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Das Knie beugen vor Jesus?

Berlin, 30. Mai 2020. Die Aufsetzung des christlichen Kuppelkreuzes hat neuerlich Kritik am Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses und am Humboldt Forum, das der Bau beherbergen soll, ausgelöst. Grund ist die Inschrift an der Kuppel, in der der Autor, Preußenkönig Friedrich Wilhelm IV., 1853 einen christlichen Vormachtsanspruch formuliert: "Es ist in keinem andern Heil, ist auch kein anderer Name den Menschen gegeben, denn in dem Namen Jesu, zur Ehre Gottes des Vaters. Dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind." Weder Kreuz noch Inschrift waren in den ersten Entwürfen des Nachbau-Architekten Franco Stella vorgesehen, sie wurden durch die Spende einer Industriellenerbin unter Zustimmung der Stiftung Humboldtforum möglich, wie die Frankfurter Rundschau schreibt.

Widerspruch zur Gleichwertigkeit aller Kulturen

Kritiker sehen in dieser Inschrift neuerlich den Widerspruch des Baus mit der intendierten Funktion des Humboldt Forums, die Weltkulturen miteinander in den Dialog zu bringen, aufbrechen. Berlins Kultursenator Klaus Lederer (LINKE) wird in der Stimmensammlung des Humboldtforums zitiert. Die "Alleinstellung", die sich in Kuppel und Inschrift ausdrücke, "konterkariert nahezu alles, was wir mit dem Humboldt Forum wollen: Zeigen, wie mehrdeutig, vielfältig, verschlungener, breiter und tiefer unsere Wurzeln tatsächlich sind. Ganz im Sinne der Namenspaten, ganz im Sinne von Humanismus und Aufklärung – und der Gleichwertigkeit aller Menschen und Kulturen."

Der Vorsitzende des Deutschen Kulturrats Olaf Zimmermann twittert: "#Humboldtforum mutiert zum #PreußenForum (…) Ich bin entsetzt! Das Kuppel-Kreuz war schon grenzwertig, aber die Umschrift geht nicht."

Ehrlichkeit und Problematik der Rekonstruktion

Verteidiger*innen des historistischen Wiederaufbaus der Kuppel samt ihrer Inschrift verweisen auf die Entscheidung für eine originalgetreue Rekonstruktion dieses Bauelements. Für Kulturstaatssekretärin Monika Grütters (CDU) steht das Kuppelkreuz als christliches Symbol "für Nächstenliebe, Freiheit, Weltoffenheit und Toleranz" und damit für "die Grundhaltung des Humboldt Forums" und seine "Einladung", die "unterschiedlichen Kulturen kennenzulernen, die im Humboldt Forum ihren Platz finden." Auf rbb|24 sagt die Kulturstaatssekretärin zugleich: "Die Inschrift ist natürlich problematisch und atmet einen monarchischen Geist, von dem wir uns nicht nur in jeglicher Form heutzutage distanzieren, sondern die einmal mehr ein Schlaglicht darauf wirft, was wir überwunden haben und wie glücklich wir mit der heutigen Demokratie sein können."

Für den ehemaligen Präsidenten der Humboldt-Universität Christoph Markschies gelten Kuppel und Inschrift als "Ausstellungsstücke", die der "Auseinandersetzung mit unserer eigenen Geschichte" dienen, wie er im Interview mit der Berliner Zeitung sagt. "Für mich gehört es auch zur Ehrlichkeit dieser Rekonstruktion, dass man das Problematische der christlichen Theologiegeschichte zeigt."

Aiman Mazyek, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland, gibt in der Deutschen Welle seine Unterstützung für diese Position: "Das Kreuz auf der Kuppel gehört als kulturelles und historisches Erbe dazu, und ich empfinde dabei kein Gefühl des Störens, zumal man diesen Kontext nicht verschleiern oder zwanghaft abschaffen soll."

(fr.de / humboldtforum.org / rbb24.de / berliner-zeitung.de / dw.com / chr)


Das Humboldt Forum richtet auch ein Veranstaltungsprogramm ein, zu dessen Programmleiter 2019 der ehemalige Karlsruher Chefdramaturg Jan Linders berufen wurde.


Presseschau

"Kreuzweise blamiert" habe man sich mit dem Kuppelkreuz und seiner Inschrift, kommentiert Andreas Kilb in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (29.5.2020). Der Kupelbau "vergiftet die ohnehin ideologisch aufgeladene Atmosphäre um das Weltkulturenmuseum des Bundes erst recht. In Zukunft werden es die Postkolonialen noch leichter haben, das Forum als Beutekammer europäischer Räuberstaaten zu brandmarken. Sie müssen sich nur vor den Eingang stellen und nach oben zeigen."

Im Berliner Tagesspiegel (29.5.2020) gibt Bernhard Schulz eine Chronik des Streits um die Kuppel des Berliner Stadtschloss.

"Wären Kreuz und Inschrift erhalten, wären sie herausragende Symbole des preußischen Staatschristentums. Keiner würde die Abnahme verlangen, allenfalls eine Kommentierung. Jetzt aber wurden sie nachgebaut, und ein Nachbau ist immer die Folge einer Auswahl dessen, was die Nachbauer als wichtig betrachten." So kommentiert Nikolaus Bernau die Kuppelerrichtung in der Frankfurter Rundschau (26.5.2020) und verweist auf die nachträgliche Hinzufügung von Kreuz und Inschrift gegenüber ersten Entwürfen des Kuppelneubaus, dank einer Industriellenspende.

"Es ist doch erstaunlich, wie ausdauernd die Architektur eines alten Gebäudes als produktive Reibungsfläche zu dienen in der Lage ist", kommentiert Susanne Messmer in der taz (26.4.2020) und sieht das Humboldt-Forum wie bereits zuvor bei der Kreuz-Diskussion von der Kritik profitieren: Denn "je mehr Kritik" an dem Gebäude "laut wurde – von mangelnder Reflexion der deutschen Kolonialgeschichte bis hin zu fehlender Provenienzforschung –, desto interessanter wurden auch die Veranstaltungen und Ausstellungen, die schon vor Fertigstellung der Ausstellungsräume aus dem Haus kamen."

Als "Missgriff" stuft Jens Bisky von der Süddeutschen Zeitung (22.5.2020) die "symbolisch bedeutsamen Bauteile", die, "um eine königliche Formulierung zu variieren, den Ludergeruch der Reaktion verströmen", ein. Eine historische Rekonstruktion sei der gesamte Schloss-Nachbau nur bedingt, insofern werde an der Auswahl des Nachgebauten deutlich, "wie viele Einzelentscheidungen falsch und ohne große öffentliche Diskussion gefällt worden sind".