Das, was nicht stimmt, ringt hier um Worte

von Gabi Hift

Wien, 30. Oktober 2020. Riesig ist das Federbett, das über der ganzen Bühne liegt. Als es gelüftet wird, zeigt sich darunter ein typisches Wohnzimmer aus den 80ern: Schrankwand des Grauens, Servierwagen, Standuhr, Marienstatue und ein noch verpackter Weihnachtsgartenzwerg (Bühne: Lili Anschütz). An einem Bord an der Wand erscheint, live getippt, eine Schrift: "Also. Anfangen. Warum muss sich das so schwer anfühlen." Ewelina Benbeneks "Tragödienbastard" ist der Gedankenstrom einer Frau, die zu immer neuen Erklärungen ansetzt und immer wieder ins Rechtfertigen rutscht. Gegenüber ihrer Großmutter in Polen, die wissen will, ob sie schon einen Mann gefunden hat, gegenüber den Eltern, die sich ein Leben lang einen deutschen Pass gewünscht haben, den sie, die Tochter nun hat. Erfolg hat sie, ein Studium abgeschlossen, aber „Was, wenn da das Gefühl bleibt, you know? Das Gefühl von Struggle, obwohl doch alles gut ist"?

Trostlos trübe Hässlichkeit

Während die Stimme nach den richtigen Worten sucht, regen sich Gestalten auf dem Teppich, drei Figuren in identischen Gabardinehosen und schwarzbeige gestreiften Polyester-Rollis, durch Brüste als Frauen markiert. Die Köpfe unheimliche, glatzköpfige Latexmasken (Kostüm: Henriette Müller). Sie besprühen die Zimmerpflanze, putzen die Balkontür, fahren mit dem Finger die leeren Regale entlang. Die trostlos trübe Hässlichkeit nimmt einem den Atem, man kriegt Angst, das könnte das ganze Stück so weitergehen. Umso mehr als Florian Fischers Inszenierung eine stringente Umsetzung des Textes ist, der um Entfremdung und Erschöpfung von Migrantenkindern kreist. Die Maskenwesen zwingen einen in ein quälendes Gefühl der Bedrückung.

Tragoedienbastard1 2000 Matthias Heschl uDie Maske vorgefertiger Erzählungen, hinter der das eigene Gesicht verschwindet © Matthias Heschl

Aber gerade, wenn man denkt, man kann nicht mehr, und zu fliehen überlegt, schlüpfen sie doch aus den Masken wie große Schmetterlinge und man wird überschwemmt von Freude über die Begegnung mit ihren lebendigen Menschengesichtern. Die Drei, die alle die eine Frau sind, sprechen nun auch mit ihren eigenen Stimmen, schälen sich aus den scheußlichen Rollis und durchleben Szenen, die sich in ihrem Leben immer wiederholen. Siebenmal hat die Großmutter die Geschichte erzählt, wie ein deutscher Soldat ihren "Ausweis" verlangt hat, sie missbrauchen wollte, gedroht hat, sie zu erschießen, dann aber abgelassen hat und sie mit all ihrer Angst auf der Straße hat stehen lassen.

Vorgefertigte Erzählungen fürs Migrantenkind

Wie soll sie in ihrer triadischen Gestalt danach auf die Frage der Großmutter antworten, ob es endlich einen Mann in ihrem Leben gäbe? Sie nimmt immer neue Anläufe, "das alles" zu erklären, und landet immer wieder bei vorgefertigten Erzählungen, in die die Gesellschaft sie einordnen will: Da gibt es die Erfolgsgeschichte vom Kind einfacher Migranten, das studiert und einen Einserabschluss macht. Die Geschichte der Frau, die es viel besser hat in diesem neuen Land, in dem das Patriarchat weniger brutal herrscht als in ihrem alten Zuhause und die dafür dankbar sein sollte. Die Geschichte, vom armen Kind, das seine Muttersprache verliert und vor lauter Bravheit und Anpassung von innen aufgefressen wird.

Dabei wird sie immer wütender, weil das alles falsch ist: "Da fehlt doch was! Also, etwas stimmt daran nicht und das, was nicht stimmt, ringt hier um Worte."

Wer spielt wen und wie?

Gespielt wird die junge Frau von einem Trio aus zwei Frauen und einem Mann. In Zeiten wilden Streits, wer wen repräsentieren soll beziehungsweise darf, kann man da sehen, welche Vorteile es hat, wenn Schauspieler*innen Figuren spielen, deren Unterdrückungserlebnisse den eigenen entsprechen – oder auch nicht. Til Schindler ist ein großer, kräftiger Mann, und er zeigt die permanente Angst vor Gewalt körperlich ganz anders als Clara Liepsch und Tamara Semzov. Wenn die beiden Unsicherheit überspielen, voll Trotz und Stolz so tun als wären sie unverwundbar, dann interpretiert man das bei den beiden Frauen als eine Inszenierung, Pose, ein Wagnis.

Tragoedienbastard2 2000 Matthias Heschl uEin Interieur, das quälende Bedrückung weckt © Matthias Heschl

Beim Schindler, der gleichzeitig die Unsicherheit und den Versuch ihrer Verleugnung spielt, sieht man in den Posen schnell seine tatsächliche körperliche Kraft. Sein Spiel ist gemachter, damit aber auch deutlicher, skizziert die wesentlichen Punkte. Das Spiel der Frauen ist vielschichtiger, es öffnen sich Fenster auf viele andere rätselhafte Lebensbereiche. Tamara Semzov ist im größten Spaß plötzlich scharf wie ein Messer. Aus Clara Liepsch bricht manchmal unvermittelt ein breites Lachen heraus, scheinbar ohne Grund verwandelt sie sich in Schalk und schiere Freude und ist ganz unwiderstehlich mit ihrem großen Lachmund.

Unerschrocken gen Befreiung

Am Ende bricht die Frau in ihrer Dreigestalt aus allen Zuschreibungen aus, stürzt sich in den Glamour ("Ich fletschte meine High Heels") und weiß endlich, was sie der Großmutter sagen will: "Ich bin nicht allein, weil ich eine Göttin der Nacht bin, zusammen mit meinen anderen Göttinnen – Das Willst du ihr sagen, auch wenn sie es Vielleicht nicht verstehen wird: 'ich bin eine Göttin geworden, ich bin nicht allein.'"

Der Text von Evelina Benbenek ist klug und aufrichtig, nur manchmal mit zu viel theoretischem Jargon gespickt. Das Team um den Regisseur Florian Fischer lässt einen in dieser Inszenierung miterleben, wie die junge Frau sich unerschrocken auf die eigene Befreiung zubewegt. Man fühlt, wie wichtig es ist, die Widersprüche der eigenen Geschichte nicht zu glätten, bloß weil man immer wieder hört, das sei alles zu kompliziert. Vermutlich wird es erst nach dem bevorstehenden Lockdown wieder möglich sein, dem Trio zu folgen. Aber da wird das Glücksgefühl, wenn die drei sich nach der ersten Phase endlich aus den Masken schälen, wahrscheinlich noch größer sein als es heute war.

 

Tragödienbastard
von Ewelina Benbenek
Uraufführung
Regie: Florian Fischer, Bühne: Lili Anschütz, Kostüme: Henriette Müller, Musik: Rosa Anschütz, Video: Lili Anschütz, Dramaturgie: Lilly Busch, Tobias Schuster. 
Mit: Clara Liepsch, Til Schindler, Tamara Semzov. 
Premiere am 30. Oktober 2020
Dauer: 1 Stunde, 40 Minuten, ohne Pause

www.schauspielhaus.at

 

Kritikenrundschau

Ewelina Benbeneks "Tragödienbastard" wurde hier von keinen Menschen, sondern eher von Narrativen bewohnt, schreibt Ronald Pohl im Standard (2.11.2020). Sie geben sich als Unzufriedene,  als Menschen eigenen Rechts zu erkennen, "permanent unter Anpassungsdruck - der Preis ihrer reibungslosen Integration!" In dem hoch aufgeladenem Erfahrungsbericht entstehe ein Skizzenbuch der alltäglichen Erniedrigungen. Regisseur Florian Fischer habe Lager in einem der hoch artifiziellen, postdramatischen Siedlungsgebiete von Susanne Kennedy aufgeschlagen. "In dem formschönen, kleinen Wort-Oratorium ist sich jede selbst die nächste." Fazit: "Tolle Produktion, der man ein reges postpandemisches Leben wünscht."

"Was besonders gefallt: Endlich einmal eine Autorin, die nicht Elfriede Jelinek imitiert, sondern eine eigene wuchtige Sprache entwickelt", so Barbara Petsch in der Presse (2.11.2020). "In Strophen und Gegenstrophen, Worten und Widerworten wird von einer Frau erzählt, die sich in einem durchaus allgemeingültigen Sinn von Vorfahren und Vorbildern emanzipiert, die Ballast abwirft." Florian Fischer sorge mit allerlei Einfällen für Lebendigkeit. "Anfangs mag der Zuschauer irritiert sein, schon wieder Masken und schon wieder Computer. Aber bald ist klar, dass Autorin Benbenek auch mit Medien, Technologie, Klischees spielt - und allem, was uns so lockend umgaukelt." 

 
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