Rohöl tropft von den Fingern

von Michael Wolf

23. Juni 2020. Am Wochenende habe ich den Bewerb um den Bachmannpreis verfolgt. Einer der (unprämierten) Texte lässt mich seither nicht los: Levin Westermanns "und dann". Es ist ein Klageruf, eine Aufzählung dessen, was der Erzähler von seinem Platz auf einem Rattanstuhl im Wintergarten aus beobachtet: eine Katze, deren Nachwuchs "human entfernt" wurde, ein eingesperrter Pfau, ein brennender Regenwald, ein namenloser Präsident in der Zeitung, der unschwer als Donald Trump zu erkennen ist: "seit 2015 stiehlt er die zeit / er schuldet mir: zeit".

Das ich und die Welt

"und dann" ist eine einsame Litanei. Westermanns Erzähler kann sich nicht helfen, kann niemandem helfen. "und ich weiss / dass ich mitschuldig bin / im rattanstuhl die hüfte schonend / ich weiss / dass das rohöl / von den fingern / dass es tropft". Der Rhythmus ähnelt einem religiösen Mantra. Hier leidet jemand nicht einfach, hier leidet jemand für einen höheren Zweck: "aber was kann man tun / was ist zu tun / frage ich die schafe / denn ich kann nicht so tun / als sei da nicht die welt".

Ich halte den Text für hochpolitisch, aber anders politisch als das meiste, was es an politischer Literatur und vor allem an politischem Theater gibt. Anders, weil es hier nicht um eine Aussage geht, nicht um die Beschreibung eines Missstandes, nicht um eine Handlungsempfehlung, nicht um eine Forderung oder die vielzitierte Hoffnung, das Publikum könnte am Ende anders über ein Thema denken.

Derartige Kunst ließe sich ohne Weiteres durch politische Bildung ersetzen. Nein, bei Westermann sitzt das Politische tiefer. Es steckt ganz sicher nicht in der eher plump erscheinenden Anklage gegen Donald Trump. Es ist nicht der Inhalt, es ist das Konstatierende des Textes, die Aufzählung; es ist die Form, die das Politische birgt.

Politische Kunst!

Das Lapidare, der teils naiv erscheinende Stil des Textes, das gekünstelt einfache Vokabular und das Verharren auf einer rohen Beschreibungsebene erinnern an ein Programm Ilse Aichingers. In ihrem Text "Schlechte Wörter" von 1976 verkündete sie, fürderhin nicht mehr die am besten beschreibenden Ausdrücke zu verwenden, sondern die dritt- oder noch lieber viertbesten. "Ich bin auch bei der Bildung von Zusammenhängen vorsichtig geworden (…) Niemand kann von mir verlangen, dass ich Zusammenhänge herstelle, solange sie vermeidbar sind. Ich bin nicht wahllos wie das Leben ..."

Westermanns Ich existiert in diesem Programm, als ein solches Programm. Es zählt auf, benennt, verzweifelt über das Gesehene, aber es fügt nichts davon zusammen oder gar zu einem Ganzen.

Was die Welt zusammenhält

"und was die welt / im innersten zusammenhält / ist fraglich / was die welt zusammenhält / ist fraglich und geheim", zitiert Westermann als Refrain den Faust. Es klafft eine Leerstelle zwischen allem, was sein Ich sieht, das "und" trennt die Dinge mehr, als dass es sie verbindet. Auf diese Leerstelle will der Text hinaus.

Westermanns Erzähler beklagt den fehlenden Zusammenhang, vermisst schmerzlich einen Sinn, muss ihn aber auch verweigern. Man darf diese Zurückhaltung als politische Geste verstehen, eine Nicht-Geste, die im Leiden verharrt, um bloß nicht mitzumachen beim Schlachten und Feuerlegen.

Etwas profaner lässt sich der Text auch als literarischen Kommentar zur politischen Diskussion verstehen. Längst ist das politische Bekenntnis Teil der eigenen Profilbildung. Wer für das Richtige ist, darf auf Jubel hoffen, wer das Böse lächerlich macht, bekommt Likes.

Anschauen, anschauen

Westermanns Ich aber will nicht profitieren von der Schlechtigkeit der Verhältnisse, zumindest das nicht. Damit ist – mit Adorno – noch kein richtiges Schreiben im falschen erreicht. Es ist nicht richtig, weil es ja keinen Ausweg weist. Im Gegenteil, das Ich steigert nur den Schmerz, weil es genau diesen Ausweg verweigert: aus dem Schlimmen noch etwas für sich herauszuholen. Hier ist die Verzweiflung komplett. Der Text ist politische Kunst, die nicht meint, sich nicht erhebt oder ironisiert, sondern auffordert, überhaupt erst mal die Welt anzusehen, wie sie (nicht gut) ist. Westermann stellt den Blick scharf.

 

Michael Wolf, Jahrgang 1988, ist Redakteur bei nachtkritik.de. Er mag Theater am liebsten, wenn es schön ist. Es muss nicht auch noch wahr und gut sein. 

 

Zuletzt sah Michael Wolf beim Theater vor allem die Defensive am Werk.

Kommentare

Kommentare  
#1 Kolumne Wolf: Politik-BegriffPaul Tostorf 2020-06-26 23:19
Dem Rezensenten fehlt ein Begriff von "Politik", also auch "politischem".
Nicht alles, was sich auf Gesellschaft bezieht, ist "politisch". Politik ist ein Ausdruck von Herrschaft. Politik ist die Vorbereitung und autoritativ verfügte Herstellung gesamtgesellschaftlich verbindlicher Entscheidungen. Und darum geht es im Text von Levin Westermann nicht.
#2 Kolumne Wolf: gestörte WeltwahrnehmungEliza 2020-06-27 09:42
#1: Wow! Endlich weiß ich, was Politik ist! Ich dachte immer, Politik ist das Handeln innerhalb und zum Wohle der Polis. HANDELN, nich reden oder plakatieren. Insofern leben wir in lausig unpolitischen Zeiten - Endlich weiß ich, dass ich das lediglich falsch empfinde, gestörte Weltwahrnehmung und so, vielleicht steht auch nur eine Liebe im Türrahmen, die einem vermeintlich immer die Sicht in und auf die Welt versperrt...
#3 Kolumne Wolf: Absicht und WirkungPaul Tostorf 2020-06-28 00:07
Vielleicht, liebe Eliza, kriegen wir in dem gegebenem Rahmen noch die Bausteine zum Politik-Begriff zusammen. Anders als Sie definieren, ist „Politik“ nicht auf „das Handeln innerhalb und zum Wohle der Polis“ beschränkt. Zu „Politik“ gehören auch das Vorbereiten und Entscheiden von Handlungen und diese brauchen gar nicht auf das „Wohl der Polis“ beschränkt sein. Wer bewertet das? So gehören auch Kriegserklärungen, militärische Interventionen, schlicht und grob die Gestaltung der Auswärtigen Beziehungen zur „Politik“.
Im theatralen Diskurs, in dem wir uns hier bewegen, schwirrt auf vielerlei Tun und Sagen die Behauptung, das sei „politisch“. Daher will ich noch ergänzend bemerken: Nicht alles, was sich „politisch“ nennt oder so bezeichnet wird, verdient diese Bezeichnung. Inszenierungen mit einem auf die Gegenwart bezogenen gesellschafskritischen Akzent sollten als zeitgeschichtliches Theater bezeichnet werden. Zeitgeschichtliches Theater kann politisch sein, es ist jedoch nicht per se.
Ein solches künstliches Bühnengeschehen kann Politik beinhalten, es kann politisches Theater sein und es kann politisieren. Das muss also unterschieden werden: Aufführungen mit Politik, politisches Theater und politisierendes Theater. Oft wird schon jede gesellschaftskritische Aussage der Akteure in der Handlung als „politisch“ bezeichnet und bewertet. Stücke und ihre Aufführung können von Politik handeln, oder sie berühren, wie manche Stücke aus dem Kanon, z.B. eine Aufführung von Shakespeares „Julius Caesar“, Schillers „Wallenstein“, Goethes „Egmont“, Ibsens „Volksfeind“ oder Brechts „Arturo Ui“. Sie sind damit aber noch kein politisches Theater. Das trifft auch für Aufführungen des Dokumentarischen Theaters bzw. Experten-Theaters zu, wie die Inszenierung von Volker Lösch mit Arbeitslosen in Gerhart Hauptmanns „Die Weber“ 2004 am Staatsschauspiel Dresden oder ein Auftritt von Zeitzeugen des Holocausts in einem Projekt „Die letzten Zeugen“ von Matthias Hartmann 2013 am Wiener Burgtheater. Politisches Theater bietet Aufführungen, die sich auf Politik der Gegenwart beziehen. Deren Autoren müssen also prinzipiell Zeitgenossen des Publikums sein. Durch entsprechende Inszenierungen können allerdings ältere Texte, also auch von sogenannten klassischen Autoren aus dem Kanon, einen politischen, also einen Gegenwartsbezug gewinnen. Das kann durch Bearbeitung oder durch Ergänzung der Texte, Improvisation, durch Kostüme, Bühnenbild, Videos, Musik oder Lieder erreicht werden.
Doch der Bezug einer Aufführung zur Politik der Gegenwart allein macht sie noch nicht zum politischen Theater. Das auf der Bühne gespielte politische Geschehen mit Bezug zur Gegenwart muss auch relevant sein. Also bedeutsam, d.h. von situationsbezogener, gesamtgesellschaftlicher Wichtigkeit, die der Autor seinem Stück und der Regisseur seiner Inszenierung beimessen. Nun wäre bei der Frage nach der Relevanz noch nach der politischen Absicht einerseits und der Wirkung andererseits zu unterscheiden. Sucht die Aufführung Affirmation, Widerspruch, einen Weckruf, Mobilisierung? Die Wirkung wird sich von der Art und den Graden der Zustimmung und Ablehnung der jeweiligen Aufführung unterscheiden. Hinzu kommt noch die jeweilige Wahrnehmung durch das Publikum. Und auf welches Publikum zielt eine beabsichtigte Wirkung? Auf Anhänger, Gegner, Gleichgültige? Vielleicht sogar ein anderes Publikum? Wirkungen können auch politisch absichtslose Aufführungen haben. In der „Freien Szene“, wie es z. B. „Rimini-Protokoll“, „She-She-Pop“, „Gob Squad“ oder das „Zentrum für politische Schönheit“ darstellen, besteht in dem Zusammenhang auffällig ein ganz anderes Verständnis von Politik als generell bei institutionellen Theatern. Hier kann man von einem interventionistischen Theater sprechen. Theaterkunst wird wie alle Kunst also erst durch die Rezipienten zur „politischen Kunst“.
#4 Kolumne Wolf: Sachkunde oder KunstEliza 2020-06-28 12:20
Oh, danke, lieber Paul Tostorf, für Ihre Aufklärungsmühe! Ich abe mir also gedacht, dass ich das mit der Politik auf dem Theater nicht so vereinzelt haben will, wie sie das sehr schön differenziert erörtern in all den Anwendungsbereichen von "Politik" im Zusammenhang mit dem Theater... Ich denke, offenbar ganz anders als Sie, dass eine "Politik", die sich einzig und allein auf das Handeln zum Wohle der Polis beschränkt, und zwar auf das Handeln innerhalb derselben, gar nicht WENIGER politisch ist, sondern sogar entschieden MEHR politisch, als das so in lauter kleine Politikchen auseinanderklamüserte Handeln! Wenn ich mich bei einer vorzubereitenden Aufführung fragen sollte, ob die nun Publikum beruhigen, aufrütteln, ihm zustimmen oder widersprechen soll - dann habe ich das Gefühl, dass ich kein Theater machen brauche, sondern würde mich mit einer Sachkundelehrerin, Pfarrerin oder Parteipolitikerin verglichen sehen. Bin ich aber nicht. Mein Team auch nich. Wir sind KünstlerInnen! Mich interessiert auch nicht, auf welches Publikum ich GEZIELT hin inszeniere. Ich inszeniere entweder auf ein Publikum hin, das wach, verschlafen, gegnerisch, einverstanden, alt, jung, homo, queer, striktnormativ oder was oder wie auch immer sein darfkannsoll, das kommt und sich traut zu kommen ganz genauso wie es eben ist. Und zwar in seiner Gesamtheit - oder ich inszeniere gar nicht. ich käme mir ja sonst beim Konzeptionieren schon vor wie eine selektionsambitionierte Volks-Erzieherin, die für ihre sozialen Ausschluss-Finessen auch noch andere Leute einspannt unter Ausnutzung ihrer kreativen Potenziale! Bin ich aber nicht. Sind die auch nicht. Ich als Publikum z.B. geh nicht in Theater, die was von mir speziell wollen über den Beifall hinaus. Die nämlich einen (vor)bestimmten Beifall - was ja eine Begeisterungsbekundung ist - von mir wollen: einen gegenüber Theatermachern unterwürfigen, einen politisch belehrten, einen staatsbürgerlich gut erzogenen - wenn ich als Publikum solchen Beifall spenden will, geh ich nicht ins Theater, sondern in eine Bundestagsdebatte! Ich habe keinesfalls die Absicht, ein Publikum anders zu behandeln, als ich selbst als Publikum behandelt werden möchte. Nämlich weder ab- noch gering-, noch über-schätzt. Als Publikum will ich angenommen werden so wie ich bin. Mit allen meinen Stärken, mit allen meinen Schwächen, mit allen meinen Offenheiten, mit all meinen Geheimnissen. Ich wüsste jetzt auch nicht, warum mein Sitz- oder Stehnachbar Publikum etwas anderes wollen sollen würde? Das ist der Normalfall der Menschenwürde, dieses Angenommenwerden-Wollen. Insofern gebe ich Ihnen vollkommen recht: Theaterkunst wird wie alle Kunst also erst durch die Rezipienten zur "politischen Kunst". Und ja: Bei "Rimini-Protokoll" etwa, oder "SheShePop", sonders beim "Zentrum für politische Schönheit" könnte man weniger oder mehr , wie sie vorschlagen, von einem "interventionistischen Theater" sprechen. Die Frage ist aber dann: Wogegen richtet sich deren Intervention genau in Bezug auf das Publikum?

Das Regietheater hat uns gelehrt, dass politisch relevantes Theater auch durch Interpretation alter Texte entsteht und der zeitgenössische Text daher keine Grundvoraussetzung für politisch relevates zeitgenössisches Theater ist. Die Frage ist daher vielmehr, wie GENAU muss ein zeitgenössischer Text beschaffen sein, der politisch relevantes Theater ermöglicht?
Ihre dezidierte Meinung dazu würde mich sehr interessieren!
#5 Kolumne Wolf: mehr nicht?Paul Tostorf 2020-06-29 22:20
Gern, liebe Eliza, will ich versuchen Ihre Frage zu beantworten. Zunächst noch kurz zum Begriff von „Politik“. Entscheiden und Handeln wird nicht politischer, indem diese zum Wohle der Polis deklariert werden. Welcher Herrscher oder Machthaber, ob Mussolini, Peron oder Stalin etc., hätte nicht behauptet, er handele zum Wohl seiner Polis oder der ganzen Welt. Gewiss hat ein Beschluss zum Einsatz der Bundeswehr am Hindukusch ein anderes Gewicht als der zur Beschränkung der Höchstgeschwindigkeit auf Autobahnen. Doch beides ist "Politik"
Nun zu Ihrer Sicht auf das Theater. Sie behaupten, dass Sie absichtslos Theater machten. Ihnen und Ihrem Team gilt´s nur der Kunst, der Kunst des Spiels. Sie wollen spielen, und verzeihen Sie, füge ich hinzu, unterhalten, mehr nicht. Und diese Einstellung übertragen Sie auch auf das Publikum, das wie Sie nur unterhalten werden möchte und weiter keine Ansprüche stellt. Also Theater soll nicht a u c h zum Nachdenken, zur Aufklärung, zum Widerspruch, zur Kritik über die Verhältnisse von Staat, Gesellschaft und der Welt anregen? Ihre Frage, wie genau ein Text beschaffen sein sollte, um politisch relevantes Theater zu ermöglichen, hängt von dessen Thematik und Inszenierung in unserer Zeit ab.
#6 Kolumne Wolf: einzige AbsichtEliza 2020-06-30 19:54
Ja, lieber Paul Tostorf, das ist auch interessant. Nun denke ich ja nicht, dass diktatorische Machthaber wie Stalin oder Mussolini oder überhaupt Alleinherrscher zum Wohle der Polis überhaupt handeln KÖNNEN. Alleinherrschaft und Wohl der Polis, also der Mehrheit der Bevölkerung eines begrenzten Terrains mit einem in ihm geltenden Recht zum Wohl gereichenden Politik, schließen ja einander aus. Das ist der Vorzug von Demokratien. In ihnen KÖNNEN Politiker zum Wohle der Polis handeln, aber sie KÖNNEN auch – heimlich oder aalglatt öffentlich sichtbar – nicht zum Wohle der Polis handeln. Als BürgerIn kann man sich dann so einmischen in ihr Handeln, dass sie ihr Handeln zum Wohl der Polis korrigieren.
Ich mach mal ein Beispiel was in meinem Sinne von Politik als Handeln zum Wohl der Polis, ist... bzw. g a r a n t i e r t NICHT ist: Nehmen wir mal den Krieg. Ein Krieg zum Beispiel ist unter gar keinen Umständen zum Wohl der Polis. Keiner Polis! Zum Wohl derjenigen Polis, die von einer oder mehreren anderen bekriegt wird schon nicht. Aber auch keinesfalls zum Wohle der Polis, die eine oder mehrere andere bekriegt. Das wird immer nur so dargestellt von denjenigen, die sich Politiker nennen, obwohl sie handeln wie Machthaber. Die meinen eben der Krieg, den sie verantworten zu führen - oder zumindest unterstützen - sei also ganz zum Wohl ihrer Bevölkerung... Und das ist eine LÜGE. Und zwar IMMER. Das gilt für Königreiche, Diktaturen, Stadtstaaten und Demokratien ebenso. Ich bin einfach nicht bereit, Lügen Politik zu nennen. Noch nie gewesen. Werd ich auch nie sein. Wenn Kriege der Polis für „notwendig“ erklärt werden, sind das immer Bereicherungsbestrebungen einer Kaste oder Gruppe von Menschen, die sich eine Elite wähnen und die es so drehen, als sei Frieden zwischen unterschiedlichen Gesellschaften eine unsäglich komplizierte Sache. So unsäglich kompliziert, dass er unmöglich zu halten sei... Wenn Sie oder andere denen das glauben - bitteschön - ICH glaube das nie. Niemals.

Nun zu Ihrer Sicht meiner Sicht auf das Theater: Ich habe doch an keiner Stelle gesagt, dass ich "nur" unterhalten werden möchte, also so im Sinne von bespaßt, vom Theater. Woraus haben Sie das aus meinem Kommentar geschlossen? Spielen zu wollen und mit dem, was man als Stoff inszeniert gleichzeitig zu zeigen, wie man spielt, ist ja nicht keine Absicht! Es ist nur die e i n z i g e Absicht, die ich habe, für die ich MitarbeiterInnen begeistern möchte. Und auch die einzige Absicht, die ich als Publikum dem Theater zugestehe, wenn es mit mir kommunizieren möchte und Beifall von mir für seine Arbeit bekommen möchte. Das ist nicht ein geringerer Anspruch als ein Sammelsurium von Ansprüchen, sondern ein vielleicht sogar weitreichenderer. Wenn das Theater den als einzigen Anspruch erfüllt und keinen anderen an sich hat, regt es automatisch die Sinne und damit auch den Verstand an, es kritisiert genau damit die Verhältnisse in Staat und Gesellschaft und verbessert dadurch vielleicht die Welt. Ich habe übrigens das nicht auf das Publikum übertragen als Anspruch, sondern ich sage: Es ist MEIN Anspruch als Publikumsteil xy. Und als Theatermacherin xy ist es mein Anspruch, ein ganz zufälliges undoder in jedem Fall unselektiertes Publikum nicht unter meinem eigenen Publikumsanspruch zu behandeln. Ich hoffe, ich konnte mich dieses Mal meinen persönlichen Willen betreffend verständlicher ausdrücken.
Meine Frage haben Sie leider nicht beantwortet: Ich meine, wenn Sie so genau wissen, was politisch relevantes Theater ist, dann können Sie mir doch eine Thematik nennen für einen Text und wovon es Ihrer Meinung nach abhängen könnte, dass ein Text der dieses relevante Thema beherbergt, dann auch inszeniert wird...
Danke für Ihre große Mühe und Aufmerksamkeit. Freundliche Grüße -
#7 Kolumne Wolf: Mehr als UnterhaltungPaul Tostorf 2020-07-02 17:18
Ihre Frage, liebe Eliza, will ich versuchen, wie notwendigerweise unvollkommen, zu beantworten. Wie auch die jüngste Werkstatistik des Bühnenvereins wieder belegt, dominiert die bloße Unterhaltung das Repertoire. Stücke und deren Inszenierung, die einen politischen Gehalt hatten und die ich in jüngeren Jahren sah, waren u.a. Jellinek, Wut, Bonn 2018, Ulf Schmidt, Bonnopoly. Das WCCB. Die Stadt und ihr Ausverkauf, Bonn 2017, Jellinek, Das Werk, Bus. Sturz, Köln 2013; beide Male ging es um Lokalpolitik. Solberg, BND – Big Data is watching you 2017, Maya Araad Yasur, Gott wartet an der Haltestelle Paderborn 2017, Marthaler, Letzte Tage, Wien 2013. Beispiele aus dem Musiktheater für politisches Handeln boten Inszenierungen, wie die Oper Bonn 2020 mit Löschs „Fidelio“ bezogen auf die Verhältnisse in der Türkei, die Oper Basel mit Gini, Luigi Nonos „Al gran sole con amore“ 2019, die Oper Halle mit Johannes Kreidlers „Mein Staat als Freund und Gebieter“ 2019, die Oper Köln mit Udo Zimmermanns, „Weiße Rose“ und Mauricio Kagels „Mare Nostrum“, 2018,. Auch nur durch einen kleinen Schwenk kann eine Aufführung einen politischen Anstrich wirksam erhalten. Beim Besuch von Peter Konwitschnys „Meistersinger“-Inszenierung 2002 in der Hamburger Staatsoper erlebte ich, wie Chor und Orchester den Schlussgesang unterbrachen, als „Hans Sachs“ singt: „Welschen Dunst mit welschem Tand, sie pflanzen uns in deutsche Land“, „Drum sag ich Euch: ehrt Eure deutschen Meister! .. zerging in Dunst ... das Heil’ge Röm’sche Reich, uns bliebe gleich die heil’ge deutsche Kunst!“ Ein Sänger rief: „Sag mal Wolfgang, weißt du eigentlich, was du da singst?“ „Wieso?“, fragte der. „Das ist doch nationalistisches Gesinnungsgetöse.“ Das Orchester schwieg. Die Sänger und anderes Bühnenpersonal diskutieren minutenlang und leidenschaftlich auf der offenen Bühne über die Frage, ob man das denn „heute noch so singen könne.“ Und die Besucher stritt sich nach der Aufführung.
Schließlich noch ein Wort zu Ihrer, verzeihen Sie, eindimensional-pauschalen Sicht des Publikums. Das Spektrum der Besucher stellt unterschiedliche Ansprüche an das Theater. Gewiss, viele Besucher sind schon zufrieden sind, wenn „gespielt“ wird. Und wenn „gut“, - was das auch immer sei -, gespielt wird, sind sie noch zufriedener. Dafür sorgen und bemühen sich redlich auch viele privaten Theater. Wie der öffentliche Rundfunk so hat das öffentliche Theater einem kulturellen Auftrag zu genügen. Und der hat einen Inhalt, der sich mit literarischer, historischer, zeitgeschichtlicher, politischer, sozialer, psychischer Bildung generell umschreiben lässt. Und das sollte gerade in einer „streitbaren Demokratie“ das Gebot der Stunde sein. Öffentliches Theater muss gesellschaftlich wirksam sein. Was es tut, muss die Besucher als „res publica“ etwas angehen. Was soll denn der Anspruch vom „Theater für die Stadtgesellschaft“ anderes bedeuten? Es geht also nicht darum, dass „gespielt“ wird, sondern darum, was wie gespielt wird. Und wer dieses Postulat gleich mit „akademisch“, „schulisch“, „belehrend“ ablehnt, macht es sich gefährlich bequem, indem er die Berechtigung, die Voraussetzungen und die Grundlagen des öffentlichen Theaters schwächt. Wenn ein öffentliches Theater den genannten Auftrag nicht leistet, bzw. nicht leisten kann oder will, dann verliert es seine Legitimation.

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