubert Fichte
Regie: Hartmut Wickert, Bühne: Anne Ehrlich, Kostüme: Wiebke Schwegmann.
Mit dem Abschlussjahrgang des Schauspielstudiengangs der Theaterakademie: Michael von Bennigsen-Makiewicz, Andreas Bichler, Saskia Boden, Christiane Boehlke, Julie Dörries, Günther Eckes, Karin Enzler, Hendrik Heutmann, Alisa Levin.

www.thalia-theater.de

 

 

 
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