Verschwindensverdammnis

von Martin Thomas Pesl

Wien, 20. Oktober 2020. Geschlechterfragen treiben Julia Haenni abwechselnd um. Stücktitel der 1988 geborenen Schweizer Autorin lauten Frau im Wald und Don Juan. Erschöpfte Männer. In ihrem aktuellen Text sind wieder die Frauen dran. Einen Grundgedanken zu "Frau verschwindet (Versionen)" formulierte Haenni bereits im Nachtkritik.de-Adventskalender 2018: Wie das wäre, wenn Frauen alles stehen und liegen ließen, fragte sie in einem verwackelten Handyvideo, als wäre sie selbst gerade auf der Flucht.

Wie der Titel des vor einem Jahr in Bern uraufgeführten Stückes verrät, steht auch hier eine Verschwindensfantasie im Zentrum: Frauen betreten die leere Wohnung einer anderen Frau und dichten sich zusammen, warum diese weg sein könnte. Folgerichtig sicherte Veronika Steinböck, künstlerische Leiterin des in Wien für weibliche Perspektiven zuständigen Kosmos Theaters, ihrem Haus die österreichische Erstaufführung.

Highway to Hell

Beim Blick auf die Besetzungsliste traut man kaum den eigenen Augen, aber tatsächlich: Neben der gerade am Volkstheater ausgeschiedenen Birgit Stöger, der freien Schauspielerin Anne Kulbatzki und der Mozarteum-Absolventin Eva Lucia Grieser wurde Therese Affolter gewonnen. Die legendäre Peymann- und somit Burg- und BE-Protagonistin mit der signifikanten Stimme (ach, die Hörspielkassetten! Kindheit!) verbringt ihren Ruhestand in Österreich. Sie unterbrach ihn für diese kleine Ensemblearbeit, in der sie von Regisseurin Kathrin Herm zwar einen prima Auftritt mit großem Rock’n’Roll-Tamtam bekommt und schief, aber beherzt "Highway to Hell" brettern darf, sich danach aber mustergültig bescheiden auf Augenhöhe mit den Jüngeren begibt.

frauVerschwindet 3 560 c bettina frenzel uGroßer Auftritt auf der Stufentreppe: Therese Affolter umringt von Eva Lucia Grieser, Birgit Stöger, Anne Kulbatzki am Kosmos Theater Wien © Bettina Frenzel

Die Wohnung der Verschwundenen ist bei Bühnenbildnerin Mirjam Stängl eine Stufenpyramide in Yves-Klein-Blau. Aus deren oberster Plattform schälen sich eingangs drei Frauen (die Affolter kommt, wie gesagt, erst später), bekleidet mit eigenartig komplizierten Konstruktionen aus Strumpfstoff (Theresa Gregor), und tasten sich zum Klang musikalisch aufgewerteten Fliegensummens voran: Komponist Imre Lichtenberger Bozoki ist der einzige Mann im Team. Man möchte ihn als Hahn im Korb bezeichnen, doch das hieße, der Abgelutschtheitsverdammnis anheimzufallen, den Haenni zum Metathema ihrer dramatischen Detektivinnenarbeit macht.

Shopping, Arbeit oder Selbstmord?

Denn die Frauen sind, wie wir wissen, eigentlich Schauspielerinnen, das Stück ist ein Stück, und beim Rätseln über die Verschwundene kommt es darauf an, sie aus den richtigen Gründen verschwinden zu lassen: Einkaufen ist schlecht, weil Klischee, Arbeiten gut, weil empowernd. Selbstmord ist unwahrscheinlich, da sich eher Männer umbringen. Eine Sexualstraftat könnte sein, die werden ja leider mehr von Männern verübt. Leider, wieso leider?

frauVerschwindet 1 560 c bettina frenzel uIm tiefen Blau: Eva Lucia Grieser und Anne Kulbatzki in "Frau verschwindet (Versionen)" © Bettina Frenzel

Kinder hat sie eher nicht, außer sie will. Sie darf nicht durchgeknallt sein, sonst "heisst es wieder die hysterischen Frauen zack Kleber drauf Gefahr gebannt weil pathologisiert". Und so scheitern diese Frauen und mit ihnen die Autorin genüsslich daran, sich die perfekte Frau – oder "Fwow", wie Anne Kulbatzki sie nennt, zu erschreiben, ohne sie "krank zu schreiben".

Luftiger Feminismus

Haenni macht es sich leicht. Sie sagt: Es kann keine guten Frauenrollen geben, auch nicht, wenn Autorinnen am Werk sind: zu erdrückend die ewigen Vorurteile. Ihre Modellfrau entpuppt sich als fantastisches Wesen, das die eigenen Ohren als Flügel verwendend entschwebt. Dies schildert Haenni zwar in funkelnder Prosa, doch wird ihr luftiger Text weder den Feminismus noch die Dramatik weit voranbringen.

80 Manuskriptseiten lässt Kathrin Herm ohne grobe Kürzungen in gut 70 Minuten abspielen, und das einschließlich mehrerer Sequenzen stummen Spiels, deren Sinn schwer zu entschlüsseln ist und möglicherweise ja einfach im Strecken des Abends besteht. Da wird summend einhergeschritten, sich geschüttelt und getuschelt, zu "WAP" von Cardi B ein Schaulaufen mit Handwerkerutensilien veranstaltet und unter der blauen Pyramide ein Tanzclub eröffnet.

frauVerschwindet 4 560 c bettina frenzel uWie man lernt, sein Strumpf-Tüll-Schwanz-Dingsdi zu lieben: Birgit Stöger und Anne Kulbatzki © Bettina Frenzel

Hm. Dann schon lieber der Text. Denn was der sehr wohl kann, ist humorige Dialoge für launige Schauspielerinnen liefern, und diese greifen auch dankbar in die Vollen. Besonders lustig Anne Kulbatzki, die zwischen ironischem Zelebrieren der simpelsten Banalitäten und knarziger Berliner Skepsis changiert. Manchmal spricht ihr Strumpf-Tüll-Schwanz-Dingsdi zu ihr, was sie verständlicherweise massiv verwirrt. Auf diese aufstrebende Komikerin, die sich neben der Großbühnentragödin Therese Affolter nicht verstecken muss, warten gewiss noch ein paar fantastische Fwowenrollen – keine Sorge.



Frau verschwindet (Versionen)
von Julia Haenni
Regie: Kathrin Herm, Bühne: Mirjam Stängl, Kostüm: Theresa Gregor, Musik: Imre Lichtenberger Bozoki, Dramaturgie: Anna Laner. Mit: Therese Affolter, Eva Lucia Grieser, Anne Kulbatzki, Birgit Stöger.
Premiere am 20. Oktober 2020
Dauer: 1 Stunde 10 Minuten, keine Pause

www.kosmostheater.at

 

Kritikenrundschau

Margarete Affenzeller schreibt im Wiener Standard (online 22.10.2020, 9:25 Uhr) über einen Abend, an dem vier Frauen "diskursives Remmidemmi" veranstalten. Das Gute am Stück sei: "Es führt hinaus aus den Erklärplattitüden und fantasiert (etwas kindisch leider) frei drauflos."

 

 
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