In der Hölle grasen Einhörner

von Elena Philipp

Bochum | Online, 19. Mai 2020. Mit "Homestories" belieferte das Schauspielhaus Bochum sein Publikum während des Corona-Shutdowns früh frei Haus, reihte Lesungen, Backanleitungen und Songs in eine Playlist. Nachgelegt haben Johan Simons und Crew jetzt mit einem ästhetisch ambitionierten, künstlerisch kuratierten und professionell produzierten Format: den "Bochumer Short Cuts". 14 Autor*innen schrieben szenische Miniaturen für die 30 Ensemblespieler*innen – Elfriede Jelinek für Sandra Hüller, Roland Schimmelpfennig für Marina Galic und Jens Harzer, Sibylle Berg für Elsie de Brauw, um nur einige zu nennen. Ibrahim Amir schrieb mit, Björn Bicker, Katja Brunner, Michel Decar, Thomas Köck, Anne Lepper, Bonn Park, Akın Emanuel Şipal, Gerhild Steinbuch, Miroslava Svolikova und Sivan Ben Yishai. Bis zur Sommerpause veröffentlicht das Schauspielhaus auf Youtube jeweils dienstags, donnerstags und samstags um 19:30 Uhr eine neue Folge. Und nachtkritik schaut zu.

Folge 1 – "Wie es Euch Algorithmus" von Bonn Park

Mehl rieselt. "Heute zeige ich euch, wie man aus einer Wohnung ein richtig leckeres Gericht macht", ertönt aus dem Off die Stimme von Mercy Dorcas Otieno. "Es ist ganz einfach. Dazu reibt ihr erstmal alles mit Mehl ein. Einfach alles!" Bilder aus Yogatutorials zucken auf, flüstern von Entspannung. Gemahlenes stäubt, und die fröhlich klingende Parodie eines Youtube-Kochkanals gewinnt tragische Fallhöhe: Mercy Dorcas Otieno, im schwarzen Kleid, liegt reglos auf dem Boden, unter einer dünnen Schicht weißen Staubs, als sei sie Antigones Bruder Polyneikes.

Dunkel wird der Klang von Bonn Parks Text, wenn sich die Spielerin in der nächsten Einstellung das Mehl von den Lippen pustet, die Brille abnimmt – und ein Paar seeschwarzer Augen aus dem Weiß glänzen, durch den Screen beinah hindurch: "Verreibt es auch gründlich auf der ganzen Zeit, die ihr mit Sinn, Fortschritt und Heiterkeit füllen wollt, und auf die wenigen, unangenehmen und blitzartig erscheinenden Augenblicke, in denen ihr denkt, ihr seid schon tot." Ritualhaft wirkt das Geschehen, und in der Soundspur schrillen Schreie, wenn Mercy Dorcas Otieno nach einem wild-fröhlichen Tanz im Wolken sprühenden Weiß zu Boden sinkt. Wie ein Opfer in dem Splattermovie, das Bonn Parks Text imaginiert.

Digital ist enger

Tragikomisch geht es zu in der ersten Folge der Bochumer Short Curts, Ausgelassenheit kippt ins Abgründige und wieder zurück. Irren wir nicht alle derzeit durch unsere Leben wie Shakespeares Verbannte im Wald von Arden?, scheint der schick-rasant geschnittene Clip zu fragen. Das Prinzip "Wie es uns gefällt" ist allerdings passé, legt Bonn Parks Titel nahe, leben wir doch im digital definierten Raum, in dem eine Handlung nach vordefinierten Schritten abläuft.

BochumerShortCuts I BonnPark 2 ScreenshotMercy Dorcas Otieno und Dominik Dos-Reis © Screenshot Youtube

Immerhin ist die Stimmung gut im Netz, das Mercy Dorcas Otieno und Dominik Dos-Reis zu Beginn betraten ("Tor bitte stets geschlossen halten!" warnt ein Zettel am Eingang). Eine Insta-taugliche Party wartet auf die beiden, den Hygienebedingungen genügend ist sie im Split Screen montiert. Vielleicht ist das auch gar nicht das Internet, sondern ein Dante’sches Inferno, das sie durchschreiten?

Teenager zünden Altersheime an

"Ich weiß, dass alle Lügner sind", tönt es in der zweiten Szene, "Coole Verschwörungstheorien auf Youtube". Dominik Dos-Reis bestreitet sie als Solo. Epimenides Paradoxon scheint auf in dem verbalen und gedanklichen Social-Media-Müll, mit dem der Spieler auch im Bilde kämpft: Durch Container voll Elektroschrott hangelt er sich und kündigt uns Zuschauenden an, sein Herz herauszureißen, "damit ihr alle die Wahrheit sehen könnt". Eine Selbstopferung für die Allgemeinheit? Oder doch maximale Selbstdarstellung, um Likes, Klicks und Sponsoren zu generieren? Das Blut quillt ihm jedenfalls nicht aus der Brust, sondern es tropft ihm aufs Gesicht: "Teenager auf der ganzen Welt haben Altenheime angezündet", heißt es dazu aus dem Off, "weil sie Ängste aus der Hölle haben, dass sie ihr ganzes Leben zu Hause verbringen werden oder zumindest die schönsten Jahre". Weil diese Dystopie aber nicht auszuhalten ist, begegnet ihr Dos-Reis mit Ekstase und zwanghafter Fröhlichkeit; im Text ploppt Kitschiges auf – "kühle Brisen, saftige Wiesen und Einhörner".

Eine neunminütige Achterbahnfahrt. Zu ihrem Abschluss inszenieren die beiden Spieler*innen – er weiß gekleidet, sie schwarz, binär codiert in diesem "Internetspiel für zwei Personen" – eine spektakuläre Film-Trope: den (Achtung, Spoiler Alert!) Unflinching Walk. Hell, yeah! Fortsetzung folgt.

 

Bochumer Short Cuts
Wie es Euch Algorithmus
Szenische Miniatur von Bonn Park (Folge 1)
Regie: Johan Simons, Gesamtkonzeption und Dramaturgie: Angela Obst, Produktionsleitung: Anna Stiepani, Filmregie: René Jeuckens, Kamera: Alexander Kunissen, Ismail Khudida, Maria Koltschin, Charlotte Hafemeister
Mit: Dominik Dos-Reis, Mercy Dorcas Otieno
Premiere am 19. Mai 2020 (online)
Dauer: 9 Minuten

https://www.schauspielhausbochum.de

 

 
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