Stürzt alle Denkmäler

von Sascha Westphal

Köln, 5. September 2020. Die Situation ist offen. So wie sie sich mit maximalem Abstand gegenüberstehen, könnten Thuiskomar und Hermann Verbündete oder auch Gegenspieler sein. Klar ist nur, der Fürst der Sicambrier tritt dem Fürsten der Cherusker als eine Art Bittsteller entgegen. Mit einem leichten Zittern in der Stimme klagt Seán McDonagh dem wie versteinert dastehenden Nikolaus Benda das Leid seines Landes, das entgegen früherer Verträge von römischen Truppen besetzt wurde. Nun sucht er Beistand bei Hermann und will ihn in die Rolle des Befreiers drängen, der Roms Herrschaft über die germanischen Völker beendet. Aber Thuiskomars Auftritt könnte auch ein Test sein, eine Falle für den Cherusker.

Keine festen Rollen in einem hochpolitischen Spiel

Schon in dieser ersten Szene von Oliver Frljićs Inszenierung von Heinrich von Kleists Historiendrama gibt es keinerlei Gewissheiten. Zwei kleine, bewegliche Lampen strahlen McDonagh und Benda so von der Seite an, dass ihre Gesichter mehr im Schatten als im Licht liegen. Während ihre Worte zweideutig bleiben, ist es unmöglich, ihre Züge zu lesen und damit ihre Absichten zu deuten. Die spärlichen Lichtquellen illuminieren zwei Männer, die sich ganz bewusst bedeckt halten, die taktisch agieren und sich möglichst keine Blöße geben wollen.

Hermannsschlacht1 560 JulianRoeder uKlare Fronten sind optische Täuschungen: Sean McDonagh, Hannah Müller, Alexander Angeletta, Benjamin Höppner © Julian Röder

Die Verhältnisse können von einem Augenblick zum nächsten kippen. Feste Rollen gibt es in diesem hochpolitischen Spiel um die Bedeutung von Geschichte und die Frage, wer sie wie schreibt, natürlich nicht. Die sieben Spielerinnen und Spieler wechseln ihre Rollen wie die Positionen auf der Bühne. In einem trotz der Corona-bedingten Abstände von Leidenschaft erfüllten Moment sitzt Nicola Gründel als Thusnelda in einer Ecke jenseits der quadratischen Spielfläche am Klavier und gibt den Verführungsversuchen des von Benjamin Höppner gespielten römischen Legaten Ventidius nach. Im nächsten tritt sie ins Quadrat zurück und ist Hermann, der seiner von Alexander Angeletta verkörperten Frau verkündet, dass Ventidius sie keinesfalls liebt und nur mit ihr spielt.

Wüstes Drama goes Lehrstück

Die Rollenwechsel kommen ohne Ankündigung. So ist Oliver Frljićs Inszenierung dem Publikum immer mindestens einen Schritt voraus. Dabei spielt es letzten Endes nicht einmal eine große Rolle, ob einem Kleists Drama nun sehr gut vertraut ist oder nicht. Denn selbst wenn man es genau kennt, überraschen einen neben den Rollenwechseln auch die inhaltlichen Sprünge und die teils rabiaten Striche, die Frljić vorgenommen hat. Die Irritation der steten Veränderung provoziert eine angespannte Konzentration, die einen anders auf das Geschehen auf der Bühne blicken lässt.

Hermannsschlacht2 560 JulianRoeder uTeile eines Geschichts-Puzzles, das nicht zusammenpasst: Nikolaus Bender, Sean McDonagh, Alexander Angeletta, Nicola Gründel, Hannah Müller © Julian Röder

Diese "Hermannsschlacht" ist kein Tendenzstück, mit dem Kleist die Deutschen zum Befreiungskampf gegen die napoleonische Herrschaft aufrufen wollte, und es ist auch kein deutscher Mythos, der sich politisch und ideologisch ausschlachten ließe. Frljić verwandelt dieses wüste, an sich schon alles andere als geschlossene Drama in ein Lehrstück über die Lügen der Geschichtsschreibung. Wer Hermann in ein Denkmal verwandelt, wer ihm eine klar definierte Identität zuschreibt, der betreibt nichts anderes als Manipulation. Und ebendem tritt Frljić mit aller Macht entgegen. Es gibt nicht den einen Hermann, den großen Helden, der Varus bezwungen hat. Es gibt nur unzählige Facetten und Ereignisse, die kein eindeutiges Bild ergeben.

Verlogener Heroismus der Denkmal-Kunst

Hinter den die Spielfläche umgebenden Zuschauerreihen hat der Bühnenbildner Igor Pauška riesige schwarzweiße Reproduktionen historischer Gemälde platziert. Eine ständige Erinnerung an die Instrumentalisierung der deutschen Kunst im 19. wie auch im 20. Jahrhundert. Wilhelm Camphausens hochoffiziöse Darstellung von Blüchers Rheinübergang bei Kaub etabliert die Verbindung zwischen dem Stück und dem Krieg gegen Napoleon. Eine ständige Erinnerung an die propagandistische Umformung der Geschichte des Arminius. Caspar David Friedrichs Abtei im Eichwald illustriert die naturmystischen Seiten des Dramas und beschwört zugleich noch eine elegisch-romantische Stimmung herauf, die perfekt zum magischen Auftritt der Alraune passt. Und Paul Thumanns Rückkehr der Deutschen aus der Schlacht im Teutoburger Wald wird in der Schlussszene der Inszenierung zur Vorlage für ein Bild, das herrlich ironisch mit dem verlogenen Heroismus einer Kunst bricht, die Denkmäler schafft und alles Denken unterdrückt.

Noch einmal trägt Nikolaus Benda wie schon in der allerersten Szene den geflügelten Helm, der auch den siegreichen Heerführer in Thumanns Gemälde ziert. Nur sitzt Benda, der in diesem Augenblick zugleich Hermann und Marbod, der Fürst der Sueven, ist, statt auf einem Pferd auf einem Metallgestell, das von seinen Mitspielerinnen und Mitspielern auf die Spielfläche geschoben wird. Benda schmeißt sich in eine Pose, die Thumanns heroische Darstellung dupliziert und so entlarvt. Währenddessen malt Alexander Angeletta ein Bild von ihm, das sich schließlich als kindliche Strichmännchen-Zeichnung offenbart. Heiner Müllers Diktum "Nekrophilie ist die Liebe zur Zukunft" erklingt und liefert den Schlüssel zu Frljićs fordernder und dabei extrem sinnlicher Inszenierung.

Die Hermannsschlacht
von Heinrich von Kleist
Regie: Oliver Frljić, Bühne: Igor Pauška, Kostüm: Katrin Wolfermann, Musik: Daniel Regenberg, Licht: Jan Steinfatt, Dramaturgie: Sarah Lorenz.
Mit: Alexander Angeletta, Nikolaus Benda, Nicola Gründel, Benjamin Höppner, Seán McDonagh, Hannah Müller, Ines Marie Westernströer.
Premiere: 5. September 2020
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.schauspiel.koeln

 

Kritikenrundschau

Begeistert zeigt sich Patrick Bahners, der die Inszenierung zusammen mit Warten auf Godot in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (7.9.2020) bespricht: Frljić beseitige die dramaturgische Schwäche, dass Hermann die ebenbürtigen Mit- und Gegenspieler fehlen, "indem er im famosen Ensemble (Alexander Angeletta, Nikolaus Benda, Nicola Gründel, Benjamin Höppner, Seán McDonagh, Hannah Müller, Ines Marie Westernströer) die Rollenzuteilung von Szene zu Szene wechseln lässt". Kostüme, Lichtregie, Choreographie, Untermalung durch drei Klaviersonaten Beethovens: "alles dient dazu, die rhythmische Energie des sprachlichen Geschehens zu steigern, die Gewalt des Blankverses".

Dass Frljić die Rollen im Ensemble rotieren lasse und somit auch Hermann zu einem Mosaik mache, sei nicht mehr als Type-Casting, findet Axel Hill in der Kölnischen Rundschau (7.9.2020): "So entsteht keine Nähe, nur ein Bild." Immerhin seien es "viele starke Bilder, die den Abend  durchaus sehenswert machen".

"Je wechselhafter die Rollen von Besetzern, Vasallen und Widerstandskämpfern, desto deutlicher treten die Intrigen hervor", argumentiert hingegen Christian Bos im Kölner Stadtanzeiger (7.9.2020). "In Windeseile wird der Bündnispartner zum Todfeind, der Schwur zum Verrat. Einzige Konstante der Politik ist, dass sie sich wendet wie das Wetter." In Frljićs "atmosphärisch ungemein dichter Bearbeitung" wirke die "Hermannsschlacht" wie ein Vorläufer von "Game of Thrones".

 
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