Live und auf Verlangen: Für ein Theater @home!

von Christian Römer

Berlin, 21. Oktober 2020. Im Jahr 2014 diskutierten die deutschen Bühnen erstmals über die Live-Übertragung ihrer Produktionen in digitale Räume. Das Theater war auf der Suche nach neuen Orten der Veröffentlichung. Theater im sozialen Brennpunkt, Stadtteilprojekte, Audio-Walks – und Theater im Netz.

Die Möglichkeiten der Technik erlaubten bereits Direktübertragungen, die nicht mehr durch das große Besteck des Fernsehens realisiert würden. Am Schauspiel Dortmund und am Thalia Theater Hamburg experimentierte man mit Livestreams als Audio und Video, von der demokratisierenden Wirkung der Live-Übertragung via Internet war die Rede, örtlich unbegrenzt und umsonst sollte es sein, Kultur für alle, doch die Realität hinkte dem Wunsch hinterher. Es mangelte am politischen Willen, aber auch am Interesse der Theater selbst. So verflüchtigte sich die Euphorie für das Netz als Veröffentlichungsort – bis zur Pandemie.

Mutter BEStreamZugang zur Geschichte der Häuser: Bertolt Brechts "Die Mutter" bei "BE on Demand" © Screenshot

Zur Eröffnung des virtuellen Theatertreffens im Mai 2020 nannte die Festivalleiterin Yvonne Büdenhölzer die "Demokratierelevanz" als eine Motivation, das Theaterereignis des Jahres erstmals online stattfinden zu lassen. Die Zugriffszahlen waren beträchtlich, die Überraschung, dass "dort draußen" jemand sei, der Anteil nehmen wollte, ebenfalls. Gleichzeitig öffneten die Theater ihre Archiv-Schatztruhen auf digitalen Online-Spielplänen, und statt des Neuen lernten wir das Alte kennen. Wer die Produktionen des Gorki-Theaters der letzten Jahre verpasst hatte, voilà – eine Ära konnte digital nachgeholt werden. Wer die Inszenierungen von Klaus-Michael Grüber nie live hatte sehen können – ein Klick reichte, um sich ins Jahr 1972 zurückzuversetzen und die berühmten Schauspieler*innen der alten Schaubühne als antike Held*innen zu erleben und zu bestaunen.

Das lebendige Archiv

Nicht umsonst präsentiert das BE jetzt die Aufzeichnungen früher Brecht-Inszenierungen im eigenen On-Demand Kanal "BE at Home". Die Theater haben in der Pandemie eine Verbindung zu ihrer Geschichte aufgenommen, auch über die jeweilige Intendanz hinaus. Ein Schaufenster in die eigene Vergangenheit stärkt die Bindung des Publikums an "sein" Theater. Ein neues Feld: die abgespielten Werke für die Dauerausstellung im Netz aufbereiten, als lebendiges Zeugnis mit Informationswert für die Ewigkeit. Denn: keine Online-Community ohne Online-Content. Und kein Content ohne Arbeit an der eigenen Identität als Theater im Netz. Per Definition netzaffinere Institutionen und Gemeinschaften wie der Chaos Computer Club oder die Konferenz für Internet und Gesellschaft re:publica stellen schon lange die Vorträge und Diskussionen ihrer Live-Kongresse auf eigenen Plattformen ins Netz, und die Zugriffe, live oder On-Demand gehen in den Spitzen in die Hunderttausende. Eine Online-Community aufzubauen, das ist ein Handwerk, das eine Strategie, Zeit und Inhalte benötigt, und denjenigen im Theater, die heute noch sagen: "Das will doch keiner sehen", möchte man zurufen: "Fangt doch erstmal damit an!"

Gorki StreamAuch in der neuen Saison mit Online-Angeboten: das Berliner Maxim Gorki Theater mit seiner Ankündigung von "Berlin Oranienplatz" im Stream © Screenshot

Nach dem virtuellen Theatertreffen las man öfter den Satz: "Theater im Netz kann Theater im Theater nicht ersetzen." Man unterschätzt das Publikum, dem unterstellt wird, es habe diesen Unterschied nicht begriffen. Jede*r Zuschauer*in einer Fußballübertragung würde gerne im Stadion sitzen, aber akzeptiert das TV-Erlebnis als Möglichkeit der Teilhabe am Ereignis. Wer würde nicht lieber ein Teil der Gemeinschaft im Bühnenraum sein als zu Hause vor dem Bildschirm eine aktuelle Aufführung zu sehen? Aber allein der Informationswert einer Live-Übertragung oder einer Aufzeichnung gibt mir die Möglichkeit später am Gespräch über das Kunstwerk teilnehmen zu können. Und nebenbei würde der Anschein des elitären Events für Wenige aufgrund geringerer Platzkapazitäten entkräftet. Ist es das fehlende Aufmerksamkeitsmonopol, das manche Theater zurückschrecken lässt? Die geringeren Aufmerksamkeitsspannen vor dem Bildschirm?

Das Publikum ist weiter

Die demokratisierende Wirkung der visuellen Übertragungen geht einher mit einer Demokratisierung der Übertragungstechnik selbst. Nur noch ein Laptop, eine Kamera, ein Mikrofon und die Livestream-Software sind notwendig, um selbstgemachtes Live-Fernsehen anzubieten und dabei die gesammelten "Freund*innen" und Onlineabonnent*innen als Community mit eigenen Inhalten zu bespielen. Wir bauen als Sender und Empfänger dieses "Selfmade-TV" Rezeptions- und Macher*innenexpertise auf.

Auch die Nutzung der gängigen Werkzeuge der Videotelefonie trainiert uns täglich als digitale Konsument*innen, Performer und Produzent*innen gleichermaßen. Die neuen Wissensbestände machen uns zu erfahreneren Zuschauenden, die die erste Zwiebelhaut der Technologie durchdrungen haben. Wir verstehen die prinzipiellen Vorgänge, sie sind Teil unseres Berufslebens und unserer Privatsphäre. Warum sollte uns eine Übertragung aus dem Theater abschrecken? Im öffentlichen Diskurs sind es Theaterschaffende selbst, die als Skeptiker auftreten, als Kritiker*innen ihrer eigenen Kulturproduktion im Netz. Das Publikum ist derweil schon weiter und schaltet ein – oder auch ab, wenn es sich langweilt oder etwas Anderes tun möchte.

Der öffentliche Auftrag

Ist es nicht ein Kernanliegen der Theater selbst zu zeigen, was sich auf den Theaterbühnen tut? Mit einem hohen Einsatz an Mensch und Material kämpfen sie seit Jahren mit der Gründung von Bürgerbühnen, mit neuen Vermittlungsprogrammen und zunehmender Barrierefreiheit für eine Erweiterung des eigenen Echoraumes in die Gesellschaft, dankbar für jede Seele, die sich dem Theater neu verschreibt. Eine einfache (und günstige) Möglichkeit jedoch, ein Pantoffeltierchen im Theaterkosmos zu werden, wäre die (Live)-Übertragung von der Bühne auf den Bildschirm.

Die demokratisierende Wirkung der Übertragungen im Kanal der Münchner Kammerspiele während der Pandemie, das herrliche Glück, Zugang zu einem Teil der aktuellen Vergangenheit zu haben, war ein eindrucksvolles Fallbeispiel. Nicht umsonst spricht Matthias Lilienthal davon, zukünftig das Budget für professionelle Aufzeichnungen verdreifachen zu wollen. Die Teilhabe vieler ist jeden Cent wert. Theater braucht keinen Theaterkanal. Es ist ein Theaterkanal.

Das Geld

Manche sagen: Mit Übertragungen und Aufzeichnungen lässt sich nichts verdienen. Das ist ein eigentümliches Argument, denn mit der Pflege deutscher Gegenwartsdramatik oder einer neuen Bürgerbühne lässt sich auch nichts verdienen, trotzdem würde niemand die Förderung dieser Bereiche in Frage stellen. Abgesehen davon: Die Zuschauer im Netz zahlen mit ihrer Aufmerksamkeit. Wenn ich in X am Bildschirm eine Aufführung in Y verfolge, widme ich diesem Werk meine Zeit, genau wie jemand, der im selben Moment auf einem Theatersessel in Y sitzt. Außerdem: Qualitätsmedien wie Der Spiegel, die Süddeutsche oder Die Zeit brauchten über zwei Jahrzehnte, um ihr subventionsfreies Online-Geschäftsmodell von "alles umsonst" auf "umsonst oder mit Bezahlschranke für ausgewählte Inhalte" umzustellen, warum sollte das Theater, das just am Anfang seiner Online-Karriere steht, als ersten Meilenstein eine Schranke hochziehen? Gerade der Verzicht darauf ist die Voraussetzung, eine neue Community aufzubauen, schwellenfrei und freiwillig.

Die Debatten über die Rechte der künstlerisch Beteiligten sind legitim und notwendig. Die Lösung deutete sich während der Pandemie an, und Häuser wie das Maxim Gorki Theater in Berlin signalisieren, dass sie den Weg weiter beschreiten wollen. Die komplexe Konstruktion des Gesamtkunstwerkes Theater als gemeinsame Arbeit von Schauspieler*innen, Regisseur*innen, Autor*innen, Verlagen, den Theatern selbst und vielen mehr erfordert die Klärung von drei Bereichen: es geht um eine angemessene Vergütung, eine Vereinbarung über die Aufzeichnung mit allen daran Beteiligten und eine Einigung mit den Verwertungsgesellschaften.

Optionen

Die digitalen Experimente der vergangenen Monate haben uns erstmals flächendeckend informiert, welche Angebote online angenommen werden und welche (noch) nicht. Wenn bei den Diskursformaten des Berliner Theatertreffens vor der Pandemie im Schnitt hundert Menschen erschienen und im Mai dieses Jahres bis zu 400 gleichzeitig den Livestream einer Diskussion verfolgen, ist der Effekt der örtlichen Entgrenzung evident. Wenn der 10-teilige "Dekalog" des Schauspielhauses Zürich von bis zu Eintausend Zuschauenden pro Folge gesehen wurde, wer wollte diese Erfahrung eines Online-Publikums geringschätzen?

Und welche "Online-Quoten" hätten die Übertragungen der ersten Premieren dieser neuen Spielzeit erzielen können, hätte es sie denn gegeben? Eine zentrale Erkenntnis war die zeitliche Begrenzung einer Live-Übertragung oder einer Aufzeichnung auf die Zeitlichkeit des Ereignisses selbst, oft kombiniert mit einer 24-stündigen Zugabe. So blieb das Besondere, ein Gefühl der ins Netz erweiterten Versammlung, bei hybrid gedachten Produktionen in Gemeinschaft mit denjenigen, die das Ereignis live und vor Ort verfolgen. Die Aufzeichnungen der Produktionen könnten wenigstens nach Ende ihrer analogen Laufzeit on demand erhältlich sein. Um die Theater auch in virtuelle Gebäude zu verwandeln, die ihre Geschichte durch ihre Produktionen erzählen. Es wäre Theater, das bleibt.

 

Kooperation

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Der Aufsatz entstammt dem Band
Netztheater. Positionen | Praxis | Produktionen.
Herausgegeben von der Heinrich Böll Stiftung und nachtkritik.de in Zusammenarbeit mit Weltuebergang.net unter redaktioneller Leitung von Sophie Diesselhorst, Christiane Hütter, Christian Rakow und Christian Römer. Berlin 2020.

Per Mail an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! kann der Band kostenlos bestellt werden.
Hier finden Sie das pdf des Bandes.

 

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