Scheiße, was für eine Nacht

von Janis El-Bira

Berlin, 11. September 2020. So schön wohnen die Tantalid*innen! Ein anmutiger Tempelrundbau samt korinthischer Säulen und Blattwerk steht da im Rund der Volksbühne. Rings gesäumt durch gewaltige Tücher, die von der arkadischen Sonne in pastellenes Licht getaucht werden. Dahinter liegt, sobald die Bühne sich hinreißend kitschig gewendet hat, eine kerzenerleuchtete Opferstätte in Form eines Bassins, dessen Wellen tanzende Schatten werfen. Nebel liegt über den Wassern.

Wilde Spiele

Tollen Griechen-Trash hat Bühnenbildnerin Jana Wassong für diesen Abend gebaut, wie feucht erträumt von Winckelmann und Kollegen. Oben auf der Tempelburg allerdings schiebt Agamemnon bereits mächtig schlechte Laune. Ausgerechnet die Tochter Iphigenie, so erzählt es Euripides, soll er opfern, damit sein Heer wieder frei zur See fahren kann, gelöst aus der von Göttin Artemis verhängten Windstille. Sein mit ihm verkrachter Bruder Menelaos vereitelt erst noch Agamemnons List, Iphigenie und deren Mutter Klytämnestra vor der Opferung zu warnen, wird dann aber selbst nachgiebig.

Doch schließlich siegen höhere Gewalt, Volk und Götterwille über die Vaterliebe: Iphigenie muss sterben und in einem so seltsamen wie viel diskutierten Akt der Willensbildung nimmt sie ihr Schicksal an. Artemis jedoch hat ein Einsehen und schickt Iphigenie kurz vor dem fatalen Schwerthieb nach Tauris, wo sie ewig als Priesterin dienen soll. So weit, so bekannt.

iphigenie1 560 Katrin Ribbe uWiderspenstig und gehörnt: Paulina Alpen, Vanessa Loibl, Susanne Wolff in action in Lucia Bihlers "Iphigenie" © Katrin Ribbe

Regisseurin Lucia Bihler und Co-Konzeptionistin Teresa Schergaut gefällt das trotzdem gar nicht. Den attischen Männerbünden, die das Leben einer Frau gegen Kriegsglück zu tauschen bereit sind, soll endlich in die schrumpeligen Weichteile gekickt werden.

Allzu handgreiflich fällt das in "Iphigenie. Traurig und geil im Taurerland" jedoch nicht aus – was in erster Linie damit zu tun hat, dass Männer hier keine Rolle spielen. Als rein weibliches Ensemble stampfen und tanzen Paulina Alpen, Jella Haase, Amal Keller, Vanessa Loibl, Emma Rönnebeck, Teresa Schergaut und Susanne Wolff zu den hochelastischen Klanggeweben einer fantastischen Kombo aus Bassklarinette, Posaune und Schlagzeug durch die Tragödie – allesamt mit Hörnern auf dem Kopf wie eine ganze Herde von Opfertieren.

Fanatismus der Selbstaufgabe

Männer existieren hier bloß als Geste und Aneignung: Fragile Theatermännlichkeiten wie Emma Rönnebecks hochkomischer Menelaos, der wie ein Schluck Wasser in den zu weiten Kurven seines Hosenanzugs hängt (Träume aus Tüll und Viskose von Leonie Falke). Oder Susanne Wolffs Agamemnon, der wie von Blitzen erfasst unter der Last seiner Entscheidungen hadert, zuckt und stürzt.

iphigenie2 560 Katrin Ribbe uMit Resten des Tragischen, aber bloß kein Opfertier sein in "Iphigenie" © Katrin Ribbe

Wolff gönnt ihm Spurenelemente des Tragischen, wenn sie zu höheren Tönen greift, nur um gleich darauf im Fußballspiel gegen Menelaos den zerknüllten Brief mit Iphigenies Rettungsbotschaft über die Bühne zu treten. Die ganze Welt mit all ihrem Blutvergießen, sie ist ein Scherz großer Jungs. Als die neugierig wie ein junges Reh im Brautkleid den Raum erkundende Iphigenie (Vanessa Loibl) und Klytämnestra (Paulina Alpen) hinzukommen, sind sie schon Opfer des Männersystems. Ihnen bleibt bloß noch die Rolle der Duldenden, die schließlich in den Fanatismus der Selbstaufgabe gedrängt werden.

Schönste Selbstbezichtigungen

Natürlich hat Lucia Bihler für diese Figuren kaum einen warmen Gedanken übrig. Das kann sie auch nicht, weil sie selbst die antike Iphigenie ganz von Goethes weimarklassischer Humanitäts-Ikone der herzensguten Frau her liest. Der wiederum gilt Bihlers größtes Unbehagen. Man mag ihr das zwar – weil eigentlich ausgerechnet Goethes Iphigenie am deutlichsten emanzipiert dem Götterspruch entgegentritt – als ziemlich vorurteilsbehaftet auslegen, kann aber nicht behaupten, dass der Regisseurin darüber die Lust am Stoff oder gar am Theater vergangen sei. Vor allem jedoch beschert das Konzept von Bihler / Schergaut eine furiose zweite Abendhälfte.

iphigenie4 560 Katrin Ribbe uJella Haase in "Iphigenie", in der die Spielerinnen Stefanie-Sargnagel-Sätze maliziös und verletztlich verkörperlichen © Katrin Ribbe

Denn nicht nach Tauris wird Iphigenie gebeamt, sondern – "Scheiße, was für eine Nacht!" brüllend – mitten hinein in die Texte der großen Kaffeehauskloaken-Poetin Stefanie Sargnagel. Geschickt webt die Inszenierung deren legendäre Selbstbezichtigungen im Statusmeldungs-Format ineinander. Mit Sargnagel geht es ins Call Center, dem "Friedhof aller Träume", wo eine ganz andere Iphigenie, jetzt gleich in fünffacher Gestalt, notgeile Typen aus der Leitung schmeißt. "Ich möchte eine Entspannungs-CD, auf der alte Frauen die Namen von Mehlspeisen aussprechen", sagen diese auf einmal sehr fleischlichen Iphigenien. Oder: "Ich möchte mit dir eine Familie gründen, in der ich das Kind bin."

Die Spielerinnen sprechen und verkörperlichen diese Sargnagel-Sätze so maliziös und verletzlich, als spränge jedes Mal ein kleines Herz entzwei, als zerplatzten gleich die hübschen Neonlicht-Nieren, die nun vom Bühnenhimmel leuchten. Jetzt ist der Abend nicht weniger als ein großer, kräuterschnapsbitterer Spaß. Dass er mit Iphigenie nicht viel mehr zu tun hat, als ihr vermeintliches Gegenteil sein zu wollen, wird da unerheblich. Im Call Center lässt sich eh nichts mit der Seele suchen.

 

Iphigenie. Traurig und geil im Taurerland
nach Euripides und Stefanie Sargnagel
Idee und Konzept: Lucia Bihler, Teresa Schergaut, Regie: Lucia Bihler, Künstlerische Beratung: Sonja Laaser, Musik: Jacob Suske, Choreographie und künstlerische Beratung: Mats Süthoff, Bühne: Jana Wassong, Kostüme: Leonie Falke, Licht: Kevin Sock, Dramaturgie: Hannah Schünemann.
Mit: Paulina Alpen, Jella Haase, Amal Keller, Vanessa Loibl, Emma Rönnebeck, Teresa Schergaut, Susanne Wolff. Musikerinnen: Silke Eberhard (Karola Elßner), Anke Lucks (Tanja Becker), Lizzy Scharnofske.
Premiere am 11. September 2020
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.volksbuehne.berlin

 

Kritikenrundschau

"Dies ist ein Theaterabend, der seinen Beteiligten selbst viel Spaß zu machen scheint", schreibt Doris Meierhenrich in der Berliner Zeitung (12.9.2020). "Ein gewisses Maß an groteskem Bewegungsüberschuss, bunten Farben und ironisch eingeblasener Begleitmusik versetzt die Tragödie also von Beginn an ins Satyrspiel", was zwar "lustig" aussähe, "mehr als parodistisch ist es aber eben nicht". Die "feministischen Akzentverschiebungen" blieben dem zweiten Teil des Abends mit den "müden, unfitten, unflexiblen, unsmarten Sargnagel-Posts" vorbehalten.

"Iphigenie – jungfräulich, sittsam und von Aischylos bis Goethe gern literarisiert – strebt in Euripides' Tragödie 'Iphigenie in Aulis' fügsam ihrem Opfertod entgegen", schreibt Christine Wahl im Tagesspiegel (12.9.2020). Das scheine auch die Wiener Autorin Stefanie Sargnagel so "genervt zu haben, dass sie ihr zusammen mit Bihler, Schergaut und der Dramaturgin Hannah Schünemann am Rosa-Luxemburg-Platz ein Gegenprogramm verordnet." Auf der Bühne wolle vor allem die erste Hälfte "very entertaining sein", was ihr "momentweise" auch gelinge, es bleibe aber "nett und harmlos". Der "Sargnagel’sche Stinkigkeitsfokus" liege dagegen auf dem zweiten Teil, wo die fünf Iphigenien zu den "unterhaltsameren und gewitzteren Gegenprogrammatikerinnen ihrer dramatischen Art" gehörten.

"Eine gute Stunde lang passiert auf der Bühne der Volksbühne nämlich tatsächlich etwas, das es auf dieser Bühne der lustvollen Infragestellung schon lange nicht mehr gegeben haben dürfte", so Stephan Hilpold im Standard (14.9.2020): "Man zelebriert ein in Pastellfarben gerücktes, von Versen getragenes und durchaus von Pathos und von Trash umrahmtes Hochamt hochklassischer Literatur." Dennoch sei "erstaunlich", dass die zweite Hälfte des Abends "nahtlos" mit der ersten ineinandergreife: "Ohne die hohen Töne des ersten hinge die Rotz- und Fäkalsprache des zweiten in der Luft. Und ohne die gewitzten Sargnagel-Aphorismen rund um Furzorgien und Vorhautverengungen im zweiten wüsste man wohl mit dem ersten Teil nicht besonders viel anzufangen." Die "Hetz und den Jux" dieser Inszenierung solle man sich "auf keinen Fall entgehen lassen", so Hilpold.

Letztlich werde die Geschichte des Aulis-Teils nur ausgebreitet, um sie "mit Verve wegwischen zu können", findet Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (17.9.2020). Ziemlich textreu sei der erste Teil, mit großartigen Schauspielerinnen und ebensolcher Musik. Dann hebe die Sargnagel-Wutshow an, die "ein bisschen Sargnagel-Standard" sei, bis Susanne Wolff verkündet: "Ich zerfick euch mit meinem Binnen-I."

Eine "trashig treffende Erkundung davon, wie vordergründig traurig (und manchmal geil) es sein kann, eine Frau zu sein", hat Lili Hering für die ZEIT (13.9.2020) gesehen. "Wo Susanne Wolff als Agamemnon und Emma Rönnebeck als Menelaos die patriotischen Texte der beiden Königsbrüder ernst nehmen und deren jahrhundertealte Gewalt und Dominanz sprachlich zutage bringen, da konterkarieren sie die mit ihren Körpern." Und in Bihlers Inszenierung gehe es anschließend mit den Texten von Stefanie Sargnagel auf "Tauris zwar nicht viel freudiger, aber auf jeden Fall lustiger zu als bei Euripides."

 
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