Es war einmal

von Falk Schreiber

Hamburg, 24. Oktober 2020. Ganz kurz schleicht sich die Gegenwart ein ins Spiel von Wolfram Koch. Mit der lächerlichen blonden Perücke, die ihm irgendwann verrutscht. Mit der sich überschlagenden Stimme. Mit dem Wunsch "Ich will, dass ihr in Panik geratet!" Ganz kurz also stellt die Inszenierung da eine Verbindung her, Boris Johnson – Donald Trump – Greta Thunberg, das ist politisch ein wenig naiv, aber es gibt zumindest eine Ahnung, dass dieser Abend womöglich irgendwohin möchte. Eine Ahnung.

Nichts mit Moral

Denn: Direkt erschließt sich nicht, weswegen Jan Bosse am Hamburger Thalia die 1976er-Mediensatire "Network" für die Bühne adaptiert. Der Gegenwartsbezug ist so offensichtlich, dass die Dramaturgie eigentlich skeptisch werden müsste: Ja, der aktuelle US-Präsident ist ein inkompetenter Impulsmensch, den man als bösen Clown bezeichnen kann, und, ja, bekannt wurde dieser Clown einst durch eine Fernsehshow, also liegt es nahe, den von Koch gespielten TV-Moderator Howard Beale, den eine zynische Einschaltquoten-Philosophie zum Demagogen aufbaut, als Frühform von Donald Trump zu lesen. Im Programmheft ist Torsten Körners Aufsatz "Das Zeitalter der Clowns" abgedruckt, aber seine Analyse hat ihre Tücken: Wer behauptet, dass mit Gestalten wie Trump oder Johnson Horrorclowns die Weltbühne betreten hätten, der ignoriert, dass ähnliche Buffo-Figuren in Gestalt von Nicolas Sarkozy in Frankreich oder Silvio Berlusconi in Italien schon länger aktiv sind. Das ist auch ein Problem der Inszenierung: Sie glaubt, politisch wach zu sein, aber sie denkt nicht weit genug. Und sie verlässt sich zu sehr auf die einfachen Lösungen.

Network 3 1000 Armin Smailovic uWolfram Koch als Boris Johnson-Lookalike © Armin Smailovic

Ähnlich das Medienbild: "Mit Moral hat unser Metier nichts, aber rein gar nichts zu tun!", heißt es an einer Stelle, und das ist ein Kokain- und Whiskey-befeuerter Medienzynismus, der eindeutig in den Siebzigerjahren steckengeblieben ist. Heute, in Zeiten, in denen lineares Fernsehen als sterbendes Medium gilt, kann sich kaum ein Fernsehsender noch solch eine Großkotzigkeit leisten – aber das Phänomen einer veränderten Mediennutzung blendet die Inszenierung ohnehin aus. Die manipulativen Strategien von Internet-Massenmedien spielen in Bosses ganz klar in den 1970ern verorteter Story keine Rolle.

70er Jahre-Ästhetik

Immerhin gibt das dem Abend Gelegenheit, als Ausstattungsstück zu glänzen. Stéphane Laimés ausgeklügelte Bühne ist eine Mischung aus Konzerthalle, in deren Mitte eine Band um Jonas Landerschier smoothen Jazz spielt, und alter "Spiegel"-Kantine, einem Wunderwerk der Innenarchitektur, das tatsächlich viel zu tun hat mit der Mediengeschichte nicht zuletzt der Stadt Hamburg. Aber eben auch von gestern ist. Und auch das ist wieder ungenau: Der "Spiegel" ist als primäres Printmedium in ganz andere wirtschaftliche Kontexte eingebunden als der in "Network" beschriebene Fernsehsender.

Was Jan Bosse natürlich kann: elegante Szenen bauen. Die Annäherung zwischen Nachrichtenredakteur Max Schumacher (Felix Knopp) und Programmchefin Diane Christensen (Christiane von Poelnitz) ist zart gespielt, was ein wenig in den Hintergrund rückt, dass die Inszenierung nicht nur die Optik, sondern auch das zumindest diskutable Frauenbild der Siebziger recht ungebrochen ins Heute holt. Julian Greis als Aufnahmeleiter Harry Hunter und Björn Meyer als Anheizer performen hübsche Slapstik-Miniaturen. Gaststar Wolfram Koch wird problemlos ins Thalia-Ensemble integriert. Und die Drehbühne hält alle Beteiligten in Bewegung, agiert sozusagen als rotierende Filmspule. Bosse ist ein höchst routinierter Regisseur; dass er sein Handwerk beherrscht, zeigt diese Inszenierung praktisch über die gesamten zwei Stunden Spieldauer.

Fatsuit und Föhnwelle

Da stört dann auch nicht, dass Kathrin Plaths Kostüme die Figuren immer wieder der Lächerlichkeit preisgeben, dass Knopp im Fatsuit ein schmieriges Journalistenklischee darstellt, dass Jirka Zett als Manager Frank Hackett vor allem wegen seiner grotesken Föhnwelle in Erinnerung bleibt. Die Schauspieler*innen spielen gegen solche Ausstattungswitzchen an, und über weite Strecken machen sie das erfolgreich. Nur bleibt über dieser durchaus beeindruckenden Anstrengung auf der Strecke, was an dem Stoff auch heute noch interessant sein könnte. Ein böser Verdacht: nichts.

Network
von Lee Hall nach dem Film von Paddy Chayefsky, Deutsch von Michael Raab
Regie: Jan Bosse, Bühne: Stéphane Laimé, Kostüme: Kathrin Plath, Musik: Jonas Landerschier, Licht: Christiane Petschat, Dramaturgie: Christina Bellingen.
Mit: Wolfram Koch, Christiane von Poelnitz, Felix Knopp, Jirka Zett, Julian Greis, Björn Meyer, Oliver Mallison, Live-Musik: Jonas Landerschier, Günter Märtens, Matthias Strzoda.
Premiere am 24. Oktober 2020
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.thalia-theater.de

 

Kritikenrundschau

"Mit einem spiellustigen Ensemble und toller Ausstattung setzt Jan Bosse den Kultfilm aus den Siebzigern unterhaltsam-schrill in Szene", schreibt Stefan Grund in der Welt (26.10.2020). "Killerclownesk, schrill-klamaukig, spektakulärorange und nachdenklich", das Bühnenbild mit einem Nachrichtenstudio voller Uhren, die zeigen, welche Stunde es weltweit geschlagen hat, erweitere den Raum assoziativ in ein Network Orange. Einiger gesellschaftlicher Wandel darin werde durch die Groteske zur Kenntlichkeit entstellt. "Die orangefarbenen Waben bilden alle gemeinsam die Form einer Corona. Die Figuren, neben dem Moderator sind das die gegeneinander intrigierenden Fernsehbosse und Programmleiter der jeweiligen Sendungen, wachsen im Verlauf des Stückes in die Breite und sind am Schluss ballonrund aufgeblasene Wichtigtuer." Regisseur Jan Bosse werfe mit seiner munteren "Network"-Regie mehr Fragen auf, als das Stück satirisch beantworte.

Katrin Ullmann schreibt in der taz (online 27.10.2020): Die Mediensatire aus dem Jahre 1976 gebe "unheimlich aktuelle Themen" vor, etwa dass "Nachrichten zu Entertainment" würden, "dass Informationen nur über Emotionen verkauft" würden. Jan Bosse vertraue darauf, dass "diese Themen für sich sprechen und belässt die Ästhetik ganz bewusst im Damals". Das ist "alles schön, verrückt, bunt und auch verlogen. Doch wichtig ist es nicht (mehr)". Auch die aus Wolfram Kochs "großartiger Agitation kurz und wild aufflackernde, hintergründige Atmosphäre" halte nicht lange an. Bosse verliere seinen Protagonisten bald wieder aus dem Blick.

Katja Weise schreibt auf der Website von NDR (26.10.2020 13:08 Uhr): Das Orange der 70er sei die Farbe dieses Abends. Stephane Laimés TV-Studio biete einen sensationellen Rahmen für den Abend. "Network" sei eine "intelligente, immer noch aktuelle, brisante Satire". Es sei klug, dass der Regisseur "auf Aktualisierungen" verzichte, denn es sei ja alles da. Gestrig sei allein die Optik. Wie Wolfram Koch vom "verzweifelten Nachrichtensprecher zum wütenden Propheten" mutiere sei großartig. Doch das ganze Ensemble trage diesen "ebenso nachdenklich stimmenden wie unterhaltsamen Abend", der auch wegen der Live-Musik von Jonas Landerschier "zu empfehlen" sei.

"Der Re­gis­seur Jan Bos­se in­sze­niert ei­ne im bes­ten Sinn hand­ge­mach­te, schmut­zi­ge klei­ne Li­ve­show", findet Peter Kümmel in der Zeit (29.10.2020). Das Ka­rao­ke­haf­te, kal­ku­liert Wack­li­ge der Auf­füh­rung sei stets zu spü­ren: "Ein paar Thea­ter­leu­te stel­len, un­ter­stützt von ei­ner groß­ar­ti­gen, ele­gan­ten Live-Jazz­band, ei­nen al­ten Film nach – als woll­ten sie sich ei­ner käl­te­ren Ge­gen­wart ent­zie­hen. Ih­re Freu­de, sich plötz­lich 44 Jah­re jün­ger und wil­der zu füh­len un­ter ih­ren Kinn­bär­ten, bun­ten Kra­wat­ten und Trom­pe­ten­ho­sen, ist an­ste­ckend." Am En­de sei "je­der die­ser als TV-Leu­te ver­klei­de­ten Ham­bur­ger Thea­ter­schau­spie­ler ein Buf­fo, der uns vor al­lem zum La­chen brin­gen und da­vor be­wah­ren will, Me­di­en­kri­tik per­sön­lich zu neh­men – näm­lich als Kri­tik an un­se­rem ei­ge­nen Schau­zwang, un­se­rer Sehn­sucht nach Ge­stal­ten wie Howard Bea­le".

 
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