Das Stück zum Spiel vom Wohnen

von Dorothea Marcus

Bochum, 12. Oktober 2008. Da will er jetzt also wohnen, für fünf Monate. Ein großes, rundes Loft ohne Tageslicht. In der Mitte ein großes, zerwühltes Bett auf Eichenparkettimitation neben einem großen Schreibtisch, schreiende Tapetenmuster an den Wänden, Garderobe, Hausschuhe. Ein echtes Bad auf einer Anhöhe, diskret mit Vorhängen getarnt. An den Seiten die Küche und ein riesiges Regal mit Büchern, Bochumer Bürger haben sie gestiftet.

Doch so ganz ist der 32-jährige Regisseur und Autor Kristo Šagor noch nicht in seiner neuen Wohnung angekommen, denn als wir beim Interview am Küchentisch sitzen, bietet er nichts zum Trinken an. Oder hätte man es sich selbst nehmen sollen? Schließlich sollen sich die Besucher hier im Bochumer "Theater unter Tage" für die nächste Zeit wie zu Hause fühlen. Ab nächster Woche kann man ihn jederzeit im Bühnenbild besuchen, zum Diskutieren, Reden, Fußballgucken, täglich zwischen 12 und 24 Uhr, man muss sich nur an der Bühnenpforte anmelden – denn vielleicht schläft er gerade oder bloggt auf seiner Webseite.

Das Private ist öffentlich

Die Uraufführung von Šagors Stücks "Der eigene Raum" ist der Auftakt des öffentlichen Wohnexperiments. Der Titel ist eine schöne Metapher: dafür, dass man zum Schreiben eigentlich einen eigenen Raum braucht, Šagor ihn nun aber bewusst aufkündigt. Dafür, dass der eigene Raum letztlich in einem selbst liegt. In einer Welt, in der Arbeit und Privates immer stärker ineinander übergehen, zelebriert Šagor die totale Verschmelzung von Öffentlichem und Privatsphäre, Realität und Kunst – zu steigern wäre das nur noch, wenn man ihm auch durchs Fenster zugucken könnte.

Das Stück ist ein melancholischer Monolog eines einsamen "Übrigbleibers" nach dem Tod des Vaters, der "eigene Raum" liegt darin im Kopf von Christian (Michael Lippold). Das Alter Ego des Autors und Regisseurs Šagor sitzt am Schreibtisch an einer Schreibmaschine aus dem vorigen Jahrhundert und tippt wie besessen, während ihn die Personen seiner Vergangenheit heimsuchen. Die fordernde Mutter, die magere Geliebte, der bodenständige beste Freund Arne – abwechselnd dargestellt von Katja Hensel und Maximilian Strestik.

Tunte Tod stolpert herein

Die Rollen gleiten ineinander, oft nur durch ein Requisit angedeutet. Die Mutter stöckelt in Pelz und Lackpumps herbei und beschwert sich über Distanz, der Freund fragt ihn, warum er nicht weiterschreibt, die Exfreundin, ob er eine Neue hat, die Neue, warum er immer allein sein will. Es liegt ein schwebender, trauriger Ton über den Begegnungen, die eigentlich Rückzüge sind, denn Christian hat sich von der Welt losgesagt, ein isolierter Beziehungsloser, des eigenen Schmerzes überdrüssig, voller Weltekel: "du langweilst mich. mein schmerz langweilt mich." Tyrannisiert von eigenen Bildern und anderer Leute Vorwürfen, überfallen von Erinnerungen, verschanzt im eigenen Kopf.

Doch erst, als die alberne "Tunte Tod" mit Perücke und Mutters Lackschuhen hereinstolpert und grelle Albernheit verbreitet, wird klar, dass noch etwas anderes verhandelt wird: Denn Christian liegt auf einmal im Bad, unter einer Blutdusche, er hat sich wohl umgebracht. "der eigene raum. das ist das abschließbare bad. meine darmschläuche und ich", heißt es im Stück: es könnte auch der Lebensfilm des Körpers kurz vorm Sterben sein.

Klug sind die poetischen Wortfetzen und Zeitspannen ineinander montiert, wiederholen sich, wechseln sich ab, immer wieder steht der Blutüberströmte auf und setzt sich an die Schreibmaschine oder erklärt seinem Nachhilfeschüler – der auch ein Alter Ego ist, ein kleiner blonder Junge in der gleichen Kleidung – das binäre Zahlensystem. Dann wieder liegt er unter der Dusche und wird von den anderen entdeckt, oder der kleine Junge liegt da – man ist eben so viele Menschen und Zustände zugleich.

Ein Gerichtsverfahren in eigener Sache

Es ist eine melancholische Selbstschau des Autors, die zwischen banaler Alltagssprache ("alle meine freunde lesen die taz") und poetischer Komplexität hin- und herschwankt, immer wieder mit ironischen Selbstkommentaren versehen. Das ist beeindruckend, gleitet manchmal allerdings auch ins verschraubt Aphoristische ab: "dem Schweigen ist egal, wieviele worte davor lagen" oder "jeder stillstand ist auch eine täuschung".

Und dennoch spricht die radikale Selbstschau davon, dass Einsamkeit wie Tod ist oder Tod wie Einsamkeit, dass der Rückzug in den Kopf Fantasieräume öffnet und Menschenbegegnungen schließen kann, dass das vermeintlich Öffentliche letztlich das Allerpersönlichste sein kann. Insofern sehr passend, dass der Autor ein so radikal persönliches Stück über den totalen, finalen Rückzug in sich selbst zum Auftakt eines Experiments über größtmögliche Öffentlichkeit macht. Ein Gerichtsverfahren in eigener Sache, eine Lebensbilanz von einer knappen Stunde – und letztlich die schönste Inszenierung des langen Bochumer Eröffnungswochenendes.

 

Der eigene Raum
von Kristo Šagor
Uraufführung
Regie: Kristo Šagor, Bühne und Kostüme: Sebastian Kloos.
Mit: Katja Hensel, Maximilian Strestik, Michael Lippold.

www.schauspielhausbochum.de
www.wohnenuntertage.de

 

Kritikenrundschau

Stefan Keim schreibt in der Welt (14.10.): "Das Theater entdeckt sich als soziale Plastik neu, diese Tendenz gibt es ja in ganz verschiedenen Ausformungen von den Performances von Signa bis zu den Experten des Alltags von Rimini Protokoll und Epigonen." Und auch Kristo Sagor "spricht von einer "sozial verkühlten Gesellschaft" und will mit seiner Grenzwanderung "gegen die urbane Kälte, gegen die globalisierte Stadt Signale der Nestwärme" senden". "Der eigene Raum" ist dabei, meint Keim, "ein Albtraumspiel in einem blutverschmierten Badezimmer, ein geisterhaftes Auf und Ab geliebter Menschen, das vielleicht nur im Kopf des Raumbewohners stattfindet". Keim hat Šagors Wohn-Projekt dabei nicht nur besucht, sondern mit ihm auch gesprochen: "Es ist schon komisch", zitiert er ihn, "jetzt ist schon der November-Leporello gedruckt, und ich weiß fast jeden Tag genau, was ich machen werde." Spontan vorbei kommen dürften Besucher allerdings nicht. "Das macht man ja privat auch nicht, oder?" Vortragsnachmittage der Theaterwissenschaftler von der Ruhr-Universität sind aber, so Keim, in Kristo Sagors Bühnenwohnung ebenso geplant wie öffentliche Proben und Bandkonzerte. "Eine Gratwanderung zwischen Privatleben und professionellem Theaterbetrieb, einfach im Augenblick des Erlebens, komplex beim Nachdenken, was da eigentlich passiert, wie sich die Ebenen von Wirklichkeit vermischen."

"Ein bisschen zu absurd" fällt dagegen laut Till Briegleb (Süddeutsche Zeitung, 14.10.) dieses Projekt aus. "Extrem fragmentarisch und assoziativ verbastelt" verhandle Šagor "Betrachtungen und Spielszenen zu der Vexierbiographie eines Schriftstellers, der Gott in einer Wolkenformation über Brandenburg gesehen hat". Dennoch hinterlässt "dieser etwas konfuse Abend den Eindruck, dass hier jemand Theatermittel zur Verfügung hat, um mit einem Leben ohne Garantien und verlässliche Erklärungen zurechtzukommen". Und "als Labor für Beichten und Belehrungen, Tiefsinn und Trara mag Sagors 'Neue Heimat' eine Keimzelle für zeitgenössische Theaterideen werden".

Max Florian Kühlem schreibt auf ruhrnachrichten.de (13.10.), dass man hier ein das "Drama eines radikalen Rückzugs" erlebe, den Rückzug von Christian. Michael Lippold spielt "diesen Typen" in der "intimen Atmosphäre sehr intensiv". "Wahrscheinlich" ist er die "einzig reale Figur des Stückes", eine Figur, den "die anderen bloß heimsuchen wie Geister". Es wird "viel aneinander vorbeigeredet", von "Tod und Trauer" ist die Rede, "vom Nicht-Mehr-Weiter-Wissen und -Können". "Das wirkt in manchen Momenten ernst und zwingend, in manchen Momenten wirken die Gespräche jedoch zu bedeutungsschwanger, zu sinnentleert, im Kreis sich drehend. Aber "große Auftritte wie der des neuen Ensemblemitglieds Maximilian Strestik als androgyne, berserkende "Tunte Tod", ein toller Soundtrack und starke Bilder" sorgen dafür, dass "man sich nie interesselos vom Stück abwendet".

 

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