logo_nachtkritik_klein.png
Drucken

Guck mal, ein Reh!

von Peter Schneeberger

Wien, 2. Oktober 2008. Der Weg eines Stückes auf die Bühne ist oft weit, doch selten so weit wie bei Anja Hilling. Die 33-jährige Berliner Autorin packt ihre Dramen mit Gemeinheiten derart voll, dass Regisseure daran eigentlich nur scheitern können. In "Schwarzes Tier Traurigkeit" (2007) beispielsweise, gestern aufgeführt am Wiener Schauspielhaus, manövriert sie einen VW-Bus auf die Bühne, veranstaltet einen Parforceritt durch die Gattungen der Germanistik und fackelt schließlich einen ganzen Wald ab, acht Menschen und 80 Tiere inklusive.

Doch Regisseur Tomas Schweigen denkt gar nicht daran, der Autorin zu geben, was sie verlangt: Die Inszenierung auf der weiß ausgemalten Kellerbühne des Schauspielhauses kommt ohne bombastischen Feuerzauber oder sonstige Theatertricks aus. Der 1977 in Wien geborene Regisseur flüchtet sich klug in die Stilisierung und beschert dem Publikum damit eine erstaunlich unangestrengte Umsetzung eines der wohl schwierigsten Stücke der vergangenen Jahre.

Tausendfüßler auf brüchigem Buchenblatt

"Ein Wald, ein Mischwald, Kiefer, Esche, Linde, Buche, auch Eiche, manchmal eine Weide", schreibt Hilling in ihrer ersten Bühnenbildanweisung vor. "Seit vierunddreißig Tagen wartete der Wald auf Regen. Sein Warten macht ihn bunter, lauter, schöner. Kriechen des Tausendfüßlers auf brüchigem Buchenblatt, Klappern des Käferpanzers." Bei Schweigen treten die Schauspieler in Overalls auf die Bühne, verlesen die lyrische Regieanweisung – und greifen anschließend zu den Farbkübeln: Paul, Miranda, Martin, Jennifer, Oskar und Flynn, die sechs Protagonisten des Abends, malen sich ihren Wald ganz einfach an die Wand.

Die sechs Großstädter sind zum Picknicken und zum Zelten in den Wald gefahren. "Guck mal", ruft Miranda aus, "ein Reh." – "Da", schreit Martin, "die Sonne im Baum." Dass Hilling Banalitäten zelebriert, ist kein sonderlicher Coup: Seit Jahren hat das deutsche Gegenwartstheater für seine Figuren nur noch Sprachlosigkeit übrig. Erstaunlich hingegen ist, wie Hilling die Trivialität mit wildem Formenreichtum kompensiert.

"Schwarzes Tier Traurigkeit" ist ein frecher Bastard aus Prosa, Lyrik und Drama, wechselt mühelos zwischen direktem und indirektem Sprechen und baut nebenbei auch noch einen der wohl schönsten Songs von Elvis Presley ein: Flynn (Vincent Glander) singt "Always on my mind" derart anrührend und schlicht, als wäre das eine Kleinigkeit.

Die Katastrophen, mit denen du gerechnet hast

Die Handlung bis zur Pause: Über die schlafenden Städter bricht die Katastrophe schlechthin herein. Der Wald hat Feuer gefangen, Mirandas Baby Gloria ist in den Flammen verkohlt, Jennifer kommt mit brennenden Haaren zu sich und Oskar, der Maler, verliert in dem Inferno seine rechte Hand. "Du denkst zurück", schreibt Hilling. "An die Katastrophen, mit denen du gerechnet hast. Ein Überfall im Park, ein Autounfall, HIV, Lungenkrebs. Du erinnerst dich an deine Reaktion, der Schreck im Körper, den Druck im Magen. Aber dann, wenn sie da ist, die Katastrophe, wenn die Grenze zum Tod endlich in messbarer Entfernung liegt, kein Schrecken, keine Wut mehr, nichts davon. Nur die Ruhe."

Anja Hilling hat eine Etüde über die Traurigkeit geschrieben, und mit dem zweiten Akt ist ihr eine der eindrucksvollsten Katastrophenschilderungen des Gegenwartstheaters überhaupt gelungen. Hochartifiziell lässt sie die Schauspieler den Bühnenvorgang selbst beschreiben - ausgerechnet in jenem Moment, in dem das Theater szenisch versagen müsste, greift es erfolgreich auf seine urtümlichste Technik zurück: das Erzählen.

Regisseur Tomas Schweigen lässt seine Schauspieler an der Rampe Platz nehmen und der Reihe nach vortreten. Mit wenigen Gesten schildern sie die Tragödie und verlegen die Handlung damit von der Bühne in den Kopf des Zuschauers. Die fatale Schwäche von Hillings Stücke vermag freilich auch dieser Regie-Trick nicht zu kompensieren: Den Charakteren fehlen griffige Konturen. Hillings Personal ist flach.

Performance ersetzt Krisenauslotung

Natürlich hat Hilling erst gar nicht im Sinn, ihren Gestalten psychologisch auf den Grund zu gehen. Natürlich dokumentieren Jennifer, Miranda und Paul schon allein mit ihren erbärmlich banalen Namen das Ende des Individuums. Natürlich ist es hochgradig symbolisch, dass die Liebespaare an der Katastrophe in "Schwarzes Tier Traurigkeit" bloß zugrunde gehen, anstatt kathartisch geläutert daraus hervorzugehen. Doch genau darin liegt der unauflösbare Widerspruch des Stücks: Hilling will von tiefen Krisen erzählen, bleibt aber an der Oberfläche einer allgemeinen Symbolik kleben.

Am Ende von "Schwarzes Tier Traurigkeit" verwandelt der Maler Oskar sein Trauma in Kunst: Er gestaltet eine Installation über den erlebten Schrecken. Hier setzt Regisseur Schweigen an: Er inszenierte den Abend von seiner ersten Szene an als Performance-Aufführung. Die Bäume, die Oskar an die Wand malt, sind jene Bäume, die die Schauspieler am Anfang an die Rückwand des Schauspielhauses gepinselt haben. So gelingt Schweigen nicht nur ein smarter Kunstgriff, sondern er verleiht der Inszenierung auch jene Künstlichkeit, auf der Hilling ihr Drama gegründet hat.

Das Wiener Schauspielhaus wurde für seine vergangene Saison von "Theater heute" unter die besten Theater des deutschsprachigen Raumes gereiht. Mit seiner einheitlich guten Leistung hat das Schauspielensemble an die Leistung des Vorjahres nahtlos angeknüpft. Man könnte also sagen: Neues Spiel. Neues Glück.


Schwarzes Tier Traurigkeit (ÖEA)
von Anja Hilling
Regie: Tomas Schweigen.
Mit: Peter Ender, Vincent Glander, Steffen Höld, Katja Jung, Nicola Kirsch, Max Meyer.

www.schauspielhaus.at


Mehr über
Anja Hilling erfahren Sie in den Kritiken zu ihrem Stück Nostalgie 2175, das Rafel Sanchez im April in Hamburg uraufführte und zur Schweizter Erstaufführung von Mein junges idiotisches Herz im Januar in Zürich. Die Uraufführung von Schwarzes Tier Traurigkeit fand im Oktober 2007 in Hannover statt.


Kritikenrundschau

Nicht ganz froh ist Margarethe Affenzeller in der Wiener Tageszeitung Der Standard (3.10.2008) mit dieser Aufführung geworden. Denn schon die Vorlage hat aus ihrer Sicht mit dem Problem zu kämpfen, dass die darin verhandelten Erschütterungen und Katastrophen nicht wirklich glaubhaft werden. Anja Hillings Stück gebe zwar vor, "Menschen vorzuführen, die bis ins Innerste erschüttert werden". Die "souveräne Oberfläche" des Dramas aber steht für die Kritikerin einer Tiefenschärfe im Weg. So bleiben die Charaktere für sie "unausgelotet", und so kommt auch der Plot "über eine distanzierte Versuchsanordnung nicht wirklich hinaus". Dies Problem löst sich für sie auch durch die Inszenierung nicht, die aus Affenzellers Sicht nur an einem Moment so etwas wie "tragödische Tiefe" aufkommen läßt.

Furios hingegen findet ein mit "bp" kürzelnder Kritiker in der Wiener Tageszeitung Die Presse (3.10.2008) den Abend, der ihm unter die Haut ging, "ohne sentimental zu sein". Das liegt allerdings weniger am Stück selbst, das diesen Kritiker mit seiner routinierten Modernität und seinen Dramen aus der kreativen Mittelschicht allein nämlich nicht hinter dem Ofen hervorlocken würde, sondern an den Schauspielern, die in der Regie von Tomas Schweigen so hinreißend findet, dass er sagen muss: "neben dem Burgtheater mit seinen tollen Ressourcen, erweist sich das Schauspielhaus wieder einmal als die derzeit beste Bühne Wiens."

Einigermaßen zufrieden zeigt sich Petra Rathmanner in der Wiener Zeitung (3.10.2008) mit dieser Inszenierung. Die Regie vertraue auf den fast durchweg starken Text. Allerdings sei der drastische, vor Emotionen überqellende Abend "nichts für schwache Nerven". Auch ist die Dreiteiligkeit der Vorlage mit ihren unterschiedlichen Ton- und Stimmungslagen für die Rezensentin nicht unproblematisch. Doch gelingt es dem "dem großartigen Schauspielhaus-Ensemble" sowohl, hier stets die Spannung zu erhalten, als auch manche Schwäche der Vorlage zu überbrücken.