Nonsens statt Konsens

von Verena Großkreutz

Stuttgart, 24. Oktober 2020. Gruppensex auf der Bühne in Corona-Zeiten? Trotz Abstandsregeln? Nach der kollektiven Entkleidung treibt man's einfach laut stöhnend im Dunkeln. Und das Publikum denkt sich seinen Teil. Auf der Bühne den Totschläger spielen? Das Opfer verschwindet hinterm Tisch, während der Täter sichtbar mit einer Metallplatte auf die arme Frau eindrischt.

Surreales für die Corona-Gegenwart

Der ungarische Theaterregisseur Viktor Bodó hat den Dreh raus, wie man Theater in Corona-Zeiten dynamisch gestalten kann. Niemals gefriert "Der Würgeengel" zu starrem Steh- oder Sitztheater – obwohl stets zwölf Personen gleichzeitig auf der Bühne agieren. Starres Sitz- und Stehtheater wäre im Falle von Luis Buñuels "Der Würgeengel" im Grunde genommen ja durchaus okay. Schließlich handelt der Film, den der König des filmischen Surrealismus 1962 gedreht hat, von lethargischen Menschen hoch hundert: von einer vornehmen Abendgesellschaft, die sich nach einem Opernbesuch in der Stadtvilla ihres Gastgebers Edmund Nobile zum Souper trifft. Und die dann in eine rätselhafte Willenlosigkeit und Lähmung verfällt und deshalb das Haus für mehrere Wochen nicht verlassen kann, als hätte eine unsichtbare Mauer sie eingeschlossen.

wuergeengel 6 1000 foto thomas aurinKlaus von Heydenaber, Gábor Biedermann, Therese Dörr, Valentin Richter © Thomas Aurin

Im Film liegt die Personage meist schläfrig und kränkelnd herum, auf Sofas, im Schrank, auf dem Boden. Schlagen heißt hier eher Schubsen. Der Druck, der gegenseitig ausgeübt wird, ist vor allem verbaler Natur. Viktor Bodó und das brillant agierende Stuttgarter Ensemble machen aus der Lethargie aber Aktionismus. Alle zwölf sind immer auf Achse. Was zunächst gut unterhält.

Merkwürdige Menschen

Jede der Figuren verliert nach und nach die Fassung, lässt die Maske fallen – besonders expressiv: Sylvana Krappatsch. Einerseits wie im Film: Die Outfits werden immer derangierter, schmuddeliger, die Etikette fallen, Ticks schleichen sich ein und unappetitliche Eigen-Körperbearbeitungen. Die Tonfälle werden verwirrter und aggressiver. Aber in Bodós Regie verstärkt sich das alles noch, und die Vermerkwürdigung der Personen überträgt sich auf ihre Bewegungsapparate. Da werden alle Register gezogen: Zombie- und Robot-Walk verbunden mit gruseligem Rückwärtssprech, skurrile Tänzchen auch auf den Tischen, akrobatische Körperverzerrungen aller Art. Am Ende rennen alle blökend wie die Schafe um den Tisch (im Film sind's echte) – Endstadium der Vertierung.

Das mit den Corona-Vorschriften hat Bodó auch auf anderer Ebene perfekt gelöst: hat den "Würgeengel" einfach in die Zeit unseres Corona-Wahnsinns übertragen – samt Ellenbogengruß und Desinfektionsmittel, die, gemischt mit Zitronensaft, fast wie Limoncello schmecken sollen, lernt man an diesem Abend von einem der durstigen Protagonisten (charismatisch: Valentin Richter).

wuergeengel 10 foto thomas aurinDie EU-Politiker suchen Corona-Krisenlösungen im Konferenzsaal-Bühnenbild von Lili Izsák © Thomas Aurin

Es gibt einen brillant inszenierten Vorspann zwecks Verortung des Ganzen: Die bourgeoise Abendgesellschaft wird zu EU-Politiker*innen, die für einen Krisengipfel zusammengerufen wurden. Weshalb der Raum, in dem sich das Drama der Lethargie abspielen wird, ein luftiger Konferenzsaal ist: mit einem riesigen, kreisrunden Besprechungstisch im Zentrum und einer Synchronübersetzer*innen-Kabine dahinter, außerdem einem großen Monitor an der Wand, auf dem sich die Videoschalten zu allen möglichen Regierungen bewerkstelligen lassen.

Sie müssen halt "sehr vieles besprechen", die Anwesenden, und "dringende Beschlüsse fassen". Es gehe ja um nichts weniger als eine "auf Basis konsensualer Entscheidungen erarbeitete, aufeinander abgestimmte Offensive zur Bezwingung einer weltumfassenden Epidemie", sagt Frau Nobile alias Sylvana Krappatsch, die wie EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen frisiert ist. Die Videoschalten funktionieren nur leidlich, und inhaltlich tut sich statt Konsens nur Nonsens kund: "Can you hear me now? Okay, also guten Tag, guten Nachmittag, guten Abend, guten Morgen", lässt Angela im O-Ton vermelden, und Putin wird in den Mund gelegt, er freue sich über seine Familie, "die bei der Jagd immer auf die großen Bären aus war". Aber die vor Ort Anwesenden lassen sich auch nicht lumpen: "Nicht alle Insekten sind Käfer, aber alle Käfer sind Insekten." Ein Stromausfall stoppt die Phrasen. Startschuss für Buñuels "Würgeengel".

Eine unvergessliche Liedeinlage

Das alles ist vorbildlich: die präzise eingeleitete, vielversprechende Modernisierungsidee, die durchweg rasante Dynamik. Bloß: Bodós "Würgeengel" steht quer zum Film, weil er Stück für Stück in den bloßen Klamauk abdriftet – und immer mehr dominiert wird von einem wilden Soundtrack, der den Abend unterlegt mit einer scharf geschnittenen Collage aus Fragmenten klassischer Musik, neu Komponiertem, aus Gruselgeräuschen, R&B, Schlagern, Folkloristischem und am Ende orgiastischem Techno-Stampfen. Das nimmt den Figuren mehr und mehr die Worte und treibt sie in eine letztlich langweilende Dauer-Zappelei.

wuergeengel 3 1000 foto thomas aurinDer Soundtrack ist aufgepeppt, und Viktor Bodó lässt die Politiker-Darsteller tanzen. In Kostümen von Fruzsina Nagy. © Thomas Aurin

Buñuels (musikarmer) "Würgeengel" ist ein konsequent beunruhigender Film, gruselig ohne Horroreffekte. Nur einmal kriecht eine abgehackte Hand durchs Bild – als Fiebervision einer Kranken. Am Ende beißt sich die Katze in den Schwanz: Erst fällt die unsichtbare Mauer in der Villa und die Überlebenden können dem Albtraum endlich entkommen. Dann, nach dem Dankgottesdienst, beginnt alles von vorne: Die Menschen wollen die Kirche partout nicht verlassen. Bodó lässt diese formale Rundung am Ende unter den Tisch fallen. Und auch sonst verabschiedet er sich von der bedrohlichen, düsteren klaustrophobischen Atmosphäre des Films zugunsten einer Art aufgedrehtem Horrorklamauk.

Dabei gibt es durchaus eigenständige Szenen, die es mit Luis Buñuels Film aufnehmen können, etwa der Auftritt einer stummen Sängerin: Mehrmals beginnt der Pianist (Klaus von Heydenaber) mit einem koketten, aufmunternden Intro. Die Sängerin (Christiane Roßbach) schweigt durchweg gehemmt, ängstlich. Des Pianisten Vorspiel geriert sich immer aggressiver, bis er es aufgibt und die ausbleibenden Einsätze der Sängerin mit solistischem Furor überbrückt. Am Ende wird die stumm gebliebene Sängerin über den Klee gelobt, der virtuose Pianist als Dilettant verunglimpft. Es reicht manchmal eine Szene, um einen Abend unvergesslich zu machen.

 

Der Würgeengel
nach dem Film von Luis Buñuel
Regie: Viktor Bodó, Bühne: Lili Izsák, Kostüme: Fruzsina Nagy, Komposition: Klaus von Heydenaber, Sounddesign: Gábor Keresztes, Video: Vince Varga, Licht: Jörg Schuchardt, Dramaturgie: Anna Veress, Ingoh Brux, Mitarbeit Übersetzung: Sandra Rétháti, Mitarbeit Choreographie: Daura Hernández Garcia.
Mit: Gábor Biedermann, Therese Dörr, Sylvana Krappatsch, Anne-Marie Lux, Reinhard Mahlberg, Amina Merai, Peer Oscar Musinowski, Valentin Richter, Celina Rongen, Christiane Roßbach, Michael Stiller, Klaus von Heydenaber.
Premiere am 24. Oktober 2020
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.schauspiel-stuttgart.de

 

Kritikenrundschau

"Genial“ findet Roland Müller in der Stuttgarter Zeitung (26.10.2020) den "Brüsselprolog", aber: "Was im Vorspiel schlank und flink angelegt wurde", münde im zweiten Teil nach Ausflügen in Bunuels "schrullige Horrorkomödie" "breit und schrill in ein lärmendes Inferno". "Orgien und Ekstasen, die im Immergleichen der Effekthascherei aber so zäh und langatmig werden, dass man sich irgendwann doch das Ende des neunzigminütigen 'Würgeengels' herbeisehnt", so Müller: "Viktor Bodó fängt stark an und lässt stark nach."

"Die Inszenierung in Stuttgart ist (…) eine große Metapher für die Pandemie", sagt Daniel Stender auf SWR2 (26.10.2020). "Aber wenn so klar ist, dass der Würgeengel mit Vornamen Corona heißt, dann geht das Geheimnis, die diffuse Bedrohlichkeit des Films verloren."

"Tolles,vielfältiges Schauspielertheater, intelligent inszeniert", schwärmt hingegen Otto Paul Burkhardt in der Südwest Presse (26.10.2020).

Besonders das Vorspiel dieses Abends hat Egbert Tholl von der Süddeutschen Zeitung (30.10.2020) überzeugt, wie Viktor Bodó dort die "Unfähigkeit Brüssels, dem undemokratischen Treiben der ungarischen Regierung Einhalt zu gebieten", mit "Hohn, Spott und völlig berechtigtem Zorn" ausbreite. Anschließend gehe es "mit zunehmend durchgeknallterem Irrsinn" los, werde zum "Pandämonium". Einschätzung des Gesamten: "Subtil ist das nicht, aber kompakt genug, um krass zu wirken. Wie eine dröhnende Ohrfeige."

 

 
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