Bis eine/r weint

von Katrin Ullmann

Hamburg, 16. August 2020. "Ich bin in Schwierigkeiten": Für einen kurzen Moment öffnet die Schauspielerin Myrtle Gordon eine Tür in ihr Inneres, in ihre zerrüttete, einsame Persönlichkeit. Halb nackt kauert sie da vor der Tür. Hat ihr Kleid bis zu den Knöcheln heruntergezogen, hat sich aus ihm herausgeschält wie aus einer zweiten Haut. Voller Selbstzweifel, voller Selbstekel. "Ich dachte, das Stück gefällt Dir", wundert sich Manny knapp. Er ist Regisseur – und geht über all ihr Unglück hinweg, die Proben müssen schließlich weitergehen, die "Opening Night", die Premiere des Stücks "Die zweite Frau",  steht kurz bevor und die Nerven liegen entsprechend blank. Doch Myrtle Gordon, die Protagonistin, stürzt in eine Identitätskrise. Die Rolle, die sie spielen soll, eine hilflose Frau "ohne Freude, ohne Humor, ohne Intelligenz" und vor allem eine Frau, deren Zeit vorbei ist, geht ihr zu nah.

Der schmale Grat

Oda Thormeyer spielt am Thalia in der Gaußstraße eine grandios unberechenbare, wunderbare, verletzliche und zugleich stolze Myrtle Gordon aus John Cassavetes' "Opening Night", Rafael Stachowiak den fischigen, eitlen und selbstverliebten Regisseur Manny Victor – überdrehte Koks-Lache inklusive. Mit dieser Film-Adaption eröffnen die beiden mit vier weiteren Kollegen die Spielzeit und nehmen damit den Spielbetrieb nach fünf Monaten Corona-Zwangspause wieder auf. Aber abgesehen davon, dass der Titel für diesen Abend also wahnsinnig gut passt, ist die Adaption dieses Klassikers, in dem der Independent-Filmemacher 1977 den schmalen Grat zwischen Kunst und Leben zeichnete, für Regisseurin Charlotte Sprenger leider eine (allzu) sichtbare Herausforderung. Vermutlich eine Überforderung.

Opening Nightvon John Cassavetes Regie Charlotte SprengerRegieCharlotte SprengerBühne und KostümeAleksandra PavlovićDramaturgieMatthias GüntherMusik und Live-MusikPhilipp PlessmannMitMerlin SandmeyerRafael StachowiakGabriela Maria SchmeideTilo WernerOda Thormeyer  Foto:Krafft AngererToenninger Weg 12622609 Hamburgka@krafft-angerer.deMobil: +49-172-8088180Hypovereinsbank MuenchenKoNr 718 32 32 BLZ 700 202 70UstidNr. 26/335/71654Honorar inkl. 7% MwstKontakt:Thalia Theater | Presse- und ÖffentlichkeitsarbeitMaren Dey | Alstertor | 20095 HamburgTel 040. 32 81 41 11 | Fax 040. 32 81 42 04presse@thalia-theater.de | www.thalia-theater.de Grandios verletzlich: Oda Thormeyer als Myrtle Gordon © Krafft Angerer

Natürlich freut man sich wahnsinnig, wieder im Theater zu sein, genauer im Hof des Theaters, denn diese Inszenierung findet Open Air statt. Im lockeren Klappstuhlhalbkreis sitzen die Zuschauer vor den Eingängen zum Thalia in der Gaußstraße, über Kopfhörer, ein formal sehr kluge Entscheidung, sind die Schauspieler einem ganz nah. Natürlich freut man sich mit den Schauspielern, mit der Regisseurin und auch mit dem Intendanten, dass endlich wieder Theater stattfindet. Dass die Zeit des munteren Inszenierungsstreamings und Zoom-Theaters – bei dem ich mich ehrlich gesagt regelmäßig zu Netflix zappte – endlich (und erstmal) vorbei ist.

Fegefeuer der Eitelkeiten

Doch alle Glücksgefühle helfen wenig, wenn eine EröffnungsInszenierung in goßen Teilen so irritierend unbeholfen wie diese daherkommt. Sicherlich, nicht weniger als Cassavetes' zentrales Werk bildet die Vorlage. Damals von der Branche ignoriert – immerhin gewann Gena Rowlands den Silbernen Bären – war es die bitterste Niederlage, die Cassavetes einstecken musste, doch mittlerweile ist der Film ein Klassiker. Stetig und stellvertretend macht er das Wechselspiel zwischen Schauspiel und Leben, die Durchmischung (und Verwechslung) von Schauspieler und Figur zum Thema. Schauspieler spielen Schauspieler, die ein Stück proben. Sie spielen Schauspieler, die missverstanden werden, verzweifeln, singen, lieben, vereinsamen und sich betrinken.

Opening Nightvon John Cassavetes Regie Charlotte SprengerRegieCharlotte SprengerBühne und KostümeAleksandra PavlovićDramaturgieMatthias GüntherMusik und Live-MusikPhilipp PlessmannMitMerlin SandmeyerRafael StachowiakGabriela Maria SchmeideTilo WernerOda Thormeyer  Foto:Krafft AngererToenninger Weg 12622609 Hamburgka@krafft-angerer.deMobil: +49-172-8088180Hypovereinsbank MuenchenKoNr 718 32 32 BLZ 700 202 70UstidNr. 26/335/71654Honorar inkl. 7% MwstKontakt:Thalia Theater | Presse- und ÖffentlichkeitsarbeitMaren Dey | Alstertor | 20095 HamburgTel 040. 32 81 41 11 | Fax 040. 32 81 42 04presse@thalia-theater.de | www.thalia-theater.de Spielen das Spielen: Ensemble im Bühnenbild von Aleksandra Pavlović © Krafft Angerer

In der ersten Hälfte  von Sprengers Inszenierung ist die Erzählung noch reizvoll und hat Bestand. Da sieht man Thormeyer, Stachowiak und später auch Gabriela Maria Schmeide (als sich selbst bitterernst nehmende Theaterautorin) und Tilo Werner (als selbstgefälligen Produzenten) zu, ist man mittendrin in den Proben, in den Eitelkeiten, Eifersüchteleien und Streitigkeiten. Man hört schlechte Schauspielerwitze und den ein oder anderen, allzu passenden Song ("I started a Joke" von den Bee Gees etwa) und sieht schrille 70er Jahre-Kostüme (Bühne & Kostüme: Aleksandra Pavlović): großer, bunter Textil-Print trifft mauvefarbene Polyesterhose, Glamour-Glitzerkleid in grellem Barbie-Pink agiert neben fliederfarbenem Slim-Fit-Anzug.

Auftritt des Kuschelmonsters

Doch spätestens nachdem an diesem Abend das Stück "Die zweite Frau" zu einer raschen, theatralisch absichtlich überzogenen Voraufführung gekommen ist, wenn alle Klischees bedient wurden, die Stimmen rauchig waren und die Blicke wild, verliert sich Sprenger in einem Wirrwarr an Ideen und Szenen. Da wird Musical-mäßig gesungen, gezweifelt, nach Liebe geschrien und Hass gespeist. Da wird gespielt und übertrieben, und das Spiel kommentiert. Da werden Alter und Einsamkeit thematisiert und die Jugend bemitleidet. Da wird über Menstruationsneid und Menopausen debattiert, fährt ein Kleinwagen auf den Hof, springt Merlin Sandmeyer, der bis dato den aufstrebenden Nachwuchsdarsteller Maurice spielte, sinnfrei als Unterhosen-Superman wie ein Frosch durch die Gegend und aus dem Nichts taucht ein schwarzes Kuschelmonster auf, das ganz goldig mit seinen großen roten Augen klimpern kann. Wenn gar nichts mehr geht, werden Sonnenbrillen aufgesetzt, Zigaretten angezündet oder erneut Lieder gesungen. Letzteres können die Schauspieler allesamt gut, doch ein guter Song – auch wenn darin John Cassavetes im Refrain vorkommt – macht noch lang keinen guten Theaterabend. Und an diesem ziellosen Abend wird man leider das Gefühl nicht los, das Charlotte Sprenger zwar sehr beherzt nach einer Haltung, oder vielmehr nach vielen Haltungen zum Stück gesucht, aber letztlich keine gefunden hat.

Opening Night
von John Cassavetes
Deutsch von Brigitte Landes in einer Fassung von Charlotte Sprenger, Matthias Günter und dem Ensemble
Regie: Charlotte Sprenger, Bühne und Kostüme: Aleksandra Pavlović, Dramaturgie: Matthias Günther, Musik und Live-Musik: Philipp Plessmann.
Mit: Merlin Sandmeyer, Rafael Stachowiak, Gabriela Maria Schmeide, Tilo Werner, Oda Thormeyer.
Premiere am 16. August 2020
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

www.thalia-theater.de

 

Kritikenrundschau

"Das hochnervös, fast überdreht wirkende Ensemble lässt den Abend ins Surreale, Poetische driften", findet Peter Helling im NDR (17.8.2020). "Regisseurin Charlotte Sprenger gelingen starke Momente, etwa wenn über den Kopfhörer Regen-Geräusche laufen, wenn die Schauspieler mit Regenschirmen über die Bühne gehen - und der richtige Himmel ein regenloser Schimmer ist: Dann entsteht Magie, das Theaterspielen wird hier, fast kitschig, zum Abbild des Lebens." Der "poetische Abend" sei eine "würdige Eröffnungsnacht", so der Rezensent.

"Eigentlich fallen alle ständig übereinander – das Stück fordert also Nähe, also genau das Gegenteil der gerade verbindlich vorgeschriebenen Distanz. Charlotte Sprenger macht das Bestmögliche draus: mit geschickter Einbeziehung des (unbenutzten) Theaterraums drinnen, wo das Ensemble angeblich die eigentliche Premiere spielt (und mit Beifall vom Band belohnt wird), und uns Publikum als Voyeure auf der virtuellen Hinterbühne." So berichtet Michael Laages für die Deutsche Bühne online (17.8.2020). "(W)o derart wenig Gemeinschaft entstehen kann, wächst der Wahn der Vereinzelung", und so "bekommt das an sich starke Stück einen fremden, befremdlichen Klang".

Eine "anarchische Freiheit" macht Maike Schiller (€) vom Hamburger Abendblatt (17.8.2020, hinter Paywall) in dieser Produktion aus. Mehr noch als die Vorlage treibe Charlotte Sprenger "die Unschärfe auf die Spitze, was zu Folge hat, dass die Konzentration sich mitunter in den Abendhimmel verabschiedet und Haltungen auch mal bloße Behauptungen bleiben. Das Mäandern und der improvisierte Charakter wirken nicht immer intendiert und sind in ihrer rauschhaften Albernheit durchaus auch anstrengend." Gleichwohl zeigt sich die Kritikerin im Ganzen überzeugt: "Die Premiere wird wie ihre Entstehungsgeschichte zur Suche nach einem Weitermachen, nach dem Offenen, aufgeladen mit Emotionen, mit Wagnis, Übermut, anspielungsreich, unsicher, trotzdem lässig, nicht um jeden Preis treffsicher. All das erzählt dieser Abend – und macht die Eröffnungsnacht zu einer sehr berührenden Selbstvergewisserung."

 

 
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