Theater träumen

von Sophie Diesselhorst, Elena Philipp und Christian Rakow

24. Juni 2020. Am Tag der Konzeptionsprobe für ihre Abschlussarbeit erreichte die Studierenden der Münchner Theaterakademie "August Everding" die Hiobsbotschaft. Der Proben- und Unterrichtsbetrieb an der Schule wurde eingestellt, der Corona-Schutz hatte übernommen, an Spielbetrieb und eben an die finale Produktion des Abschlussjahrgangs war nicht zu denken.

Was folgte, war ein logistischer Kraftakt. Unter der Regie von Marcel Kohler zogen die Studierenden ins Internet um, probten isoliert von zuhause aus, vermittelt über Konferenz-Apps. Und sie schufen ein Feuerwerk von einer Online-Produktion: "Wir sind noch einmal davongekommen" nach dem Drama von Thornton Wilder, in einer Rasanz und Spielfreude, die sich irgendwo zwischen Commedia dell'arte und Herbert Fritsch bewegt (mehr dazu in unserem Überblickstext über Zoom-Ästhetik).

Ist das ein Beispiel, das Schule machen kann? Oder doch eine Notlösung? Wie verläuft die Arbeit an den Schauspielschulen in Zeiten, da Corona-Schutzverordnungen die Spielräume vorprägen? Wie schätzen Studierende und Lehrende die Ausbildungslage unter Prämissen der physischen Distanzierung ein?

 

Lesen Sie hier unsere Gespräche in der Vollversion:
Holger Zebu Kluth (Rektor der Schauspielschule "Ernst Busch" in Berlin)
Maria Happel (Burgtheaterschauspielerin und Leiterin des Max Reinhardt Seminars Wien)
Lorenz Nolting (Regie-Studierender an der Hamburger Theaterakademie und Mitgründer des Jungen Ensemblenetzwerks)
Frank Schubert (Professor an der Hochschule der Künste Bern)

 

"Eine Schauspielausbildung lässt sich nicht ernsthaft online bewerkstelligen. Das Vor-der-Kamera-Spielen holt das Schauspiel aus dem Körper raus in den Kopf, wo wir normalerweise das Gegenteil machen. Da ist der Online-Unterricht also fast kontraproduktiv", sagt Holger Zebu Kluth (Rektor der Schauspielschule "Ernst Busch" in Berlin). "Grundlagenausbildung" sei auch "Ausbildung der Ensemblefähigkeit", schreibt uns Frank Schubert von der Hochschule der Künste Bern per Mail und schickt ein Fragezeichen hinterher: "Eine Grundlagenausbildung ohne Berührung und körperlichen Kontakt?"

Für Maria Happel, Burgtheaterschauspielerin und Neu-Rektorin des Wiener "Max Reinhardt Seminars", stellt sich die Frage, wie "eine andere Form von Berührung" möglich wird. Theater bedeute, dass "man den Raum für die Träume öffnet", sagt sie im Interview. "Wir können uns einen leeren Raum einrichten. Das macht unsere Zunft aus. Das kann man auch gemeinsam tun, wenn jeder woanders sitzt."

Lorenz Nolting, Regiestudierender und Mitgründer des Jungen Ensemblenetzwerks, berichtet, dass "neue Formate" an vielen Schulen "als Notlösungen für nicht mehr aufführbare Stücke oder Projekte herhalten müssen"; dabei sei der Impuls groß, mit eigenen, originär für die Corona-Situation geschaffenen Produktionen "über die gestreamte Trauerarbeit hinauszugehen".

Gesprächspartner*innen

Hier zeichnet sich die Spannbreite in der Ausbildungsfrage ab: Wie viel Miteinander ist aus der räumlichen Distanz zu gewinnen? Und welche Konkretheit von Erfahrung? Entstehen Ensemblegefühl und Ensemblefähigkeit auch aus der fantasiebegabten Überbrückung von Distanzen? Worauf kann man in der Krise zurückgreifen, wenn man doch gerade erst dabei war, sich basale Spiel- und Kontakterfahrungen anzueignen? Und wie gehen die Schulen auf die Eigeninitiative von Studierenden ein?

Kreativer Freiraum

Für die Schauspielstudierenden ist mit Corona eine Zeit der Unsicherheit angebrochen, berichtet Lorenz Nolting, der sich an der Essener Folkwangschule zum Schauspieler ausbildete und inzwischen an der Hamburger Theaterakademie Regie studiert. Als Mitgründer des Jungen Ensemblenetzwerks steht Nolting im Kontakt mit Studierenden unterschiedlicher Hochschulen. "In Hamburg, wo ich studiere, will die Bildungsbehörde ein Nullsemester mit allen Mitteln und auf Kosten der Student*innen verhindern", sagt er. Anderswo haben die Schulen mehr Spielraum. In Leipzig etwa sei den Studierenden ein "doppeltes Kreativsemester" eingeräumt worden; der hier entstehende Freiraum werde für freiwilligen Sprech- und Bewegungsunterricht im Park oder für "Ensemble-Projekte" wie "eine eigene Radiosendung" genutzt.

PalaisCumberaland MaxReinhardtSeminar 560 Petra Gruber uDas Palais Cumberland, Sitz des Wiener Max Reinhardt Seminars © Petra Gruber

Freisemester (Nullsemester) bedeuten einen Zuwachs an kreativem Freiraum. Institutionell haben sie ihre Tücken. Werden sie den aktuellen Jahrgängen eingeräumt, entstehen Doppeljahrgänge, worauf viele Hochschulen nicht vorbereitet sind. Die Ressourcen an Lehrpersonal und Probenräumen sind auch ohne die Corona-Regelungen, die die Verteilungsschlüssel massiv verändern, stark beansprucht. Maria Happel kündigt für das Max Reinhardt Seminar bereits an, den kommenden Jahrgang an Schauspielanfänger*innen klein zu halten.

Wenig Sichtbarkeit

"Das Hauptproblem für die Abschluss-Jahrgänge ist, dass das kleine Fenster der Sichtbarkeit wegfällt, das wir mit unseren öffentlichen Abschlussarbeiten normalerweise haben", sagt Nolting. Man habe "gar keine Gelegenheiten mehr, außerhalb des eigenen Schulkontexts sichtbar zu werden. Eigentlich offenbart die Corona-Krise aber hier vor allem strukturelle Probleme, die es an den Theaterschulen schon vorher gab: Es gibt zu wenig Austausch und zu wenig Öffentlichkeit für die Studierenden. Und auf den Abschlussarbeiten liegt wahnsinnig viel Druck, denn hier entscheidet sich, ob und wie man den Beruf überhaupt ausführen kann."

Man müsse der Angst der Studierenden begegnen, ein "verlorener Jahrgang“ zu werden, sagt Holger Zebu Kluth von der "Ernst Busch". Dass dafür eine "Beteiligung der Studierenden an der Gestaltung der Rahmenbedingungen des Ausnahmezustands", sinnvoll sei, bezweifelt er allerdings. Auch wenn diese in der Krise "politische engagierter als vorher" aufträten: Die Corona-Regeln seien "ja nicht wirklich diskutierbar".

Mendelssohn Saale der HfMT Hamburg 560 Torsten Kollmer uDer "Mendelssohn Saal" der Hochschule für Musik und Theater Hamburg © Torsten Kollmer

Die Corona-Regeln bedeuten in der Probenpraxis: "1 ½ Meter Abstand zu jedem Zeitpunkt, fürs Spielen rechnen wir 20 Quadratmeter pro Person" (Kluth). Jahrgänge kommen in getrennten Wochen in die Räume; es gelte: "Keine Benutzung von Instrumenten für Studierende*, da Klaviere nicht einfach desinfiziert werden können", wie Lucia Kotikova (Kollegin von Lorenz Nolting im Jungen Ensemblenetzwerk) aus Hannover berichtet.

In Bern gibt es "Plexiglas zwischen uns" und "maximal fünf Personen (4 Studierende) in einem grossen Raum"; es finden "keine Präsentationen statt. Das wird alles aufgezeichnet und über Bildschirm beurteilt. Auch die Prüfungsarbeiten" (Schubert). Am Max Reinhardt Seminar finden "Ensembleunterricht oder Körperunterricht" im Garten statt, für Akrobatikunterricht wurden Einzelparcours eingerichtet. "Eine der ersten Maßnahmen war, eine Bühne in den Park bauen zu lassen. Damit schaffen wir Freiraum." (Happel).

Die Phantasie wird gewinnen

Welche ästhetische Ausrichtung kann unter solchen Raumbedingungen entstehen? Steuern wir auf ein Theater wie im historischen Sprechtheater à la française zu: mit Spieler*innen, die auf Abstand einander die Schulter zeigen und ihren hohen Ton frontal ans Publikum versenden? Oder sich still per Mikroport adressieren? Ein Theater der Konstellationen, weniger eines der haptischen Interaktion? "Sprache bewegt", sagt Frank Schubert. "Nun wird wahrscheinlich die sprachliche Ausbildung gewinnen." Und: "Die Phantasie wird gewinnen, und es wird einfach ganz andere Ideen geben."

"Ich bin sehr gespannt, ob es viele Aufführungen mit Commedia dell'arte-Masken oder antiken Masken geben wird, damit die Masken nicht auffallen", sagt Maria Happel. "Wir wollen alle nicht nur Zwei-Personen-Stücke oder an der Rampe spielen. Wie geht man damit um? Die digitale Form hat uns auf neue Wege gebracht. Vielleicht geht das Theater aber auch zurück auf die Marktplätze."

WirSindNoch1 560Überzeugendes Maskenspiel: "Wir sind noch einmal davongekommen" in der Regie von Marcel Kohler an der Theaterakademie "August Everding" in München. Screenshot

So wie sich die Ausdrucksformen anpassen, so wird sich auch das Ringen um Sichtbarkeit und die Suche nach neuen Kanälen online wie offline verstärken, entnimmt man den Gesprächen. "Unter den Studierenden gibt es eine große Lust, sich Corona-taugliche Formate auszudenken und kreativ zu werden. Alle arbeiten wie blöde. Ich entwickle gerade ein Straßentheaterformat, bei dem zwei Schauspieler*innen auf einem Autodach spielen", sagt Lorenz Nolting und fordert von den Hochschulen, die Aktivitäten der Studierenden stärker in die eigene Organisation einzubeziehen.

Die Suche nach eigenen Kanälen wird essentiell für die Studierenden, um sich ihren Weg abseits der derzeit verschlossenen Pfade in den Arbeitsmarkt zu bahnen. "Ich rechne nicht damit, dass die Kooperationen zum Beispiel mit dem Berliner Ensemble und dem Deutschen Theater in der bisherigen Form stattfinden werden", erzählt Holger Zebu Kluth mit Blick auf die Spielmöglichkeiten Berliner Studierender.

Absolvent*innen wenden sich derzeit stärker dem Film zu, berichtet Maria Happel. Aber, wie Regiestudent Lorenz Nolting mit Nachdruck herausstellt: "Wir studieren Theater, nicht Film." Theater zu inszenieren, heißt: "Zusammen in einem Raum." Es ist der gemeinsame Raum, von dem aus die Phantasie abhebt, oder das "Theaterträumen", von dem Maria Happel sagt: "Wer seine Träume verliert, verliert seinen Verstand."

 
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