Lasst alle Hoffnung fahren!

von Gabi Hift 

Wien, 9. August 2020. Der Mödlinger Bunker ist das nackte Gegenteil des üblichen Sommertheaterspielorts. Statt lauer Abendluft gibt’s feuchte Kälte in unterirdischen Stollen. Dafür ist man hier nicht vom Wetter abhängig und nicht vom Sonnenuntergang. Weil die Zuschauer*innen in kleinen Gruppen im Viertelstundentakt auf einen Parcours durch das kilometerlange Tunnelsystem geschickt werden, musste das Theater zum Fürchten, das den Luftschutzbunker schon seit zwanzig Jahren bespielt, auch nicht vor den Corona Auflagen kapitulieren. Am Einlass bekommt man ein Mund-Nasen-Visier aus Plexiglas, die strengen Regeln sind Teil des Stücks. Wir sind Gäste eines "Instituts", in dem eine Brigade pink bedresster, blonder Androiden, die alle "Linda" heißen, den Ablauf kontrolliert. Die Lindas desinfizieren unsere Hände, messen unsere Körpertemperatur und bringen uns mit stählerner Freundlichkeit auf den rechten Weg.

Ganz unten

Das Stationen-Theater funktioniert wie eine Geisterbahn, nur dass man nicht in Wägelchen fährt sondern selbst durch die düsteren Stollen läuft, bis irgendwo unversehens das Licht angeht und ein voll eingerichtetes Szenario mitsamt seinen Figuren erscheint. Insgesamt bevölkern unglaubliche 51 Schauspieler*innen 18 verschiedene Stationen in diesem schaurigen Labyrinth aus Nischen und Röhren. Wir besuchen Labore voller Reagenzgläser mit Embryos, eine Nachtbar, eine Raumstation, geraten in einen Dschungel mitsamt Lianen, tropischen Pflanzen und einem von Wurzeln überwachsenen Erdboden, stoßen auf Ruinen einer untergegangenen Zivilisation in einer postapokalyptischen Landschaft. Es ist eine stupende Leistung der Ausstattung (Raum & Bauten: Marcus Ganser, Kostüm: Sigrid Dreger) und der durchweg guten Schauspieler, die für jede neue Zuschauergruppe präzise Skizzen ihrer Figuren in Loops darbieten. Wenn man sich überlegt, welcher Aufwand dahinterstecken muss, wieviel Arbeit, Energie und Logistik, dann kommt es einem fast unglaublich vor.

Utopia 3 560 Bettina Frenzel uWillkommen in der düsteren Zukunft. Teresa Renner, Antonia Schiller, Maksymilian Suwiczak, Linda Holly © Bettina Frenzel

"Utopia", der Titel des von Bruno Max inszenierten und eingerichteten Szenenreigens, ist böser Zynismus, alle Szenarien, die wir sehen, sind von Utopien eines besseren Lebens längst in hässliche Diktaturen gekippt. So wie es auch in der "Schönen neue Welt" von Aldous Huxley, die den Rahmen der Szenen bildet, nicht schön ist sondern entsetzlich. Menschen werden in Reproduktionsfabriken erzeugt und noch als Embryos für ihre Verwendbarkeit in einer von fünf Kasten zugerichtet. Die Zufriedenheit mit ihrer Existenz garantiert die Droge "Soma", sexuelle Konkurrenz ist durch den Zwang zu wechselnden sexuellen Kontakten ausgeschaltet, Liebe ist verboten.

Micky Maus regiert

Auch für die anderen Stationen, die wir besuchen, gilt: die ihr hier eintretet, lasst alle Hoffnung fahren. In einer düsteren Bar saufen sich gescheiterte Utopisten ins Koma: Thomas Morus, Lenin und Berta von Suttner. Im Dschungel lehrt "Earthboi" (aus der Kult-Graphic-Novel "Unfollow" von Lukas Jüliger) seine Jünger die Rückkehr zur Natur via Massenselbstmord. "Kosmisten" propagieren die Abschaffung des Todes und die Verschmelzung mit dem Kosmos – am Vorabend des zweiten Weltkriegs. Ein Zukunftsforscher prognostiziert, die Corona-Krise werde die Menschheit auf eine höhere Stufe der Zivilisation heben. Die versunkene Ruinenlandschaft um ihn herum ignoriert er – bis er von vertierten Überlebenden angefallen wird. Es gibt nur wenige Szenen, in denen Figuren, die sich völlig verblendet an absurde Hoffnungen klammern, mit Humor gezeigt werden – das sind natürlich die schauspielerisch dankbarsten: Hermann Kogler ist rührend als Walt Disney, den mitten in der begeisterten Präsentation seiner Pläne der Schlag trifft, worauf der Faschist Micky Maus das Regime übernimmt. Sehr lustig ist Sibylle Kos als Survivaltrainerin für den Fall einer Zombieattacke, charmant und skurril Wolfgang Lesky als Wahrsager Hanussen der Zweite.

Utopia 1 560 Bettina Frenzel uTief im Glas entdeckt Lenin (Tom Jost) eine bessere Welt © Bettina Frenzel

Insgesamt beherrschen aber schwärzeste Dystopien den Abend. Damit fügt er sich in eine lange Reihe von Dystopien in allen Kunstsparten. Utopien scheinen rar zu sein, kein Wunder, natürlich nach den entsetzlichen Zerstörungen, die im vorigen Jahrhundert durch Diktaturen begangen worden sind, die sich auf große Utopien berufen haben. Dennoch stürzt einen der Abend nicht in völlige Depression. Das liegt daran, dass seine düsteren Inhalte im Widerspruch zur überbordenden Spielfreude und dem riesigen idealistischen Einsatz der Truppe stehen. Auch wenn hier nicht an eine bessere Welt geglaubt wird, so doch ganz offensichtlich an eine Zukunft des Theaters – und die wiederum dürfte ganz ohne eine Welt drum herum nicht zu haben sein.

Voll Hunger und voll Brot ist diese Erde

Tieftraurig ist allerdings das Ende: die letzte aus der Serie der Lindas zeigt Fehlfunktionen und wird von einem Techniker abgeschaltet. Die Szene beruht auf einem der berührendsten Momente der Filmgeschichte, dem Ende von Kubricks 2001, wo der Bordcomputer um sein Leben fleht ohne zu begreifen, dass er gar kein Lebewesen ist. Genau wie er sagt Linda: "Ich habe Angst", und singt ein Lied und das ist hier Jura Soyfers Lied von der Erde. Dieses Lied war in Wien in den 70er und 80er Jahren eine Art Hymne der Neuen Linken, es hat auf keinem Volksstimmefest gefehlt und hat die verschiedenen Gruppe in der Hoffnung auf eine bessere Welt vereint. Teresa Renner singt es ergreifend – voller Sehnsucht und Todesangst und gleichzeitig hört man, dass es ein Fremdkörper in ihrem Androiden Wesen ist. Man hat ihr diese menschenähnliche utopische Hoffnung implantiert um ihre Leistung zu optimieren – und wir erleben mit Schrecken, wie diese künstliche Hoffnung zuletzt stirbt. Das ist tiefschwarz und herzzerreißend – und es funktioniert letztlich so wie Dystopien es sollen: man lehnt sich gegen sie auf, so soll es nicht werden. Wenn man gleich danach durchgefroren aus dem Stollen in die Hitze der Mödlinger Sommernacht tritt, schüttelt man Kälte und Resignation ab und macht sich mit einem innerlichen "Und doch" auf den Heimweg.

 

UTOPIA. Schöne Neue Welt(en). Im Bunker.
Text und Inszenierung: Bruno Max; Raum & Bauten: Marcus Ganser; Kostüm: Sigrid Dreger; Musik: Fritz Rainer, Frizz Fischer, Michael Fischer.
Mit: Linda Holly, Antonia Schiller, Victoria Beck, Maksymilian Suwiczak/ Max Spielmann, Raimund Brandner, Eszter Hollósi, Eric Bartoš, Raphael Macho, Christina Sutter, Rosa Wimmer, Alina Taborsky, Mark Mayr, Pia Nives Welser, Emil Pristolic, Bruno Max, Mario Schober, Klaus Schwarz, Tom Jost, Flora Punzer, Bernhardt Jammernegg, Anais Golder, Christoph Prückner, Simon Brader, Leon Lembert, Christina Saginth, Robert Elsinger, Simon Schober, Bernadette Mold, Hermann J. Kogler, Bernie Feit, Lena J. Hödl, Valentin Ivanov, Bettina Soriat, Magdalena Hammer, Fiona Ristl, Irene Marie Weimann, Thomas Marchart, Claudio Györgyfalvay, Hendrik Winkler, Katja Renoltner, Monica A. Cammerlander, Michael Fischer, Wolfgang Lesky, Robert Stuc, Sybille Kos, Florian Lebek, Marc Illich, Teresa Renner, Wolfgang Rupert Muhr, Jörg Stelling, Lisa-Marie Bachlechner.
Premiere am 9. August 2020.
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten pro Runde

http://www.theaterzumfuerchten.at

 

Kritikenrundschau

"Die Fülle der Zukunftsvisionen entwickelt vor dem Hintergrund der durch Corona brüchig gewordenen Gegenwart eine unheimliche Aktualität", schreibt Theresa Luise Gindlstrasser im Standard (10.8.2020). Mal verwandelten sich "Rindenmulch und Hängepflanzen den Beton zur grünen Zukunft, mal bereitet eine toupierte Hausfrau ihre Garage für die Zombie-Apokalypse vor". Das alles sei eine "Prozession der Gedankenspiele", die das Publikum "ohne Antworten ins ungewisse Jetzt" entlasse.