Bildet Banden!

von Georg Kasch

28. Oktober 2020. Es ist ein bitteres Déjà-vu: Theater, Opern- und Konzerthäuser müssen schließen. Montag geht's los in Deutschland. Besonders schmerzhaft ist diesmal das Label, unter das die Kulturbetriebe zumindest in Deutschland fallen: nicht Bildung, sondern Unterhaltung. Deren Besuch ist nämlich ab dem 2. November in Deutschland verboten, jedenfalls außerhalb der eigenen vier Wände. Im Entwurf zu den heutigen Beschlüssen der Bundeskanzlerin und der Landeschef*innen werden Theater in einem Atemzug mit Messen, Kinos, Freizeitparks, Vereinssport und Fitnessstudios genannt, aber ebenso mit Wettbüros und Bordellen.

Nachweisbar oder nicht-nachweisbar?

Ja, die Corona-Zahlen steigen rasant. Klar, es geht um Menschenleben, wie Dramatiker Konstantin Küspert richtig twittert. Natürlich müssen die politisch Verantwortlichen in Bund und Ländern etwas dagegen unternehmen. Aber ausgerechnet die Theater? Der neuerliche Lockdown muss allen Künstler*innen und Mitarbeiter*innen wie eine Ohrfeige vorkommen: Haben sie nicht während der ersten Schließungsphase mühsam die Fahne mit Streams und anderen Online-Aktionen hochgehalten? Haben sie nicht, sobald das möglich war, weitergeprobt unter schwierigsten Bedingungen? Haben sie nicht komplexe, auf jedes Haus und jede Landesregelung genauestens abgestimmte Hygienepläne vorgelegt?

Haben sie nicht im Herbst eine Premiere nach der nächsten stattfinden lassen, in der Freien Szene oft auch Doppelvorstellungen angesetzt bei gleichbleibendem Honorar vor entmutigend wenigen Plätzen? Die dann auch nicht immer gestürmt wurden, weil viele potentielle Zuschauer*innen aus Vorsicht auch weiterhin zu Hause blieben? Obwohl Untersuchungen zeigten, dass bislang keine einzige Infektion in einem Theater nachgewiesen werden konnte? (Womit nicht entproblematisiert werden soll, dass es eine hohe Quote an nicht-nachweisbaren Ansteckungen gibt.)

Und wie wird’s gedankt? Mit einem zweiten Lockdown.

Botschaft an alle

Lässt sich das Schließen der Häuser denn medizinisch rechtfertigen? Eher nicht. Noch vor der Sitzung von Kanzlerin und Länderchefs äußerten sich Ärztevertreter zu den Lockdown-Plänen. Tenor: "Eine pauschale Lockdown-Regelung ist weder zielführend noch umsetzbar". Auch nicht für Theater, Restaurants, Hotels, die alle Hygienekonzepte besäßen. Die Schutzregeln seien eigentlich ausreichend, müssten aber konsequent umgesetzt werden. Viel wichtiger sei ein effizienter Schutz der Risikogruppen.

Wer in den letzten Monaten im Theater war, weiß, wie komplex die Vorkehrungen sind: Desinfektionspender, Einbahnstraßensysteme, deutliche Ansagen des Personals. In manchen Foyers und Treppenhäusern kommt man sich eher vor wie auf einem Rangierbahnhof als im Vorhof der Kunst. Angenehm ist was anderes. Aber sicher? Unbedingt!

BE Vernebelung MoritzHaase Berliner EnsembleBedampfung im Berliner Ensemble, aber die Hygienekonzepte bewahren im November nicht vor der Schließung © Moritz Haase / Berliner Ensemble

In Dresdens großem Haus bin ich auf dem Weg in meine Loge außer dem Schließpersonal keiner Menschenseele begegnet. Bei vielen anderen Premieren waren die Menschen, die mir am nächsten kamen, Kolleg*innen und Freund*innen, mit denen ich hinterher noch geredet habe.

Hier dürfte aber auch der Grund für den pauschalen Lockdown liegen. Der Bundesregierung geht es offensichtlich überhaupt nicht darum, ob Orte sicherer sind als andere. Sondern um die Botschaft: Bleibt verdammt noch mal zu Hause! Es geht nicht um die Theater, sondern um die Bus- und Bahnfahrt davor oder danach. Um die Reisen der Gastkünstler*innen zum Spielort. Darum, dass sich Freunde und Bekannte, selbst wenn sie getrennt sitzen, vor oder nach der Vorstellung zusammen den Abend auswerten. Oft mit Masken und Abstand. Manchmal auch nicht.

Kampf für die Umsatzausfälle

Und es geht darum, die meisten anderen Jobs, die Schulen und Kitas offenzuhalten, mit guten Gründen übrigens. Man kann für zynisch halten, dass für Handel und viele Wirtschaftszweige wie Maschinenbau oder Chemie Jobs in der Kultur (aber auch in der Gastronomie und Hotellerie) geopfert werden. Man kann zu recht wütend darüber sein, dass Kultur nicht unter Bildung firmiert. Man kann sich an die Stirn fassen, wenn man bedenkt, dass in etlichen Krankenhäusern das Personal aus Kostengründen nicht flächendeckend getestet wird. Oder dass Corona-Leugner*innen noch am vergangenen Wochenende den Berliner Alexanderplatz und die Karl-Marx-Allee stürmten, ohne von der Polizei gestoppt zu werden.

Das alles zeigt aber auch: Klar wäre super, wenn sich, wie die Infektolog*innen fordern, die Schutzregeln mit Abstand, Hygiene, Masken und Corona-Warn-App konsequent umgesetzt würden. Nur: Wie sie durchsetzen? Es geht der Kanzlerin und den Länderchef*innen offensichtlich darum, es einmal richtig laut knallen zu lassen, damit auch der und die Letzte kapiert, dass der Sommer mit seinen Freiheiten vorbei ist. Die Theater sind da nur eines von mehreren Bauernopfern. Gerade weil sich die Theater und Künstler*innen schon im ersten Lockdown bedacht und solidarisch zeigten, haben sie nun alles Recht, für ihre Bestandssicherung zu kämpfen – und sich Ausfälle ersetzen zu lassen. Ein angemessener finanzieller Ausgleich, eine Art Grundeinkommen für alle Freie mit Verdienstausfall, auch eine Bestandsgarantie für die Kultur – drunter sollte dieser erneute Verzicht nicht zu haben sein.

Neu lernen

Und nun? Haben alle in der Kultur Zeit, das anzugehen, was sie im Frühjahr nicht geschafft haben.

1. Bildet Banden! Und zwar über Genre- und Spartengrenzen hinweg. Erst, wenn Freie Szene und Staatstheater, Rockbands und Sinfonieorchester, Opernstars und Veranstaltungstechniker*innen mit einer Stimme sprechen und denselben Zahlen argumentieren, wird Kultur als eine politische Größe wahrgenommen werden.

2. Streamt, sonst seid ihr verloren! Zeigt, wie vielfältig und fantasievoll ihr der Gegenwart künstlerisch begegnet. Entwickelt Bezahloptionen, experimentiert weiter mit Partizipation, reizt die ästhetischen Mittel des Netzes aus. Vor allem: Seid präsent! Nein, ein Live-Erlebnis ist durch nichts zu ersetzen. Aber unsichtbare Künstler*innen sind so gut wie nicht da.

3. Entwerft das Theater von morgen! Was mich etwas irritiert hat nach dem ersten Lockdown: wie schnell alle wieder zurück zu einer fragilen Normalität gefunden haben. Weiterproben, Premieren raushauen, kreativ mit den Abos umgehen... Was aber lässt sich aus den Erfahrungen bislang lernen? Kann es sein, dass wir behutsamer mit uns und unseren Ressourcen umgehen müssen? Welche Strukturen hemmen uns? Wie wollen wir arbeiten? Was wollen wir erzählen? Was soll von uns bleiben? Wenn wir in den vor uns liegenden Wochen diese Fragen zumindest andenken könnten, hätte dieser zweite Lockdown vielleicht nicht nur für die Infektionszahlen, sondern auch für die Kunst einen Sinn.

 
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Meldung: Theater schließen bis Ende November 2020 (28. Oktober 2020)

Presseschau

In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (29.10.2020) rechnet Jan Brachmann vor, dass die Bundesregierung "knallhart kalkuliert" und "klare Prioritäten gesetzt" habe: Aufrechterhaltung des Wirtschaftslebens sowie des Betriebs von Kindertagesstätten und Schulen. Wenn man sich die Zahlen des Statistischen Bundesamtes für 2018 ansehe, wisse man, warum Kultur nicht zur Wirtschaft gehöre. "Theater, Opern- und Konzerthäuser machten in Deutschland insgesamt einen Jahresumsatz von 8,8 Milliarden Euro. Das sind weniger als 0,3 Prozent der Bruttowertschöpfung. Da braucht man über Systemrelevanz gar nicht erst zu diskutieren, selbst wenn man die Vervierfachung der Umsätze durch Umwegrentabilität noch einrechnet." Außerdem treffe die Schließung der Kultureinrichtungen ein Publikum, das ohnehin nur sieben bis zehn Prozent der Gesamtbevölkerung ausmache. Die würden zwar als besonders zivilisiert gelten, anders als die Anhänger der Partyszene. Aber: "Wenn man schon Feiern in kleinen Gruppen verbietet, kann man schwer Opern- und Theatervorstellungen mit mehreren hundert oder – wie momentan in Österreich noch erlaubt – tausend Besuchern zulassen, vor allem dann nicht, wenn man an die öffentliche Symbolwirkung von Kunst glaubt."

Im RBB (29.10.2020) wird Maria Ossowski deutlich: "Bitte, wer kuschelt und quatscht während klassischer Konzerte, wer säuft im Theater, wer singt in der Oper mit, und wer tanzt bei einer Lesung? Niemand. Wir, die Kulturmacher und die Kulturbegeisterten, büßen für jene Gruppe, die kein Politiker in den Griff bekommen hat, nämlich die Hochzeiter, die Partymacher, die Leugner. Ihretwegen soll vielen, vor allem kleineren Kulturinstitutionen, jetzt der Todesstoß versetzt werden." Sie geißelt Populismus und Verzichtsethik und kommt zum Schluss: "Die Entscheidung trifft die Falschen, sie trifft sie ins Mark, sie ist zerstörerisch, denn Kultur ist nicht systemrelevant, dieser Begriff aus der Finanzkrise nervt nur noch. Kultur ist existenzrelevant, sie ist lebensrelevant."

Auf Deutschlandfunk Kultur (28.10.2020) kommentiert Stefan Keim: "Wenn alle anderen gesellschaftlichen Aktivitäten herunter gefahren werden, ist es schwer zu vermitteln, warum die Kultur eine Ausnahme machen soll. Es gibt schon rationale Gründe, aber in diesem Moment geht es nicht nur um Logik. Ohne Solidarität kann so ein Lockdown nicht funktionieren." Allerdings dürften Künstlerinnen und Künstler und andere gebeutelte Berufsgruppen nicht alleingelassen werden. Das funktioniere aber nur, wenn die Künstlerinnen und Künstler "eine starke Interessenvertretung bilden. Sie werden bisher kaum gehört, weil sie keine Lobby haben. Lobbyismus gilt vielen Kulturtreibenden als unkünstlerisch und korrupt, ist aber eine Notwendigkeit."

Ebenfalls auf Deutschlandfunk Kultur (28.10.2020) kritisiert Rechtswissenschaftler Volker Boehme-Neßler die Verordnungen, die sich "auf dünnem Eis" bewegten: "Ich rechne mit einer Klagewelle."  Denn immer wieder gehe es bei der Einschränkung von Freiheitsrechten auch um die Frage der Verhältnismäßigkeit. So könnten etwa Theater oder Restaurants mit konsequent praktizierten Hygienekonzepten zu Recht darauf pochen, dass ihnen ein hohes Ansteckungsrisiko erst einmal nachgewiesen werden muss – der Rechtsweg habe durchaus Aussicht auf Erfolg. Wenn ein Theater klage, gelte das Urteil zwar nur für dieses eine Haus. Doch sei davon auszugehen, dass dann viele andere folgten.

"Durch eine wiederholte vorübergehende Schließung von Konzerthäusern, Opern, Kinos, Museen und Theatern wird nach jetzigem Wissensstand womöglich kein einziges Infektionsgeschehen verhindert", argumentiert Marcus Stäbler im NDR (29.10.2020) Dafür werde eine Branche mit rund 1,2 Millionen Erwerbstätigen und einem Gesamtumsatz von knapp 170 Milliarden Euro jährlich unverschuldet noch weiter an den Rand des Ruins oder darüber hinaus getrieben. "Außerdem nimmt das Verbot uns die Möglichkeit, in der realen Begegnung mit Musik, Film, Kunst und Theater neue Kraft zu schöpfen." Die generelle Absage von Kulturveranstaltung zerstöre womöglich mehr als sie rette. "Das kann nicht Sinn der Sache sein."

In der Süddeutschen Zeitung (29.10.2020) äußert sich Kammerspiel-Intendantin Barbara Mundel im Interview zum Lockdown: Ihr Haus müsse mit hoher Wahrscheinlichkeit in Kurzarbeit gehen. "Die emotionale Seite, puh, da ist eine tiefe Traurigkeit. Die Möglichkeit, sich wenigstens hier noch live zu begegnen, auch dem Publikum zu begegnen, wenn auch eingeschränkt, war extrem wichtig in den vergangenen Wochen." Lernen und verhandeln könne man nicht, wenn mit Verboten und Willkür durchregiert werde. "Das höhlt auf Dauer Demokratie und die offene Gesellschaft aus, die wir doch sein wollen. Krise kann als Gefühl kein Dauerzustand sein."

"In Theatern habe ich mich in den letzten zwei Monaten sicher gefühlt", schreibt Tobi Müller auf zeit.de (29.10.2020). "Doch wenn 75 Prozent der Infektionen nicht mehr zurückverfolgt werden können, hilft Fühlen nicht mehr weiter und die Rede von sicheren Orten wirkt etwas wohlfeil." Halbrichtige Zahlen zum Beweis ihrer (wirtschaftlichen) Bedeutung würden der Kultur gerade nicht helfen. Wichtiger sei es, nicht immer nur den Staat zu adressieren, sondern auch jene, "die diesen Staat bezahlen und darunter ganz besonders jenen, die sich nicht primär als Teil des Publikums verstehen". Müllers Vorschlag: "Vielleicht könnte man nun winzige Teile dieser großen Gruppe gerade in für alle schweren Zeiten stärker für sich einnehmen, wenn man nicht nur Solidarität einfordert, sondern selbst stärker welche zeigt, zunächst einmal untereinander."

In der Welt (29.10.2020) argumentiert Jan Küveler für die Theaterschließungen und verweist auf den Klassismus der Theater: "Wem nützen sie, an wen wenden sie sich mit ihrem Programm?" Es möge ja sein, dass offene Theater das Infektionsgeschehen nicht maßgeblich beeinflussen. "Aber dass man sie im Vergleich zu Kitas, Schulen und Lebensmittelläden für einen Tick verzichtbarer hält und deshalb jenen Branchen zurechnet, denen, um Schlimmeres zu verhindern, ein vierwöchiger Shutdown zugemutet werden kann, könnte sie auch ehren. Manchmal ist das Nicht-Notwendige (die Schließung der Theater) eben notwendig (gesamtgesellschaftlich sinnvoll), damit später, wenn alles wieder gut ist, das Nicht-Notwendige (die Theater) seine Notwendigkeit (die Unverzichtbarkeit als Stätte der Unterhaltung und symbolischen Selbstvergewisserung einer Gesellschaft) wieder beweisen kann."

"Ja, die Maßnahmen sind ungerecht", kommentiert Rainer Pöllmann im Deutschlandfunk Kultur (3.11.2020). "Ja, die Maßnahmen treffen Bereiche, die selbst nicht als Superspreader bekannt geworden sind." Es handele sich um statistische Maßnahmen: 75 Prozent Reduzierung sei das Ziel. Die Bitterkeit komme ja eher daher, dass der Menschen liebstes "Freizeit"-Vergnügen, das Shopping, so gar nicht eingeschränkt werde. "Viel wichtiger, als über die nächsten vier Wochen zu diskutieren, ist: In diesen vier Wochen – endlich – vom Bundeswirtschaftsminister ein wirklich konkretes Konzept zum so genannten 'Unternehmerlohn' für Soloselbständige einzufordern. Das ist die wirkliche Systemfrage, hier entscheidet sich die Systemrelevanz der Kultur."

"Kulturelle Veranstaltungen sind schlicht nicht systemrelevant", findet Thorsten Jantschek ebenfalls im Deutschlandfunk Kultur (2.11.2020).  "Wenn sie nicht stattfinden, kann das öffentliche Leben weiter funktionieren, auch wenn es um diese Facette ärmer ist. Wenn der Pflegebereich zusammenbricht oder die Müllabfuhr nicht mehr funktioniert, sieht es anders aus." Es gebe viel wichtigere Aufgaben, um die man sich kümmern sollte: "etwa öffentlich geförderte oder private Kulturinstitutionen – also die Infrastruktur – für die Zeit nach der Krise zu erhalten. Und vor allem: 1,5 Millionen – zum Teil prekär – Beschäftigten der Kultur- und Veranstaltungswirtschaft schnell und unbürokratisch zu helfen."

In der nmz (2.11.2020) argumentiert Komponist Moritz Eggert in fünf Punkten, warum es jetzt besser sei zu schweigen – was in dem Punkt gipfelt, dass die Zeit noch komme, in der man die Stimme werde erheben müssen. "In den kommenden Jahren wird es aber ganz sicher Kräfte geben, die die Kultur marginalisieren wollen und die dafür zu erwartenden Sparmaßnahmen dafür nutzen werden. In genau diesem Moment müssen wir mit vereinter Kraft mit sehr lauter Stimme sprechen, da bin ich ganz sicher."

Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda erklärt auf zeit.de (2.11.2020),  dass das Virus Bedingungen diktiere, die sich niemand ausgedacht habe. "Aber wer die Kultur notgedrungen derartigen Härten aussetzen muss, der muss ihre Besonderheiten benennen und beschreiben können." Damit das endlich geschehe, "müssen wir hinein in die gesellschaftliche Auseinandersetzung über die Rolle und Bedeutung der Kultur, über den Wert der spekulativen Ausdeutung von Alternativen zum Status quo, über die Kraft ästhetisch-expressiver Zuspitzung und erst recht über die Subversion der Unterhaltung. Künstlerinnen, Kreative und Kulturpolitik müssen sich organisieren und stärker zusammenarbeiten als bisher."

 
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