Fernweh-Träume und Obsessionen

von Gabi Hift

Berlin, 4. Oktober 2020. Zweimal Glück, einmal Pech, so die Bilanz der Autorentheatertage am Deutschen Theater Berlin. Zwei der drei von der Jury prämierten Texte konnten bei diesem (ursprünglich für Juni geplanten) Festival uraufgeführt werden. Die dritte Produktion, "Schleifpunkt" von Maria Ursprung vom Schauspielhaus Graz, musste wegen eines Corona-Falls im Team in allerletzter Minute abgesagt werden.

Das DT hatte sich vor dem Sommer entschieden nicht wie die anderen Autorenfestivals abzusagen, sondern etwas zu riskieren – und das hat sich auf jeden Fall gelohnt. Die Autor*innen, deren Stücke zu Gastspielen rund um die prämierten eingeladen gewesen wären, wurden mit Kurzstücken beauftragt. Die werden in drei "Rundgängen" vom Ensemble des DT präsentiert – so dass ein schönes und lebendiges Festival möglich geworden ist – auch unter "Corona Bedingungen".

"Corona", ein Wort, von dem sich die Vorsitzende der Jury, Dea Loher, vorgenommen hatte, dass sie es bei ihrer Eröffnungsrede auf keinen Fall in den Mund nehmen würde. Natürlich kam es anders. Wunderbarer Weise hatte sich ihr als Bußpredigt konzipierter Text gegen die Tiere essenden Menschen, die sich so die Zoonosen selbst an den Hals schafften, unter der Hand in eine poetische Liebeserklärung an das Pangolin verwandelt, jenes scheue Schuppentier, das verdächtigt wird, der Virus-Überträger gewesen zu sein.

Und so wie sie partout nicht über Corona hatte reden wollen, so hatte sich der Intendant Ulrich Khuon vorgenommen, bei der Eröffnung überhaupt nichts sagen. Aber dann entschuldigte er sich: er könne nicht anders, und schon sprudelte es aus ihm heraus, wie aufgeregt und froh sie alle seien, wie wichtig die Autor*innen fürs Theater wären und wie schwer sie es gerade hätten, er redete von der Freude über die Zusammenarbeit mit all seinen Mitarbeiter*innen und mit den anderen Theatern, wie schön es sei, dass er wieder mit seinem Team zusammen sei, und nun auch mit uns, dem Publikum. Das war so eindeutig echt und spontan und herzlich, dass man nicht anders konnte als tief berührt sein. So wie es sein soll am Theater.

Falsche Glücksversprechen in "Beach House"

Im ersten Stück, in "Beach house" von Dorian Brunz (produziert vom Schauspiel Leipzig), geht es auch gleich mit dem los, was man so vermisst hat: mit der Gier nach Leben. Die Zwillinge Ronny (Felix Axel Preißler ) und Taylor (Julia Preuß ) feiern ihren Geburtstag am Rummel. Als Ronny auf einem Foto den Hauptgewinn der Lotterie sieht, vier Wochen in einem luxuriösen Beach House in Kalifornien, verschafft er sich Geld für ein Los, indem er hinter der Bude einem widerlichen Kerl einen bläst. Dann zieht er tatsächlich das Gewinnerlos.

beach house2 560 rolf arnold uNeonbabies: Ramallah Aubrecht schuf die Bühne für "Beach House" © Rolf Arnold

Dorian Brunz schreibt ausgezeichnete Dialoge und Preuß und Preißler treffen genau den Ton aus rotziger Coolness und Verletzlichkeit, der einen die beiden sofort ins Herz schließen lässt. Die Bühne von Ramallah Aubrecht umrahmt ihre kleinen Sehnsüchte mit einem meterhohen Neonröhrengerüst, dessen Leuchtstäbe sich einzeln und in wechselnden Farben schalten lassen. Dadurch entstehen unterschiedliche Muster und Effekte, es öffnen sich ganz verschiedene Stimmungsräume, vom grellbunt blinkenden Rummel zur schäbigen, kaltweißen Stadtrandsiedlung, wo die Mutter der Zwillinge (Anna Keil) von ihrer bewegten Vergangenheit als Revolutionärin an der Seite des leidenschaftlichen Fernando träumt. Dass Ronny ihr immer wieder versichert: "Das ist nur ein Song von ABBA, Mama, du warst nie in Mexiko", überhört sie geflissentlich.

(K)ein Hauch von Horváth

Die Zwillinge sind anfangs überglücklich über ihren Gewinn, aber dann zeigt sich der Haken: Man muss Ausflüge dazu buchen, für die man einen Eigenanteil bezahlen muss, vorher gibt's keine Tickets. Um das Geld dafür aufzutreiben, prostituiert sich Ronny weiter, und Taylor lässt sich für eine Show anheuern, bei der sich die Teilnehmer live anschreien und demütigen lassen.

beach house4 560 rolf arnold uCool und verletztlich: Felix Axel Preißler und Julia Preuß spielen die Zwillinge Ronny und Taylor © Rolf Arnold

Nach einem starken Anfang wird die Glaubwürdigkeit der Figuren allerdings fadenscheiniger. Anders als Horvaths Kasimir und Karoline oder Molnars Liliom, die vor hundert Jahren inmitten der glitzernden Talmisehnsüchte eines Rummels keinen Ausweg aus ihrer Misere finden konnten, sind Ronny und Taylor im deutschen Vor-Corona-Jetzt angesiedelt und nicht in Zeiten einer vernichtenden Wirtschaftskrise, wo sie in Kellerlöchern verhungern müssten. Warum zwei anfangs so toughe, unternehmungslustige Kids keine andere Chance haben sollten als Prostitution, um an Geld zu kommen, bleibt ein Rätsel.

Was ein Sozialdrama sein will, kommt so allgemein schicksalhaft daher wie ein Märchen. Gerade weil der Autor seine Figuren in den ersten Szenen so lebendig werden lässt, nimmt man ihm übel, dass er sie später in einem sozialen und psychologischen Niemandsland Qualen erdulden lässt, nur um ihnen und dem Publikum die Lehre zu erteilen: "Glaub nicht an die Versprechungen des neoliberalen Kapitalismus, sonst richtet er dich zu Grund."

In den ersten Szenen bildet die abstrakte Bühne einen spannenden Kontrast zum naturalistischen Dialog der Figuren. Es ist als ob es tausend Glitzerstäbe gäbe und hinter tausend Stäben keine Welt. Aber je dünner der Plot wird, desto mehr Register zieht die Bühne, bis die Schauspieler*innen nach einem antiklimaktischen Ende abgehen und nur noch das Leuchtgerüst auf der Drehbühne kreist, als würde es über die kleinen Leben von Ronny und Taylor triumphieren. Schwer zu sagen, ob das die Aussage der Regie von Philipp Preuss ist: Turbokapitalismus zermalmt seine Untertanen und leuchtet dabei immer heller.

Obessionen des Führers in "Hitlers Ziege"

"Hitlers Ziege und die Hämorrhoiden des Königs" ist die zweite Uraufführung des Festivals (vom Deutschen Theater Berlin selbst produziert). Die ganze Veranstaltung hat etwas ungeheuer Schräges. Schon dass Rosa von Praunheim, 77, Regisseur von über 150 Filmen, "Wegbereiter der westdeutschen Schwulenbewegung", Träger des Bundesverdienstkreuzes, hier als vielversprechender Nachwuchsautor ausgezeichnet wird (worauf er sehr stolz ist, wie er sagt), ist merkwürdig, und dann doch wieder nicht – schließlich ist er als Theaterautor noch blutiger Anfänger, vor zwei Jahren hat er hier am DT mit der autobiographischen Revue "Jeder Idiot hat eine Oma, nur ich nicht" debütiert, "Hitlers Ziege" ist sein Zweitling.

Es ist wieder eine Revue, eine Aneinanderreihung von liebenswert geschmacklosen, Sketchen und von Heiner Bomhard komponierten Blödsinns Songs à la: "AFD, AFD Arschlöcher für Deutschland sind wir gerne / Denn jeder Hund schnuppert erst am Arsch / Und genießt den Duft der Kacke / Das ist Natur."

HitlersZiege2 2000 Arno Declair uSketch-Parade mit Heiner Bomhard und Božidar Kocevski in "Hitlers Ziege" © Arno Declair

Wenn man die seltsame Wirkung beschreiben möchte, die der Abend hat, dann kann man am ehesten sagen: man fühlt sich wohl. Unter Freunden. Und das macht einen wiederum ganz mewulwe, denn der Protagonist der Show ist Adolf Hitler.
Der Ausgangspunkt ist, dass ein AfD'ler eine Reinkarnation von Hitler zustande bringt, allerdings in einem "Kanakenkörper", weil er weit und breit keinen arischen Körper gefunden hat, worüber sich Božidar Kocevski furchtbar aufregt. Er spielt Hitler, Heiner Bomhard alle anderen. Die beiden haben einen ganz eigenen Praunheimstil entwickelt: Sie kreieren etwas, das so wirkt wie originaler Dilettantismus, gute Schauspieler, die genial reproduzieren, was an schamlos schlechten Schauspielern so gut ist.

Das Hitlern lernen

In den Szenen geht es meist um Hitlers sexuelle Obsessionen, darum ob er denn nun schwul war (Praunheim tendiert zu: Ja), wie das mit seinem einen Ei war, und wie er sich hat auspeitschen, anpinkeln und anscheißen lassen – als Hitlers Nichte Geli Raubal, die das alles mit ihm gemacht haben soll, ist Heiner Bomhard extrem lustig, eine Komiker-Sternstunde. Natürlich spielt die Ziege Erika, die Hitler, als er ein Kind war, einen Teil vom Schwanz abgebissen haben soll, eine große Rolle und auch Blondie, sein treuer Schäferhund. Dabei denkt man natürlich an "Adolf, die Nazisau" von Walter Moers. Auch sonst werden reihum die komischen Hitlers zitiert: Božidar Kocevski/Hitler lehrt dem AfD'ler Bomhard das sachgemäße Hitlern, genau wie Bernhard Minetti es in der legendären Szene in "Arturo Ui" Wuttke-Hitler beigebracht hat.

HitlersZiege 2000 Arno Declair uDie Ziege, die Hitler ein Stück vom Penis abbiss, auf der Bühne von Johanna Pfau © Arno Declair

Das küchenpsychologische Herumüberlegen wiederum, ob denn vielleicht aus Hitler nicht so ein Monster geworden wäre, wenn irgendwer seine kreativen Dränge unterstützt hätte, und lieb zu ihm gewesen wäre, kennt man aus Taboris "Mein Kampf". Altmeister Tabori, dessen Vater in Auschwitz gestorben ist, und Altmeister Praunheim, dessen leibliche Mutter in einer "Euthanasie"-Anstalt in Berlin ermordet wurde, "dürfen" sich solche naiven Gedanken machen. Schwummerig wird einem trotzdem.

Besonders weil Rosa von Praunheim Spezialist für solche queere Randexistenzen ist, und sie oft in ihren skurrilen Eigenarten portraitiert, mit einer fast übermenschlichen Fähigkeit, nicht zu werten. Nur dass diese Originale fast immer völlig machtlos sind, ihre Obsessionen nur Phantasien, aber diesmal sind die schrägen Außenseiter Adolf Hitler und ein tumber, aber liebenswerter AfD'ler. Geht das? fragt man sich. Und freut sich auf jeden Fall über Rosa von Praunheim, dessen obstinates Glücklich- und Freundlich-Sein vor dem Hintergrund des Entsetzens, dem er entkommen ist, fast schon was Heiliges hat. Freut sich über die blöden Lieder, die schlechten Witze, die beiden wunderbaren Komiker. Und, ja, fühlt sich wohl, wie in irgendwelchen alten Zeiten, die es wahrscheinlich sowieso nur in der Phantasie gegeben hat.

 

Autorentheatertage 2020
am Deutschen Theater Berlin

beach house

von Dorian Brunz
Regie: Philipp Preuss, Bühne und Kostüme: Ramallah Aubrecht, Sound: Alexander Nemitz, Lichtdesign: Carsten Rüger, Dramaturgie Matthias Döpke.
Mit: Anna Keil, Julia Preuß, Felix Axel Preißler, Tilo Krügel
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.schauspiel-Leipzig.de

Hitlers Ziege und die Hämorrhoiden des Königs
von Rosa von Praunheim
Regie unter Mitarbeit des Ensembles: Rosa von Praunheim, Bühne und Kostüme: Johanna Pfau, Musik: Heiner Bomhard, Licht: Kristina Jedelsky, Dramaturgie: Bernd Isele.
Mit: Heiner Bomhard, Božidar Kocevski
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten

www.deutschestheater.de

 


Kritikenrundschau

Ein "erbärmlich schlechter Text" ist "Hitlers Ziege" für Fabian Wallmeier vom rbb|24 (4.10.2020). "Und die Inszenierung ist kaum besser." Rosa von Praunheims "himmelschreiend ungelenker Text ist eine Ansammlung von unlustigstem Pipikacka-Humor und stumpfestem Brachialpolitikabarett." Dagegen ist "Beach House" für den Kritiker "nach all dem tristen Stumpfsinn eine große Wohltat“" Der Text lese sich "auf dem Papier leichter und streckenweise lustiger", als sein in der Kritik "nacherzählter Inhalt vermuten lässt". Und Regisseur Philipp Preuss "lässt gerade dem absurd Anmutenden Raum, das in 'beach house' steckt. Vor allem aber bebildert er ihn mit einem düsteren, wuchtigen und vor allem visuell eindrucksvollen Regiekonzept."

 

mehr nachtkritiken

Kommentare

Kommentare  
#1 Autorentheatertage, Berlin: Muskelspiel und wilde FantasieKonrad Kögler 2020-10-04 12:09
Ramallah Aubrecht hat für "beach house" ein Skelett aus Leuchtröhren ins Deutsche Theater Berlin gewuchtet, das fast die gesamte Breite der Bühne ausfüllt und den Spieler*innen als Labyrinth aus Stangen dient. Philipp Preuss, Hausregisseur des Schauspiels Leipzig, nutzt diese Kulisse für eindrucksvolle Lichtinstallationen. Mit wallendem Nebel, dem wummernden Sound (Alexander Nemitz) und ausgefeiltem Lichtdesign (Carsten Rüger) setzt dieser Abend ästhetische Akzente, die über inhaltliche Schwächen und die klischeehaften Figuren hinwegsehen lassen.

Preuss und sein Team lassen die Muskeln spielen und zeigen, dass sie die Klaviatur der Theatermittel beherrschen. Mit großem Aufwand erzeugen sie eine düstere Gothic-Stimmung. Doch der ganze Theaterzauber, den sie trotz Corona-Regeln auf die Beine stellen konnten, bleibt zu sehr Selbstzweck, da der Text, den die Spieler*innen sprechen müssen, nicht überzeugen kann.

Ähnlich wie in seinem Film „Männerfreundschaften“, in denen er über homoerotische Neigungen der Weimarer Dichterfürsten Goethe und Schiller spekulierte, stürzt sich Rosa von Praunheim in "Hitlers Ziege..." in wilde Phantasien über Hitlers Sexualleben und Neurosen. Božidar Kocevski und Heiner Bomhard, das eingespielte Team aus dem „Jeder Idiot…“-Abend, spielen sich die Bälle zu, wechseln munter ihre Kostüme und zwischen Songs, Dialogen und Slapstick hin und her.

Daraus könnte ein munterer Abend entstehen, doch der Humor bleibt diesmal flach. Furzwitzkissen-Späße wechseln sich mit kleinen Zoten und Holzhammer-Attacken gegen die AfD ab, die weit unter dem Niveau politischen Kabaretts bleiben und jede ernsthafte Auseinandersetzung mit dieser Partei vermissen lassen.

Der Abend ist als Farce konzipiert und macht den beiden Spielern sichtlich Spaß. Der grobschlächtige Fäkal- und Haudrauf-Humor dieses 75minütigen Festival-Betthupferls erntet kurz vor Mitternacht auch ein paar Lacher beim amüsierwilligen Publikum, ist aber weit vom gewohnten Stil des Hauses entfernt.

Komplette Kritik: daskulturblog.com/2020/10/03/autorentheatertage-2020-deutsches-theater-berlin-kritik/
#2 Autorentheatertage, Berlin: das Afformativ in "Beach House"Bernd Fessler 2020-10-04 12:26
Der Titel „Beach House“, sagt Autor Dorian Brunz, hat zwei Ebenen: Zum einen ist damit ein „Sehnsuchtsort für die Figuren“ beschrieben – eben ein Strandhaus mit einer Hollywoodschaukel auf der Veranda –, eine Idylle, ein Ort also, „der ein besseres Leben zu haben verspricht“. Und andererseits ist es „ganz abstrakt ein Ort, eine Erwartung, die nicht eintritt, ein Traum, der immer da bleibt, immer vor Augen ist, aber einfach nicht erreicht werden kann. (…) Alle Figuren merken eigentlich, dass sie auf riesige Widerstände stossen, auf die Ansprüche der Gegenwart quasi stossen und dann bleiben sie hängen in dieser Lücke zwischen großer Erwartung einerseits, zwischen Sehnsucht und der Wirklichkeit, der Brutalität. In dieser Lücke bleiben sie gefangen.“ Damit rückt das Leben der Protagonisten mit dem Losgewinn als afformativer Zustand in den Fokus, als etwas, das Werner Hamacher ein Afformativ nennt: eine Art Unterbrechung beziehungsweise „Ermöglichung, die in keiner Form ihre Erfüllung finden kann, als Ermöglichung und Verunmöglichung, als Handlung und zugleich Nichthandlung“. Der Afformativ ist „nicht aformativ, nicht die Negation des Formativen“, sondern, wie Hamacher konstatiert, „das selber formlose Ereignis der Formierung, dem alle Formen und alle performativen Akte ausgesetzt bleiben“. Diese Formlosigkeit der Afformanz bringt einerseits alle performativen Akte, alles Tun erst hervor, während es selbst sich nie aktualisiert. Das Afformative bleibt immer virtuell und tritt nur in den Rissen und Paradoxien der Praxis hervor. Entsprechend bleiben auch die Gesten der beiden Zwillinge leer, ausdruckslos, und schreiben sich ein in ein Feld ohne Ursprung. „Sei authentisch“, fordert der Produzent der Rage-Videos, Fernando, von Taylor. Es gibt aber keine Authentizität in diesem Leben, das ganze Bewegungsrepertoire ist nur Imitation. Die Figuren werden mehr bewegt, als sie selbst Bewegung hervorbringen. Das Bühnengeschehen ist bisweilen statisch – das ist dem vielen Text geschuldet – und es sind ausdruckslose Posen, leere Zitate, wenn die Zwillinge das Stück mit kurzen tänzerischen Bewegungsabläufen oder Samples, vorne an der Bühnenrampe eröffnen und nach etwa zwei Stunden mit denselben Bewegungen, nur seitenverkehrt dastehend, beschließen. Durchgeschüttelt wie von einem epileptischen Anfall, von den immergleichen Bewegungsvariationen, wie im Break Dancer auf dem Rummel.

Dazwischen stets auch längere Wiederholungen einzelner Bewegungsabläufe, Worte und Sprachfetzen, während die Bühne sich über weite Strecken der Inszenierung dreht. Es scheint, als hätte die Schallplatte einen Sprung, an immer anderen Stellen bleibt die Nadel hängen – wie die Mutter in ihren Erinnerungen an die Revolution in Mexiko, und den leidenschaftlichen Freiheitskampf ihres Fernando. „Es ist nur ein Lied von Abba“, sagt Ronny, eine Fantasie, eine Nebelschwade. Sie aber läßt sich davon nicht beirren, schwelgt in dieser Fantasie, die sie braucht wie die Tabletten gegen den rheumatischen Schmerz. Keine Revolution, nur eingelullt vom romantischen Schlager. Es ist ein immergleicher, zugedröhnter Dialog mit der Nebelmaschine im Zentrum der Bühne, dem falschen Trostspender, während die Tage vergehen, die Sonne im selben Rhythmus auf- und untergeht.

Die ganze Kritik ist auf:
theatrumvinum.blog
#3 Autorentheatertage, Berlin: die LesungenKonrad Kögler 2020-10-05 20:01
Von den zehn szenischen Lesungen lohnten sich vor allem drei:

Bemerkenswert war der Audiowalk, den Joanna Praml und Birgit Lengers mit einem fünfköpfigen Schneewittchen-Chor aus Spielerinnen des Jungen DT erarbeiteten. Martina Clavadetschers „Der Glassarg ist doch auch bloß ein öffentliches Bett“ ist ein witziger Text über Rollenmuster, Social Media-Selbstinszenierungen und die Wut junger Frauen und wurde gekonnt in Szene gesetzt.

Die beiden interessantesten Auftragswerke waren zum Festival-Abschluss auf der großen Bühne zu erleben: Elfriede Jelinek haute wie schon nach der Wahl von Donald Trump auch in der Corona-Pandemie wieder besonders schnell in die Tasten und verfasste die assoziativ-pointierte Textfläche „Blindes Sehen“. Maren Eggert kam im glitzernden Virenschutzanzug auf die Bühne und trug die Gedankensplitter und Brückenschläge des Jelinek-Textes im dazu passenden Höllentempo vor, bis sie sich den Mund-Nasen-Schutz schließlich über die Augen zog. Vom Rassismus gegen „maskierte Asiaten“ über Bill Gates und Superspreader bis zum Corona-Hotspot beim Aprés-Ski in Ischgl verknüpft Jelinek zahlreiche Motive, die ihr im Medienstrom der vergangenen Monate auffielen.

Als Trio performten Linda Pöppel, Birgit Unterweger und Almut Zilcher „Das hier (Anrufungen aus der ideologischen Moderne)“, einen facettenreichen Text, der den schwammigen Begriff einer „neuen Normalität“ auseinandernimmt und sich in einem satirisch-zugespitzten Dialog mit der Frage auseinandersetzt, warum das Theater als nicht „system-relevant“ gilt. Die Auseinandersetzung der Figuren mündet in ein Manifest, wie kluges Theater, wie anarchisches Theater, wie ein Theater der Freundschaft aussehen sollte. Milena Michalek ist mit ihrem Text eine der Entdeckungen dieser Autorentheatertage.

Komplette Kritik: daskulturblog.com/2020/10/03/autorentheatertage-2020-deutsches-theater-berlin-kritik/

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