"Klima der Angst"

28. Juni 2020. Mehrere ehemalige Mitarbeiter*innen der Opernsparte des Badischen Staatstheaters Karlsruhe üben in den Badischen Neuesten Nachrichten (BNN) harte Kritik am Führungsstil des Generalintendanten Peter Spuhler.

Nachdem mit dem Dramaturgen Boris Kehrmann auch das letzte verbliebene Mitglied des Leitungsteams um Operndirektorin Nicole Braunger das Haus verlassen hat und damit insgesamt drei Dramaturg*innen sowie der Erste Kapellmeister abgewandert sind, muss Braunger die kommende Spielzeit mit einem weitgehend neuen Team bestreiten – "obwohl sie Karlsruhe laut gut informierten Kreisen am liebsten ebenfalls verlassen würde: Die Nachricht, dass Braunger gekündigt habe, ihr aber der Auflösungsvertrag verweigert werde, machte im vergangenen November die Runde", so die BNN.

Als Gründe für die Mitarbeiter*innen-Abwanderung in der größten und besucherstärksten Sparte des Hauses, deren Arbeit unter Braungers Leitung viel positive Aufmerksamkeit erfahren hat, nennen die Gesprächspartner*innen der BNN, Boris Kehrmann, der ehemalige Stellvertreter der Direktorin Patric Seibert sowie die ehemalige Operndramaturgin Deborah Maier, einen "permanenten Kontrolldruck" vom Generalintendanten, der ein "Klima der Angst" verbreite und Kreativität nicht fördere, sondern einenge: "Wir wurden eher für administrative Aufgaben eingesetzt statt kreativ arbeiten zu können", wird Deborah Maier zitiert.

"Ich musste einsehen, dass ich hier nicht sinnvoll arbeiten kann", sagt Boris Kehrmann: Das Ensemble sei einzigartig: "Aber wenn ich Barbara Dobrszanska, Armin Kolarczyk oder Konstantin Gorny am Haus habe, dann muss ich für die doch jede Spielzeit Stücke auf den Spielplan setzen und nicht Frau Dobrszanska die vierte Magd in 'Elektra' singen lassen, während wir für die weiblichen Hauptrollen Gäste holen müssen. Dieses Haus hat kraft seiner Mitarbeiter die Potenz, ein Vulkan an Kreativität zu sein – aber das Feuer wird zu oft gedämpft." Höre man sich im Umfeld ehemaliger Theatermitarbeiter um, so die BNN, würden die Aussagen von Kehrmann und Seibert bestätigt. "Oft allerdings mit der Bitte, anonym zitiert zu werden."

Gefragt, wie er sich die Abwanderung gleich mehrerer Mitarbeiter*innen erkläre, sagt Peter Spuhler selbst der Zeitung, dass er nichts von einem grundlegenden Zwist wisse. "Wie immer an einem Haus kann man nicht in allen Angelegenheiten einer Meinung sein – das ist normal in einem künstlerischen Betrieb." Spuhler amtiert seit 2011, sein Vertrag läuft bis 2026. (sd)


Am 4. Juli 2020 veröffentlicht Andreas Jüttner von den Badischen Neuesten Nachrichten nach weiteren Gesprächen einen neuen Recherchetext: "Die Berichte von rund 20 Personen zeichnen ein alarmierendes Bild von verheerenden Zuständen am Haus", schreibt er. Viele Gesprächspartner*innen wollten anonym bleiben "Sorge, in der eng vernetzten Theaterlandschaft als 'Nestbeschmutzer' isoliert zu werden. Spuhlers Strategie, "enge Vertraute in Leitungspositionen setzt, um sich Rückhalt zu schaffen", wird von einem Abteilungsleiter kritisch eingeschätzt. "Das bereits zuvor auffällige Tempo des Personalkarussells nimmt weiter zu – und mit jedem, der geht, zieht die Kunde von den Zuständen in Karlsruhe weitere Kreise in der Theaterwelt", schreibt Jüttner und verweist auf die verschlechterte Bewerbungslage.

6. Juli 2020. In einer ersten Stellungnahme zu den Vorwüfen gegen die Staatstheaterleitung sprechen Theresia Bauer (Die Grünen) und Karlsruhes Oberbürgermeister Frank Mentrup (SPD) als Vertreter der Träger des Staatstheaters von einem "Kampagnencharakter", der "Vertrauen zerstöre und konstruktive Lösungen erschwere", wie Andreas Jüttner für die Badischen Neuesten Nachrichten berichtet. Bauer und Metrup fordern die Beschwerde führenden Mitarbeiter*innen des Staatstheaters auf, aus ihrer Anonymität zu treten. "Stadt und Land werden eine unabhängige Anlaufstelle anbieten, damit dort frühere oder aktuelle Missstände bei dieser neutralen Stelle hinterlegt werden können, damit so die erhobenen Vorwürfe verifiziert werden können." Laut Informationen der BNN ist es in der Vergangenheit aber in mindestens einem Fall zum Vertrauensbruch im Schluss an ein Hilfsersuchen gekommen. Für den 17. Juli 2020 ist eine Verwaltungsratssitzung des Theaters angesetzt.

8. Juli 2020. Im Anschluss an eine Personalversammlung des Staatstheaters teilt die Pressestelle des Hauses in einer kurzen Presseaussendung mit dem Titel "Karlsruher Generalintendant Peter Spuhler verspricht Transparenz und Beteiligung" mit: "Generalintendant Peter Spuhler zeigte sich am Mittwoch auf einer Personalvollversammlung betroffen von den Vorgängen um das STAATSTHEATER und seinen Führungsstil und bat die Menschen, die sich durch sein Vorgehen verletzt fühlten, um Verzeihung. Er sagte zu, dass es Veränderungen geben würde. Dafür legte er verschiedene Vorschläge zur weiteren internen Diskussion vor."

9. Juli 2020. Andreas Jüttner von den Badischen Neuesten Nachrichten hat sich bei Teilnehmer*innen der Personalversammlung über deren Verlauf erkundigt. Demnach sei Spuhlers Rede "berührend" gewesen. "Dennoch gebe es in der Belegschaft starke Skepsis, ob weitreichende Reformen unter der Leitung von Spuhler möglich seien." Und weiter: "Übereinstimmend berichtet wurde von viel Applaus für die Ausführungen des Personalrats und für ein Statement des scheidenden Operndramaturgen Boris Kehrmann." Kehrmanns Weggang war ein Auslöser der Debatte um Peter Spuhlers Führungsstil.

14. Juli 2020. In einem Statement äußert sich auch die Gesellschaft der Freunde des Badischen Staatstheater e.V. kritisch und distanziert sich von Peter Spuhlers Führung des Mehrspartenhauses: "Die innerbetrieblichen Querelen und die ständige Fluktuation der Mitarbeitenden wären hinnehmbar, wenn aus der Sicht des Publikums das künstlerische Angebot geprägt wäre von Kontinuität und Verlässlichkeit. Dem ist leider nicht so." Vier konkrete Punkte werden benannt:

- Szenisch hervorragende Musiktheater-Produktionen wurden unverständlicherweise abgesetzt. Momentan hat das Haus – immerhin ein Staatstheater! – keine einzige Wagner-Oper mehr im Repertoire. (...). Andreas Jüttner von den BNN hat nachgerechnet, dass von bislang 55 Musiktheater-Neuproduktionen unter Peter Spuhler nur eine einzige eine zweite Wiederaufnahme erlebt hat: "My fair Lady". Die Bilanz sei ernüchternd (…). Eine nachhaltige Spielplangestaltung sieht anders aus. Die Ära Spuhler hat hier leider keine Aufbauarbeit geleistet.

- Die mangelnde Kontinuität betrifft auch die Zusammensetzung des Ensembles. (...). Die Gesellschaft der Freunde sorgt sich um eine systematische Ausbildung des Nachwuchses. Viele Stücke müssen daher in den Hauptrollen mit Gästen besetzt werden – das ist an einem Staatstheater mit einem solch großen Ensemble eigentlich unverständlich und kostet.

- Das Corona-Management am Hause ist befremdlich. (…) 

- Die Gesellschaft der Freunde ist mit über 1400 Mitgliedern der größte Kulturförderverein in Karlsruhe und eine der größten Theaterfördergesellschaften der Bundesrepublik. Noch ... Die Rückmeldungen und ein Mitgliederschwund von fast 20%, den wir in den letzten neun Jahren erlebt haben, zeugen von einer wachsenden Enttäuschung mit der Intendanz Peter Spuhlers. Viele, die eigentlich an einer Mitgliedschaft interessiert wären, äußern uns gegenüber ihren Unmut und geben offen zu, dass sie unter der derzeitigen Intendanz das Staatstheater nicht fördern möchten. Das sind angesichts der anstehenden Sanierungsmaßnahmen und der immensen Kosten, die es der Öffentlichkeit zu vermitteln gilt, alarmierende Zeichen.

Weiter heißt es: "Das Ansehen des Hauses ist beschädigt. Leider stand uns Peter Spuhler in den letzten Jahren nicht für diesbezügliche Gespräche zu Verfügung und es wurde uns keine Möglichkeit gegeben, konstruktive Vorschläge einzubringen. (…) Insofern hofft die Gesellschaft der Freunde auf einen Neuanfang."

24. Juli 2020. Weiterführung der Zusammenarbeit mit Peter Spuhler oder Umstrukturierung? Im Interview mit Andreas Jüttner von den Badischen Neuesten Nachrichten erklärt die Karlsruher Schauspieldirektorin Anna Bergmann, weshalb sie einen Veränderungsprozess gemeinsam mit Peter Spuhler für denkbar hält: "Wir haben ihm bei der ersten Terminmöglichkeit aufgesucht und eine Liste vorgelegt mit Dingen, die sich ändern müssen, damit wir uns vorstellen können, weiter mit ihm zu arbeiten. Und auf dieser Basis konnte ich dem Kunstministerium signalisieren: Bei einer Verschriftlichung dieses Maßnahmenkatalogs, den ich auch als Manifest bezeichnen würde, halten wir vom Schauspiel einen Strukturwandel mit Peter Spuhler für möglich. Diese Liste liegt dem Ministerium auch vor." Unterzeichnet sei die Liste von Peter Spuhler noch nicht und Details möchte Anna Bergmann so lange noch nicht nennen, aber "im Kern geht es darum, dass wir die künstlerische Entscheidungsfreiheit für unsere Sparte haben und er nicht mehr überall das letzte Wort hat". Bergmanns Stellvertreterin Anna Haas fügt hinzu, "eine neue Struktur entsteht ja nicht einfach, indem man den Generalintendanten wegnimmt". Spuhler habe ein Kontrollsystem aufgebaut, wie Vorgänge und Entscheidungen zu verlaufen hätten, bei dem jede Entscheidung über seinen Tisch gehen sollte. "Ein Hauptpunkt der Liste ist es, das in Frage zu stellen", so Haas. "Wir glauben, dass er für Veränderungen offen ist, wenn er klare Regeln hat. Wir wissen aber auch, dass es die Öffentlichkeit gebraucht hat, damit der Handlungsbedarf erkannt wurde."

Vorschläge für den Strukturwandel sammelt auch das Ensemble, wie die Ensemblesprecher*innen Heisam Abbas, Claudia Hübschmann und Gunnar Schmidt berichten. Gemeinsam mit der Spartenleitung arbeitete das Schauspielensemble an einem Fahrplan für die nächste Saison: "Denn es gibt die begründete Sorge, dass wir sonst im Stress der Saisoneröffnung nicht Tritt fassen. Es ist aber wichtig, an die Dynamik anzuknüpfen, die jetzt da ist", so Heisam Abbas. Wichtig gewesen sei für den Prozess die öffentliche Aufmerksamkeit, um den Prozess anzustoßen, so Gunnar Schmidt: "Die öffentliche Diskussion hebelt den Maulkorb in unserer Vertragssituation des NV [Normalvertrag, d. Red.] Solo ein Stück weit aus. In dieser Situation kann es sich keine Theaterleitung leisten, jemandem den Mund zu verbieten." Um echte Veränderungen zu erzielen, müsse das Vertragssystem mit dem NV Solo auf den Prüfstand gestellt werden: "Das ist ein zentrales Problem, denn es schafft Abhängigkeiten, die dafür verantwortlich sind, dass wir von der Bühne aus Dinge postulieren, die wir nach innen nicht umsetzen können", so Heisam Abbas. Anna Haas zufolge hätten sie und Anna Bergmann die Koppelung der Schauspieler*innenverträge an die Laufzeit des Leitungsteams bei ihrem Amtsantritt angestoßen. Von der Theaterleitung sei ihnen jedoch "mit besten Absichten" abgeraten worden. "Das gilt es jetzt nochmal neu auszuhandeln." Und Anna Bergmann, die zugibt, gewusst zu haben, worauf sie sich bei der Zusammenarbeit mit Peter Spuhler einließ, hofft, bislang in den festgefahrenen Strukturen erstickte Veränderungs-Impulse wieder aufnehmen zu können und so, wie mit der 100-Prozent-Regie-Frauenquote, ein Signal in die Theaterlandschaft senden zu können: "Vielleicht sind auch wir ein kleiner Teil eines längst notwendigen Wandels." (eph)

30. Juli 2020. Als "Theaterretter" gilt Peter Spuhler in Heidelberg, wo er vor seiner Karlsruher Generalintendanz sechs Jahre lang das Stadttheater leitete. Doch seine Amtsführung soll auch dort schon von Kontrollzwang und Wutanfällen geprägt gewesen sein. Bundesweit habe Spuhler damals positiv Aufsehen erregt, unter anderem durch das Einwerben bürgerschaftlicher Spenden für Sanierung und Umbau des Theaters, berichtet Andreas Jüttner in den Badischen Neuesten Nachrichten. Rund ein Drittel der auf 70 Millionen Euro bezifferten Kosten soll durch Spenden bestritten worden sein.

Doch auch in der Neckarstadt habe die Karlsruher Krise nun Wellen geschlagen, so Andreas Jüttner. Ein Heidelberger Pressekommentar, in dem vermutet wurde, "der quirlige Spuhler, der es nicht nur inhaltlich krachen lassen kann", sei in "der Beamtenstadt" Karlsruhe vor allem wegen seines innovativen Programms angeeckt, habe ehemalige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus Spuhlers Zeit in Heidelberg alarmiert. In einem Brief an die dortige Tageszeitung erklärten sie der BNN zufolge: "Wir können und müssen heute leider bestätigen, dass alles, was wir aus Karlsruhe hören, uns sehr bekannt vorkommt und die Nachrichten, die wir auch aus den unterschiedlichsten Wohnorten in der Republik verfolgen, uns äußerst stark berühren und Vieles, was schon verdrängt schien, wieder hochkommt." In dem von 13 Personen namentlich unterzeichneten Schreiben sei, ähnlich wie in Mitarbeiterberichten aus dem Staatstheater Karlsruhe, "die Rede von 'Kontrollzwang und cholerischen Anfällen', einem 'Despotismus, der über die künstlerischen Bereiche bis in Technik, Verwaltung und Dienstleistung hineinreichte' sowie einem 'massiven Gefühl der Beklemmung, unter dem damals rund um die Uhr gearbeitet werden musste'", zitiert die BNN aus dem Schreiben.

Betont wird von den Unterzeichnenden, "nur eine Perspektive von vielen" zu schildern: Peter Spuhler habe auch "großartige Fähigkeiten hinsichtlich des Theaters", heißt es in dem Schreiben. "Er kann die Öffentlichkeit mitreißen, er kann reden, ist ein begnadeter Fundraiser, sprudelt vor künstlerischen Ideen und weiß, welche Strippen er für das Theater in der Politik ziehen muss." Jedoch besitze Peter Spuhler "keine Führungsqualitäten, derer es für ein Stadt- oder Staatstheater bedarf"; er scheine "nur sehr wenigen engen Mitarbeiter*innen zu vertrauen" und selbst diese wendeten sich "nach geraumer Zeit" von ihm ab. Wichtig sei es, so das Fazit des Schreibens, die Debatte um Führungsqualitäten an Theatern öffentlich zu führen. (eph)

 

Mehr zum Thema: Interview mit der Karlsruher Schauspielintendantin Anna Bergmann.

 

 

 
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