"Stammtisch-Sumpf des Jeder-darf-mal-Postens"

22. Oktober 2020. Unmut erfasste den FAZ-Theaterkritiker Gerhard Stadelmaier, als ihm am 16. Februar 2006 ein Spieler des Schauspiels Frankfurt während der Aufführung den Spiralblock entwendete. Stadelmaiers folgender Zeitungsbeitrag "Angriff auf einen Kritiker" führte zur Entlassung des Schauspielers. Felix Lempp zufolge ist Stadelmaiers Bestürzung "als Entsetzen über den Verlust der Insignie des souveränen Kritikers zu deuten" – und die sogenannte "Spiralblockaffäre" als Diskussion darüber, welche Rolle und welchen Stellenwert der Theaterkritik in einem seit der Jahrtausendwende zunehmend pluralistischen Theatersystem zukommt. Diese "Ortsbestimmung der aktuellen Theaterkritik" nimmt Lempp in seinem Beitrag "Vom Spiralblock zum Blog?" auf der Plattform 54books vor.

Idealbild des Kritikers im 18. Jahrhundert

Zu widerstreben scheine Stadelmaier – vom Zeitungsfeuilleton geprägt und sich, mit dem "Selbstverständnis eines einflussreichen Kritikerpapstes", zur Entscheidung über richtiges und falsches Theater befähigt fühlend – ein vielstimmiger und enthierarchisierter Dialog über Kunst und Kultur, wie ihn das Internet ermögliche. Sein Idealbild des Kritikers finde er Mitte des 18. Jahrhunderts, als sich das heutige Theatersystem und, mit dem Aufkommen gedruckter Periodika, auch die deutschsprachige Theaterkritik formierte, wie Lempp über des FAZ-Kritikers Buch "Regisseurstheater" schreibt. Verbunden sei diese Zeit mit dem Aufstieg des Bürgertums, „"das im Theater ein Versuchslabor fand, in dem es eigene Lebensentwürfe und Moralvorstellungen erproben und zumindest auf der Bühne auch durchsetzen konnte".

Als "positives Gegenbild zum Zeitgeisttheater und der entprofessionalisierten Kritik des neuen Jahrtausends" zeichne Stadelmaier diese Epoche, in der ihm zufolge das Feuilleton "zu einer Art Vorparlament" und "der Kritiker zum Archetypus des Bürgers" geworden sei. Wobei dieses "Theater- und Feuilletonsystem … von Bürger*innen für Bürger*innen" andere Bevölkerungsteile "geradezu konzeptionell ausschloss", so Lempp. Für die Theater wie die Kritik stelle sich daher derzeit die Frage, "wie die teuren Institutionen verhindern können, mit dem Kontakt zur Lebenswelt der diversen (Stadt-)Gesellschaft diese auch als Publikum zu verlieren".

Wie Theaterkritik im digitalen Umfeld funktionieren kann

Die Anpassungs- und Erneuerungstendenzen der Theaterkritik führen Lempp noch einmal zurück zur Spiralblockaffäre: "Denn ihre für das deutschsprachige Theaterfeuilleton vermutlich bedeutendste mittelbare Folge sollte sich erst ein Jahr später zeigen, als 2007 das Branchenportal nachtkritik.de antrat, den deutschsprachigen Zeitungen zu zeigen, wie Theaterkritik im digitalen Umfeld funktionieren kann."

Technisch wie konzeptionell habe eine "wendige digitale Plattform gegenüber den Schlachtschiffen des Zeitungsfeuilletons" Vorteile. Zugleich sei sie, produziert "ohne große finanzielle Reserven und Absicherungen", krisenanfälliger. Theaterkritik im Netz könne die Zeitungskritik daher nicht ersetzen, aber ergänzen, so Lempp. Dafür solle sie sich "auf ihre medienspezifischen Stärken noch grundsätzlicher besinnen" und auch formal pluralistischer werden, bemerkt der Autor mit Blick auf Twitter-Theater-Threads oder Videokritiken: "Sie muss gerade die digitalen Orte erobern, an denen die 'aleatorischen Publizist*innen fuhrwerken', die Stadelmaier ein Dorn im Auge sind, und den'‚allgemeinen elektronischen Stammtisch-Sumpf des Jeder-darf-mal-Postens und Senf-dazu-Gebens' produktiv erschließen, vor dem der Feuilletonist so nachdrücklich warnt."

(54books / eph)

 
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