Geschichtsdrama als Volksstück

von Thomas Rothschild

Pforzheim, 7. November 2020. Unsere an virenbedingten Improvisationen nicht arme Zeit kann noch mit Überraschungen aufwarten. Wir kennen mittlerweile ein Publikum ohne Theater, ein Theater mit abgezählten Zuschauern auf Distanz, auch ein Theater im virtuellen Raum. Aber eine Premiere ohne Publikum: das ist neu. Wenn auf der Bühne gespielt wurde und kein Publikum anwesend war, sprach man bisher von Probe. Was sich am 7. November in Pforzheim ereignet hat, war jedoch tatsächlich eine seit langem geplante und in bestem Glauben vorbereitete Premiere.

Gute Voraussetzungen

Allerdings ist der Zusatz "ohne Publikum" ungenau. Was, wenn nicht ein Publikum, wären die eingeladenen "Pressevertreter"? Was beim Film seit jeher üblich ist – die Pressevorführung, bei der die Medienleute dafür sorgen, dass die Besprechung zum Termin des Kinoeinsatzes veröffentlicht wird, weil der Umsatz dieses Tages zählt – und was viele Theaterregisseure bisher eher ablehnen – hatte hier nun ebenfalls Premiere. Ein Theater lässt seine Arbeit von fünf Augenzeugen dokumentieren. 

DerTrafikant 4 560 SabineHaymann uDer einbeinige Trafikant Otto Trsnjek (Lars Fabian) mit seinen Klienten:Myriam Rossbach (Frau im grauen Anzug), Bernhard Meindl (Der Verhärmte), David Meyer (Mann im grauen Anzug) und Nicolas Martin (Franz Huchel), ©  Sabine Haymann

Als 2012 der Roman "Der Trafikant“ von Robert Seethaler erschien, überboten sich die Kritiken mit Superlativen. Das Buch hat inwischen an die 40 Auflagen erreicht, wurde übersetzt, verfilmt und mit gedruckten Kommentaren begleitet. Auch das Theater zehrt noch vom Hype um den Roman. Seethaler hat, selbst ausgebildeter Schauspieler, verärgert über die Adaption eines anderen, eine Bühnenfassung geschrieben, die vor vier Jahren an der Württembergischen Landesbühne in Esslingen uraufgeführt wurde. Jetzt hat Sascha Mey sie 50 Kilometer weiter westlich inszeniert.

Wie in einem Film von Fritz Lang

Auch das Stück besitzt gute Voraussetzungen für einen Publikumserfolg. Die Verknüpfung eines fiktiven Einzelschicksals mit realen geschichtlichen Ereignissen – dem Anschluss Österreichs ans Deutsche Reich im Jahr 1938 – erweckt nicht zuletzt deshalb Interesse, weil es nachholt, was der Schulunterricht versäumt hat. Zudem liefert der Auftritt einer legendenumwobenen historischen Persönlichkeit wie Sigmund Freud eine Herausforderung für dessen Darsteller und ein voyeuristisches Vergnügen für das Publikum.

Die Tabaktrafiken – die Zigaretten- und Zeitungskioske und -läden – profitierten in Österreich vom staatlichen Tabakmonopol. Sie wurden nach dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg an Invalide vergeben. Die Trafik des einbeinigen Otto Trsnjek (Lars Fabian) befindet sich in der Währinger Straße, gleich um die Ecke von der Berggasse, in der Sigmund Freud tatsächlich gewohnt und praktiziert hat. Anders als Hans-Ulrich Becker in Esslingen entscheidet sich Sascha Mey, unterstützt von Jörg Brombachers symmetrischem Bühnenbild, das einem Film von Fritz Lang entstammen könnte, für Stilisierung. Er verzichtet sogar auf Ähnlichkeit bei der Maske von Jens Peter als Sigmund Freud.

DerTrafikant 2 560 SabineHaymann uDie Praterszene mit Nicolas Martin und Johanna Miller, sowieBernhard Meindl (Böhmischer Kellner)   © Sabine Haymann

Sascha Mey belässt das Stück, wo der Autor es lokalisiert hat. Und in der Tat: die Faktizität des Milieus ist von Belang, ohne dass "Der Trafikant" deshalb ein Geschichtsdrama wäre. Stattdessen nähert er Seethalers Stück den Volksstücken von Horváth an, die ja fast zur gleichen Zeit spielen. Die Praterszene mit dem jungen "Helden" Franz Huchel (Nicolas Martin) im karierten Hemd mit Knickerbocker und Sakko mit Stecktuch und der von ihm angehimmelten Anezka (Johanna Miller) erinnert an "Kasimir und Karoline", die Szene im Cabaret an die "Geschichten aus dem Wiener Wald", und der Fleischhauer Roßhuber ist ein später Verwandter von Havlitschek aus eben diesem Stück. Seethalers Freud wiederum nimmt sich aus wie ein etwas ernsterer Verwandter von Franz Werfels Jacobowsky.

Unter die Haut

Franz Huchel ist aus dem Salzkammergut nach Wien gekommen. Seine Mutter, mit der er wöchentlich frontal zum Publikum gesprochene Postkarten austauscht, lebt nach wie vor am Attersee. Nicolas Martin überzeugt in der Rolle durch seine Mischung aus Naivität und spontaner Zivilcourage. Er muss mit ansehen, wie Otto Trsnjek wegen des "Verdachts staatsfeindlicher Tätigkeit" verhaftet wird und in der Gestapo-Zentrale "verstirbt". Er muss es hinnehmen, dass ihn Anezka wegen eines SS-Manns verlässt. Seethaler beschönigt nichts, aber er singt in der Figur Huchels ein Lob auf das, was man Anstand nannte, als die Political Correctness noch nicht erfunden war. Er war, jedenfalls zu der Zeit, in der das Stück spielt, in Österreich nicht sehr verbreitet, aber es gab ihn auch.

Sascha Mey setzt auf einen Wechsel von Statik – die Figuren stehen immer wieder wie Skulpturen auf einem Podest – und nicht immer motivierten Läufen über die Bühne. Die Sprechmelodie hält eine Balance zwischen Künstlichkeit und Natürlichkeit. Die Aufführung schafft es, unter die Haut zu gehen, ohne ins Sentimentale abzugleiten. Als Freud seine Wohnung verlässt, um nach London zu emigrieren, sagt Franz Huchel: "Herr Professor, Sie kommen doch zurück, oder?" Sigmund Freud ist 1939 im Exil gestorben.

 

Der Trafikant
von Robert Seethaler
Regie: Sascha Mey, Bühne: Jörg Brombacher, Video: David Brombacher, Kostüme: Milena Keller, Dramaturgie: Ulrike Brambeer
Mit: Nicolas Martin, Michaela Fent, Lars Fabian, Jens Peter, Johanna Miller, Bernhard Meindl, David Meyer, Myriam Rossbach.
Premiere am 7. November 2020
Dauer: 2 Stunden 15 Minuten, eine Pause

www.theater-pforzheim.de

 

Kritikenrundschau

"Der Regisseur Sascha Mey nutzt für die Pforzheimer Produktion ein reiches Repertoire inszenatorischer Möglichkeiten inklusive Schattenspiel und chorischem Deklamieren", schreibt Michael Hübl in den Badischen Neuesten Nachrichten (online am 8.11.2020) und findet es bewundernswert, "wie es das Ensemble schafft, die dramatische Spannung aufrecht zu erhalten".

Sascha Mey arbeite sich an Seethalers eigener Stück-Fassung ab, "der die poetische Leichtigkeit, der hintersinnige Witz, die fiebernde Stimmung zu fehlen scheint", bedauert Sandra Pfäfflin in der Pforzheimer Zeitung (online am 8.11.2020). "Auf der Einheitsbühne weht ein Hauch von Schultheater", obwohl die Darsteller*innen einzeln überzeugten, so Pfäfflin: "Vielleicht fällt es schwer, angesichts der Leere im Publikum, angesichts des Fehlens menschlicher Wärme und der Reaktionen des Gegenübers die großen Gefühle auf der Bühne zu entfalten."

 

 
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