Verdammt noch mal Menschenleben retten!

von Cornelia Fiedler

Düsseldorf | Online, 1. Oktober 2020. Wir sind's, das Nerd- und Streber*innen-Team: Auf dem Schulhof hätte keine*r mit uns gespielt, weil wir mit unserer Klugscheißerei genervt hätten, was wir wiederum mit einer altklugen Bemerkung über Massenpsychologie und Faschismus kommentiert hätten, wofür wir dann endgültig aufs Maul bekommen hätten…  Aber wir sind ja unter uns, Hannes, Fabian und ich. Also dürfen wir ruhig mal angeben: Heroische 90 Minuten anstatt der vom Game-Theater-Kollektiv machina eX veranschlagten 120 Minuten – und der Fall ist gelöst: Game Over, level accomplished, zack feddich.

Ein Spiel für die Messenger-App Telegram

Wir haben nicht gezögert, als unsere alte Schulfreundin Marie uns um Hilfe bat, ließen uns nicht vom Weg abbringen, als Moralkrieger Rafi uns per Livevideo bedrohte, wir haben Webseiten gehackt und Codes geknackt, als gelte es, gleich noch den letzten Zug aus Düsseldorf nach Hause zu erwischen. Mussten wir allerdings nicht, die Uraufführung von "Homecoming" fand ja zu Hause statt. Das Publikum trifft sich, wie schon beim ebenfalls vom FFT Düsseldorf produzierten Vorgängergame "Lockdown", im Messenger Telegram (das FFT hat die neue Arbeit gemeinsam mit dem HAU Berlin und Hellerau herausgebracht).

Homecoming2 560 machinaeX uAnne Eigner spricht den Chatbot Marie ein, in "Homecoming" von machina eX © Barbara Lenartz

Wer mitspielt wird von Marie in eine kleine Chat-Gruppen gepackt und, ohne weitere Vorwarnung, schwungvoll in deren Leben als Pandemie-Verliererin hineingezogen. Sie war vermutlich irgendwie kreativ freischaffend tätig, ist jetzt ohne Job und musste zu ihrem Vater zurückziehen – in unser aller Heimatdorf. All das sprudelt nur so aus ihr heraus. Einerseits, weil Marie ein Chatbot ist, und damit immer etwas zu schnell tippt, und die von Anne Eigner in charmantem Alltagsstyle eingesprochenen Hey-ich-schick-mal-der-Einfachheit-halber-ne-Sprachnachricht-Sprachnachrichen versendet. Andererseits, weil dieser Stil natürlich durchaus etwas erzählt, darüber, wie Chatverläufe manchmal viel schneller viel privater und drängender werden, als ein Offline-Gespräch.

Stay-the-Fuck-Home-Moral

Das eigentliche Problem ist aber gar nicht Marie, sondern unser Schulfreund Rafi, gespielt von Jan Jaroszek: Marie hat ihn bei seltsamen Hamsterkäufen im Supermarkt gesichtet, ihn angesprochen, er sie jedoch schlicht geghosted. Warum? Er scheint nun einer Privat-Lockdown-Bewegung anzugehören, finden wir heraus. Menschen, die die Stay-the-Fuck-Home-Moral aus dem März/April konsequent weiterdenken und ebenso konsequent weiter zu Hause bleiben, um "verdammt noch mal Menschenleben zu retten". Das erfahren wir, als Rafi uns auf unser ständiges Generve hin einen Link zu seinem liebevoll bestückten Videolog schickt – verbunden mit der Bitte, ihn nun gefälligst in Ruhe zu lassen.

Homecoming1 560 machinaeX uJan Jaroszek als Raphi in "Homecoming" von machina eX © Barbara Lenartz

Könnte man tun, wäre da nicht das Gamefieber. Und wäre da nicht diese ominöse, in Görlitz ansässige neue EU-Behörde, die uns allen im Vorfeld einen dicken Umschlag mit Testunterlagen nach Hause geschickt hat. Sie will herausfinden, ob wir für ihr Shelter-Programm infrage kommen, weil wir "mit den physischen und psychischen Spätfolgen der Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen" nicht klarkommen. Diese Erweiterung des Games in die Offline-Welt ist neu, auch dass das Spiel somit schon vor dem eigentlichen Telegram-Game beginnt. Es macht sich im eigenen Leben sogar ziemlich breit: Die Formulare und Broschüren der dubiosen Organisation liegen auf Tisch und Küchenboden herum und fordern "Bleiben Sie stark – testen Sie ihre Schwäche", bis man nachgibt. Schon wieder eine Grenzüberschreitung, schon wieder selbstgewählt.

Homecoming3 280 Screenshot uDie Benutzeroberfläche von "Homecoming" in Telegram © Screenshot

Unter Verstörten

Rafi, in der Isolation trotz Fitness-Challenges, Maker-Ethos und Experimentalküche sichtlich mürbe geworden, misstraut der Organisation. Er will sie hacken, sie entlarven. Wir helfen. Wie das geschieht, reißt nicht nur Datenschutzfragen an, sondern auch die Frage nach dem Heldentum des Whistleblowers, nach der Verantwortung von Regierenden, nach gefühlter Wahrheit.

Selbst wenn man die gesammelte Nerdkompetenz unseres Teams abrechnet, bleibt "Homecoming" dennoch ein vergleichsweise leichter Abend, nicht nur, was die zu lösenden Rätsel betrifft. Die für das Live-Game konstruierten Probleme wirken klein, verglichen mit früheren machina-eX-Stücken. Auch verglichen mit der real steigenden Armut, mit dem realen Irrsinn, den Coronaleugner*innen verbreiten, mit der realen massiven Behinderung des sozialen Miteinanders. Zugleich ist es irgendwie berührend, dass hier jemand fragt, wie wir mit der ganzen Pandemieverstörung eigentlich klarkommen. Und vor allem, dass im Theater mal die sehr grundsätzliche Frage gestellt wird, warum Solidarität, warum der Schutz vor einer potenziell tödlichen Erkrankung heute plötzlich weniger relevant sein soll, als noch im Frühjahr.

 

Homecoming. Ein Live-Theater-Game für Zuhause
von machina eX
Regie: Yves Regenass, Text: Clara Ehrenwerth, Dramaturgie und Game-Design: Mathias Prinz, Technische Leitung: Lasse Marburg, Grafik, Szenenbild, Kostüm: Barbara Lenartz, Programmierung: Sebastian Arnd, Benedikt Kaffai, Web Design/Mitarbeit Programmierung: Philip Steimel, Sound Design: Jascha Dormann, Malu Peters, Mitarbeit: Antonia Bitter, Produktionsleitung: Sina Kießling.
Mit: Anne Eigner, Jan Jaroszek
Premiere am 1. Oktober 2020
Dauer: 1,5 bis 2 Stunden, keine Pause

www.fft-duesseldorf.de
www.hebbel-am-ufer.de
www.hellerau.org



Mehr zu machina eX und dem Game-Theater während Corona lesen Sie in dem Bericht Intime Räume – Wie das interaktive Netztheater den Zuschauer für sich entdeckt von Christian Rakow (7/2020).

Kritikenrundschau

"Homecoming ist eine innovative Verarbeitung des Themas Gesundheitspolitik und der Paradoxie einer selbst verordneten Gesundheitsdiktatur. Trotzdem fühle ich mich am Ende des Abends zu erschöpft, um im Online-Foyer mit Spielern über die aufgeworfenen Fragen zu diskutieren. Am Ende franst das Spiel aus, auch deswegen, weil es von der spannenden Frage der Krisenintervention, über die wir gemeinschaftlich nachdenken könnten, verflacht zu der Frage, welche Klingel an einem Klin- gelbrett gedrückt werden muss", schreibt Marlen Hobrack im Freitag (9.10.2020).

 
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