Sterntaler rechnet ab

von Jens Fischer

Bremen, 29. August 2020. Was Nettes für ein paar Stunden Pandemie-Vergessenheit? Nicht in Bremen. Nach fast einem halben Jahr Corona-Zwangs- und Sommerferienpause wird zum Saisonstart zwar Hygieneknigge-korrekt zum Händesterilisieren geladen, auf körperliche Distanzierung und Maskierung geachtet, Adresse um Adresse der Besucher aufgenommen, aber kein dramatisch harmloses Schmankerl serviert. Einst geplant für 60 Zuschauer auf der schweißtreibend intimen Kellerbühne, kommt die erste Premiere der Saison nun im großen Kleinen Haus vor 50 Zuschauern heraus, mehr lässt die Bremer Coronaverordnung nicht zu für die 200 Plätze. Gegeben wird die von Anke Stelling mit Wutfeuerfeder und Sehnsuchtsasche geschriebene, politisch fiebrig aufgeladene, Lebenslügen torpedierende Generalabrechnung mit dem Soziotop linksliberalgrün arrivierter Bürgerlichkeit der 68er-Kinder: "Schäfchen im Trockenen".

Prekäre Verhältnisse

Der Roman glüht vor Empörung und klingt dabei verzweifelt kämpferisch. Regisseurin Nina Mattenklotz dimmt diese Energie auf einen Alltagsplauderton, dämpft damit auch den karikierenden bis höhnenden Witz vieler Passagen, um mit einem Abstandsregel-kompatiblen Monolog die zugrundeliegende Beschämung der Ich-Erzählerin freizulegen, ihre Unsicherheit, Überforderung und Bitterkeit. Das dauernde Gefühl zu scheitern. Tapfer kämpft Protagonistin Resi mit Selbstironie gegen Selbstmitleid. Darstellerin Karin Enzler umkreist die Worte Stellings zumeist freundlich empathisch wie unprätentiös, fängt Erkenntnisse pointiert ein, übertreibt, rudert zurück, schweift ab, hadert, setzt neu an, hofft, leidet und schimpft.

Schafchen 560 FotoJoergLandsberg uGefallene Engel im Kapitalismus-Schnee: Anna Leira van Poppel, Karin Enzler © Jörg Landsberg

Auf der Bühne rieselt derweil Plastikschnee. Symbolischer Winter. Herrscht doch eisiger Kapitalismus. Resi würde so gern dazugehören und die Versprechen von gleichen Chancen auf Schöner-Wohnen-Lebensstandards glauben. Also passt sie sich an und tritt im Eisbär-Kostüm vors Publikum. Legt das weiße Fell dann aber so nach und nach ab und steht in schäbigen Leggins sowie mit Schlabber-Shirt da. Riesengroß neben ihr verweist ein Geige spielender Glitzerengel-Aufsteller auf das weitere Wunschbild, mütterlich gütig jedermann die Wunschmelodie spielen zu können. Aber Resi ist kein glückspendender Cherub, sondern fremdelt vor allem mit den Rollenangeboten als Familientier. Vier Kinder, ein wohl eher brotlos künstlernder Ehemann, sie selbst eine mau erfolgreiche Schriftstellerin – das definierte schon vor Corona prekäre Verhältnisse. Genau deswegen redet Resi drauflos, die Hintergründe will sie ihrer Tochter Bea (Anne Leira van Poppel) erklären, die als Ansprech-, nicht als Dialogpartnerin auf der Bühne hockt und mit ein paar Electro-Beats auf ihrem Minicomputer zur szenischen Untermalung aufspielt.Die Aufklärungs-Suada der Mutter ist auch ein von Angst getriebener Ernüchterungstext, geschrieben im Gedankenstrom-Stil von Tagebucheintragungen.

Die Familie stinkt!

Einst zog Resi mit ihrer schwäbischen Clique nach Berlin im naiven Glauben an nicht marktkonformes Zusammenleben, eine grundsätzliche Gleichheit der Menschen und die Veränderbarkeit der Welt. Die einstigen Mitschüler brachten aber bald ihre Schäfchen ins Trockene, während Resi an ihren schriftstellerischen Idealen festhielt. Sie wollte unbequem bleiben, Wahrheiten erzählen und schrieb daher ein Buch über Statusgehabe, -neid und -dünkel ihrer Freunde, die mit Unterstützung der Eltern, den richtigen Jobs und Erbschaften ihr neo-bourgeoises Glück erkauft haben und nun deutlich zeigen, dass nicht mehr dazugehört, wer weniger Geld hat, und dass komplett ausgegrenzt wird, wer darauf auch noch öffentlich hinweist. Jedenfalls kündigen die ehemaligen Kumpel Resis Familie die untervermietete Wohnung in Berlin-Mitte. Resi fordert anschließend von sich, aus der sozialen Ausgrenzung endlich ein Klassenbewusstsein zu entwickeln.

Schaefchen 560a JoergLandsberg uAnsichten einer Clownin: Karin Enzler © Jörg Landsberg

Aber der Abend zeigt das eben nicht schwarz-weiß, die Fahnen hoch und auf zum revoluzzernden Gefecht, sondern bleibt stets ambivalent. Wehmütig erinnert sich Resi, mal als Sympathieträgerin, mal nervig besserwisserisch, sie wollte Wohlstand, Wärme, Sicherheit genießen und das Leben mit den Freunden schön finden, aber es sei halt nicht schön. Sie mag ihre Clique immer noch, aber desavouiert ihre Selbstinszenierungen. Sie will aufhören zu rauchen und raucht weiter. Sie liebt ihre Kinder, angesichts der Kosten und Arbeit würde sie sie auch gern wieder loswerden. Als Bea einmal nach Hause kommt und sagt, es stinke dort, antwortet Resi: „Du hast recht, mein Schatz, es stinkt. Nach uns. Nach Familie. So köstlich, geborgen und ekelig. Hau ab. Komm an mein Herz. Und erinnere dich, dass du da wegmusst.“ Aber Bea will vor allem bei den Freizeitvergnügungen finanziell privilegierterer Familien mithalten. „Alle verreisen, außer uns“, so der Vorwurf. Genau das hatte Resi auch ihrer Mutter gegenüber geäußert. Herkunft definiert Zukunft. So die theatral stringente Analyse des Buchs.

Ansichten einer Clownin

Die szenischen Mittel sind im Dienst des Inhalts angenehm reduziert. Geht die Rede von Gott, erigiert Enzlers Zeigefinger gen Himmel. Wenn Resi Geld braucht, steht sie wie Sterntaler auf der Bühne, bereit einen güldenen Regen aufzufangen. Wird ein Literaturpreis gewonnen, zieht sie einen Reifrock als Zeichen des erhofften finanziellen Aufstiegs an. Mit einer Clownsnase berichtet Resi vom Angebot der gönnerhaften Freunde, ihr Geld fürs Mitmachen bei ihrer Baugemeinschaft zu leihen, soll doch zu sehen sein, "es sind auch Geringverdiener mit an Bord, Künstler!"

Während Stellings Roman ein herrlich scharfer Blick zurück im Zorn ist, bringt ihn die Bremer Dramatisierung als Selbstermächtigungsversuch eines Aufsteigerkindes auf den Punkt. Ratlos, aber keineswegs resigniert. Ästhetisch nicht innovativ, aber als präzise gearbeitete Verständigungskunst.

 

Schäfchen im Trockenen
nach dem Roman von Anke Stelling
Regie: Nina Mattenklotz, Bühne und Kostüme: Johanna Pfau, Licht: Joachim Grindel, Musik: Tobias Gronau, Dramaturgie: Simone Sterr.
Mit: Karin Enzler und Anne Leira van Poppel.
Premiere am 29. August 2020
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

theaterbremen.de

 


Kritikenrundschau

"Enzler modelliert Resis Verzweiflung über die Widersprüche und Drangsale durchaus mit bisweilen garstigem Witz heraus, ohne dabei zu moralisieren", schreibt Rolf Stein in der Kreiszeitung (30.8.2020). "Auch Stelling geht es nicht um die Einforderung des richtigen Lebens im Falschen. Ihre Konsequenz lautet ganz altmodisch: Klassenbewusstsein. Was fraglos ein kämpferisches Statement zum Beginn der Bremer Theatersaison ist. Ein sehenswertes ist es obendrein."

"Dramaturgin Simone Sterr hat aus dem 266-Seiten-Roman eine Fassung destilliert, die die wichtigsten Szenen elegant ineinanderfließen lässt", schreibt Iris Hetscher im Weser-Kurier (31.8.2020), die vor allem die Hautpdarstellerin lobt: "Karin Enzler nimmt das Publikum mit in alle Gefühlszustände ihrer Figur, ist mal wütend, immer wieder verunsichert, verzweifelt, ratlos und sehr einsam." Das sei ein "Parforceritt, der einen sehr gelungen Auftakt des Kulturherbstes" markiere, so die Kritikerin.

 

 
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