Sein oder Nichtsein? Bitte abstimmen!

von Max Florian Kühlem

Düsseldorf, 10. September 2020. Die Internetseite terror.theater zeigt die Erfolgsgeschichte von Ferdinand von Schirachs Stück Terror in einer eindrucksvollen Grafik: 544.042 Besucher rund um den Globus (also wirklich rund um den Globus – und nicht nur in der westlichen Welt) haben es gesehen und zu 63,2 Prozent am interaktiven Ende des gezeigten Prozesses den Piloten freigesprochen, der ein von Terroristen gekapertes Flugzeug abschoss, das auf ein Stadion zusteuerte. Für Schirachs neues Prozess-Stück "Gott" ist eine ähnliche Erfolgsgeschichte vorprogrammiert. Die Programmierer haben diesmal die Domain gott.theater gewählt und die Weltkarte zeigt am Premierenabend schon 13 Orte, an denen es gespielt wird.

Fakten schaffen

So begehrt ist der neue Stoff, dass die Uraufführung gleich an zwei Orten stattfindet: dem Berliner Ensemble und dem Düsseldorfer Schauspielhaus. Im Düsseldorfer Kleinen Haus nehmen 67 Zuschauer*innen nach Corona-Regeln Platz. Am Eingang haben sie jeweils eine rote und eine grüne Karte bekommen und damit den Auftrag, am Ende abzustimmen. Das ist ein einfacher, aber exzellent funktionierender Trick des schreibenden Strafverteidigers Schirach, um unbedingte Aufmerksamkeit zu fordern. Denn wer möchte schon über ein so schwieriges und existenziell wichtiges Thema wie Sterbehilfe abstimmen ohne gute Fakten-Grundlage und argumentative Basis?

 Gott 03 560 c sandra then uArgumente für und wider: Judith Bohle in "Gott" am Düsseldorfer Schauspielhaus © Sandra Then

Eigentlich scheint die Sache klar: Sterbehilfe sollte in einer Gesellschaft, die auf weitreichendste Freiheitsrechte und Selbstbestimmung ihrer Mitglieder baut, erlaubt sein. Wer dagegen ist, ist konservativer Kirchentags-Christ und wahrscheinlich auch Abtreibungsgegner.

Und die Hilfestellung zur Selbsttötung beziehungsweise zum Suizid durch eine Person, die ein Mittel (meist ein Medikament) bereit stellt, ist in Deutschland seit Februar dieses Jahres in der Theorie ja auch schon erlaubt. Bloß an der praktischen Umsetzung hapert es: Es gibt noch keine Sterbehilfe-Vereine wie in der Schweiz. Über den Erhalt des Gifts muss im Einzelfall ein Sachverständigenrat tagen.

Auf Selbstbestimmung  gebaut

Dass die Sache im Verlauf der zwar starren, aber kurzweiligen Inszenierung dann doch immer unklarer wird, ist Ferdinand von Schirachs Kunst, die in Düsseldorf mit Regisseur Robert Gerloff und seinem Ensemble großartige Komplizen findet. Der Autor konstruiert die fiktive Sitzung des deutschen Ethikrats, der freiwillig zusammengekommen ist, um über einen kniffligen Fall zu diskutieren: Der 78-jährige Richard Gärtner will sterben, obwohl er sich selbst sowohl körperlich als auch psychisch als gesund bezeichnet – was Gutachter bestätigen. Doch ohne seine Frau, die nach 42 Jahren Ehe verstorben ist, sieht er keinen Sinn mehr im Leben. (Und Douglas-Adams-Fans wissen, dass der Sinn des Lebens eng mit der Zahl 42 verknüpft ist.)

Gott 03 560 c sandra then uVor der Ethikkommission spricht nicht Gott, sondern Herr Gärtner, der sterben will. © Sandra Then

Natürlich ist das Stück über weite Strecken Wikipedia-Aufsage-Theater. Viele Fakten wie diese wollen transportiert werden: Insgesamt 1150 Deutsche haben in der gesamten Geschichte des Schweizer Sterbehilfevereins dessen Dienste in Anspruch genommen. Rund drei Viertel der Schweizer sprechen sich für aktive Sterbehilfe aus – das ist das Verhältnis, in dem auch das Düsseldorfer Publikum am Ende im konkreten Fall entscheidet.

Zweite Wahrheiten

Spannend ist, wie die Schauspieler*innen den Prozess trotzdem engagiert und emotional gestalten und es manchmal schaffen, in ihren erst einmal unbeirrt argumentierenden Figuren Zweifel und eine zweite Wahrheits- oder Erkenntnisebene aufscheinen zu lassen. Wolfgang Reinbacher spielt den sterbewilligen Richard Gärtner Corona-konform per Videozuschaltung – und irgendwann glaubt man zu verstehen: Er will gar nicht um seinetwillen sterben. Er will politisch handeln, einen Präzedenzfall schaffen, um deutschen Staatsbürgern in Zukunft die Möglichkeit zu geben sich einen qualvollen Todeskampf zu ersparen wie er ihn bei seiner Ehefrau erlebt hat.

Und wenn im letzten "Verhör" Cathleen Baumann als scharf schießende Anwältin Gärtners auf den Sachverständigen Bischof Thiel (Thomas Wittmann) trifft, dann wird es argumentativ richtig interessant: Die Anwältin nimmt seine theologische fundierte Ablehnung der Sterbehilfe zwar leicht als aus der Zeit gefallen und zutiefst widersprüchlich auseinander und bringt den Bischof zum Nachdenken, während sich an einen christlichen Glaubenssatz klammert: "Leben ist Leiden".

Idee neoliberalen Zeitgeists

Doch trotzdem bleiben auch gute Argumente der Gegenseite hängen: Was, wenn die Sterbehilfe gerade bloß gut in den neoliberalen Zeitgeist passt? Was, wenn die Oma im Altenheim sich als finanzielle Belastung empfindet und auf den Tipp des Enkels eingeht, dass es da doch jetzt diese Vereine gibt? Was, wenn wir bald wieder generell darüber diskutieren, was lebenswertes Leben ist – wie in gar nicht so grauer Vorzeit? Vielleicht muss das Abstimmungsergebnis also gar nicht immer so eindeutig ausfallen wie bei der Düsseldorfer Premiere.

 

Gott
Uraufführung
von Ferdinand von Schirach
Regie: Robert Gerloff, Bühne: Maximilian Lindner, Kostüme: Nina Kroschinske, Musik: Cornelius Borgolte, Video: Simon Hegenberg, Dramaturgie: Robert Koall.
Mit: Judith Bohle, Wolfgang Reinbacher, Florian Lange, Cathleen Baumann, Friederike Wagner, Hanna Werth, Andreas Grothgar, Thomas Wittmann.
Premiere am 10. September 2020
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.dhaus.de


Kritikenrundschau

Bereits "Terror" war als Theaterstück nicht unproblematisch, "wenn auch weniger problematisch als 'Gott'". Beides seien Diskurse, rhetorische Übungen, und im Kern ungeheuer ähnlich, schreibt Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (12.9.2020). Wenn Schirach ein Stück schreibe sei die Aufregung groß, "auch wenn es kein Stück ist" und "Gott" mäandernde Umwegargumentationen in Kauf nehme. Der konkrete Fall gehe bald verloren in langen Befragungen dreier Expertinnen und Experten. "Robert Gerloff lässt die Figuren auf Schirachs rhetorischem Schachbrett mit latenter Aggression aufeinander los", so Tholl, der auch über Oliver Reeses Inszenierung in Berlin schreibt (also Gerloff vermutlich in der Generalprobe sah). "In beiden Premieren sind die Figuren ähnlich temperiert, die Rechtsexpertinnen so klug wie freundlich, sie erklären geduldig."

"Im Ethikrat geht es zu wie bei Gericht. Das Stück sollte besser 'Karlsruhe' heißen", schreibt Patrick Bahners in der FAZ (12.9.2020). Das Bundesverfassungsgericht sei hier die unsichtbare Instanz, die alles so herrlich regiere. "Die wenig subtile Lenkung der Meinungsbildung in 'Gott' setzt diesen ganz bestimmten Glauben an ein ganz bestimmtes Verfassungsgericht voraus – nur dass dem Juristen Schirach mutmaßlich gar nicht bewusst ist, dass er beziehungsweise sein Stellvertreter auf der Bühne, der tüchtige Rechtsbeistand des Todeskandidaten, als Apostel dieses Glaubens auftritt." Die dramatische Konstellation setze die Unterscheidung von Recht und Moral voraus, doch in der Wechselrede auf der Bühne werde keine Idee vom Sinn dieser Unterscheidung herauspräpariert.

In der Rheinischen Post (12.9.2020) schreibt Bertram Müller: "Robert Gerloff hat mit seinem Team das Bestmögliche herausgeholt." Die Sitzung des Ethikrates, die simuliert werde, wirke aber klinisch trotz aller Belebug. Der Einsatz der Videoleinwand bringe Bewegung. Auch die Besetzung trage mit ihren unterschiedlichen Temperamenten dazu bei, dass man den Argumenten einigermaßen folgen kann.

 

 
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