Die performative Parallelwelt von TikTok

von Konstantin Küspert

22. Oktober 2020. Das komische Gefühl verschwindet schnell. Das komische Gefühl auf einem Schulhof zu sein. Als über 30jähriger 14jährige bei eitlem Verhalten zu beobachten. Das hört auf, sobald die Algorithmen trainiert sind, und mir mehr und mehr gut gemachte, überraschende, witzige und vor allem sprühend kreative Kurzvideos gezeigt werden, auf der "fyp", der "for you page" von TikTok.

TikTok@addisonre mit "I'm in the house bored" © Screenshot TikTokJenem (zu Recht, siehe Kasten am Textende) hochumstrittenen chinesischstämmigen Netzwerk, welches als erstes unter den großen Social Media mit genuin theatralen Mitteln arbeitet; im Gegensatz zu den Veranstaltungseinladungen von Facebook, dem schnarchigen Karussell der Belanglosigkeiten, den kurzen Texten von Twitter, der Heimat sarkastischer Zyniker*innen, und den Fotos von Instagram, diesem ironiefreien Rummelplatz der Eitelkeiten.

Wir müssen vielleicht nochmal über die häufig verwendete Definition von Theater sprechen. "Ein Mann geht durch den Raum, während ihm ein anderer zusieht", wie es Peter Brook in "Der leere Raum" formuliert. Abgesehen davon, dass diese Formulierung die Frage unbeantwortet lässt, was mit all den Zuschauer*innen und Performer*innen ist, die keine Männer sind, lässt die Definition noch etwas anderes vermissen, was eigentlich das Theater ausmacht: physische Kopräsenz. Jenes "Zusehen", das Brook verlangt, ist eigentlich ein "Dabei sein", eben nicht ein bloßes Betrachten, sondern ein gleichzeitig Erleben.

Die einzigartige Unmittelbarkeit des Theaters

Im Theater werden im Idealfall durch die zentralen Theaterzeichen – Körper und Stimme der Schauspieler*innen – Situationen aufgespannt, denen wir uns als Zusehende nicht entziehen können. Wenn sie gut sind, spielen sie geschickt auf der Klaviatur der Spiegelneuronen; eine Distanzierung ist nicht möglich, weil es schlicht keine physische Distanz gibt. Ideales Theater verlassen wir erschüttert, bewegt, wir müssen die Fingernägel aus den Sessellehnen ziehen, unsere Gesichter trocknen und lange über das Erlebte – nicht bloß Gesehene! – nachdenken.

Darum ist eine Aufzeichnung auch des besten Theaterabends immer nur eine Aufzeichnung, kann nie diese Unmittelbarkeit entfalten. Man mag denken "Ach, das ist ja witzig, Nebel als Bühnenbild!" oder "Erstaunlich, ist das ein Trick mit dem Würstchen?". Wenn man aber in einer wirklich guten Theatervorstellung sitzt, sind diese Gedanken unmöglich oder zumindest nicht vordringlich, man ist ganz Zeugin, gepackt und fortgetragen von der Situation. Wir wissen alle, dass diese Momente sehr selten und kostbar sind, aber es sind auch diese Momente, die uns begeistern und uns an diese Kunstform binden, denn Theater ist die einzige Kunstform, die das kann. Und oft, wenn wir mit Nicht-Theater-Menschen ins Theater gehen, müssen wir hinterher sagen: "Aber Theater kann auch ganz toll sein!" Und wir wünschen uns, dass es das immer wäre.

@charlidamelio

 

♬ BORED IN THE HOUSE - Curtis Roach

Aber genau das ist der Grund, warum Theater in der Breite der Gesellschaft nicht in dem Maße vorkommt, in dem es vorkommen müsste. Wir haben diese riesigen Häuser an den ersten Adressen der Stadt, hunderte Leute, die hart arbeiten, um Theater zu ermöglichen, und eine signifikante Förderung durch die öffentliche Hand, um das Theatererlebnis möglichst zugänglich zu machen; und dennoch, seien wir ehrlich, geht die überwältigende Mehrheit der Leute, gerade auch der jungen Leute, schlicht nicht hin, zumindest nicht freiwillig. Für weite Teile der Bevölkerung, insbesondere außerhalb des Bildungsbürgertums, ist Theater etwas, das anderen Menschen zustößt. Und wenn es sie aus welchem Grund auch immer ins Theater verschlägt, dann fehlt ihnen das Vokabular, die Übung mit jenem besonderen Zeichensystem umzugehen, um die Inhalte zu dekodieren. Und das ist natürlich vor allem für die Zukunft des Theaters katastrophal.

Theatrale Zeichen auf TikTok

Ironischerweise ist es eine andere Katastrophe, die uns endlich auf die richtige Spur bringen könnte. Geschlossene Häuser, Distanzgebot, Seuchenschutz – die Covid19-Pandemie verhindert effektiv die für das Theater nötige Kopräsenz, von einigen Versuchen mit Videokonferenzen und dergleichen abgesehen. Wir sind vereinzelt, wir können weder spielen noch erleben. Aber in dieser dunklen Stunde, zurückgeworfen auf uns selbst, blüht TikTok nochmal ganz neu auf. "I'm in the house, in the house bored" wie es in einem der populäreren Sounds auf der Videoplattform heißt, und in diesem Zustand entdecken überall auf der Welt vornehmlich, aber keinesfalls ausschließlich, junge Menschen ihre performative Ader, entdecken die Rampensau in sich und zeigen ihre Kreativität, ihre situative Interpretations- und Narrationsgabe der Welt. Sie spielen wie verrückt, sind lustig, selbstironisch, toll und vielseitig, benutzen theatrale Zeichen, sicher oft, ohne es zu wissen, ohne Theaterwissenschaftler*innen in der Nähe, die ihnen das alles erklären würden.

Viele machen in den 15–60-sekündigen Clips immer noch das, womit TikTok ursprünglich groß geworden ist, nämlich Lipsync. Sie spielen Filmszenen nach und legen die Tonspur des Films darüber. Das geht schnell und unkompliziert, unter den jeweiligen Tonausschnitten entsteht dann ein umfangreicher Baum an Interpretationen, Reinszenierungen und Kontextualisierungen; Intertext im besten Sinne, künstlerischer Dialog ohne Label. Diese Intertextualität wird auch bedient durch eine weitere populäre Funktion: Duett. So kann der Bildschirm geteilt und neben das Video einer User*in in Echtzeit ein eigenes Video gesetzt werden. Ergebnis sind einerseits natürlich wiederum szenische Dialoge, aber auch Kommentare oder Rekontextualisierung.

Chaotischer ästhetischer Fortschritt

Im Versuch populär zu sein, vorzukommen, entdecken die Performer*innen en passant Grundelemente theatraler Praxis: TikToks müssen, um erfolgreich zu sein, praktisch immer eine Pointe haben, meistens überraschend und lustig, und damit grundsätzliche Elemente einer Narration – teilweise regelrechte Fünf-Akt-Strukturen im Miniformat – nachbauen. Stellenweise werden gleichsam Lerninhalte der Schauspielschulen entdeckt, wenn Menschen etwa auf kanonisierten Soundbits Narrative aus ihren eigenen Leben performen und damit nicht das gesprochene Spielen, sondern die Spielebene selbst mit eigener Bedeutung füllen. Es entwickeln sich auch TikTok-spezifische Memes, etwa eine Transformation von ungestylt zu aufgebrezelt unter einem Ausschnitt eines Songs, "I used to be so beautiful now look at me" oder eben "Bored in the house".

@257ers

257 goes TikTok || ##TikAKK ##iusedtobesobeautiful ##germanrap ##257ers ##fyp ##foryourpage

♬ Absolutely Anything (feat. Or3o) - CG5

In all diesen Videos werden quasi kanonisierte Stücke, Libretti und Partituren immer wieder reinszeniert, kontextualisiert und koproduziert. So entsteht künstlerischer Dialog, aber eben auch Fortschritt, befördert durch die hohe Frequenz der kurzen Clips – eine ungerichtete, chaotische, ästhetische Weiterentwicklung, die permanent aus sich selber schöpft. Schließlich gibt es auch sehr gute politische Videos, wo etwa Trump gelipsync'd wird oder ihm vermeintlich aus einer Sprecherkabine eingeflüstert wird, was er zu sagen hat. Nicht zuletzt hat TikTok eine hohe politische Wirkmacht, schließlich waren es die TikTok-Kids, K-Pop-Stars und Cosplayer*innen, die im Juni 2020 Trumps Wahlkampfauftakt in Tulsa*Oklahoma durch tausendfache Kartenreservierung gezielt torpedierten. Sicherlich einer der Gründe, warum Trump sauer auf die Videoplattform ist.

Heilige Kühe namens Datenschutz und Urheberrecht

Außerdem gibt es noch unzählige andere Inhalte, artistische Performances, Edutainment etwa über sprachliche Eigenheiten, Chemie, Physik, Astronomie, Mythologie, immer wieder Spiel, Sprechen, Präsentieren, Darstellen – alles (ergänzende) Inhalte, die wir als Theaterschaffende auch gern auf unseren Bühnen haben, in den verschiedensten Formaten, die das deutschsprachige Theater in den letzten Jahren hervorgebracht hat. Dies alles entsteht hier, wie gesagt, ungeordnet, chaotisch, auf einer datenschutzrechtlich mehr als umstrittenen chinesischen Plattform, während es in deutschen Theatern immer noch schwierig ist auf den Probebühnen WLAN zu installieren. Und, ja, dabei ist mir durchaus klar, dass deutsche Theater ganz anderen Zwängen unterliegen in Bezug auf Datenschutz und Urheberrecht, aber das ist auch ein Teil der Diskussion, die wir führen müssen; gesamtgesellschaftlich, aber auch und gerade im theatralen Bereich.

Versteht mich bitte recht: Theater braucht Digitalität nicht, um zu funktionieren. Theater funktioniert mindestens seit zweieinhalbtausend Jahren, und es funktioniert extrem gut. Außer es gibt gerade Lockdowns. Oder die Gesellschaft wird zunehmend von digitalen Inhalten geprägt. "Aber die physische Kopräsenz!", werdet ihr sagen, ja, diese Kopräsenz, die gibt es bei TikTok natürlich nicht. Die Videos sind aufgenommen, wir rezipieren die Inhalte in unserer eigenen, geschützten Umgebung, wir sind nicht "in der Situation".

Vernachlässigter Bildungsauftrag

Das macht nichts, denn Apps wie TikTok sind auch kein Theater. Aber wenn Theater anfängt über digitale Inhalte nachzudenken, wirklich nachzudenken über die Möglichkeiten einer Fusion von theatralen und digitalen Mitteln, dann könnte eine neue Form des Theaters entstehen, eine neue Sparte für Stadt- und Staatstheater, die unabhängig von Lockdowns und physischen Beschränkungen existiert und die völlig neue Publikumsschichten adressiert, Zugangsbeschränkungen abbaut und Spielmöglichkeiten schafft, die wir uns kaum vorstellen können: Virtual Reality, keine Zeugenschaft mehr, sondern Protagonist*in werden, in Echtzeit einander befragen, zitieren, erweitern – die Möglichkeiten sind schier endlos.

Es braucht dafür Pionier*innen wie Friedrich Kirschner an der HfS "Ernst Busch" Berlin oder Tina Lorenz, die am Staatstheater Augsburg die erste Spartenleiterin für Digitalität an einem Staatstheater wird; Menschen, die Inhalte und Formen entwickeln können, die für Theater und Digitalität brennen und die Visionen haben. Aber vor allem braucht es eine breite Übereinkunft der Theaterlandschaft, dass diese Weiterentwicklung sinnvoll und nötig ist, wenn sie ihrem Bildungsauftrag und ihrem eigenen künstlerischen Allgemeinheitsanspruch gerecht werden will. Denn momentan spielen weite Teile der Bevölkerung eigentlich Theater, ohne es zu wissen. Wir sollten sie bei uns spielen lassen. Und, wie gesagt, das komische Gefühl verschwindet schnell.

  

Konstantin Küspert ist Autor, Übersetzer und Dramaturg. Für sein Stück "europa verteidigen" erhielt Küspert 2017 bei den Mülheimer Theatertagen den Publikumspreis. Während des Lockdowns 2020 hat er zusammen mit fünf anderen Autor*innen im digitalen Writer's Room das Theaterstück "Corona-Monologe oder wie geht man auf Distanz" entwickelt.

Über TikTok
TikTok ist ein Social Media Portal für Kurzvideos, dessen App seit 2018 weltweit mehr als zwei Milliarden Nutzer*innen gesammelt hat (Stand Frühjahr 2020). Vor allem bei jungen Zielgruppen ist TikTok sehr beliebt. In der App können Videos in einer Länge zwischen 15 und 60 Sekunden erstellt, mit Effekten angereichert und veröffentlicht werden.
Eigentümer von TikTok ist das chinesische Unternehmen ByteDance, das immer wieder mit dem Vorwurf konfrontiert wird, Inhalte zu zensieren bzw. die Reichweite Peking-kritischer Videos zu minimieren. Regierungen verschiedener Länder kritisieren ByteDance zudem wegen des Umgangs mit Nutzerdaten. Der Konzern bestreitet, dass er die weltweit gesammelten Daten chinesischen Behörden zugänglich macht.
US-Präsident Donald Trump drohte ByteDance im Sommer 2020 mit einem Verbot der TikTok-App in den USA, wo TikTok von 100 Millionen Menschen genutzt wird. Als Kompromisslösung wurde im Herbst 2020 ein neues Unternehmen mit dem Namen "TikTok Global" konzipiert, das zu 80 Prozent im Besitz von ByteDance bleiben würde, wobei etwa 40 Prozent der ByteDance-Anteile bei US-Investoren liegen. zurück zur Textstelle oben

 


Kooperation

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Der Aufsatz entstammt dem Band
Netztheater. Positionen | Praxis | Produktionen.
Herausgegeben von der Heinrich Böll Stiftung und nachtkritik.de in Zusammenarbeit mit Weltuebergang.net unter redaktioneller Leitung von Sophie Diesselhorst, Christiane Hütter, Christian Rakow und Christian Römer. Berlin 2020.

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Über TikTok als Auftrittsplattform für Theaterschaffende lesen Sie im Interview mit Medienforscherin Judith Ackermann.

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