Sparvirus infiziert Theater

von Harald Raab

Bamberg im November 2020. November-Tristesse in der malerischen europäischen Kulturerbe-Stadt Bamberg. Das E.T.A-Hoffmann-Theater ist nachts rot illuminiert. Nicht, weil es Solidarität mit den Freudenhäusern im Rotlicht-Milieu signalisiert. Lockdown gilt für beide Etablissements gleichermaßen. Es geht um Aufmerksamkeit: Es gibt uns noch.

Freiwillige Leistung Kultur

In Bamberg ist zusätzlich Alarmstufe Rot. Es darf nicht nur nicht gespielt werden. Hier geht es zudem ans Eingemachte. Der Zuschuss der Kommune wird um 2,5 Prozent jährlich gekürzt. Die Stadt ist in Finanznot. Die Kultur muss es als erste ausbaden. Ist Bamberg der apokalyptische Vorreiter? Werden andere deutsche Städte folgen, denen durch Corona die Gewerbesteuer-Einnahmen dramatisch wegbrechen?

ETA Theater Bamberg 560 ThaterBamberg uETA Hoffmann Theater Bamberg: das rot beleuchtete Foyer © Theater Bamberg

Bamberg, ein Testfall nach altbekanntem Muster: Kulturausgaben sind absurder Weise als freiwillige Leistungen eingestuft. Wenn Steuereinnahmen ausfallen, geraten die Kommunen in die Bredouille. Sie müssen den Rotstift ansetzen, um einen Haushalt aufstellen zu können, in dem die Ausgaben durch Einnahmen gedeckt sind. Gelingt das nicht, übernehmen in Bayern die zuständigen Bezirksregierungen diese Aufgabe. Die Folge: Alle Kulturausgaben werden unter Umständen bis auf Null reduziert. Sie sind keine kommunalen Pflichtaufgaben. Um das Worst-case-Szenario zu vermeiden, üben die Städte Selbstzensur.

"Ich weiß nicht, wie wir das stemmen sollen", gesteht Sibylle Broll-Pape. Die ansonsten so tatkräftige und ideenreiche Intendantin des E.T.A.-Hoffmann-Theaters ist ratlos. "2,5 Prozent von 3,2 Millionen Euro, die wir von der Stadt bekommen, das klingt zunächst nicht so viel. Das sind rund 80 000 Euro. Dazu kommen die Tarifsteigerungen. Sie schlagen 2021 mit 70 000 Euro zu Buche. Es fehlen uns also insgesamt 150 000 Euro."

Drastisch reduzierte Platzzahl

Das Bamberger Traditionstheater muss eh schon mit einem bescheidenen Jahresetat von 5,5 Millionen auskommen. Der Landeszuschuss beträgt 1,2 Millionen, dazu die 3,2 Millionen der Stadt. Der große Rest muss über den Kartenverkauf reinkommen. Das gelingt der Intendantin mit ihrem künstlerischen und technischen Team bisher durch einen bemerkenswerten Kraftakt. Darauf ist man stolz: Die Vorstellungen sind im Schnitt zu 90 Prozent ausgelastet. Bei einer Kapazität von 400 Plätzen im großen Haus und 100 im Studio. Die durch Corona bedingte Reduzierung: 113 Plätze beziehungsweise 38.

Sibylle Broll-Pape schildert ihre prekäre Situation: "Ich jongliere hin und her. In den vergangenen Jahren ist es mir gelungen, Tariferhöhung durch die Erschließung neuer Einnahmequellen kompensieren zu können. In Corona-Zeiten ist das illusorisch. Durch das Hygiene-Konzept sind unsere Zuschauerplätze drastisch reduziert." Selbst wenn das Theater eines Tages nach dem aktuellen Lockdown seine Pforten wieder öffnen dürfte.

SibylleBroll Pape 560 Matthias xDie Bamberger Intendantin Sibylle Broll-Pape © Matthias Hoch

Die Theater-Chefin möchte unter allen Umständen vermeiden, dass es zu Stellenstreichungen im Ensemble kommt. Wenn aber die Zuschusskürzung bleibt, was wohl so kommen werde, sei auch dieser Schritt nicht auszuschließen. Denn das Geld, das kurzfristig gekürzt wird, lässt sich nur bei den Kosten für Kunst, sprich Bühnenbilder und Kostüme, oder den nicht durch einen Öffentlicher-Dienst-Tarifvertrag geschützten Schauspieler*innen reinholen.

Die Erhöhung der Eintrittspreise hält die Intendantin für keinen gangbaren Weg. Sie sieht das Ensemble-Theater insgesamt in Gefahr, will aber vermeiden, dass mehr Schauspielerinnen und Schauspieler nur noch über Stückverträge engagiert werden. Entschieden für den Erhalt des Ensembles hat sich auch der Unterstützungsverein des E.T.A.-Hoffmann-Theaters ausgesprochen. Er hat den Stadtrat aufgefordert, den Theaterzuschuss in der alten Höhe weiter auszuzahlen.

Berechtigte Angst

Die Befürchtung, dass auch nach der Pandemie für die Theater nichts mehr so sein wird, wie es vorher war, teilt man auch in der Landesgruppe Bayern des Deutschen Bühnenvereins. Für den Vorstand formuliert Gabriel Engert, Kulturreferent in Ingolstadt: "Die Angst ist berechtigt, dass es nach Corona schwierig wird." Die Kommunen werden Einsparungen vornehmen müssen. Das treffe auch die Ausgaben für die Kultur. Seit Jahren bemühe sich der Bühnenverein, dass die Landeszuschüsse erhöht werden. Allerdings sei die Situation in Bayern insgesamt besser als in anderen Bundesländern. Obendrein sei man mit dem Kultusministerium in Verhandlungen, den Theatern zusätzliche Corona-Hilfen zukommen zu lassen.

Die Interesse von 430 Theatern und Orchestern werden bundesweit vom Deutschen Bühnenverein vertreten. Der geschäftsführende Direktor, Marc Grandmontagne, äußerte in einem SWR-Interview die Sorge, dass es mit dem November-Lockdown nicht vorüber sein werde. "Wahrscheinlich wird es noch länger dauern, als uns allen lieb ist." Besonders betroffen seien die Privattheater und später auch die öffentlich finanzierten Institutionen. "Alle produzieren Defizite, die müssen ja irgendwann kompensiert werden."

Grandmontagne blickt wenig zuversichtlich in die Zukunft: "Die spannende Frage ist, was passiert in den nächsten Jahren vor dem Hintergrund leerer Kassen der Städte? Wir können in ganz gefährliche Verteilungskämpfe hineinkommen. Ich befürchte große Schäden und schlimme Debatten. (...) Es gibt einen sehr realen Bedrohungszustand für die Theater."

LudwogVonOtting 280h privatLudwig von Otting © privatWas das für das künstlerische Personal bedeutet, schildert Ludwig von Otting. Er ist Vorstandsmitglied des Ensemble-Netzwerks, einer Interessenvertretung von Künstlern und Künstlerinnen. Er war viele Jahre Geschäftsführer des Thalia-Theaters Hamburg und kann somit am besten einschätzen, was drohende Etatkürzungen für Schauspielerinnen und Schauspieler bedeuten. Otting: "In Folge einer verschärften Sparpolitik werden die Theater noch weniger Spielraum für Gagen und Produktionen haben. Es kommt zur Beschleunigung eines bisher schleichenden Prozesses, der schon seit Jahrzehnten im Gang ist. Die künstlerischen Gehälter und die Ausgaben für die Produktionen sind im Grunde seit dem Ende der achtziger Jahren permanent gesunken. Das ist auch in der ästhetischen Wahrnehmung unschwer festzustellen." Vor allem an den kleineren Häusern seien die Folgen der prekären ökonomischen Situation eklatant.

Existenzielle Fragen

Die Ensembles werden verkleinert und die Anzahl der "so genannten" freien Künstlerinnen und Künstler immer größer, moniert der erfahrene Theatermann. Dabei seien die Tarife "skandalös": Die Mindestgage bei nur 2000 Euro brutto. Ötting: "Jeder Pförtner, an dem die Schauspielerinnen und Schauspieler jeden Abend vorbeigehen, wenn sie zur Vorstellung kommen, verdient mehr." Für die nicht fest engagierten Künstlerinnen und Künstler sei die Lage noch prekärer.

Was in Bamberg als Spitze eines Eisbergs – rot beleuchtet – zu beobachten ist, stellt die entscheidende Frage: Was muss uns das Theater als öffentlicher Ort wert sein, an dem existentielle Fragen der Menschen verhandelt werden? Identität versus Identitätsverlust, Solidarität oder Gruppenegoismus, Gesprächsfähigkeit statt Sprachlosigkeit. Dabei hat das Theater ein gewichtiges Wort mitzureden. Schließlich steht nicht weniger als die Lebensfähigkeit einer demokratischen Gesellschaft auf dem Spiel.

 

raab harald 100 3Harald Raab ist Publizist und freier Journalist in Weimar. Er studierte Journalisik an der FU Berlin. Sein Büro für journalistische Dienste, Kunst und Kommunikation ist auf Theaterkritiken, Kulturreportagen und politische Analysen spezialisiert.


 

 

 

 
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