TikTok zum Todesurteil

von Frauke Adrians

Berlin, 30. Oktober 2020. Himmel, was kann ein Trauerspiel doch Spaß machen. Und das trotz bevorstehendem Corona-Lockdown. Die Premiere der "Maria Stuart" schaffte es gerade noch auf die Bühne, bevor auch das Deutsche Theater wieder schließen muss; nur drei Aufführungen sind Maria und ihrer Gegenspielerin Elisabeth bis auf Weiteres vergönnt, und das ist sehr schade. Denn obwohl Regisseurin Anne Lenk die Tragödie weder dekonstruiert noch radikal umdeutet, gewinnt sie den beiden Königinnen und den sie umkreisenden Männerfiguren doch einige ungeahnte Schattierungen ab – und eine erstaunliche Menge Komik.

YouTube-Influencerin im Bühnen-Setzkasten

Dass Lenk und ihr starkes Ensemble das Pathos und den hohen Ton weglassen, tut Schillers Dialogen gut. Und so paradox es scheint: Dass die Akteure fast nie miteinander, sondern die meiste Zeit frontal in Richtung Publikum spielen, macht die Inszenierung ungemein lebendig, zumal es die Aufmerksamkeit auf jeden einzelnen Schauspieler und auf den Text fokussiert. Bühnenbildnerin Judith Oswald hat einen riesigen Setzkasten auf die Bühne gestellt, in dessen rosa ausgemalten Kästchen jeder für sich zur Schau steht: Maria Stuart (Franziska Machens) in ihrer Gefängniszelle, Elisabeth (Julia Windischbauer) in ihrer unwesentlich größeren Audienzsaal-Zelle eine Etage darüber. Die Boxen der Lords Shrewsbury, Leicester etcetera gruppieren sich drum herum. Die Schauspieler können einander nicht sehen, umso anrührender sind die Szenen, in denen Maria zärtlich die trennende Wand berührt, wie um Tuchfühlung zum Zellennachbarn aufzunehmen.

MariaStuart1 1500 David Baltzer uIsoliert: Maria Stuart (Franziska Machens) © David Baltzer

Nur Objekte, nicht Menschen, passieren die Barrieren: Marias Todesurteil, das Staatssekretär Davison (Caner Sunar) unschlüssig in der Hand hält, landet wie von Geisterhand beim finsteren Burleigh (Enno Trebs) zwei Kammern weiter. Anstelle klassischer Auftritte und Abgänge wird einfach das Licht in den Zellen an- und ausgeknipst, was der gesamten Anordnung eine Art TikTok-Ästhetik verleiht. Und wie eine YouTube-Influencerin oder ein TikTok-Star setzt sich auch Maria Stuart in Szene: selbstironisch, grimassierend, mit aufgedrehter Munterkeit, die allerdings jederzeit in panische Hysterie umschlagen kann. Denn es geht eben doch um Leben und Tod.

Im Gefängnis der Königinnenrolle

Die Männer allerdings scheinen zu glauben, es ginge um sie. Es wäre überzogen zu behaupten, dass Anne Lenk jeden einzelnen bloß karikiert, aber dass sie die Herren des Dramas insgesamt ziemlich ulkig findet, ist nicht zu bezweifeln. Die Schuljungen-Uniformen Davisons (Caner Sunar) und des jungen Schwärmers Mortimer (Jeremy Mockridge) sind da nur das Tüpfelchen auf dem i. Der Text, wie Lenk und das Ensemble ihn interpretieren, gibt schon alles preis: den peinlichen Hahnenkampf zwischen Leicester (Alexander Khuon) und dem pathetisch fuchtelnden Mortimer, die Erörterung der Frage, ob man die schöne Gefangene uneigennützig retten oder auch gleich besitzen wolle. In einer Szene, die angesichts der allgemeinen Vereinzelung – sowohl des Corona-konform im Saal platzierten Publikums wie auch der Gestalten im Bühnen-Setzkasten – doppelt übergriffig wirkt, begrabscht Mortimer das Objekt seines angeblich doch so reinen Sehnens rabiat. Maria ist erkennbar froh, als sie in ihrer Zelle wieder allein ist.

MariaStuart5 1500 David Baltzer uDuell der Königinnen: Julia Windischbauer als Elisabeth und Franziska Machens als Maria Stuart © David Baltzer

Äußerlich könnten die beiden Königinnen kaum unterschiedlicher sein. Kostümbildnerin Sibylle Wallum kontrastiert das elfenhafte Outfit der einen – ellenlanges weißblondes Haar, weißer Zweiteiler – mit der Geschäftsfrauen-Uniform der anderen: Elisabeth trägt ein olivfarbenes Kostüm zum Ultrakurzhaarschnitt. Doch aus dem Gefängnis der Königinnenrolle kommt die eine so wenig raus wie die andere aus ihrer Todeszelle. Das Zusammentreffen der beiden Frauen wirkt so, als hätten sie infolge überlanger Isolation alle beide verlernt, wie man anderen Menschen begegnet: Marias Kniefall ist so ironisch, dass die Demutsgeste schiefgeht, ehe die Unterlegene auch nur den Mund aufmacht und schreiend ihr königliches Recht einfordert; und Elisabeth wünscht sich sichtlich eine zusätzliche Trennwand, um sich mit dieser Frau nicht weiter abgeben zu müssen. Wenn sie vollends verbergen wollen, was in ihnen vorgeht, tragen die Königinnen große Pappmaché-Köpfe mit ihren eigenen, zur Maske erstarrten Gesichtszügen.

Am Ende wird Maria ihren Kopf unter dem Beil verlieren, und keiner – und keine – will verantwortlich sein. Hervorragend, wie das Ensemble das Blame Game ausspielt. Selbst diese durch und durch bittere Sequenz hat hohen Unterhaltungswert; man kann die Schauspieler nur dafür bewundern, wie minutiös die Schulddebatte auch ohne Blickkontakt abläuft. Der Applaus nach den pausenlosen zweieinviertel Stunden ist lang und herzlich, und das hat sicher nur am Rande damit zu tun, dass diese Premiere Corona abgetrotzt war.

 

Maria Stuart
von Friedrich Schiller
Regie: Anne Lenk, Bühne: Judith Oswald, Kostüme: Sibylle Wallum, Musik: Camill Jammal, Licht: Cornelia Gloth, Dramaturgie: David Heiligers.
Mit: Julia Windischbauer, Franziska Machens, Enno Trebs, Alexander Khuon, Jörg Pose, Paul Grill, Jeremy Mockridge, Caner Sunar.
Premiere am 30. Oktober 2020
Dauer: 2 Stunden 15 Minuten, keine Pause

www.deutschestheater.de

 

Kritikenrundschau

"Eher gediegen" findet die Inszenierung Barbara Behrendt im Deutschlandfunk Kultur (30.10.2020). Anne Lenk zeige, dass Maria und Elisabeth "eigentlich in einer ähnlichen Position sind", ihre Rollen austauschbar seien. Die Männer um die beiden bekämen in der Inszenierung etwas Lächerliches, seien nicht wirklich ernst zu nehmen in dem Machtgefüge, so Behrendt. Lenk demonstriere, dass "mit diesem Hofstaat diese Königin und Maria nur verraten sein können".

"Die Schauspieler lassen sich in der Interaktion miteinander durch den Setzkasten in keiner Weise behindern. Sie tun dies in einer Selbstverständlichkeit, als würden sie es nicht anders kennen und nichts vermissen. Und es funktioniert", schreibt Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung (31.10.2020). "Hier steht Theaterspielen selbst mit auf der Bühne: die Verstellung, die Fiktion, die Begegnung zwischen Menschen in Rollen." Auch wenn diese Inszenierungsidee alles bestimme und in diesen Tagen eine etwas sehr konkrete Bedeutung erhalte, sei der Abend "nicht monothematisch und eindimensional". "Das Ränkespiel der in ihre Leidenschaft, Moral oder Machtpolitik eingeschachtelten Männer hat viele Farben, (…) die Beschränkung der Mittel, die die Regisseurin ihrem Ensemble auferlegt, zwingt zu sortiertem Spiel und kontrolliertem Sprechen", was sich in Schillers "rhetorisch angespitzter Sprache" wiederfinde.

"Wie schon in ihrer Inszenierung von Molières 'Der Menschenfeind' am gleichen Haus, beeindruckt die präzise Sprachregie von Lenk. Und ihre Begabung zur Komik“, schreibt Jakob Hayner vom ND (2.11.2020), der sich über "begeisterndes Schauspielertheater" freut. In Schillers Trauerspiel und dessen großartigen Dialogen finde Lenk eine Menge Pointen, "die vor schalem Pathos schützen, ohne den Ernst zu verraten".

"Die Begeg­nung der beiden Frauen gerät in der Insze­nie­rung von Anne Lenk zur gezwun­ge­nen Szene zweier zur Distanz verpflich­te­ten Schwes­tern, die eigent­lich nichts lieber täten, als sich zu umar­men", schreibt Simon Strauß in der FAZ (2.11.2020). Sie treten hier nicht als Macht­men­schen im falschen Geschlecht an, sondern als selbst­be­wuss­te Zweif­le­rin­nen mit star­ken Seelen. "Anne Lenk sperrt sie und ihre Lords in ein großes Holz­ge­stell mit klei­nen, coro­na­si­che­ren Zellen. Eine Art Adli­gen­schließfach. Nur Jeremy Mock­rid­ges Morti­mer ist ein drän­gen­der Stür­mer, der sich mit den Zwän­gen der Distanz­ge­sell­schaft nicht abfin­den will. Seine nach Berüh­rung und Frei­heit gieren­den Bewe­gun­gen verfolgt man mit beson­de­rem Empfin­den. Aber dann ist auch das vorbei, und die Lich­ter verlö­schen."

"Anne Lenks Regie erspürt die vorhandene Situationskomik in Friedrich Schillers Trauerspiel", schreibt Katja Kollmann von der taz (3.11.2020). Der Text komme in diesem "klugen Gesamtkunstwerk" viel geordneter in den Zuschauerraum als sonst. "Das hat mit dem Setzkasten zu tun. Der strukturiert das Drama mit. Die acht SchauspielerInnen nehmen den über 200 Jahre alten Text ernst und gleichzeitig leicht. Das erzeugt Unmittelbarkeit in den Boxen."

 
Kommentar schreiben