Im Herzen der Gewalt" adaptiert nach Édouard Louis von Jan Czapliński

inszeniert von Ewelina Marciniak

18. Juni 2020. Weil die Theater erst allmählich wieder Türen, Tore und Bühnen öffnen, stellt nachtkritik.de noch bis Juli einen digitalen Spielplan aus Mitschnitten von Inszenierungen zusammen: Am 20. Juni um 20 Uhr zeigten wir "Im Herzen der Gewalt" nach Édouard Louis, inszeniert von Ewelina Marciniak am Fredro Theater im polnischen Gniezno. Es handelt sich um ein digitales Gastspiel im Rahmen des Festivals "Radar Ost Digital" am Deutschen Theater Berlin.

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Auf der Webseite des Deutschen Theaters heisst es zur Inszenierung:

Mit seinem autobiographischer Debütroman Das Ende von Eddy wurde Édouard Louis zum literarischen Shootingstar weit über Frankreich hinaus. Sein zweiter Roman Im Herzen der Gewalt erschien 2016 und wird in Polen wahrscheinlich anders als in Frankreich rezipiert, wo die zufälligen Begegnung zwischen Édouard, der sein Dorf verlässt, um in Paris ein neues Leben zu beginnen, und Reda, dem Sohn eines Flüchtlings algerischer Herkunft, andere historische und politischen Konnotationen besitzt. Die Wege, die zu dieser Begegnung sind lang: es sind die des Kolonialismus, eines brutalen Krieges, des Ghettos, des erfolglosen Assimilationsprozesses, der schreienden Chancenungleichheit. Es sind verminte Wege, leicht entzündbar – und so geschieht es auch. Aber es geht um mehr. Louis verweigert sich aller trennenden Zuschreibungen und sucht verzweifelt nach einem Weg, seine "wahre" Geschichte zu erzählen. Er ringt darum, jenseits von vereinfachenden sozio-politischen Kategorien die Deutungshoheit über sie zu behalten. Dazu muss er sich jedoch dem Kampf mit sich selbst stellen – die Geschichte der Gewalt ist das Protokoll dieser Auseinandersetzung. Es ist der zerrissene, chaotische Versuch, den eigenen Überzeugungen treu zu bleiben, auch wenn dies bedeutet, Zeugnis abzulegen gegen die eigenen Gefühle und Verletzungen. Es ist ein schwieriger (und beeindruckender) Kampf um eine faire Geschichte. Ausgangspunkt für dieses narrative Universum ist jedoch etwas, das in Polen emotional und politisch hoch brisant besetzt ist: homosexuelle Romantik. Und Vergewaltigung.

Und vielleicht ist es unmöglich die Geschichte von Ludwig in Polen zu erzählen – und deshalb sollte sie erzählt werden. In einem Land, das an einem Punkt angelangt ist, an dem jede Abweichung von der strengen Identitätsnorm mit staatlich sanktionierter Stigmatisierung verbunden ist. Wie zeigt sich das? Umfragen zu sozialen Ängsten belegen, dass jeder dritte Mann in der Altersgruppe der 18- bis 39-Jährigen vor allem Angst vor "Gender-Ideologie" hat – mehr als vor einer Klimakatastrophe (sic!), einer ineffizienten Gesundheitsversorgung oder einem wachsenden Nationalismus. In Frankreich hingegen, so Louis, sei die sexuelle Orientierung kein Grund mehr für Anfeindungen. Das bedeutet jedoch nicht, dass der Hass verschwunden sei – er richtet sich jetzt gegen Migranten. Das Frankreich aus dem Roman ist also ein Land, das einerseits sehr weit entfernt von Polen ist und andererseits zu nahe.

 

Es handelt sich um ein digitales Gastspiel des Fredro Theatre Gniezno/Polen im Livestream. Es findet im Rahmen des Festivals Radar Ost Digitalstatt, das von 19. bis 21. Juni im virtuell duplizierten Deutschen Theater Berlin stattfindet.

 

Im Herzen der Gewalt
frei adaptiert nach Édouard Louis von Jan Czapliński
Regie / Bühnenbild: Ewelina Marciniak, Bühnenbild: Grzegorz Layer, Kostüme: Natalia Mleczak,  Live-Musik: Wacław Zimpel, Licht: Mirek Kaczmarek
Mit: Michał Karczewski, Oskar Malinowski, Piotr Nerlewski, Roland Nowak, Martyna Rozwadowska, Dominik Rybiałek

teatr.gniezno.pl
www.deutschestheater.de

 

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