"Es braucht ganzheitliche Lösungen"

Christopher Rüping, Katinka Deecke und Timo Raddatz im Interview mit Christian Rakow

28. Oktober 2020. Mit "Dekalog" schuf das Schauspielhaus Zürich im April und Mai dieses Jahres eine mehrteilige Netztheater-Serie über moralische Dilemmata und existenzielle Handlungszwänge (hier die Nachtkritik vom Aufktakt). Angelehnt an die gleichnamige Filmreihe von Krzysztof Kieślowski wurden zeitgenössische Erzählungen im Lichte der biblischen Gebote entfaltet: von "Du sollst keine Götter haben neben mir" bis zu "Du sollst nicht neidisch sein". Die Erzählungen wurden als Monologe im Bühnenraum des Zürcher Schiffbaus live aufgeführt, abgefilmt und parallel über die Website des Schauspielhauses einmalig live ausgestrahlt. Bis zu 1000 Zuschauer*innen schalteten sich pro Episode ein.

Ein "moralisches Bootcamp" nennt Regisseur Christopher Rüping seine Versuchsanordnung, in der das Publikum über Abstimmungstools und Chat-Dialog zunehmend komplex in das Spielgeschehen eingebunden wurde. Im Gespräch mit Christian Rakow geben Regisseur Christopher Rüping, Zürichs Chefdramaturgin Katinka Deecke und der Designer für Virtuelle Interaktion Timo Raddatz Einblick in die Arbeit.

Was war der Ausgangspunkt von "Dekalog"? Eine Reflexion über moralisches Handeln in Ausnahmesituationen, oder der Versuch, einen innovativen Beitrag zum Theater im Netz zu leisten?

Rüping: Beides ist verknüpft. Erst kam der Schock des Lockdowns. Ein relevanter gesellschaftlicher Diskurs ging los und die künstlerischen Stimmen, wenigstens die aus dem Theater, verstummten. Das war ein nicht tragbarer Zustand. Wir wollten zu einer Sensibilisierung für Entscheidungen, die wir gerade als Gesellschaft und als Individuen treffen müssen, beitragen. So kamen wir auf das Konzept des moralischen Bootcamps.

Die Arbeit basiert auf Ihrer Frankfurter "Dekalog"-Inszenierung von 2013, in der Sie auch schon mit Publikumsbeteiligung arbeiteten. Wie viel konnten Sie davon ins Onlineprojekt mitnehmen?

Rüping: In Frankfurt konnten die Zuschauer*innen per Fernbedienung über den Fortgang der Handlung abstimmen. Die Idee war auch damals eine experimentelle: Wenn man das Gefühl auf bricht, dass die Geschichte ohnehin geprobt und festgeschrieben ist, und stattdessen das Publikum eine Mitverantwortung für die Handlung übernimmt, wie verändert das das Empfinden für die Entscheidungen.

Hat die Interaktion online anders funktioniert?

Rüping: Digital haben wir viel mehr experimentiert. Wir haben unterschiedliche Abstimmungsmodi ausprobiert: anfangs nur eine Stimme pro Zuschauer*in, dann "Click Wars", bei denen die Leute so oft abstimmen konnten, wie sie wollten, und die Klickaktivsten setzten sich durch; in anderen Fällen musste die gesamte Gruppe eine fünfundsiebzigprozentige Übereinstimmung erreichen. Gestartet sind wir im Feld moralischer Dilemmata, die eine Gruppe durch Mehrheitsabstimmung lösen muss. In späteren Folgen haben wir damit angefangen, dass die Entscheidungen nicht mehr aus der Vogelperspektive gefällt werden, sondern aus einer Figurenperspektive. Das Publikum wurde direkt als fiktive Person angesprochen. Die Entwicklung ging also weg vom Plebiszit und vom moralischen Bootcamp hin zur Suche nach einer Begegnung, nach Dialog.

Dekalog Kay Kysela Copyright Schauspielhaus ZuerichKay Kysela in Episode 6 von "Dekalog": Du sollst nicht ehebrechen © Schauspielhaus Zürich

Wie war die konkrete Zusammenarbeit zwischen Technik, Dramaturgie und Regie gestaltet: Wurde nach jeder Aufführung evaluiert, dann umprogrammiert und daraufhin das Inszenierungskonzept fürs nächste Mal geändert?

Deecke: Im Grunde schon. Nur dass zu der Evaluierung sehr wenig Zeit war: Wir haben zunächst drei Folgen pro Woche machen wollen, was aber einfach nicht zu schaffen war. Wir sind dann auf zwei Folgen pro Woche umgeschwenkt und haben quasi parallel zur Entwicklung der nächsten Folge immer auch die Evaluierung der vergangenen Folge betrieben. So war "Dekalog" ein in jeder Hinsicht simultanes Projekt, weder die zeitlichen Etappen eines normalen künstlerischen Prozesses spielten eine Rolle, noch die räumliche Trennung in einen künstlerischen, einen technischen und einen produzierenden Bereich. Alles geschah gleichzeitig und nebeneinander. Manchmal gab es eine narrativ-dramaturgische Idee, für die wir dann eine technische Lösung gesucht haben, manchmal aber war es auch umgekehrt, und wir haben unsere konzeptionellen Überlegungen gezielt auf die Weiterentwicklung des technischen Dispositivs gelenkt und daraus dramaturgische Schlüsse gezogen.

Welches Tool haben Sie für die Abstimmungen genutzt?

Raddatz: Das Ursprungstool kam aus dem Marketing. Aber das war so unflexibel, dass wir dann ein eigenes programmieren mussten.

Inwiefern unflexibel?

Raddatz: Wir hatten keine Designhoheit. Wir konnten die Farbe nicht bestimmen, keine Beschriftung hinzufügen, nichts weiterentwickeln. Dabei geht es ja um die Inszenierung des digitalen Raums. Da braucht man eine ganzheitliche Lösung für die Seite.

Rüping: Was man ja versucht, ist, eine immersive Desktop-Erfahrung zu bieten, sodass, egal auf welchem Endgerät man guckt, der ganze Bildschirm ein Spielplatz wird. Erst als Timo die Programmierhoheit hatte, kam das organisch zusammen. Mit dem Chat ist uns das nicht gelungen. Der blieb immer ein Fremdkörper, weil wir ihn nicht selbst programmiert haben.

Der Chat lief in Episode 1 parallel zur Aufführung und wurde dann mit Ausnahme von Episode 8 in den Rahmen verbannt, quasi als Foyer für Ein- und Auslass.

Deecke: Kommunikation im Internet läuft zunächst einmal regelfrei ab, und das kann schon sehr brutal sein. Im Laufe der Folgen haben wir daher versucht, eigene Regeln für die Kommunikation mit dem Publikum zu entwickeln. Wenn man mitten im Prozess, der beim "Dekalog" mit der Veröffentlichung ja nicht abgeschlossen war, vehement mit anonymem, unsachlichem Feedback konfrontiert wird und die Metakommunikation über die Aufführung lauter wird als das eigentliche künstlerische Angebot, verliert man den Fokus.

Dekalog Wiebke Mollenhauer Copyright Schauspielhaus ZuerichWiebke Mollenhauer in Episode 4 von "Dekalog": Du sollst Vater und Mutter ehren © Schauspielhaus Zürich

Rüping: Von einer kleinen fanatischen Gruppe wurde diskutiert, ob unsere Entscheidung, den Chat nur beim Ein- und Auslass zu haben, nicht eine gewaltvolle Praxis wäre, den Leuten ihre Meinungsfreiheit wegzunehmen, und dass wir damit die kulturellen Praktiken des Theaters im digitalen Raum durchzusetzen versuchen. Darauf gibt es zwei Antworten, finde ich. Erstens: Freie, unregulierte Chats gibt es im Internet nicht, außer auf 4Chan, aber ich kann da nicht drauf gucken, ohne dass ich drei Tage lang nicht schlafen kann. Bei Twitch oder Reddit gibt es Moderation und Community-Regeln. Zweitens: Wenn man Theater im digitalen Raum macht, dann ist ja die Frage: Welche Praktiken des analogen Theaters versucht man durchzusetzen? Und welche kulturellen Praktiken des digitalen Raums adaptiert man? Aber was entstehen muss, ist ja eine Mischform. Deshalb ist es völlig klar, dass das Theater aus den kulturellen Praktiken, die der digitale Raum anbietet, auswählen muss. Ich habe das Gefühl, dass wir am Ende einen fast unverkrampften Umgang mit dem Chat hatten.

In der Episode 8 mit Josh Johnson wurde der Chat zentral, weil hier der Performer mit ausgewählten Chat-Fragen in den Dialog trat.

Rüping: In einem Chat performt der oder die nur sich selbst. Das war auch bei Josh so. Wobei das Gebot der Episode "Du sollst nicht lügen" lautete. Unter diesem Aspekt ist es interessant, ob das Sich-selbst-Performen eine Lüge ist. Bei interaktivem Theater würde ich die Performer nicht in die Verlegenheit bringen, gleichzeitig noch eine Behauptungsebene aufrechtzuhalten, also eine Figur, ein Narrativ. In gewisser Weise untergräbt ein Chat in Echtzeit die Behauptungsenergie von Theater.

Wie sehr sehen Sie sich in ihrer Arbeit durch andere entscheidungskritische Kunstformen wie Games beeinflusst?

Raddatz: Mich interessiert aktuell eigentlich eher die Nebenerscheinung von Games, also das Streaming auf Twitch oder YouTube-Game und die Kommunikation, die dort stattfindet.

Rüping: Aus meiner Gaming-Karriere waren verschiedene Momente schon wichtig. Wenn man sich neuere Games wie "Detroit" anschaut, dann entscheidet man sich dort innerhalb eines Dialogs, und nach und nach vergrößern sich die Implikationen, die mit dieser Entscheidung einhergehen. Das ist für mich ein klassisches Game-Narrativ. Am Ende aber – da hat, glaube ich, Game von Theater geklaut – ist es immer so, dass es nicht mehr die richtige Entscheidung gibt. Du kriegst nicht das Happy End oder die Katastrophe, Du kannst links oder rechts gehen, aber beides ist Tragödie, also Ödipus, also antikes Theater. Insofern ist es ein bisschen "full circle": Die klauen von der griechischen Antike, wir klauen von denen, kommen aber im Theater dann wieder genau dort an, wo wir sowieso schon sind.

Mit Blick auf die Weiterarbeit: Ist die Technik, die für "Dekalog" entwickelt wurde, jetzt eigentlich open source nutzbar?

Deecke: Unbedingt. Wir haben das allerdings noch nicht professionalisiert, so dass es z.B. keine Webseite gibt, auf der man einfach unser Abstimmungstool runterladen kann. Unmittelbar nach Abschluss von "Dekalog" haben wir interessierte Zuschauer/innen und Theatermacher/innen zu einem Videochat eingeladen, um von den Problemen und unseren Lösungen zu berichten und wo wir auf Fragen geantwortet haben, die anderen Macher/innen in ihrer Arbeit im digitalen Raum begegnet waren. Wenn es jetzt konkrete Anfragen gibt, teilen wir unsere (kleine) Expertise gerne und kostenlos. Denn auch die Rechtefrage stellt sich im digitalen Raum anders. Man kann nicht Theater im Internet machen und dann aber straight die Copyright-Gepflogenheiten des Analogen anwenden wollen.

Beim Blick auf die Spielpläne zu Saisonbeginn fällt auf, dass es trotz der geringen Platzkapazitäten kaum hybride Theaterproduktionen gibt, die analog und online zugleich ausgespielt werden können. Dabei wäre mit Netztheater ja Reichweite zu gewinnen.

Rüping: Da gibt es zwei Gründe, glaube ich: Timo hat bei "Dekalog" einfach Sachen schnell für uns gelöst. Mit Consumer-Technik wie der Streaming-Software OBS. Und bei Consumer-Technik rollen sich den Theatern die Fußnägel hoch, weil es kein Profi-Equipment ist. Man kriegt ein staatliches Theater für eine große Produktion nur dazu, das auch im digitalen Raum zu machen, wenn die das gleiche Gefühl von ernsthafter Technik haben.

DEKALOG 8 Josh Johnson c Philine ErniJosh Johnson in Episode 8 von "Dekalog": "Du sollst nicht lügen" © Philine Erni / Schauspielhaus Zürich

Raddatz: Die ganze Technik vom Schauspielhaus mit Videomixer, Laptop und Streaming Deck, die irgendwie im Wert von 40.000 Euro liegen, ist beim ersten Versuch abgeschmiert. Mein Streaming Deck kostet 400 Euro und die Software noch einmal so viel und funktioniert einwandfrei und ist up-to-date. Das ist wie: Ein Panzer gegen die richtige Munition.

Rüping: Der zweite Aspekt ist: Hybridisierung ist das Schwerste, wenn man sie nicht alibimäßig machen will und entweder das analoge oder das digitale Publikum vernachlässigt. Für mich muss Theater im digitalen Raum interaktiv sein. Mir würde es relativ leicht fallen, eine Inszenierung so einzurichten, dass sie im digitalen Raum "watchable" ist, aber ich weiß nicht, ob mich das als Konzept interessiert. Interaktivität ist im Theater ohnehin schwer zu denken. Aber eine Interaktivität, die nur im digitalen Raum stattfindet, während ich analog zuschaue und davon ausgeschlossen bin, ist merkwürdig. Ich kriege die verschiedenen Konzepte noch nicht wirklich gut zusammengedacht. Weil sich die kulturellen Praktiken des einen und des anderen so beißen, dass man eine Inszenierung machen müsste, die auf achtzehn Ebenen gleichzeitig funktioniert.

Raddatz: Für mich ist Theater ein ganzheitliches Erlebnis, man geht mit Freunden dorthin, hat einen Drink. Diese ganze Folklore kann man im digitalen Raum schwer herstellen.

Ich hatte das Gefühl, dass "Dekalog" in dieser Herstellung des sozialen Raums schon recht weit gekommen ist, auch als Serie, die einen Anreiz bildet, wiederzukommen.

Rüping: Ich glaube, es gibt eine Möglichkeit, im digitalen Raum dieses Erlebnis zu stiften, weil es jedem mittelmäßigen Streamer gelingt, sonst hätten der oder die keine Community. Gleichzeitig müssen wir den analogen Raum, der derzeit so krass bedroht ist, auch verteidigen. Eine Serie wäre ein total gutes Projekt. 52 Folgen, jeden Sonntag, sodass sich wirklich eine Community bilden kann. Nur kann ich dann ein Jahr lang nichts anderes mehr machen.

 

Christopher Rüping ist Theaterregisseur. Er studierte Regie an der Hamburger Theaterakademie und an der Zürcher Hochschule der Künste und arbeitete anschließend als freier Regisseur. 2016 wurde er Hausregisseur an den Münchner Kammerspielen und ist seit der Spielzeit 2019/2020 Hausregisseur am Schauspielhaus Zürich. Er war mehrfach zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Seine zehnstündige Antiken-Inszenierung "Dionysos Stadt" erhielt in der Kritikerumfrage von Theater heute die Auszeichnung "Inszenierung des Jahres 2019".

Katinka Deecke ist Leitende Dramaturgin am Schauspielhaus Zürich. Nach einer Tanzausbildung studierte sie französische Literatur und Theaterwissenschaften in Paris. Von 2012 bis 2015 war sie Operndramaturgin am Theater Bremen, anschließend ging sie als Dramaturgin an die Münchner Kammerspiele. 2018 war sie als Dramaturgin bei der Ruhrtriennale tätig. 2019 begann ihre Arbeit in Zürich

Timo Raddatz ist Autor, Video-Designer und Designer für Virtuelle Interaktion. Er studierte in Dresden Philosophie, Geschichte und Politikwissenschaften. 2015 wurde sein Autorendebüt auf die Shortlist des Theatertreffens der Jugend in Berlin gesetzt. Er studiert an der Zürcher Hochschule der Künste mit Vertiefung Dramaturgie im Master und wurde ab 2016 als Produktionsleiter für Film und Theater tätig. Mit "VielZuHell" arbeitet er an Video- und LED-Mappings. Er ist Video-Designer bei Christopher Rüping und Frank Castorf. Homepage: btttr.net

 

Kooperation

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Der Aufsatz entstammt dem Band
Netztheater. Positionen | Praxis | Produktionen.
Herausgegeben von der Heinrich Böll Stiftung und nachtkritik.de in Zusammenarbeit mit Weltuebergang.net unter redaktioneller Leitung von Sophie Diesselhorst, Christiane Hütter, Christian Rakow und Christian Römer. Berlin 2020.

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