Theatergemeinde am tröstenden Lagerfeuer

von Valeria Heintges

Zürich, 14. November 2020. Die Lage ist trostlos. Die Theater in Deutschland – geschlossen. Die Theater in Österreich – geschlossen. Nur ein kleines Land mit unbeugsamen Helvetiern leistet Widerstand und lässt seine Bühnen geöffnet, allerdings mit Auflagen: Nur 50 Zuschauer dürfen in der Schweiz in den Vorstellungen sitzen. Eine bedrückende Sache, wenn in einem Saal, in dem sonst 700 Kinder und Erwachsene johlen und jubeln dürfen, nur noch 50 Verstreute hocken. Aber auch der Hort des Widerstands wankt: Nur wenige Minuten vor dem Beginn der Premiere von "Versammlung für einen Frosch" lässt die Corona-Taskforce der Schweiz verbreiten, dass sie für eine weitere Verschärfung des hiesigen Soft-Lockdowns wäre. Das hieße: Wenn der Bundesrat der Empfehlung dieses Expertengremiums folgt, dann wären auch in der Schweiz die Theater dicht. 

Ein Intendant in Quarantäne

"Versammlung für einen Frosch" – was soll denn das sein? Die Antwort ist nur eine weitere traurige Corona-Geschichte, allerdings eine mit vorläufigem Happy-End. Denn mitten in den Proben für den "König der Frösche", der Zürcher Version des Grimmschen Märchens "Froschkönig" kommt das positive Test-Ergebnis. Für Nicolas Stemann himself. Der Mann ist nicht nur Co-Intendant, sondern im Weihnachtsmärchen-Fall auch Regisseur, Stückeschreiber, Musik-Mitkomponist. Und heimlicher Star des Abends mit seinem Auftritt als "Eberhard, der Bäderwart mit dem Weberbart". So war es jedenfalls letztes Jahr, als sein Schneewittchen über die Bühne des Zürcher Pfauen ging und das Publikum rockte, als lustigstes, schrägstes, politischstes und durchgeknalltestes Weihnachtsmärchen aller Zeiten. Und nun? Wie weiter nach dem Test-Ergebnis?

Der Spiritus Rector begab sich in Quarantäne, und man entschied, den "König der Frösche" auf die nächste Spielzeit zu verschieben. Aber weil das eben alles so tragisch ist, wollte man ein Zeichen der Hoffnung senden. Man bat die Hälfte des Ensembles auf die Bühne und entwarf in ungefähr 48 Stunden einen Ersatz. Voilà: "Die Versammlung für einen Frosch". Untertitel: Eine Lesung mit Musik für Jung und Alt am Lagerfeuer. 

versammlung frosch 560 martin andereggen uGemütliche Runde: "Versammlung für einen Frosch" © Martin Andereggen 

Und diese Versammlung am Lagerfeuer ward nun gezeigt. An den Tasten und am Mischpult und an der Gitarre: Nicolas Stemann. Auf der Bühne: Tabita Johannes als Gretel, ohne Hänsel. Kay Kysela als Jäger, der keiner sein will. Matthias Neukirch als Zwerg Spürli, im Nebenberuf Kommissar. Gottfried Breitfuss als Hex Brex, der/die (das weiß man bei dieser Hexe nicht so genau) auch einige Zauberstücke kann. Mit Vincent Basse als Frosch mit riesigem Kopf, glitzerndem Kostüm und dickem Bauch (ja, das hätte wohl alles ganz glänzend werden sollen). Und natürlich der Märchenonkel, der noch blanker ist als letztes Jahr, denn statt drei Taler fünfzig bekommt er nur noch zwei Taler zwanzig. Und die wahrscheinlich auch nicht. Denn das Stück ist ja abgesagt. 

Den Frosch nicht an die Polizei verpfeifen

Das ist auch das große Thema dieses Abends, das "Abgesagt"-Sein. Einer nach dem anderen erscheint, will spielen und erfährt dann, dass eben "abgesagt" ist. Dem Frosch ist das ein trauriges Lied wert, dem Zwerg einen Bericht über die schwierige Lage der Zwerge in Bergwerken, die von Sonnenenergie verdrängt werden; und auch der Märchenonkel startet ein Lamento über die desolate Lage. Das kommt ein wenig insiderisch daher; schließlich sitzen wir ja im Theater, was ist da also abgesagt, wie manch kleiner Zuschauer kritisch fragt. Dann aber wird gesungen, ein "Leise rieselt der Schnee" und ein selbstgedichtetes Lied: man höre "bald auf mit schimpfen, dann lassen wir uns impfen". Die Märchen, die manch kindliche Zuschauerin erwartet hat, kommen auch nicht recht. Und wenn, dann so ganz anders als erwartet, wenn "Hänsel und Grätel" (!) in die Welt ziehen, um zu sehen, wie die wirklich ist, und dabei den Frosch als Räuber nicht an den Polizisten verpfeifen. Oder wenn der Märchenonkel eine neue Karriere als Storyteller macht, beim Fernsehen viel Geld verdient und dann weiter nach Hollywood zielt ("Ich trink ab jetzt mein Pils in Beverly Hills") 

Vieles wirkt sehr handgestrickt, manches ist sehr gut gemeint, nicht jeder Gag ist gut und nicht jeder akustisch zu verstehen. Aber wichtig ist doch erstmal, dass das Licht nicht ausgeht. Und die Theaterfreunde ein Lagerfeuer haben, an dem sie sich versammeln können. Und sei es nur eines mit Kunstlicht und Strom. Besser als gar nichts.  

 

Versammlung für einen Frosch. Eine Lesung mit Musik für Jung und Alt am Lagerfeuer
Inszenierung: Nicolas Stemann, Kostüme: Marysol del Castillo, Dramaturgie: Joshua Wicke / Bendix Fesefeldt, Produktionsassistentin: Sultan Coban.
Mit: Nicolas Stemann, Kay Kysela, Gottfried Breitfuss, Tabita Johannes, Matthias Neukirch, Lukas Vögler, Vincent Basse.
Premiere am 14. November 2020
Dauer: 1 Stunden 15 Minuten, keine Pause

www.schauspielhaus.ch

 

Kritikenrundschau

In der Neuen Zürcher Zeitung scheibt Tobias Sedlmaier (online 15.11.2020, 14 Uhr): Das diesjährige Weihnachtsstück "König der Frösche" sei wegen Krankheit abgesagt worden, doch aus den Ruinen des Abgesagten sei ein Provisorium entstanden. Minimalistisch das Bühnenbild: "Ein glimmendes Lagerfeuer, silbrige Sessel und ein Kronleuchter, behängt mit Algen wie bei 'Arielle'." Nicolas Stemann musiziert, die Schauspieler*innen in verschiedenen Rollen "verkörpern mehr als nur die eigene Märchenfigur". Ein Theater "gegen die Realität also", und vor allem "gegen die Resignation". "Eifrig" gehe es gegen die virulenten Trends unserer Gegenwart". Weil aber die Märchen laut Michael Köhlmeier stumm sind, sei dies eine "Veranstaltung der Möglichkeiten"; auch wenn die Kinder möglicherweise überfordert seien, erlebten sie doch, dass "Widerstand auch anders möglich ist als auf der Strasse". Und dass das Theater "keine Hochglanzrevue" sei und kein Netflix, das man bei Langeweile wegklicke, sondern "noch immer der Ort der grössten Immersion".

 

 
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