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So Lololo

von Cornelia Fiedler

Düsseldorf, 3. September 2020. Irgendwann kommt das Ende der Menschheit dann doch noch: Miki Shoji, als Tod in einen violett glänzenden Kapuzenmantel gehüllt, weist die auf der Bühne versammelten Quasselstrippen mit sparsamen, aber deutlichen Gesten an, jetzt endlich abzutreten. Niemand wird sie vermissen, dafür hat Regisseurin und Choreographin Constanza Macras zwei Stunden lang gesorgt: In "Hyperreal" porträtiert sie mit ihrer Truppe aus Tänzer*innen und Schauspielensemble eine egozentrische, wehleidige, konsumsüchtige, pseudoreflektierte Spezies. Dass das in kritischer Absicht geschieht, ist klar. Dennoch wirkt Macras' mit Diskursplittern garniertes Pandemiespektakel auch selbst unangemessen dünn, fast naiv.

Ich und Corona

Der Abend beginnt mit einem Kampf zwischen Körper und Geist, schön anzusehen, sprechend, vielversprechend. Jede Bewegung, jeder Schritt der Tänzer*innen in Giltzeroutfits wirkt wie ein ungeheurer Kraftakt: Arme, Beine, Schultern, sogar Hand- und Fußgelenke scheinen nur zu funktionieren, wenn sie geschoben, gezogen oder mit einem kräftigen Klatschen der jeweils freien Hand angeschubst werden. Tänzer Emil Bordás muss sich beispielsweise mehrmals mit der Hand auf den Kopf schlagen, um an einer Poledance-Stange aus dem ersten Stock der bühnenfüllenden blauen Lobbykulisse Stück für Stück ins Erdgeschoss rutschen zu können. Ist das Tanz gewordene Entfremdung, Lähmung, Depression? Oder geht es um die Cyborgisierung einer Gesellschaft? Macras lässt es vorerst offen.

Hyperreal2 560 Thomas Rabsch uWimmelbild der Wehleidigen – mit Abstand © Thomas Rabsch

Diese Offenheit geht der Inszenierung allerdings bald flöten. "Hyperreal" wird konkret und findet im Ausmalen des konkret Banalen kein Ende mehr. Kommentiert durch Choreographien der anderen gibt jetzt nämlich allen Ernstes jede*r Akteur*in eine oder mehrere ausführliche Ich-und-Corona-Nummern zum Besten: Minna Wündrich singt hart an der Schlagergrenze über Quarantäne-Hygiene, -Migräne, und -Schwäne. Anna-Sophie Friedmann berichtet kabarettreif und mit starkem österreichischen Einschlag von Diätversuchen während des Lockdowns, die in Alkohol und Tränen mündeten. Außerdem geht es auf der fleißig kreisenden Drehbühne um Zoom-Yoga, Beziehungsstress im Homeoffice, einsame Online-Drinks, Budenkoller, Putzwahn und Bananenbrot-Backen – gerade so, als hätten wir das nicht gerade erst selbst erlebt und monatelang medial wiedergekäut bekommen. Zudem werden wichtige Lockdown-Songs, Bücher und Hörbücher referiert, darunter wenig überraschend Aldous Huxleys "Schöne Neue Welt".

So allein

Apropos Songs: Ein komisches Highlight ist Florian Langes Auftritt in einer Spoken-Word-Version des Police-Hits "So Lonely" vom 1978: Zwischen den vom Ensemble gesprochenen Strophen stapft er im grünen Pullunder wieder und wieder die Showtreppe hinauf, sagt ausdruckslos "so lonely, so lonely, so lonely" und schlurft wieder von dannen. Das zieht er durch, bin zum allerletzten "low, low, low" das er selbstverständlich "lololo" ausspricht.

Hyperreal6 560 Thomas Rabsch uHeitere Depression: Adaya Berkovich, Serkan Kaya, Miki Shoji, Thulani Lord Mgidi, Minna Wündrich © Thomas Rabsch

Für intellektuelle Häppchen sorgt eine Truppe prekarisierter und Pandemie-gestresster Paketzusteller*innen. Gehetzt sprechen sie Sätze wie "Raum und Zeit sind als Bühne der Welt redundant geworden", beklagen die schwindende Kraft des Sozialen, den wachsenden Einfluss der Werbung, zumal online, und werfen Jean Baudrillards titelgebendes Schlagwort von der "Hyperrealität" in den Raum. Die ohnehin eher eindimensionale Kritik des Philosophen an Medien und Werbung muss dafür noch einmal stark heruntergebrochen werden.

Covid-19 kostet Leben

Dass hier über Wahrnehmung, Simulation, Semiotik oder die digitale Konstruktion so genannter "alternativer" Realitäten nachgedacht würde, bleibt also eine Programmheftbehauptung. Dass der Abend trotz beeindruckender Tanzmomente selten Fahrt aufnimmt, liegt am Plot. Das "große Nörgeln" wohlstandsverwöhnter Deutscher im Angesicht der Pandemie wird zwar ausgiebig persifliert. Zugleich fehlt aber jede Auseinandersetzung damit, dass Covid-19 nicht nur uns ein paar Nerven, sondern weltweit Hunderttausende das Leben gekostet hat und weiter kosten wird.

Da wäre noch eine andere Kleinigkeit: Dass der Mensch seinen einzigen Planeten irreparabel zerstört, findet in "Hyperreal" zwar ebenfalls seinen Platz, es mangelt also nicht an relevanten Themen. Doch die fragliche Antiken-Comedy-Szene zwischen Zeus, Prometheus und Neptun tut weder weh, noch stößt sie neue Gedanken an. Als erste Premiere nach der langen Corona-Zwangspause ist "Hyperreal" damit eine schwierige Wahl. Selbst der an sich sympathische, postmodern abgeklärte Humor wirkt an diesem Abend wie ein Relikt aus den Nullerjahren. Aus einer Zeit, als Europa so langweilig wirkte, dass man ohne rot zu werden mit Francis Fukuyama das "Ende der Geschichte" behaupten konnte.

 

Hyperreal. Eine dystopische Science-Fiction-Komödie
von Constanza Macras
Regie und Choreografie: Constanza Macras, Bühne: Alissa Kolbusch, Kostüm Jenny Theisen, Musikalische Leitung: Santiago Blaum, Dramaturgie: Robert Koall, Carmen Mehnert, Livemusik: Santiago Blaum, Nathan Bontrager, Radek Stawarz.
Mit: Adaya Berkovich, Emil Bordás, Anna-Sophie Friedmann, Serkan Kaya, Florian Lange, Thulani Lord Mgidi, Kilian Ponert, Miki Shoji, Sebastian Tessenow, Friederike Wagner, Minna Wündrich.
Premiere am 3. September 2020
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.dhaus.de



Kritikenrundschau

"Der erste Teil ist pfiffig, spitz und schwarzhumorig umgesetzt, Teil zwei kommt zerfranst und am Ende ein wenig mühsam daher", so resümiert Michael-Georg Müller den Abend in der Westdeutschen Zeitung (4.9.2020).

Eine "dynamische, sinnenfrohe, manchmal sarkastische, manchmal auch banale Reflexion moderner Scheinwelten" hat Dorothea Krings von der Rheinischen Post (7.9.2020) in Düsseldorf erlebt. Der Lockdown habe für Macras "nur noch stärker die Unwirklichkeit des vollvernetzten Lebens in der Konsumgesellschaft hervortreten lassen"; und auf ebendiesen "Ressourcen verschlingenden Konsummenschen" und seine Fremdbestimmtheit ziele der Abend ab.

Zunächst werde in Constanza Macras Abend körperlich durchdekliniert, was es bedeutet, nicht mehr Herr oder Frau der Pandemie-Lage zu sein, so Dorothea Marcus im Deutschlandfunk Kultur heute (4.9.2020). "Doch dann beginnen sie, tagebuchartig ihre subjektiven Corona-Erlebnisse zu verkünden, und das – hat man irgendwie jetzt schon ein wenig zu oft gehört." Einerseits führe dieser bunte Abend die Lächerlichkeit der bürgerlichen Existenzsorgen vor, andererseits feiert er sie bis zur Selbstverliebtheit mit unzähligen Popsongs und popkulturellen Zitaten. Bei Macras sei diese zweite Ebene von Kritik und Distanzierung an der selbstoptimierten und durchkapitalisierten Mittelstands-Weltflucht zuweilen spürbar, "doch jede Kritik wird zugleich naiv überschwänglich performt wie in einer Zirkusshow".

Über ein "Theater wie eine Weißweinschorle, in die man zu viel Wasser gekippt hat", berichtet Stefan Keim in der Sendung "Fazit" auf Dradio (3.9.2020). "Es prickelt und es sprudelt, aber schmeckt irgendwie nach nichts." Soll heißen: Eine inhaltlich packende Beschreibung unserer Gegenwart vermisst der Kritiker in dieser bunten "Revue". Man denke: "Oh ja, da lassen irgendwie so Besserverdiener ihre Seelchen schaukeln. Dass so eine Geschichte wie eine Pandemie vielleicht auch mal gefährlich wird oder jemanden angreift, das habe ich überhaupt nicht gesehen."