Einsamer Wolf im Menschen-Dickicht

von Sarah Heppekausen

Bochum, 11. Oktober 2008. Wie ein Getriebener zieht Roberto Zucco durchs Leben, wer sich ihm in den Weg stellt, wird umgebracht: Vater, Mutter, der Inspektor, ein Kind. Quasi im Vorübergehen drückt Zucco das Leben platt. Bernard-Marie Koltès erzählt die Geschichte seines mythischen Helden nach einem realen Fall. Der Autor war fasziniert vom motivlosen Morden des Italieners Roberto Succo. Sein gleichnamiger Titelheld ist ein einsamer Wolf, der sich durch das Dickicht der nervigen Menschenwelt schlägt. Der sich eingesperrt fühlt unter all diesen Leuten. Aber keine Chance, da muss er mitten durch.

Regisseurin Lisa Nielebock schenkt dem tragischen Helden nicht die große Bühne, ein Großteil des Bochumer Abends spielt sich im Zuschauerraum ab, zwischen diesen menschlichen Ratten im Laborkäfig. Die Bühne hat Kathrin Schlecht bis auf einen schmalen Gang durch ein deckenhohes Gitter abgesperrt. Dahinter klafft der leere Raum. Ein kluges Bild, das in Verbindung mit dem Licht eine kühle, undurchdringliche Atmosphäre schafft und gleichzeitig reichlich Spielmöglichkeiten bietet. Direkt zu Beginn jagt Zucco von Sprosse zu Sprosse, um das Mädchen zu vergewaltigen.

Aus Umarmung wird Mord

Oliver Möller und Marina Frenk hangeln sich absturzgefährdet an den Gitterstäben entlang – ein grausamer Drahtseilakt, der noch tiefere Abgründe der menschlichen Spezies verheißt. Als nächstes wird Zucco seine Mutter erwürgen. Unruhig und verkrampft steht Oliver Möller am Bühnenrand, reibt seine Hände, windet sich, wippt mit den Füßen, kratzt sich solange die Beine, bis rote Striemen zu sehen sind. Sein Zucco ist ein Rastloser mit undurchschaubarem Blick, stets an der Schwelle zum Kontrollverlust. So kann aus einer Umarmung auch rasch mal ein Mord werden.

Was Nielebock zuletzt in ihrem Macbeth nicht wirklich glückte, erreicht sie an diesem Abend in den Kammerspielen: Sie durchdringt die Psychologie der Figuren, erarbeitet ihre Feinheiten bis in die Nebenrollen. Und das auf eine ziemlich unspektakuläre Art: Sie vertraut dem Text. Außerdem einem starken Bühnenbild, dem dezenten aber eindringlichen Cello-Spiel von Wolfgang Sellner und der Idee, die Schauspieler aus und in den Publikumsreihen auftreten zu lassen.

Diesseits der Gitterstäbe

Hier ziehen sich die Schauspieler auch um, wenn sie ihre Rollen tauschen. So verwandelt sich Manuela Alphons von der verzweifelten Mutter im Morgenrock zur herrlich derben Patronne. Dafür zieht sie sich ein quietschgrünes Kleid mit tiefem Ausschnitt und eine rote Langhaar-Perücke über (Kostüme: Julia Ströder). Orale Gelüste befriedigt sie mit einem Zigarillo. Auch die Polizei-Uniformen und Zuhälter-Goldkettchen für die verschiedenen Rollen von Henning Hartmann und Mark Oliver Bögel hängen an der Seitenwand im Zuschauerraum.

Hier, diesseits der Gitterstäbe und damit mitten im Alltagsleben, spielen sich die wahren Ungeheuerlichkeiten ab. Das sind gar nicht unbedingt die Morde des Roberto Zucco. Das sind vor allem die motivierten Gewalttaten, die ungeahndeten Foltermethoden der Polizisten oder die brutalen Angriffe des angeblich sorgenvollen Bruders (Ronny Miersch). Der tritt auf seine große Schwester ein, als er erfährt, dass die kleine Schwester ihre Unschuld verloren hat und nun ihre Familie verlassen will. Jele Brückner zeigt die große Schwester als vereinsamte und sensible Frau hinter einer Fassade aus Anstand und Prinzipien ("Ich weine nur zu festen Zeiten").

Freier Fall vom Dach

Es sind diese gelungenen Wechsel zwischen tragischen und komischen Momenten, die dem Abend Spannung verleihen und gleichzeitig eine Einfühlung verhindern. Angst vor dem Plakativen des Stücks hat Nielebock nicht. Sie scheut kurz vor Zuccos Selbstmord nicht einmal die Einspielung von Vogelgezwitscher, von dem der tragische Held bei Koltès behauptet, es sei ein Lachen darüber, dass alle Menschen sterben müssen. Der Abend läuft dennoch keine Gefahr, der Oberflächlichkeit zu verfallen, dafür arbeitet die Regisseurin zu genau. Allerdings trumpft sie auch nicht mit neuen Erkenntnissen auf. Als geerdet kann man diese Arbeit wohl bezeichnen.

Ganz anders dagegen der Abgang von Roberto Zucco: Seine Erlösung aus den einengenden Gitterstäben der ihn umgebenden Menschheit findet der Getriebene nur im freien Fall vom Gefängnisdach. Wie Ikarus streckt Oliver Möller seine Arme sehnsüchtig der Sonne entgegen. Und kurz bevor es dunkel wird, streckt er auch noch schnell die Zunge raus.


Roberto Zucco
von Bernard-Marie Koltès
Aus dem Französischen von Simon Werle
Regie: Lisa Nielebock, Bühne: Kathrin Schlecht, Kostüme: Julia Ströder, Musik: Wolfgang Sellner/ Jörg Brinkmann.
Mit: Oliver Möller, Manuela Alphons, Marina Frenk, Jele Brückner, Ronny Miersch, Klaus Weiss, Veronika Nickl, Mark Oliver Bögel, Henning Hartmann, Luca Czakanski/Mathis Gronau.

www.schauspielhausbochum.de


In Bochum inszenierte Lisa Nielebock auch einen Macbeth. Wir haben außerdem die Koltès-Inszenierungen aus Stuttgart (von Ernst Stötzner) und Kassel (von Schirin Khodadadian) besprochen.

 

Kritikenrundschau

Dieser "Roberto Zucco" sei im Vegleich zu ihrer "Penthesilea" zwar Lisa Nielebocks "schwächere Inszenierung", befindet Werner Streletz in der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (12.10.2008), doch auch hier bestehe "der Anspruch, letzten Gefühls- und Motivationswindungen der Menschen nachzuspüren".

"Das kleine Haus gibt das Konzept vor, die Bühne von Kathrin Schlecht markiert es", schreibt Andreas Rossmann in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (14.10.2008): "Ein Gitter (...) teilt den kahlen, schwarzen Raum. Kein schönes, aber ein wildes Tier ist hier zu besichtigen". Das Spiel kehrt so die Ordnung um: "Vor dem Gitter ist hinter dem Gitter, das wilde Tier ist unter, ist einer von uns." Das Drama eines Helden, "der sich mordend durchs Leben schlägt", läuft damit "auch durchs Parkett, wo die Uniformen der Polizisten, als wären sie gerade vor dem Haus auf Streife gewesen, an den Seitenwänden hängen". Eine Außenwelt wird nicht abgebildet, umso direkter sind die "alltäglichen Szenen und Figuren: Der Mord an der Mutter erstarrt, inzestuös besetzt, kurz zur Pietà". Damit geht dem Stück "alles Pseudoreligiöse, Schwülstige" verloren, "doch die Nähe wirkt (...) beunruhigend".

Till Briegleb (Süddeutsche Zeitung, 14.10.2008) hat eine "düster-sportliche Bearbeitung" gesehen, mit der Lisa Nielebock "aus Koltès bizarrer Faszination für einen Verbrecher ohne Motive nur ein psychologisches Einfühlungsdrama" geschaffen habe. "Oliver Möller verbindet in seinem jugendlichen Mehrfachmörder die Coolness von Alain Delon mit der Aggression des Incredible Hulk und turnt wie der leibhaftige Psychopath über das Gefängnisgitter, das die leere Bühne vom Zuschauerraum trennt." Statt des "mythischen Gewaltsonderlings, den Koltès entwarf," präsentiert Nielebock einen "sympathischen Zwangstäter": "CSI Bochum, ermitteln Sie."

 

 
Kommentar schreiben