Dicke runde Null

von Martin Krumbholz

Köln, 24. Oktober 2020. Ein monströses Stativ ziert die Rampe im Depot 1 am Schauspiel Köln: Wir befinden uns im hell ausgeleuchteten Studio eines Foto-Shootings, bald läuft ein knappes Dutzend "Models" auf, posiert kurz vor der Kamera, während das geknipste Bild auf Screens erscheint, verschwindet, dem nächsten Platz macht. Robert Borgmann hat für seine Ibsen-Überschreibung das soziale Umfeld der Vorlage ein wenig umorganisiert, den Plot in die Gegenwart verlegt; so ist der Bankier Torvald Helmer ein Modefotograf, eben aufgestiegen zum "Creative Director" einer bedeutenden Agentur, seine Frau Nora ein Model – durchaus kein trällerndes Püppchen, das abwechselnd Lerche und Eichhörnchen gerufen wird, sondern sich selbstbewusst in Szene setzendes Subjekt, gespielt von Sophia Burtscher.

Mephisto mit zwei Millionen Followern

Immerhin hat auch ihr Helmer einen, wenn auch stereotypen, Kosenamen für seinen Schatz: Er nennt sie "Schmetterling". Peter Miklusz interpretiert den schnöseligen Creative Director, der, wie wir erfahren, einen krassen "Burn-out" hinter sich hat, als einen spleenigen Zappelphilipp, Nerdbrille, hüpfender Gang, langes blondes Zottelhaar, einen Belichtungsmesser lässig über die Brust geworfen. So kurios ist diese Erscheinung, dass es eine Weile Spaß macht, ihr beim Hüpfen und Schnalzen zuzusehen, obwohl sehr bald klar ist: Es geht allein darum, die Figur mit allem Drum und Dran bloßzustellen, nicht etwa, ihr ein Geheimnis zu entreißen – denn sie hat keins. Dieser Helmer ist nicht einmal ein selbstgerechter Spießer, wie im Original, sondern einfach eine dicke runde Null.

Nora 01906 1000 Krafft Angerer honorarfreiDer Kreativdirektor und seine Muse: Peter Miklusz, Justus Maier und Sophia Burtscher © Krafft Angerer

Auch Burtschers Nora balanciert haarscharf am Rand der Szene-Karikatur. "Ach, ich rede ja nur über mich", schreit sie nervös auf, als sie registriert, dass sie ihre plötzlich auftauchende Jugendfreundin Kristine (Katharina Schmalenberg, mit Handy am Schnürchen) kaum ernsthaft beachtet. Tatsächlich dreht sich im Stück alles um Nora, da hat Borgmann schon recht, und doch lädt Ibsen auch die "Nebenfiguren" mit Geschichte und Bedeutung auf, so dass man fast nicht mehr bemerkt, wie sie als kleine Motoren in einer perfekt geölten Dramaturgie wirken. Der Konflikt zwischen Nora und dem Erpresser Krogstadt wird mittels einer raffinierten Volte umgeleitet und nutzbar gemacht für die Erosions-Dynamik zwischen Nora und ihrem Mann. In Köln heißt Krogstadt Nils, gespielt von Alexander Angeletta, hat zwei Millionen Follower und schwankt ein wenig harmlos und unentschieden zwischen Mephisto und gutem Jungen – für Zwischentöne oder Entwicklungsstufen ist kein Raum.

Ohrenbetäubend banaler Jargon

Doktor Rank wiederum, den Herbert Fritsch in Doktor Krank umgetauft hat und der hier Alexander heißt, gespielt von Sean McDonagh, bleibt ein Schemen, ein wandelnder Toter, obwohl er seine Zuneigung zu Nora, die Ibsen diskret andeutet, direkt markieren darf: "Ich liebe dich", bekennt er etwas platt – was für Nora nur bedeutet, dass sie ihn nicht mehr benutzen kann. Ibsen macht aus seiner Heldin ja keineswegs eine Ikone, doch zu solchen Feinheiten dringt Borgmann nicht vor. Seine Energie scheint sich darauf zu konzentrieren, Ibsens Sprache (die Bearbeitung basiert auf der Übersetzung von Hinrich Schmidt-Henkel) in Jargon umzumünzen. "Mega" und "krass" und "total prokrastiniert" und "gepostet" und "geliked": Im Endeffekt ist es fast erschreckend, wie ohrenbetäubend banal dieser Jargon klingt. War das etwa die Absicht: Soll mit dem Narzissmus-Syndrom eines bestimmten Milieus eine übergreifende Geisteshaltung lächerlich gemacht werden? Dieser ganze hochaufgeklärte "open mind"?

Nora 01906 1000 Krafft Angerer honorarfreiNora und ihr Erpresser: Sophia Burtscher, Alexander Angeletta © Krafft Angerer

Wohl doch nicht wirklich. Das größte Problem dieser "Vergegenwärtigung" eines alten Stoffs liegt darin, dass ihr der Gegenstand letztlich flöten geht. Noras Bruch mit Helmer stellte einmal, 1880, einen krassen Traditionsbruch dar, einen unglaublichen Affront nicht allein gegen den Ehemann, sondern gegen die ganze gesittete Gesellschaft. In der Kölner Fassung bleibt davon nicht mehr übrig als eine banale Trennungsgeschichte, oder auch: die überfällige, aber nicht weiter aufregende Erledigung eines Hampelmanns.

Nora
von Henrik Ibsen. In einer Bearbeitung von Robert Borgmann, basierend auf der Übersetzung von Hinrich Schmidt-Henkel.
Regie, Bühne, Musik: Robert Borgmann. Kostüm: Bettina Werner. Video & Licht: Carsten Rüger. Dramaturgie: Beate Heine.
Mit: Sophia Burtscher, Peter Miklusz, Katharina Schmalenberg, Sean McDonagh, Alexander Angeletta, Kristin Steffen, Justus Maier, Hermann Müller.
Premiere am 24. Oktober 2020
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.schauspielkoeln.de

 

Kritikenrundschau

Ibsens Charaktere wirken wie ausgehöhlt, bestehen nurmehr aus glatten Oberflächen, sind Schaufensterpuppenfür Insta-Selfies, schreibt Christian Bos im Kölner Stadtanzeiger (26.10.2020). "Ihre Dialoge hat Borgmann brachial mit Influencer-Sprech aufgemöbelt – alles ist mega und wird geliked, weil man ja selbst so open minded ist." Was bleibt, wenn in hoher Auflösung das Bild des Menschen verschwindet?, fragte einst Michalangelo Antonioni in "Blow-up". "Wohin verschwinden wir zwischen den Bildern, für die wir auf Instagram, etc. posieren?, will diese 'Nora' wissen." Fazit: "Borgmanns Inszenierung ist schlank, schlüssig und durchaus verliebt in die schöne Oberfläche, die sie kritisiert. Ja, man hat schon tiefer bohrende 'Noras' gesehen, aber selten so deutlich die Erkenntnis, dass wir längst alle in einer selbstgebastelten Puppenstube leben."

Eine krasse Milieu-Transplantation erlebe diese "Nora", so Hartmut Wilmes in der Kölnischen Rundschau (26.10.2020). Die gespielte Fassung lege den Jargon der digitalen Moderne darüber. "Die reine Plot-Verpflanzung gelingt hier noch am überzeugendsten, jedenfalls besser als die plakativ demaskierenden Charakterskizzen." Kurz vor Schluss, wenn das emanzipierte Modepüppchen seinen "Besitzer" kündigt, gebe es aber nochmal ein großes Bild: Da werde Helmer von seinen Models umgestoßen, windet sich schließlich greinend und nackt am Boden.

 

 
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