Vier Untote hassen das System

von Esther Slevogt

Berlin, 24. Oktober 2020. Der Titel deutet es an: Diesmal wird in Moll gezetert, gesungen, gestampft und an Rollenbildern gerüttelt. "Und sicher ist mit mir die Welt verschwunden" ist der Abend überschrieben – letzter Teil der Theaterserie von Sibylle Berg, die furios im November 2013 mit Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen begann, 2015 mit Und dann kam Mirna  weiterging, 2017 kam dann Nach uns das All. Immer von Sebastian Nübling inszeniert. Immer chorisch. Die vom Kapitalismus formatierte Gesellschaft kennt ja keine Individuen mehr, sondern nur noch Konsument*innen. Wobei die Chöre natürlich stets ihre Wucht aus der solistischen Virtuosität ihrer Mitglieder bezogen, überwiegend Frauen. Denn um Frauen geht's schließlich jedes Mal, beziehungsweise das, was die Gesellschaft aus und mit ihnen macht.

Ein Chor von Unverwechselbaren

Jetzt ist also das Ende der Serie erreicht. In jeder Hinsicht. Denn nun wird einsam gestorben und festgestellt: Es wurde nix aus all den Befreiungsversuchen, auf die Teil eins bis drei noch so lustvoll hoffen ließen. Jetzt sind wir tot. Haben die Befreiung versäumt. Denn "die Bücher, die feministischen, marxistischen, queeren, die lagen herum, mit ihren Überschriften, über die wir nicht hinausgekommen sind, während wir lieber Serien geschaut haben."

weltverschwunden 1000 mg 0708c ute langkafel maifotoSvenja Liesau, Katja Riemann, Vidina Popov, Anastasia Gubareva © Ute Langkafel, Maifoto

Wie in "Es sagt mir nichts ..." 2013 stehen vier Frauen auf der Bühne. Alle sehen gleich aus: strähniges braunes Haar, Bademantel und weiße Turnschuhe (Kostüme: Ursula Leuenberger). Auch diesmal treten in den anderthalb Stunden, die der Abend dauert, aus der Gleichförmigkeit ebenso machtvolle wie unverwechselbare Einzelspielerinnen hervor: Anastasia Grubareva, Svenja Liesau, Vidina Popov und Katja Riemann. Vor sich haben sie kleine Pulte mit Computern, die sie als Keyboard nutzen, wenn sie süffige Lieder singen ("I want to know what love is"), oder mit denen sie bedrohliche Synthesizer-Sound-Cluster produzieren. Oder Töne von Maschinen, die auf der Intensivstation Körperfunktionen überwachen.

Ein anderes Mal schieben sie diese Pulte wie Rollatoren vor sich her oder wie die Gestelle, an denen Infusionen hängen, mit denen man Leute in Krankenhausfluren gehen sieht. Eine solche Endstation ist das mehr oder weniger imaginäre Setting des Abends auf Magda Willis Bühne, die halb Bunker, halb Disko ist: Eine alte Frau stirbt oder liegt schon im Leichenkeller. Ihre verschiedenen jüngeren Alter-Egos fantasieren sich als Selbstmordattentäterinnen zurück in die Welt, um hier noch einmal ihrem Systemhass Ausdruck zu verleihen und die Widersprüche genormter Lebens- und Glücksentwürfe auseinanderzunehmen. 

Das System schießt mit Bildern

"Ich bin ein Opfer aller Bilder, die das System in mein Unterbewusstes geladen hat", sagen die Vier zum Beispiel. Im Endlosloop werden Beispiele durchexerziert, in denen sich die Behauptung einlösen soll, dass alle Lebensentwürfe nur Imitationen dieser Bilder sind. Wir schauen dabei in die Fratzen böser Männerwelten: Frauen bei Bewerbungsgesprächen vor fiesen Chefs oder auf dem Heimweg durch dunkle Nischen der Städte, die Männer extra eingerichtet haben, um Frauen darin aufzulauern.

Welt verschwunden Berg 3 1000 David Baltzer uStargast Katja Riemann © David Baltzer

Die Verteilung der Rollen von Täter und Opfer ist stets feinsäuberlich. Wie Pistolenschüsse pfeifen Pointen wie diese durch den Zuschauerraum: "Der Orgasmus unseres Erwachsenenlebens ist der Erwerb einer Immobilie." Darin sitzen die Frauen dann selbstredend bloß herum, während ihre Männer die Welt gestalten. Bei besonders gutsitzenden Pointen gibt es Szenenapplaus. Aber immer wieder auch für die tollen Spielerinnen. Für Svenja Liesau zum Beispiel, die in einem irrsinnig komischen Solo das gesamte Setting absurdum führt – eine Betrunkene mimt (oder nicht?), die ihren Text vergessen hat. Oder Katja Riemann, die manche Szene mit leicht schrundiger Ironie unterläuft.

Die Klischees des Theaters

Irgendwann sind die Bademäntel im Spielrausch abgeworfen. Drunter tragen die Vier leopardengemusterte Schlabberkleider. Wie wir das zu lesen haben, teilt uns der Text vorsorglich mit: "Kleidung für Verzweifelte" … "Ich sage nur: Animal-Prints." Schon mal von Kim Kardashian und ihren mitnichten verzweifelten Leoparden-Outfits gehört? denke ich da. Kardashian hat ja ziemlich machtvoll vorgeführt, wie man mit den ureigensten Mitteln des kapitalistischen Systems (samt seiner Kulturindustrie) ein herrschendes (weiß lesbares) Schönheitsideal samt des dazugehörigen Körperbildes in wenigen Jahren umkrempeln kann. Indem man eigene Bilder ins System hochlädt. Kann man diesen Prozess wirklich ignorieren?

Dieser Abend aber zielt nur auf den Mittelstand. Theater ist schließlich ein Mittelstandsmedium und zehrt gern davon, auf diese Schicht krittelnd mit dem Finger zu zeigen. Dass Theatermacher*innen dieser Schicht meist selber angehören und ihre Kritik daher oft im Saft der eigenen Klischees schmort, übersehen sie dabei gelegentlich gern. Bloß wie einem System entkommen, wenn die eigenen Klischees nicht reflektiert werden, die ja im schlimmsten Fall Teil der ins Unterbewusste geladenen Bilder sind? Dass der Abend solche Fragen überhaupt provoziert, gehört natürlich zu seinen Qualitäten. Wie seine Hochleistungsspielerinnen, die ihn zu einem großen Vergnügen machen.

Und sicher ist mit mir die Welt verschwunden
von Sibylle Berg
Uraufführung
Regie: Sebastian Nübling, Bühne: Magda Willi, Kostüme: Ursula Leuenberger, Musik: Lars Wittershagen & Ensemble, Licht: Gregor Roth, Dramaturgie: Valerie Göhring.
Mit: Anastasia Gubareva, Svenja Liesau, Vidina Popov, Katja Riemann.
Premiere am 24. Oktober 2020
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.gorki.de

 

Kritikenrundschau

"Kein grantig-sarkastischer Komödientext diesmal, sondern eine depressiv gestimmte Suada über die Vergeblichkeit von allem", fasst André Mumot das Berg-Stück auf Deutschlandfunk Kultur (24.10.2020) zusammen. Nüblings Inszenierung allerdings wirke, als habe sie Angst vor den wirklich frustrierenden Abgründen des Textes und verfalle "immer wieder auf allzu laute Kraftmeierei". Es sei "dem virtuosen Schauspielerinnen-Quartett in Krankenhausbademänteln zu verdanken, dass sich immer wieder starke, eindringliche Momente ergeben, zärtliche, sehnsüchtige Rückblicke, Dokumente eines schmerzhaften Scheiterns an inneren und äußeren Umständen".

"Bis das Stück zupackt, dauert es ein bisschen", findet Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung (online 25.10.2020). "Keine Sorge, die großen Momente kommen: Etwa, wenn Vidina Popov ihren Job verliert, nachdem sie das KI-Programm entwickelt hat, mit dem die Firma durch geminderte Personalkosten Milliarden einspart. Oder Katja Riemanns aus tiefster Seele aufsteigender Seufzer: 'Ich hatte daran geglaubt, dass Konsum glücklich macht, und, verdammte Scheiße, das stimmt.'"

"Bergs neues Theaterstück unternimmt nicht weniger als eine finale Abrechnung mit so ziemlich allem", schreibt Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (27.10.2020). "Wie in den anderen Teilen der Gorki-Serie verteilen sich die Erinnerungsfetzen, Assoziationen und Wutausbrüche auf vier Schauspielerinnen, mal aufgesplitterter, mal kompakter Chor". Um eine sensible Charakterstudie gehe es ganz sicher nicht in Sebastian Npblings Regiearbeit, es geht eher um einen Frontalangriff, "und der ist bei aller Misanthropie des Textes in der Spielweise ausgesprochen lässig, selbstironisch und überbordend".

"Ein kollek­ti­ves Ich enfaltet sich in der zupa­cken­den, glas­kla­ren Insze­nie­rung von Sebas­ti­an Nübling", so Irene Baziner in der FAZ (27.10.2020). Kraft­voll und souve­rän reflek­tie­ren die Darstel­le­rin­nen über Geld und Gesund­heits­we­sen, über Gefüh­le und geschlechts­spe­zi­fi­sche Diskri­mi­nie­rung. "Amüsan­te Choreo­gra­phi­en lockern die raffi­niert gestaf­fel­te Poly­pho­nie auf, es gibt alber­ne Momen­te wie zwischen Kindern, die sich necken, und eine witzi­ge Sauf­num­mer, in die Svenja Liesau das Publi­kum mitein­be­zieht." Aber trotz Hoff­nun­gen enthält der neun­zig­mi­nü­ti­ge Abend trotz Hopsa­sa und Tral­la­la keine. Fazit: "Diese priva­te wie allge­mei­ne Abrech­nung ist voller 'unend­li­cher Trau­rig­keit', aber beschwingt und sinn­lich und schön zum Ausdruck ge-bracht: famo­ses Thea­ter mit exis­ten­ti­el­lem Dring­lich­keits­fak­tor."

 
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