Der Steuermann lässt laufen

von Michael Wolf

Berlin, 1. Oktober 2020. "Nach Aischylos" steht unter dem Stücktitel, was an diesem Abend doppeldeutig zu verstehen ist. Denn Regisseur Thorleifur Örn Arnarsson geht in der Berliner Volksbühne nicht nur sehr frei mit der "Orestie" um, bei ihm kommt nach Aischylos auch Edward Albee. Zu Beginn fährt aus dem Bühnenboden eine naturalistisch eingerichtete Wohnung. Sólveig Arnarsdóttir und Sebastian Grünewald spielen darin Martha und George aus dem Ehedrama "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?". Sie streiten sich, hassen einander mit Inbrunst, reizen sich aufs Blut, bis es tatsächlich fließt, Grünewald – streng nach Corona-Regeln – ein Plexiglas-Visier aufsetzt und Arnarsdóttir einen roten Drink ins Gesicht schüttet. Später kommen weitere Farben hinzu, schlägt er sie noch grün und blau.

Loop von Gewalt und Gegengewalt

Sodann fährt die Wohnung wieder hinab und der Rest des 12-köpfigen Ensembles erzählt vor einem mit Plastikstühlen vollgestellten Amphitheater zunächst recht zäh und dann sehr hastig die Geschichte der Tantaliden: Agamemnon hat seine Tochter Iphigenie geopfert, damit die Göttin Artemis seine Segelschiffe in den trojanischen Krieg führt. Kaum ist er siegreich zurückgekehrt, erschlägt seine Frau Klytaimnestra aus Rache wiederum ihn, woraufhin Orest seine Mutter Klytaimnestra tötet. Die Spirale aus Gewalt und Gegengewalt hält die Figuren gefangen, erst im letzten Teil finden sie Erlösung, wenn Pallas Athene eine Gerichtsbarkeit einführt. Strafe ersetzt nun Rache, die Menschen treten damit aus ihrem Naturzustand heraus, nehmen ihr Schicksal selbst in die Hand. So zumindest ließe sich der Mythos erzählen, mit einem Happy End, mit der Zuversicht, dass der Staat und seine Institutionen eine Ordnung etablieren, in der Freiheit und Selbstbestimmung möglich werden.

Orestie 2 600 Vincenzo Laera uZwischen Aischylos und Edward Albee: Hubert Wild, Johanna Bantzer, Sarah Maria Sander © Vincenzo Laera

Zurück in die Wohnung des Ehepaars. Während die Geschichte ihren Lauf nimmt, wiederholen Arnarsdóttir und Grünewald hier die Albee-Szene Mal um Mal, man kann sie auf Bildschirmen an den Rändern der Bühne den ganzen Abend weiterverfolgen, sofern man denn Freude an unmotivierter Gewaltdarstellung verspürt. Schließlich schlägt George seine Frau tot und bittet – nun als Orest – jammernd vor dem neuen Gericht um Gnade, die ihm auch erteilt wird.

Vorschriftsmäßig abgeklebte Rotze

Es lässt sich trefflich über die Verschneidung der beiden Dramen spekulieren, die Arnarsson bemüht, sicher ist jedenfalls, dass selbige erstens tatsächlich sehr bemüht wirkt und er zweitens eben diese Spekulation dem Publikum aufhalst. Das Schaffen von Sinn und Hintersinn ist hier Sache der Rezipienten, auf der Bühne gibt man sich lieber dem Unsinn hin. Sarah Franke erzählt, sie sei während der Proben verantwortlich gewesen, auf die Abstände zu achten. Als sie ganz allein auf der Bühne steht, nutzt sie den Moment, brüllt nach Herzenslust, rotzt auf die Bühne ("Katharsis!") und klebt die Spucke sodann vorschriftsgemäß ab. Die schwangere Schauspielerin Sylvana Seddig schildert als Iphigenie, wie ihr Vater sie opferte, zieht sich aus, besprüht sich mit Kunstblut, breitet christusgleich die Arme aus. Beim Abgehen windet sie sich, täuscht Wehen vor, um schließlich mit einem Seufzer der Erleichterung ein Hühnerei zu gebären und es aufzuessen.

Starkes Bild!, mögen sie sich auf der Probe gedacht haben, es ist zu befürchten, dass auch irgendjemand "Mega!" gesagt hat. Bleibt nur die Frage: Guckt da bei der Volksbühne nicht mal jemand von außen drauf? Jemand aus der Dramaturgie? Der Intendant? Wäre eigentlich egal, wer. Auch dem Pförtner wäre sicher aufgefallen, dass das keineswegs ein starkes Bild ist, sondern nur ein unter hohem Zeicheneinsatz konstruiertes Witzchen, das auf nichts anderes verweist als auf die Wahllosigkeit der Mittel, die hier zum Einsatz kommen.

Gezielt gesteuerte Produktion von Zeichen?

Jede Assoziation ist so treffend wie die nächste. Sie verschneiden Albee mit Aischylos, weil es bei beiden Stücken ja um ewige Kämpfe geht, oder so. Sie singen hier "Mama" von Queen, weil Orest ja schließlich seine Mutter umbringt, oder so. Eine monströse Trump-Figur läuft am Ende über die Bühne, weil es ja um Gesellschaft geht und bald Wahlen sind, oder so. Postmodern und ekletizistisch nennt man das Ergebnis, will man vornehm, einfallslos und beliebig, will man ehrlich sein. Klar, Arnarssons Orestie ist kein Einzelfall, dieser Regiestil ist in seiner Generation weit verbreitet. Wohl aus Angst vor dem Bedeutungsverlust gibt man sich der nervösen Produktion von Referenzen hin, schmeißt die Maschine an und lässt einfach laufen. Dabei müsste es bei Regie doch um Kontrolle gehen, um die gezielte Steuerung von Zeichen, um ihre Regulierung, nicht um ein vulgäres "anything goes".

Orestie 3 600 Vincenzo Laera uZahllos, wahllos? Daniel Nerlich produziert Zeichen © Vincenzo Laera

In einer Szene erzählt Sarah Franke von den Proben nach dem Lockdown. Der Regisseur sei da schon wieder in Island gewesen und habe es aus ökologischen Gründen abgelehnt, nach Berlin zu fliegen. Stattdessen sei dann die ganze Produktion zu ihm nach Island geflogen. Der beste Witz des Abends ist das, vor allem aber eine treffende Beschreibung der Art, wie hier Regie geführt wird. Am Theater wird in letzter Zeit viel über Ökologie gesprochen. Es geht um das Anthropozän, um Klimaneutralität und Stromverbrauch. Erstaunlicherweise findet aber keine Diskussion über den Umgang mit Zeichen statt, die diese Branche Abend für Abend verschwendet, wegschmeißt und über die Rampe suppen lässt. Es wäre höchste Zeit, mehr semiotische Ökologie zu wagen – oder wenigstens den Müll zu trennen, bevor man ihn rausbringt.

 

Die Orestie
von Thorleifur Örn Arnarsson
nach Aischylos, unter Verwendung der Übersetzung von Peter Stein, erschienen im Verlag der Autoren
Regie: Thorleifur Örn Arnarsson, Bühne: Ann-Christine Müller, Kostüme: Mona Ulrich, Musik: Gabriel Cazes, Director of Photography: Voxi Bärenklau, Künstlerische Mitarbeit: Egill Sæbjörnsson, Sounddesign: Salka Valsdóttir, Licht: Kevin Sock, Live-Kamera: Miriam Kolesnyk / Nicolas Keil, Dramaturgie: Ulf Frötzschner
Mit: Sólveig Arnarsdóttir, Johanna Bantzer, Gabriel Cazes, Sarah Franke, Katja Gaudard, Sebastian Grünewald, Jan Jordan, Daniel Nerlich, Sarah Maria Sander, Sylvana Seddig, Sir Henry, Hubert Wild
Premiere am 1. Oktober 2020
Dauer: 2 Stunden 15 Minuten, keine Pause

www.volksbuehne.berlin

 

Kritikenrundschau

"Schön ist's nicht beim besagten Tantalidengeschlecht, aktionsreich aber durchaus – was sich auch von Thorleifur Örn Arnarsson 'Orestie'-Inszenierung sagen lässt", so Christine Wahl im Tagesspiegel (6.10.2020). Es beginne stilecht in einer Nasszelle mit angrenzendem Bobo-Wohnzimmer, allerdings seien es George und Martha aus Edward Albees Ehehöllenklassiker 'Wer hat Angst vor Virginia Woolf?', die sich hier auf die Nerven gehen. "Natürlich kann man – Stichwort: toxisches Patriarchat, – Albee mit Aischylos engführen." Wozu man das unbedingt müsse, bleibe über den 135-minütigen Abend hinweg eine treue Begleiterin. Fazit: "Man darf gespannt sein, ob es demnächst zwingender wird mit der Antike in der Volksbühne, denn die stellt hier ein ganzes Spielzeitthema."

Als "retro-postmodernes Tischfeuerwerk aus Zitaten, Fragmenten, Assoziationen und Selbstbespiegelungen" implodiere Aischylos' Tragödie bei Arnarsson, schreibt Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung (2.10.2020). "Auf einen Nenner und um jegliche Substanz gebracht, ist das Theater selbst zum Atridenfluch geworden. Wie entkommt man dem Geflecht der Zeichen und Bedeutungen? Wo hört das Spiel auf, und wo beginnt das Echte?" 

"Was für ein gedehntes, nerviges Spektakel!", klagt Ute Büsing auf rbb Kultur (2.10.2020). "130 Minuten lang viel Lärm um wenig, Wettstreit widersprüchlicher Stimmen, Noise-Konzert aus der Atriden-Blase" führten nirgendwo hin: Das Ehedrama passe nicht zum blutigen Atriden-Fluch, die "ellenlangen" Ausführungen zum eingeschränkten Proben- und Spielbetrieb unter Corona nicht zu den archaischen Opfer-Ritualen und der Katharsis des antiken Dramas. Das zwölfköpfige Ensemble mühe sich nach Kräften, "diesem totalen Geschmacks- und Stilmix Konturen abzugewinnen", aber der Abend bleibe "ein Bekenntnis zu ganz großer Ratlosigkeit" – wobei diese Verunsicherung nicht ausgespielt, sondern unter Bombast erstickt werde.

Von einem "kompliziert zusammengepuzzelten" Abend berichtet André Mumot auf Deutschlandfunk Kultur (1.10.2020). "So viele Ideen kommen hier zusammen, blitzen auf, beeindrucken kurz im komplexen Bühnenbild von Ann-Christine Müller und verpuffen wieder. All die Einzelteile verbinden sich weder intellektuell noch emotional zu einer schlüssigen Einheit, riegeln den Abend stattdessen über weite Strecken nach außen hermetisch ab. Das Theater ist hier wieder einmal vor allem für sich selbst da, spielt verbissen vor sich hin."

 
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