Die Krise als Brennglas

14. August 2020. Nach dem Shutdown öffnen die Theater derzeit wieder – und die September-Spielpläne muten an, als hätte es Corona nie gegeben. Rausgehauen wird, was längst geplant und geprobt war, in der Hoffnung, es möge nicht wieder schlimmer kommen. Weiter wie zuvor: Ist das das Motto? Hat die Krise die Häuser nicht verändert? Welche Weichen können und müssen jetzt gestellt werden, um Theater zukunftssicher zu machen? Über Theaterschaffen im Coronamodus, den Intendant*innenjob und zeitgemäße Leitungsmodelle sprechen Susanne Burkhardt und Elena Philipp im Theaterpodcast #27 mit der Potsdamer Intendantin Bettina Jahnke und dem Regisseur Antú Romero Nunes.

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Das "abstandssichere" Apollo-Theater Siegen im Juni 2020 © Morgenthal Fotografie

"Als Intendant habe ich die Macht, gegen Fehlverhalten vorzugehen"

Verantwortungsvolles Handeln ist für Bettina Jahnke die Aufgabe jedes und jeder einzelnen Intendantin und Intendanten. Missstände wie am Badischen Staatstheater Karlsruhe, wo die Politik trotz Mitarbeiterprotesten am heftig kritisierten Generalintendanten Peter Spuhler festhält und auch eine Reformerin wie Schauspieldirektorin Anna Bergmann nicht unbeschädigt bleibt, erschüttern sie: "Dass da von Seiten der Politik und von Seiten des Aufsichtsrates nichts unternommen wurde, trotz einiger Beschwerden, dass der Personalrat mundtot gemacht wurde, ist absolut nicht hinnehmbar."

Am Intendanzmodell würde Bettina Jahnke dennoch nichts Grundlegendes ändern – anders als Antú Romero Nunes: In kollektiver Leitung treten er und seine drei Mitstreiter und Mitstreiterinnen Anja Dirks, Jörg Pohl und Inga Schonlau am Schauspiel in Basel an. Ihr Ziel: hohe künstlerische Qualität – bei guten Arbeitsbedingungen. "Wenn dann die Ergebnisse besser werden, und wenn dann die Leute zufrieden sind, dann können wir das weitermachen. Das ist die Chance, das einmal zu probieren, und uns sind viele gefolgt unter der Prämisse."

In der Schweiz wagt man Neues – Deutschland wartet ab

Fazit: In der Schweiz wagt man Neues, in Deutschland wartet man mit Experimenten ab? Vielleicht ist der Fall Karlsruhe ein Relikt der Vergangenheit: Bettina Jahnke hält es für falsch, in den patriarchalen Strukturen das Übel aller Krisen zu sehen. Den Theaterpodcast #19 zu Thomas Schmidts Studie "Macht und Struktur im Theater" empfand sie als "Intendanten-Bashing".

Die Neubesetzung zahlreicher Intendantenposten mit Frauen – Julia Wissert in Dortmund, Barbara Mundel in München, Katharina Kost-Tolmein in Münster, das Frauen-Duo in Marburg oder die Dreier-Direktion am Zürcher Neumarkt – deute doch darauf hin, dass sich etwas tue. Andererseits zeigt die aktuelle Studie des Deutschen Kulturrats, "Frauen und Männer im Kulturmarkt", wie wenig sich geändert hat auf dem Weg zu mehr Geschlechtergerechtigkeit – Stichwort: Gender Pay Gap oder Berufsstereotype.

Ausschlaggebend für eine nachhaltige Veränderung sieht Bettina Jahnke einen Faktor, der ihrer Ansicht nach auch für die Kunstproduktion zentral ist: "Zeit, Zeit, immer wieder Zeit. Kunst braucht Ruhe und Zeit und Muße. Und das ist das, was wir am wenigsten – vor Corona – hatten. Vielleicht ändert sich das."

 
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