Obacht vorm Schwedischen Odem!

von Stefan Forth

Hamburg, 2. Oktober 2020. Irgendwann ist Schluss mit lustig. In "Maß für Maß" erzählt William Shakespeare von einer Gesellschaft, die gezwungenermaßen umstellen muss von liberaler Lebenslust und Laster auf aseptische Askese und Kontrolle. Verlorene Handlungsfreiheit, strengere Vorschriften. Da kann der Reiz groß sein, Analogien zu eingeschränkten Freizeitfreuden während der Coronapandemie zu suchen. Zumal Shakespeare bekanntlich auch noch in Pest-Zeiten lebte. Am Hamburger Thalia Theater sind Regisseur Stefan Pucher und "Maß für Maß"-Umdichter Thomas Melle dieser Versuchung erlegen. Leider.

Ein Virus geht um

Was Donald Trump vor seiner eigenen Erkrankung gerne mal das Chinesische Virus oder "kung flu" nannte, heißt bei Melle und Pucher der "schwedische Odem". Der Name der Seuche, die die Atemluft vergiftet, fällt in der Hamburger Neuauflage von "Maß für Maß" so oft, bis auch der letzte im Publikum mitbekommen haben muss, was hier gespielt wird. Ebenso eingeschränkt subtil ist die Herrscherin in dieser bösen Politpopkomödie auf bundesdeutsche Gegenwart gepolt. Shakespeares Herzog ist hier eine amtsmüde Frau (Lisa Hagmeister), die seit gut 14 Jahren (!) an der Macht ist, von Gleichmut und Intellekt geprägt, und die die "Gesetze der Physik" besser versteht als ihre Untertanen, für die sie nurmehr Sätze übrig hat wie: "Mich kann das Volk nicht mehr sehen, und ich es erst recht nicht."

Mass 5 600 Krafft Angerer uAmtsmüde Herrscherin: Lisa Hagmeister © Krafft Angerer

Konsequenterweise verzieht sich die lasche Regentin dann aber auch schnell (wenngleich nur vorübergehend) von ihren Amtsgeschäften und überlässt es dem bigotten Angelo, für Anstand und Ordnung zu sorgen. Dieser verklemmt verdorbene Typ erlässt erstmal ganz flott ein paar Regeln und wartet anschließend darauf, dass sich die Fakten zur Rechtfertigung der neuen Vorschriften von selbst sammeln, denn: "Mit dem Virus ist das Gesetz erwacht, und es ist nicht hinterfragbar." Spätestens an solchen brisanten Stellen könnte dieses bunte Schauspielkabarett mehr Tiefe und Kontroverse in der selbst gewählten Auseinandersetzung mit der politischen Gegenwart vertragen statt weiter plakative Pointen im Akkord zu produzieren. Klar kann Lachen über Corona auch mal befreiend sein. Nur: Die realen Dramen außerhalb des Theaters sind da dieser Tage manchmal komplexer. Und absurder. Und lebensbedrohlicher.

Sex, Macht und Moral

Dabei hätte diese neue Sicht auf "Maß für Maß" durchaus das Zeug dazu gehabt, ein richtig großer Abend zu werden: Textbearbeiter Thomas Melle ist ein geschickter Wortakrobat und hat Erfahrung darin, Shakespeare ins 21. Jahrhundert zu holen (vor einem Jahr in München: "König Lear"). Auch im Fall von "Maß für Maß" hat er einige dramaturgisch kluge Entscheidungen getroffen. Zum Beispiel, indem er den sexuell umtriebigen Claudio in den Knast sperren lässt, weil der gute Mann trotz gesellschaftlichen Kontaktverbots mit einer fragwürdigen Frau fremdgegangen ist, sich dabei das "schwedische Odem" geholt und anschließend auch noch seine schwangere Verlobte angesteckt hat.

Aus heutiger Sicht zwar kein Fall für die Todesstrafe, die der pseudo-strenge Angelo dem Missetäter aufbürden will – aber doch schon ein nachvollziehbar fragwürdigeres Verhalten als der bloße Sex vor der Ehe, der bei Shakespeare Anlass für die Strenge des Gesetzes ist. Und für die Verwicklungen um Recht und Gerechtigkeit, die sich daraus ergeben.

Mass 2 600 Krafft Angerer u Lisa-Maria Sommerfeld (Isabella), Jirka Zett (Angelo), im Video: Stefan Stern (Lucio) © Krafft Angerer

Auch die Inszenierung ist in den Szenen am stärksten, in denen sie Pandemiepolitik Pandemiepolitik sein lässt und sich um Sex, Macht und Moral kümmert, wenn sie ihre Figuren mehr sein lässt als Projektionsflächen für kabarettistische Kommentare. Jirka Zett als Angelo ist brillant, wirklich toll. Ein extrem ausdrucksstarker Spieler, der mit wenigen Gesten, mit kurzen Blicken große Wirkung erzielen kann. Faszinierend zu sehen, wie er in einigen seiner Auftritte mit dem eigenen Körper ringt, mit der sadistischen Lust an Beherrschung und Zerstörung, die sein Angelo darin unterdrückt hat.

Dieser verkappt notgeile Kerl wirkt auf den ersten Blick wie ein viel zu perfekt gestylter bisexueller Pornoboy mit goldfarbenem Rüschenhemd, viel zu kurzen Pumphosen-Hot Pants und hohen weißen Lackstiefeln. Die verspielt historisierenden Popcollagenkostüme von Annabelle Witt machen Spaß!

Frauenhass und Machtmissbrauch

Einiges zu gucken bietet auch die überzeugende und konsequente Drehbühnenkonstruktion von Barbara Ehnes mitsamt ihrer Videografiken. Emojis aller Art mischen sich darin mit Zivilisationsmüll unserer Tage, vom "Kleinen Feigling" in der Schnapsflasche bis zu Patronenhülsen und einer Pistole – wenn nicht gerade Spielszenen aus dem Inneren des Multifunktionsbaus über die Leinwände nach draußen übertragen werden.

Mass 3 600 Krafft Angerer uJirka Zett, Lisa-Maria Sommerfeld © Krafft Angerer

Im Zentrum dieser Bühne geht's ans Eingemachte: Ein großer Schafskadaver liegt dort herum, in der Nähe stehen ein Phallusbrunnen und ein überdimensionierter gespaltener Schädel in Marmoroptik. In dessen linke Augenhöhle kriecht einmal Lisa-Maria Sommerfeld als Isabella, eine Novizin in einem Kloster bzw. (bei Melle) in einem Retreat, die ihren Bruder Claudio (starker Neuzugang im Thalia-Ensemble: Johannes Hegemann) vor dem Tod retten will. Deshalb ist sie bereit, dem Interimsmachthaber Angelo körperlich zu Willen zu sein. Der aber geilt sich daran auf, sie zappeln zu lassen, umkreist schwitzig und aasig grinsend den riesigen Schädel, genießt mit dem ganzen Körper seine gefühlte Überlegenheit. Da trifft Frauenhass auf Machtmissbrauch, da werden Jahrhunderte selbstgefälligen Patriarchats vorgeführt, abgeräumt und für unerhört erklärt. Was für eine widerlich grandiose Szene!

Solche aufregenden, berührenden Theatermomente haben gefehlt in den Zeiten der schärfsten Kontaktbeschränkungen. An mehr oder weniger fluffigen Kommentaren zur politischen Pandemiebewältigung herrscht dagegen kein Mangel. Schade, dass sich diese Hamburger Shakespeare-Überschreibung ausgerechnet daran überhebt – und dabei das ausgeglichene Maß aus den Augen verliert.

Maß für Maß
von William Shakespeare, neu übersetzt und bearbeitet von Thomas Melle
Regie: Stefan Pucher, Bühne: Barbara Ehnes, Kostüme: Annabelle Witt, Musik: Christopher Uhe, Video: Hannes Francke, Ute Schall, Licht: Jan Haas, Dramaturgie: Julia Lochte.
Mit: Sandra Flubacher, Lisa Hagmeister, Johannes Hegemann, Oliver Mallison, Toini Ruhnke, Lisa-Maria Sommerfeld, Stefan Stern, Jirka Zett.
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

www.thalia-theater.de

 

Kritikenrundschau

In Melles Bearbeitung sei von Shakespeares Stück nur noch ein vages Gerüst zu erkennen, schreibt Till Briegleb von der Süddeutschen Zeitung (5.10.2020). In langen Wortspielmonologen und zufällig wirkenden Gegenwartsbezügen ergieße sich mit zunehmender Dauer des Abends absurde Reimerei ins prallsinnliche Bühnenbild, bis bei vollster Konzentration ein Zusammenhang kaum noch auszumachen sei. "Verhandelt wird irgendwie das Verhalten demokratischer Herrschaft im Pandemiefall, aber es ist unklar, ob Melle wie ein Verschwörungsgläubiger ein Regime diktatorischer Absichten hinter Angelos Bestrafung des Covid-Sünders Claudio beschreiben möchte - oder das Gegenteil. Denn der metaphernüberladene Neutext beschäftigt sich mit dem Verwischen von Grenzen und Sinn - und die Inszenierung folgt ihm konsequent." Briegleb schließt: "Da will man dann nicht schnöde bocken und gibt sich ganz dem Blödeln hin, erfreut sich an dem kruden Sinn und hat dabei - ja was! - auch seinen Spaß."

Nicht jedes Stück lasse sich auf das Corona-Virus hinbiegen, bemerkt Peter Helling vom NDR (3.10.2020). Was Shakespeare als Studie der Macht geschrieben habe, wirke in dieser kruden Lesart wie die Infragestellung aller Anti-Corona-Maßnahmen der Regierung. "Jeder Satz, jeder Auftritt wird zur Nummer. Kein Gedanke darf sich wirklich entfalten."

Annabelle Witts Kostüme seien ein Kracher, schreibt Annette Stiekele im Hamburger Abendblatt (5.10.2020). Jedoch: Die Corona-Analogie möge naheliegen, sei aber nicht besonders originell und raube dem Abend eher theatrale Kraft, als dass sie eine weitere Bedeutungsebene einziehe. Manches in Melles Bearbeitung bleibe "bloßer Kommentar zur Krise oder bemühtes Kabarett". "Die Inszenierung hat aufregende und komödiantische Momente, bisweilen aber bleiben Tiefenbohrung und damit nachhaltige Wirkung aus."

 
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