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Gerichtstermin im Ethikrat

von Frauke Adrians

Berlin, 10. September 2020. Frau Gärtner ist nicht mehr jung, aber gesund. Sie hat keine Schmerzen und kein unerträgliches Leiden, aber sie will sterben, denn seit dem Tod ihres Mannes vor einigen Jahren sieht sie in ihrem Leben keinen Sinn und keinen Inhalt mehr. Seit das Bundesverfassungsgericht im Februar den Paragrafen 217 aus dem Strafgesetzbuch getilgt hat, der nahezu jede Beihilfe zum Suizid verbot, hätte Frau Gärtner das Recht, ihren Sterbewunsch durch Gift und mit "freiwilliger Hilfe Dritter" zu erfüllen. Nur: Will die Gesellschaft das zulassen? Finden sich Ärzte, die einer gesunden 78-Jährigen – oder auch einer gesunden 38- oder 18-Jährigen – die tödliche Dosis verabreichen? Zählt die Freiheit zur Selbstbestimmung über den eigenen Tod mehr als das Leben? Droht Euthanasie, droht die Etablierung einer auf Profit ausgerichteten Sterbehilfe? Fragen für Grundsatzdebatten von dem Format, wie der Jurist und Autor Ferdinand von Schirach sie gern auf die Theaterbühne stellt.

Vor fünf Jahren brachte Oliver Reese Schirachs seitdem vielgespieltes und verfilmtes Stück Terror am Schauspiel Frankfurt zur Uraufführung. Zwei der Schauspieler von damals, Bettina Hoppe und Martin Rentzsch, sind auch jetzt in Berlin dabei. Parallel zur Uraufführung am Berliner Ensemble – in Anwesenheit des Autors – fand eine weitere in Düsseldorf statt.

Sterbehilfe, ja oder nein?

Reese hält sich bei Schirachs neuem Stück eng an die Textvorlage (auch, wenn in der Vorlage Frau Gärtner eigentlich ein Mann ist) und deren staubtrockenen Ton, und das bedeutet: Lebendiges, bewegendes Theater kann das nicht werden. Der Strafverteidiger Ferdinand von Schirach schreibt weniger Theatertexte als Plädoyers, und auch wenn sein neues Stück "Gott" nicht im Gerichtssaal, sondern in der Sitzung einer Ethikkommission spielt, wohnt das Publikum einer Verhandlung mit Zeugenbefragungen und Kreuzverhören bei. Biegler (Martin Rentzsch), Frau Gärtners Anwalt, sucht hemdsärmelig die Argumente von Bischof Thiel (Veit Schubert) zu demontieren. Das Ethikkommissionsmitglied Keller (Bettina Hoppe) liefert sich mit der Verfassungsrichterin Litten (Judith Engel) einen Schlagabtausch, dessen Lautstärke angesichts des allgemein emotionslosen Tonfalls völlig überzogen wirkt.

Gott 02 560 c Mattias Horn uIm Streit: Ethikkommissionsmitglied Keller (Bettina Hoppe) und Verfassungsrichterin Litten (Judith Engel) in "Gott" am Berliner Ensemble © Matthias Horn

Erstaunlich, dass ein Theaterabend, in dem es um derart grundstürzende Fragen zwischen Leben und Tod geht, dermaßen langweilig sein kann. Die Schauspieler haben in Oliver Reeses Inszenierung keine Menschen aus Fleisch und Blut zu verkörpern, sondern sind bloß Sprachrohre bestimmter Berufs- und Interessengruppen; bei Schirach heißen sie unterschiedslos Sachverständige. Selbst die lebensmüde Frau Gärtner (Josefin Platt) wirkt wie eine Funktionsträgerin, nicht wie ein Mensch mit Lebensgeschichte, Emotionen und Charakter.

Gott redet mit

Hinzu kommt, dass keiner der Sachverständigen – vom Ethiker bis zum Bischof, vom Ärztekammerpräsidiumsmitglied bis zur Richterin – mehr zur Diskussion beitragen kann als drei bis fünf Sätze. Wer sein Statement abgegeben hat, wird für den Rest des Abends eigentlich nicht mehr gebraucht und sitzt nur noch mehr oder weniger dekorativ auf den Holzstufen der Diskussionsarena herum. Viel undankbarer kann eine Bühnenrolle nicht sein.

Gott 01 560 c Mattias Horn uGerrit Jansen im Arena-Bühnenbild von Hansjörg Hartung © Matthias Horn

Das Interessanteste an Ferdinand von Schirachs Stück ist sein Titel: "Gott" ist nicht die Antwort auf die gravierenden ethischen Fragen, die hier verhandelt werden – auch wenn ein Bischof halbherzig mitdiskutiert –, sondern eine Erinnerung daran, dass das Grundgesetz einst auch "im Bewusstsein der Verantwortung vor Gott“ verabschiedet wurde: als Zeichen der Demut im Kontrast zur menschenverachtenden Hybris der Nationalsozialisten. Und selbstverständlich steht im Kern die Frage: Gehört das Leben jedem Menschen allein, oder hätten die Gesellschaft und/oder eine höhere Macht da ein Wörtchen mitzureden?

Publikums-Abstimmung

Wie schon vor fünf Jahren, als es in Schirachs Drama "Terror" um das moralisch und juristisch verantwortbare Handeln im Angesicht einer mörderischen Bedrohung ging, durfte das Publikum auch diesmal am Ende des Stückes abstimmen. Die doppelt hypothetische Frage "Wenn Sie Arzt wären, würden Sie Frau Gärtner dann beim Sterben helfen?" ließ der Ethikratsvorsitzende (Gerrit Jansen) beiläufig per Handzeichen im Corona-bedingt schütter besetzten Saal beantworten: Mehr als die Hälfte der Zuschauer, befand die Bühnenbesetzung, stimmte mit Ja. Ein Ergebnis ohne größeren Wert, denn jeder potenzielle Sterbehilfefall ist anders.

Es gibt Themen, die sind zu wichtig, um sie bloß in Talkshows abzuhandeln; gut, wenn sie auf die Theaterbühnen kommen. Aber wenn ein lebloser Text auf eine lieblose Inszenierung trifft, wie in diesem Fall, ist weder der Debatte noch dem Theater nennenswert geholfen.

 

Gott
Uraufführung
von Ferdinand von Schirach
Regie: Oliver Reese, Kostüme: Elina Schnizler, Bühne: Hansjörg Hartung, Dramaturgie: Tobias Kluge, Musik: Jörg Gollasch, Licht: Ulrich Eh und Arnaud Poumarat, Bratsche: Simone Jandl.
Mit: Gerrit Jansen, Josefin Platt, Christine Schönfeld, Martin Rentzsch, Bettina Hoppe, Judith Engel, Ingo Hülsmann, Veit Schubert.
Premiere am 10. September 2020
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.berliner-ensemble.de

 

Kritikenrundschau

Die Schauspieler kommen nach und nach auf die Bühne, begrüßen sich, flüstern sich kurz etwas zu. "Das ist die erste, bildlich dann doch sehr aufdringlich umgesetzte Belehrung, der noch viele Belehrungen folgen, viele erhobene Zeigefinger und endlose Referate, bis man völlig erschöpft aus dem Theater wankt", so Julia Encke in der FAZ (12.9.2020). Aus dem Erfolg von "Terror" mache Schirach jetzt einfach ein Prinzip, diskutiert einen Sterbehilfe-Fall und durchmischt eine Sitzung des Ethikrats mit Kreuzverhören und Befragungen. Die Schauspieler "tun einem von Beginn an eigentlich vor allem leid. 'Gott' gönnt ihnen keinen Spielraum, kein Leben, keine Grenzüberschreitung, keine Überraschung, keine Körperlichkeit." Fazit: "ein papiernes Lehrstück, das seine Zuschauer aufdringlich adressiert, indem sie von allen Figuren immer wieder angesprochen werden: 'Meine Damen und Herren'. Aber es berührt einen nicht. Der ganze Abend ist wie das Gegenteil von Theater."

Über die Doppelpremiere in Düsseldorf und Berlin schreibt Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (12.9.2020): "In beiden Premieren sind die Figuren ähnlich temperiert, die Rechtsexpertinnen so klug wie freundlich, sie erklären geduldig." Es gebe bei Schirach viel zu reden, wenig zu spielen, Sympathiewerte beeinflussen die Abstimmung. "Reese besetzt Herrn Gärtners Partie mit der anrührenden Josefin Platt. Wer würde dieser Frau nicht helfen wollen?" Der Regisseur flichte vom Verfassungsgericht-Urteil einiges in den Text ein, wirft anderes raus, "das schafft ein wenig Luft".

Die Schirach-Maschine brumme wieder, schreibt auch Doris Meierhenrich in der Berliner Zeitung (12.9.2020). "In 'Terror' wurde eine rechtliche Frage gefühlsethisch verbrämt, hier nun wird ein ethisches Problem allein mit leeren Rechtsbegriffen und vatikanischen Dogmen versorgt." Oliver Reeses Inszenierung muss man dennoch zugute halten, dass sie den Text schärfer und lebhafter in die helle Treppenkulisse setze, als er auf dem Papier steht. "Das Grundproblem aber bleibt: Die ethische Diskussion, die er ankündigt, findet nicht statt." Abgestimmt wurde am Ende trotzdem: Gibt es Zweifel, wie die Entscheidung ausfiel?

Beinweiche Thesenträger statt denkwürdiger Charaktere treten auf, so Christine Wahl im Tagesspiegel (12.9.2020). "Dass der Abend so wenig überraschende Denkanstöße produziert, liegt auch daran, dass er keinen Hehl daraus macht, auf wessen Seite er steht." Die Anti-Gärtner-Fraktion werde vor allem von zwei männlichen Möchtegern-Alphatieren verkörpert. Veit Schubert als theologischer Sachverständiger Thiel und Ingo Hülsmann als extrafieses Aushängeschild der Ärztekammer rennen mit ihren Argumenten vom potenziellen Dammbruch und vom schützenswerten Heiligtum jedweden Lebens vornehmlich gegen Argumente an, die zuvor schon sehr vernünftig von den Sympathieträgern des Abends, Judith Engels Rechtssachverständiger Litten und Frau Gärtners Anwalt Briegler (Martin Rentzsch) entkräftet worden waren. "Kein Wunder, dass die finale Abstimmung überdeutlich ausfällt."

"Die Bühne ist ein hölzerner Miniaturhörsaal mit dem Charme einer Ausnüchterungszelle", schreibt Wolfgang Höbel auf Spiegel online (12.9.2020). "Leider verzichten die Kontrahenten im Stück radikal auf jede Pointe und reden mit Ausnahme des salbungsvollen Klerikers staubtrockenes Juristendeutsch.§ Immerhin, einmal benutzt einer der Mitspieler eine Formulierung, die im Text des Stücks nicht zu finden war: Er wolle jetzt noch "eine finale Frage" stellen. Fazit: "Die bedrückende Wirkung dieses Theaterabends, an dessen Ende sich der Autor schüchtern auf der Bühne verneigte, besteht darin, dass er die immer gleiche Finalfrage in sehr vielen Varianten formuliert."