Eisverkäuferin und Kriegerin

von Grete Götze

Darmstadt, 23. Oktober 2020. Haben sich die Zeiten schon geändert, wenn die eigene vierjährige Tochter nicht mehr nur Eisverkäuferin, sondern auch Kriegerin werden möchte? Claudia Bossard findet darauf am Staatstheater Darmstadt eine vieldeutige Antwort. Die Schweizer Regisseurin hat sich den Mythos der Jungfrau von Orléans vorgenommen, jener Nationalheldin, die im hundertjährigen Krieg Frankreich von den eingefallenen Engländern befreite und schließlich selbst auf dem Scheiterhaufen landete. In Friedrich Schillers Bearbeitung des Mythos fühlt sie sich von Gott zum Kampf berufen. Er ist es auch, der sie von ihren Ketten befreit, so dass sie noch eine letzte Schlacht für Frankreich gewinnt, bevor sie verwundet, aber selig stirbt.

Genieße den Absturz

An diese von Schiller glorifizierte Selbstkasteiung für das Land glaubt Bossard offenbar nicht. "Ich sage euch, springt in Euch selbst hinein, genießt den Absturz, und lasst Euch dabei von niemandem stören. Die Einsamkeit ist das Einzige, was du sicher hast", sagt Johanna (Anabel Möbius) im knappen Superwoman-Kostüm, bevor sie in den Bühnenboden hinabfährt. Für die Regisseurin, so sagt es auch ihre Figur Jeanne, eine Art junges Alter Ego von Johanna, ist der Mythos eine Geschichte darüber, wie Sex, Geld und Macht Mauern um unsere Fantasie errichten.

Johanna Béla Milan Urhlau Elen Gourio 1000 C Nils Heck Kämpferische Talkshow im Stuhlkreis: Robert Lang-Vogel, Daniel Scholz, Anabel Möbius, Béla Milan Uhrlau, Karin Klein, Stefan Schuster, Mathias Znidarec  © Nils Heck

Dieser Einhegung der Fantasie stellt sich die Inszenierung entschieden entgegen. Sie ist bildgewaltig, rätselhaft, humorvoll und kurzweilig. Die Regisseurin hat sich den Stoff genommen, ihn interpretiert, seinen Ausgang infrage gestellt, ein wenig hier und da zugespitzt, einige Prisen Gegenwart hineingestreut, aber das Schillersche Handlungsgerüst nicht zerstört. Jeanne erleidet zu Beginn des Abends erst einmal das Mansplaining des königlichen Offiziers La Hire (Béla Milan Uhrlau), der ihr auf Gartenstühlen aus Plastik nicht nur erklärt, dass die Franzosen fast geschlagen sind, sondern auch wie seine Worte auf die Zuschauer wirken. Zwar ist der Text insgesamt kräftig gekürzt und durch heutige Sprache ergänzt. Aber die Figuren sprechen immer wieder auch Schillers Verse, allen voran Anabel Möbius als Johanna, die in ihrer Unbedingtheit dem sonstigen Geschehen auf der Bühne völlig entrückt wirkt.

Fantastische Orte, spielfrohes Ensemble

Die Szenenwechsel gelingen so, auch wegen des Bühnenbildes und der Videoinstallationen, schnell und überraschend. Ein paar Leinwände, ein Wohnwagen, eine Badewanne und zwei Marmorblöcke stellen die unterschiedlichsten fantastischen Orte dar. Eben noch saßen die Figuren vor einer Leinwand mit einer gezeichneten Landschaft darauf, schon liegt in einer Badewanne vor Yves Klein-blauem Hintergrund der mutlose französische König Karl. Ratlos stehen seine Bediensteten um ihn herum und versuchen zu erörtern, ob diese Johanna, von der man so viel spricht, nun eine Gottgesandte oder eine Attentäterin sei.

Dass die Figuren des Abends ebenso unterhaltsam wie unbeholfen wirken, liegt auch an der Spielfreude des jungen Ensembles. Matthias Znidradec als Herzog von Burgund ist mit seiner Melone auf dem Kopf elegant und lächerlich zugleich, Robert Lang-Vogel nimmt als Offizier Du Chatel mit Baskenmütze und albernen Bewegungen seine eigene Nation aufs Korn, Daniel Scholz als Fahne schwenkender Bastard gibt sich so entschlossen wie Stefan Schuster als minderbemittelter Feldherr von England. Und Béla Milan Uhrlau führt mal als englischer Anführer, mal als französischer Offizier elegant und selbstironisch durch den Abend, indem er etwa wie in einer Talkshow die im Stuhlkreis sitzenden Figuren dem Publikum vorstellt.

In der Schwebe bleiben

Die Videoinstallationen erzählen dabei ihre eigene Geschichte. Als die zum Krieg entschlossene Johanna vor den verdatterten Männern steht, erblickt der Zuschauer auf der Leinwand Aufnahmen von Drohnenbildern. Als sie im Wohnwagen auf ihre Jungfräulichkeit untersucht wird, erscheint eine riesige Projektion etlicher Vulven. Vewirrend auch der zunächst nur auf der Leinwand gezeigte Erzbischof auf einer Kegelbahn, die fallenden Kegel als Sinnbild für die im Krieg Gefallenen?

Sei es drum, dass sich die Inszenierung ein wenig schwer tut, zum Ende zu kommen und man an einigen Stellen die ohne Mikroport sprechenden Schauspieler nicht optimal versteht: Claudia Bossard und das Ensembe finden in ihrer Inszenierung einen eigenen Zugang zum Mythos der Jungfrau von Orléans. Sie erliegen nicht der Versuchung, die Geschichte komplett in die Gegenwart zu verlegen und aus der Frauenfigur ein modernes Vorbild im Stil von Greta Thunberg zu machen. Die Szenen erzählen auf unterschiedlichen Ebenen viele kleine Geschichten. Elegant miteinander verwoben, nicht alle Fragen des Zuschauers beantwortend, mit der Möglichkeit, Eisverkäuferin oder Kriegerin zu werden. Wie sagt es Jeanne am Ende: "Enjoy!".

Johanna von Orléans
Am Beispiel Friedrich Schillers
Regie und Fassung: Claudia Bossard, Bühne und Kostüm: Elisabeth Weiß, Video und Sound: Annalena Fröhlich, Dramaturgie: Christina Zintl.
Mit: Anabel Möbius, Elen Gourio, Béla Milan Uhrlau, Ernest Allan Hausmann (Gast), Karin Klein, Edda Wiersch, Katharina Hintzen (Gast), Daniel Scholz, Robert Lang-Vogel, Mathias Znidarec, Stefan Schuster, Hubert Schlemmer.
Premiere am 23. Oktober 2020
Dauer: 2 Stunden, 15 Minuten, keine Pause

www.staatstheater-darmstadt.de

 

Kritikenrundschau

"Da sich alles um Johanna dreht, degradieren die Figuren zu Denkfiguren auf niederer Seinsebene; man könnte das blutleer nennen", heißt es in der Frankfurter Rundschau (25.10.2020). "Drama findet nur entspannt statt. Exemplarisch ist die Regie, weil sie Johanna-Mythen entlarvt, nur weist sie keinen Ausweg aus den Lesarten. Mythen schreiben weiter; Bossard schreibt Mythen zurück." Und weiter: "Nützlich zu hören, dass 'Männer' Jeannes Bild verzerrt haben. Wenn sie Johanna aber vom 'märtyrerischen Kern' her freischreiben will und doch nur in Wort und Bild (die Glatzen-Madonna Jean Fouquets) die Jungfräulichkeit analysiert, fehlt etwas."

Bossard distanziere sich vom idealistischen Klassiker als romantischem Trauerspiel. "Ideen, um in diesem Stoff Rollenkonflikte aufzubrechen, hat die Regie mehr als genug, doch der Zweifel der Hauptfigur scheint auch die Regie befallen zu haben", schreibt Stefan Benz im Darmstädter Echo (26.10.2020). Es werde immer wieder dick aufgetragen, "doch dann zerfasert das Spiel schnell."

 

 
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